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Energiewende EnBW fordert mehr Gaskraftwerke

Das Heizkraftwerk Lausward in Düsseldorf ist ein Gas- und Dampfturbinenkraftwerk. Quelle: imago images

Mehr Kohlestrom als Ökostrom – die Zahlen des ersten Halbjahres alarmieren die Klimaexperten. Der Energiekonzern EnBW fordert nun wasserstoffbetriebene Gaskraftwerke – und erhält Unterstützung aus der Wissenschaft.

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Das Kraftwerk „Fortuna“ ist ein Meisterwerk der Energiebranche. Seit Januar 2016 betreiben die Stadtwerke Düsseldorf das „zurzeit effizienteste und leistungsfähigste Gas- und Dampfturbinenkraftwerk (GuD) weltweit“, heißt es auf der Firmen-Webseite. Bei der Stromproduktion etwa entsteht Wärme, die in einem gut 60 Meter hohen Wasserspeicher gespeichert werden kann. Bei Bedarf treibt das GuD die städtischen Heizungen an. Der Wirkungsgrad des 600 Megawatt-Kraftwerks steige so auf 81 Prozent. Düsseldorf ließe sich so im Notfall sogar „vollständig und autark mit Strom versorgen“.

Das Wunderwerk der Technik ist eine echte Effizienzmaschine – und aus Sicht der Betreiber auch in anderer Hinsicht unverzichtbar. Die Düsseldorfer Stadtwerke gehören mehrheitlich zum Energiekonzern EnBW. Die Stuttgarter betreiben mehrere Gaskraftwerke – und wollen den Energieträger als wichtige Brückentechnologie ausbauen. Unterstützung kommt von renommierten Klimaexperten. 

Das Ansinnen bekommt vor dem Hinblick der jüngst veröffentlichten Zahlen zur Stromproduktion in Deutschland eine neue Bedeutung. Im ersten Halbjahr wurde wieder mehr Kohlestrom als Ökostrom produziert. Grund dafür waren windarme Monate im Frühjahr. Die Kohlekraftwerke mussten einspringen. Experten hat die Meldung überrascht – und schockiert. „Das ist ein Alarmzeichen“, sagt Philipp Litz vom Think Tank Agora Energiewende. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien gehe zu langsam.



Kurz vor der Bundestagswahl wird in Deutschland daher mehr denn je darüber diskutiert, ob die Energiewende an ihre Grenzen kommt. Den Progressiven geht der Ausbau nicht schnell genug. Umweltaktivisten wie Grüne, Fridays for Future und Greenpeace fordern ein noch schnelleres Ende der Kohleverstromung – 2030 statt 2038. Union, Sozialdemokraten und Liberale wollen an dem Ausstiegsdatum 2038 für Kohlestrom festhalten – und sorgen sich um die Belastung für Verbraucher und Industrie. Gaskraftwerke spielen in der aktuellen Debatte eher eine Nebenrolle, werden mal als Brückentechnologie gefeiert, mal als fossile CO2-Schleuder verteufelt. Der Technik könnten Innovationen nun zu einer deutlich längeren Lebensdauer verhelfen.

EnBW-Produktionsvorstand Georg Nikolaus Stamatelopoulos fordert ein höheres Tempo beim Ökostrom. „Basis für das zukünftige Energiesystem werden die Erneuerbaren sein“, sagt er der WirtschaftsWoche. „Wir brauchen deren massiven Ausbau, damit wir Deutschlands Klimaziele schaffen.“ Aber: „Die wetterabhängigen Technologien – Wind- und Solarkraft – liefern den Strom nicht immer dann, wenn wir ihn brauchen. Daraus entstehen Überschüsse, die gespeichert werden können, aber auch Defizite, die durch den Einsatz von Speichern und Gaskraftwerken ausgeglichen werden müssen.“

Geht es nach EnBW, müsste die Bedeutung der Gaskraftwerke für die Energiewende in Zukunft steigen. EnBW betreibt mehrere Gaskraftwerke, neben Düsseldorf etwa in Altbach und Stuttgart in Baden-Württemberg. Zusammen kommen die EnBW-Gaskraftwerke auf eine Leistung von knapp 900 Megawatt – und damit etwas weniger als die Leistung eines Kernkraftwerks. Dennoch plant EnBW ein Upgrade seiner Anlagen: Die verfügbaren Speichertechnologien, Pumpspeicherkraftwerke und Batterien, könnten laut Stamatelopoulos den Bedarf der Deutschen bei Ausfall von Wind und Sonne nur für ein paar Tage sichern. „Gas ist – anders als die Kohle – keine Sackgassentechnologie“, sagt der EnBW-Vorstand, „Kraftwerke können später mit relativ wenig Aufwand auf Wasserstoff und auf andere grüne Gase umgebaut werden“. Stamatelopoulos verkündet: „Wenn man ein Gaskraftwerk installiert, ist das keine CO2-Sünde, sondern ein Weg in die Zukunft.“

Unterstützung kommt von Klimaexperten. Sie halten den Weg, den EnBW öffentlich einfordert, für vertretbar. Gaskraftwerke könnten „in Zukunft mit grünem Wasserstoff betrieben werden und so als Backup-Kraftwerke dienen, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint“, sagt Agora-Experte Litz. Die Umrüstung der konventionellen Gaskraftwerke sei technisch und wirtschaftlich möglich. „Diese Wasserstoffkraftwerke wären damit eine Zwischenlösung aus einem Speicher und einem Reservekraftwerk. Es speichert zunächst Erneuerbare Energie in Form grünen Wasserstoffs und springt dann an, wenn Strom benötigt wird.“

Den Umbau gibt es allerdings nicht zum Nulltarif. Agora fordert, dass die nächste Bundesregierung 30 Milliarden Euro im Bundeshaushalt für den Umbau der Energiewirtschaft reservieren sollte. Davon könnten auch die Betreiber der jetzigen Gaskraftwerke profitieren. EnBW würde Fördermöglichkeiten „durch den Kohleersatzbonus und eine KWK-Förderung“ begrüßen. Selbst Greenpeace fordert eine ähnliche Perspektive: „Fossile Gaskraftwerke müssen bis 2035 vom Netz genommen beziehungsweise an ausgewählten Standorten auf den Betrieb mit erneuerbarem Wasserstoff umgerüstet werden.“

EnBW-Vorstand Stamatelopoulos fordert, Gaskraftwerke in Zukunft nur dann zu genehmigen, wenn sie eine „Wasserstoffperspektive“ haben, wenn sich die Betreiber darauf verpflichten, umzusteigen, sobald Wasserstoff verfügbar ist. „Ich sehe aktuell keinen anderen Weg, jetzt, da wir aus der Kernenergie und aus den Kohlekraftwerken aussteigen. Das ist der einzige Weg, der im vorgegebenen Zeitrahmen funktionieren kann.“



Eine Frage bleibt dann aber noch unbeantwortet. Der Umbau der Gaskraftwerke auf grünen Wasserstoff funktioniert nur, wenn genügend Wasserstoff vorhanden ist, der aus Wind- und Sonnenenergie produziert wird. Auch dafür fehlt es derzeit an Ökostrom. Experte Litz hält die Zeit nach der Bundestagswahl daher für kritisch: „Wir sind derzeit nicht auf dem Pfad, um die Klimaziele zu erreichen“, sagt er. „Wir müssen die Ausbaumengen im Erneuerbaren-Energien-Gesetz verdoppeln.“ Gleichzeitig brauche Deutschland zwei Prozent der Flächen für Windkraft an Land. Für das erforderliche Tempo müssten auch „Genehmigungsverfahren schneller werden – derzeit braucht die Genehmigung für ein Windprojekt bis zu fünf Jahre.“

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EnBW will daher neue Gaskraftwerke bauen. „Wir verfolgen insgesamt drei Fuel Switch-Projekte an den Kraftwerksstandorten Stuttgart-Münster, Altbach und Heilbronn“, heißt es im Unternehmen. Es gehe um eine Gesamtleistung von 750 bis 1500 Megawatt – in etwa so viel, wie EnBW bis 2022 noch im Kernkraftwerk Block II Neckarwestheim 2022 an Strom produziert.

Mehr zum Thema: Um neue Klimaziele zu erfüllen, braucht das Land viel mehr grüne Energie. Doch Bürokratie und Proteste blockieren den Ausbau. Strom wird zum Luxusgut – und die steigenden Preise für Ökostrom bremsen die Industrie aus

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