WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Energiewende Die letzte Schlacht der Stromkonzerne

Seite 3/4

Dienstleistungen rund ums Energiesparen bleiben gefragt

Grund für die geänderte Einstellung ist die Einsicht der großen Stromerzeuger in die vom Atomausstieg erzwungene Notwendigkeit. „Unser Neugeschäft kann niemals das wegbrechende Altgeschäft mit der flächendeckenden Stromversorgung durch Großkraftwerke ersetzen“, sagt Michael Stangel, bei RWE Leiter des „Segments B2B“. Die Abkürzung steht für das Geschäft von Unternehmen mit Unternehmen. Hier zielt RWE künftig auf mittelständische Kunden, die sich selbst mit Strom versorgen wollen.

Dass sich Deutschlands zweitgrößter Energiekonzern damit ins eigene Geschäft mit Strom schneidet, sieht B2B-Chef Stangel eher gelassen. „Wir kommen dem Autarkiegedanken vieler Mittelständler bewusst entgegen, indem wir ihnen Miniblockheizkraftwerke auf eigene Kosten installieren und diese dann über langlaufende Verträge an die Kunden verpachten.“

Dabei kalkulieren die Stromkonzerne damit, dass sie die Wertschöpfungskette verlängern und dadurch mehr verdienen können. E.On-Deutschland-Chef Luge etwa geht fest davon aus, dass der Kunde künftig auch „Beratung benötigt, wie er Strom sparen kann, und diese als wichtigste Dienstleistung des Energieunternehmens begreift“. Zweifel, dass die Stromverbraucher dies den jahrelangen Monopolisten glauben, gibt es in den Konzernen kaum. „Die Kunden nehmen uns ab, dass wir ihnen nicht möglichst viel Strom verkaufen wollen“, glaubt Uwe Fritz, Vertriebschef bei EnBW, es gehe um „Gesamtoptimierung“.

Chronik der Energiewende

Um ihren neuen guten Willen unter Beweis zu stellen, legen sich die Stromkonzerne Aushängeschilder für ihr künftiges Geschäftsgebaren zu. So übernahm E.On im Herbst vergangenen Jahres das britische Beratungsunternehmen Matrix. Der Umsatz der Experten für Energiesparlösungen liegt bei 60 Millionen Euro, eine Größe, mit der sich früher die deutschen Energiekonzerne kaum abgegeben haben. Jetzt wird genauer hingeguckt, denn Matrix berät Großverbraucher, wie sie durch eine intelligentere Steuerung der Stromversorgung ihre Energiekosten senken können.

Modell Metro

Die Neukunden, die E.On durch die Übernahme von Matrix in Großbritannien gewonnen hat, zählen zu den angesehensten Wirtschaftsadressen auf der Insel. Der Einzelhändler Marks & Spencer mit seinen 798 britischen Filialen gehört dazu, Wettbewerber Tesco, der Telekommunikationsnetzbetreiber Virgin Media, Konkurrent British Telecom, der US-Softwarekonzern Oracle und das Medienunternehmen Bloomberg. Insgesamt 31.000 Firmenstandorte hat Matrix mit seiner IT-basierten Stromverbrauchsdiagnose unter Vertrag.

Damit begibt sich E.On auf einen Markt, in den etwa auch die Deutsche Telekom drängt. Der Bonner Konzern zielt mit seiner Kommunikationstechnik auf das Energiesteuerungs- und -abrechnungsgeschäft und will dort bereits 2015 einen Umsatz von einer Milliarde Euro erzielen. Und auch Google sieht im Zusammenwirken von Internet, Stromzähler und Steuerungsgerät einen neuen Markt für das „Smart Home“, also für Überwachung sowie Fernsteuerung von Licht und Temperatur. Aus diesem Grund erwarb der Internet-Riese 2013 das US-Unternehmen Nest, einen Hersteller von Rauchmeldern.

Die Sparpläne der Versorger
Wie die Energiekonzerne sparen wollen Quelle: dpa
RWE will jetzt auch bei den Gehältern seiner leitenden und außertariflichen Angestellten sparen. Das Unternehmen strebe für 2014 eine Nullrunde bei dieser Personengruppe an, sagte eine Unternehmenssprecherin am 29. November. Betroffen seien über 6000 Mitarbeiter in Deutschland, europaweit sogar 16.000 Beschäftigte. In einem internen Schreiben kündigte der RWE-Vorstand nach Angaben der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ an, diesem Mitarbeiterkreis 2014 „keine generelle Gehaltserhöhung zu gewähren“. Hintergrund sei die schwache Ertragskraft des Konzerns, die 2014 zu einem deutlichen Ergebnisrückgang führen werde. Neben den Aktionären, die für 2013 eine halbierte Dividende hinnehmen müssen, sollten alle Beschäftigten „ihren Beitrag zur langfristigen Sicherungen der Finanzkraft leisten“. Durch die Maßnahme will der Konzern einen zweistelligen Millionenbetrag sparen. Quelle: dpa
Angesichts der düsteren Aussichten auf dem deutschen Energiemarkt sollen bis 2016 weitere 6750 Stellen wegfallen oder durch Verkauf abgegeben werde, 4750 davon in Deutschland. Terium will auch auf Management-Ebene über Gehaltskürzungen sprechen. Betriebsbedingte Kündigungen soll es soweit möglich nicht geben. RWE setzte auf die konzerninterne Jobbörse, Altersteilzeit und die natürliche Fluktuation. Den bis Ende 2014 garantierten tariflichen Kündigungsschutz will Terium angesichts der Lage nicht verlängern. Von 2011 bis Ende 2013 hat RWE bereits 6200 Stellen abgebaut oder durch Verkauf abgegeben. Der neue Abbau trifft vor allem die Kraftwerkssparte mit 2300 Stellen. Im Rahmen des Effizienzprogramms „RWE 2015“ fallen 2400 Stellen weg, und durch den geplanten Verkauf der Ölfördertochter Dea weitere 1400 Stellen. Auch die Tochter für erneuerbare Energien RWE Innogy speckt ab - 250 Stellen gehen verloren. Zum Jahresende 2013 verringert sich die Zahl der Stellen von 67.400 auf knapp 61.000. Ende 2011 arbeiteten noch 72.000 Menschen für RWE. Quelle: dpa
Bei RWE greifen mittlerweile mehrere Spar- und Effizienzprogramme ineinander. Im Rahmen des Programms RWE 2015 will Terium bis Ende des kommenden Jahres 1 Milliarde Euro einsparen. Zunächst hieß es, die Zahl der Mitarbeiter solle um 8000 sinken, mittlerweile ist von über 10.000 Stellen die Rede. 3000 davon sollten durch Verkäufe von Unternehmensteilen wegfallen. Nun legte Chef Peter Terium nochmals nach (siehe vorangegangenes Bild). Quelle: dpa
Besonders betroffen ist die Kraftwerkstochter RWE Generation. Im Rahmen des Programms NEO sollen die Kosten hier jährlich um 750 Millionen Euro gesenkt werden. Die Kraftwerkstochter soll 3000 Stellen streichen. Die Sparte hat derzeit 18.000 Beschäftigte. Im Rahmen des Atomausstiegs hat RWE bereits das Kernkraftwerk Bibilis stillgelegt, Lingen, und Mülheim-Kärlich befinden sich im Rückbau. In Betrieb sind noch Emsland, Gundremmingen (75% Beteiligung) und Borssele (Niederlande, 30 % Beteiligung) Quelle: dapd
EnBWDer baden-württembergisch Energieversorger zieht aus seiner Ertragskrise weitere Konsequenzen und verkleinert den Vorstand von fünf auf vier Personen. Vorstand Dirk Mausbeck, bisher für Vertrieb und Marketing verantwortlich, wird mit Ablauf seines Vertrages am 30. September 2014 das Unternehmen verlassen. Seine Aufgaben übernimmt zum Teil Vorstandschef Frank Mastiaux (Foto). Die Sparten Handel und Verteilnetze sollen noch verteilt werden. EnBW kämpft in Folge der Energiewende mit schrumpfenden Erträgen. Mastiaux will den einst stark auf Atomkraft setzenden Konzern auf die Erzeugung von erneuerbarer Energie und auf neue Serviceangebote für die Strom- und Gaskunden trimmen. Dazu ist bereits ein umfassendes Sparprogramm aufgelegt worden... Quelle: dpa
Um den Konzern effizienter zu machen, sollen Kerngesellschaften auf die EnBW AG verschmolzen und Tochtergesellschaften verkauft werden. Das im Oktober 2010 angestoßene Effizienzprogramm "Fokus" soll bis Ende 2014 jährlich eine Entlastung von 750 Millionen Euro bringen. Bis Ende 2014 werden 1350 Stellen bei EnBW gestrichen - das soll Einsparungen von rund 200 Millionen Euro bringen. Der Umbau soll sozialverträglich organisiert werden. Freie Stellen - vor allem in der Verwaltung - werden nicht neu besetzt, Altersteilzeitangebote umgesetzt und Abfindungen gezahlt. Vor dem Sparprogramm arbeiteten 21.000 Menschen für EnBW. EnBW hat im Zuge der Energiewende das Kernkraft Neckarwestheim bereits teilweise stillgelegt, das Werk Obrigheim befindet sich im Rückbau. Am Netz sind noch Philippsburg und Fessenheim, Frankreich / Elsass (17,5% Beteiligung). Quelle: dpa

Neue Tauschgeschäfte

Ob die Stromkonzerne sich mit Google und Telekom um jeden Privathaushalt streiten werden, ist allerdings fraglich. „Großes Geschäft wird immer noch mit Großkunden gemacht“, sagt ein E.On-Kraftwerksmanager, der dem neuen, kleinteiligen Dienstleistungstrend immer noch nicht so ganz traut. Ein Vertrag, den E.On vor einem Jahr mit der Handelsgruppe Metro geschlossen hat, soll dabei Modellcharakter haben: E.On errichtet zunächst an zwei deutschen und zwei russischen Metro-Märkten gasbetriebene Blockheizkraftwerke. Die Läden werden damit sowohl beheizt als auch mit Strom versorgt. E.On plant, finanziert, baut und wartet die Minikraftwerke und tritt als Generalunternehmer auf.

Im Wettbewerb um solche sogenannten Contracting-Projekte sehen sich die Stromriesen im Vorteil gegenüber mittelständischen Konkurrenten, weil sie mit ihrer Finanzkraft punkten können. So preist RWE-Geschäftskunden-Chef Stangel vor allem seinen langen Atem. „Wir bieten bei unserem Contracting-Angebot Pachtverträge über 18 Jahre an, in denen ein festes Pachtgeld vereinbart wird, das an die Ersparnis am Stromverbrauch gekoppelt ist.“ Für die Installation, den Betrieb, die Wartung und die Versicherung dieser Anlagen schaltet RWE meist örtliche Installateure ein. „Wir verfügen über ein ausgedehntes Handwerker-Netzwerk“, sagt Stangel.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%