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Energiewende Die letzte Schlacht der Stromkonzerne

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Harter Wettbewerb um dezentrale Kraftwerke

Zumindest auf dem Papier klingen die Aussichten vielversprechend. Laut EnBW wird der europäische Markt für dezentrale Energieerzeugung im Jahr 2020 rund 80 Milliarden Euro betragen, heute sind es nur 20 Milliarden Euro. Aber anders als früher begeben sich die Stromkonzerne damit auf ein Feld, in dem harter Wettbewerb tobt. Nach einer Einschätzung von EnBW tummeln sich in Europa 500 Anbieter dezentraler Kraftwerke.

Nicht minder ausgeprägt ist schon jetzt auch der Run auf Dienstleistungen rund um den Stromverbrauch. Weltweite Giganten wie Google, Philips oder Deutsche Telekom haben das Geschäft entdeckt. Im Gegensatz zu E.On, RWE und EnBW sind diese Konkurrenten seit Jahren im KleinKlein-Geschäft mit dem Endkunden aktiv. „Wir sind nicht allein am Markt und jetzt sogar bereit, Klinken zu putzen“, sagt ein RWE-Manager.

Winziges Geschäft

Wie mühsam der Weg in die neue Detailwelt ist, zeigt Branchenführer E.On. Bereits 4000 dezentrale Kraftwerke haben die Düsseldorfer inzwischen errichtet. Das klingt nach Großtat. Unterm Strich kommen die Anlagen jedoch nur auf eine Gesamtleistung von 800 Megawatt. Das entspricht der Leistung gerade mal eines Steinkohlekraftwerks. Entsprechend winzig ist das Geschäft. Die eine Milliarde Euro, die E.On in der Zukunftssparte erwirtschaftet, betrug 2013 weniger als ein Prozent des Konzernumsatzes von zuletzt 122 Milliarden Euro.

Neuausrichtung - So steht es um die Energiekonzerne

Zurzeit leiden E.On, RWE und Co. vor allem darunter, dass Unternehmen das Geschäft machen, deren Namen kaum jemand kennt, Ingenieurbüros wie NEK in Braunschweig oder 2G Energy, ein Hersteller von Minikraftwerken in Heek im nördlichen Ruhrgebiet. Die beiden entwickeln und bauen Minikraftwerke für VW.

Hier wollen nun auch die großen Versorger einsteigen, indem sie sich als Generalunternehmer anbieten. Das heißt, sie wollen dem Kunden eine komplette funktionsfähige Anlage am besten noch einschließlich Betrieb anbieten. Dabei würden die Riesen viele Teilarbeiten an Dritte vergeben, so ihre Idee, aber den Löwenanteil des Profits einstreichen. Diese Position müssen sie sich aber erst erkämpfen.

Der E.On-Gefechtsstand dazu befindet sich deutlich außerhalb der Konzernzentrale am Düsseldorfer Rheinufer, eine gute halbe Autostunde entfernt in der Ruhrgebietsstadt Essen. „E.On Connecting Energies“ steht auf dem Schild an dem kühlen Zweckbau direkt am Messegelände. Ein Shuttlebus steht bereit für Manager, die zum Rapport ins Hauptquartier in die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt müssen. Oben in der zehnten Etage residieren Ingo Luge, der für das Deutschland-Geschäft von E.On verantwortliche Geschäftsführer, und sein Leiter der dezentralen Energien, Robert Hienz.

Merkel: "Atomrisiken nicht auf Steuerzahler abwälzen"
Die finanziellen Risiken für den Ausstieg aus der Atomenergie sollen nach Ansicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei den Unternehmen bleiben. "Risiken auf Staat und Steuerzahler abzuwälzen, lehne ich ab", sagte die CDU-Vorsitzende im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" am 16. Mai. "Im Grundsatz muss es dabei bleiben, dass die Unternehmen die Verantwortung für die Entsorgung von Atommüll tragen", betonte sie. Dafür seien Rücklagen gebildet worden. Eine einseitige Verlagerung der Risiken "werden wir nicht mitmachen". Zu der von Energiekonzernen vorgebrachten Idee einer öffentlich Atomstiftung wollte sich Merkel nicht direkt äußern. Sie habe davon bisher nur in der Presse gelesen. "Wir werden über das Thema der Kernkraftwerke und ihrer Altlasten sicher noch viele Gespräche führen", betonte sie zugleich. Quelle: dpa
Peter Ramsauer (CSU), Chef des Bundestagsausschusses für Wirtschaft und Energie, springt den Energiekonzernen zur Seite. Er nannte einen AKW-Fonds einen strategischen Vorschlag, "über den man nicht nur reden kann, sondern muss. Man sollte der Energiewirtschaft eher dankbar dafür sein, dass sie sich überhaupt mit Vorschlägen einbringt, als sie sofort wieder reflexartig zu verdammen", sagte Ramsauer dem "Spiegel". Die Konzerne könnten den Ausstieg nicht allein tragen. " In einer höchst verminten Gefechtslage müssen sich alle Seiten ihrer Risiken bewusst sein. Für den Bund sind das möglicherweise milliardenschwere Schadensersatzzahlungen für den Atomausstieg", sagte Ramsauer weiter. Quelle: dpa
CDU-Generalsekretär Peter Tauber machte am Montag nach einer Sitzung des Parteipräsidiums in Berlin deutlich: „Die volle Verantwortung auch für die Kosten liegt zunächst bei den Unternehmen. Alles weitere kann man gerne diskutieren.“ Das Thema sei komplex, sagte Tauber. „Zunächst muss es auch darum gehen, die Energieunternehmen nicht aus ihrer Verantwortung zu entlassen.“ Quelle: dpa
CSU-Chef Horst Seehofer hält eine Übernahme des Atomgeschäftes der drei großen Energiekonzerne Eon, RWE und EnBW durch den Bund für unrealistisch. „Ich kann es mir nicht vorstellen“, sagte der bayerische Ministerpräsident am Montag in München. Quelle: dpa
Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner sagte, sie sähe keinen Grund, dass der Staat jetzt Milliarden in die Hand nehmen sollte. Eine Art Stiftung wäre nur denkbar, wenn die Energiekonzerne ihre Rücklagen für die Atomkraftwerke dort beisteuern würden. Quelle: dpa
Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) war noch skeptischer: "Ich glaube, dass die Energieerzeuger ihrer Verantwortung gerecht werden müssen und gerade auch in dieser jetzigen aktuellen Diskussion deutlich machen müssen, dass sie nicht nur Geld verdient haben, sondern auch Vorsorge betreiben." Quelle: dpa
Die Deutsche Umwelthilfe betonte, die Energiekonzerne hätten sich vier Jahrzehnte lang mit der Kernenergie eine goldene Nase verdient. „Jetzt, wo es darum geht, Verantwortung zu übernehmen, stehlen sie sich mit einem faulen Kompromiss durch die Hintertür davon“, sagte Hauptgeschäftsführer Jürgen Resch. Quelle: Screenshot

Luge hat nur noch wenig gemeinsam mit der alten Mega- und Gigawatt-Fraktion bei E.On. Kühl analysiert er: „Die Kundennachfrage für die dezentrale Energie ist da. Wir sind Investor und suchen das Gespräch mit Handelsketten und mittelständischen Unternehmen.“ Und sein Adlatus Hienz sekundiert: „Der Kunde benötigt Beratung, wie er Energie sparen kann.“

Ausbruch mit neuen Ideen

Für E.On ist das ein Sinneswandel. Noch im Herbst vergangenen Jahres hatte Vorstandschef Johannes Teyssen die Betreiber eigener, dezentraler Energieanlagen wütend als „Schwarzbrenner“ gebrandmarkt, weil sie sich um die Ökostromumlage und die Netznutzungsgebühren drücken würden. Ins gleiche Horn stieß unlängst Manuel Frondel, Energieexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen, indem er vor der Flucht aus der üblichen Stromversorgung über Großkraftwerke und Hochspannungsleitungen warnte: „Es besteht bei der Ausbreitung der dezentralen Energieversorgung die Gefahr einer Umverteilung von ärmeren Haushalten zu reicheren.“

Manager wie E.On-Deutschland-Chef Luge ficht derlei nur noch wenig an. Sein Kollege, EnBW-Innovationsmanager Huener, sagt ganz offen: „Wir müssen mit neuen Ideen ausbrechen aus dem alten Großkraftwerksdenken, auch wenn wir uns kurzfristig dadurch Nachteile einhandeln.“ Kannibalisierung des Stammgeschäfts, das ist für die beiden kein Schreckgespenst mehr, sondern künftig Geschäftsalltag. Und als ironisch-provokanter Seitenhieb auf E.On-Chef Teyssen sagt EnBW-Innovationsexperte Huener: „Ich bin ein Schwarzbrenner.“

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