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Erneuerbare Energie Windräder stehlen Fischern die Fanggebiete

Eine Schattenseite der Energiewende: Durch die Windparks in Nord- und Ostsee verlieren die deutschen Fischer ihre Fanggebiete. Sie fordern finanzielle Entschädigung.

Zwischen den Fronten: Amtspräsidentin Monika Breuch-Moritz.

Mit jedem neuen Antrag steigt die Wut, mit jedem weiteren Windrad in Nord- und Ostsee wächst der Widerstand der deutschen Fischer. „Wir verlieren 30 bis 40 Prozent unserer Fanggebiete“, klagt Peter Breckling, Generalsekretär des Deutschen Fischerei-Verbandes. 29 Windparks sind bereits genehmigt, 94 weitere beantragt, alle 12 bis 200 Seemeilen von der deutschen Küste entfernt. In jedem Windpark stehen mehrere Windräder, und um jedes Windrad herum wird aus Sicherheitsgründen eine Sperrzone von 500 Metern eingerichtet. Sie ist für Fischereiboote tabu. Deshalb fordern die Fischer jetzt eine Entschädigung. „Sinnvoll wäre es, einen Ausgleichsfonds einzurichten“, sagt Breckling und verweist auf Dänemark.

Dort gibt es schon solch eine Regelung. Wer die Arbeit der dänischen Fischer beeinträchtigt, muss mit ihnen eine Entschädigung aushandeln. Das Geld fließt dann in der Regel an die dänische Fischerei-Organisation, die es an ihre Mitglieder verteilt.

„Ausgleichfonds sind eine politische Entscheidung“, sagt Monika Breuch-Moritz, Präsidentin des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), das die Windparks auf See genehmigen muss. Da müssten die Fischer die Politiker unter Druck setzen, damit sie die Gesetze änderten. Denn bisher gilt laut Breuch-Moritz: „Die Fischer haben keine Entschädigungsansprüche.“

Kuriose Folgen der Energiewende
Schwierige Löschung von Windrad-BrändenDie schmalen, hohen Windmasten sind bei einem Brand kaum zu löschen. Deshalb lassen Feuerwehrleute sie meist kontrolliert ausbrennen – wie im April in Neukirchen bei Heiligenhafen (Schleswig-Holstein). Quelle: dpa
Tiefflughöhe steigtDie Bundeswehr hat die Höhe bei nächtlichen Tiefflügen angepasst. Wegen Windradmasten kann die Tiefflughöhe bei Bedarf um 100 Meter angehoben werden. Der Bundesverband Windenergie (BWE) begrüßt, dass dadurch Bauhöhen von bis zu 220 Meter realisiert werden können. Die Höhe des derzeit höchsten Windradtyps liegt bei etwa 200 Metern. Quelle: dpa
Dieselverbrauch durch WindräderViele neue Windkraftanlagen entstehen – ohne ans Netz angeschlossen zu sein. Solange der Netzausbau hinterherhinkt, erzeugen die Windräder keine Energie, sondern verbrauchen welche. Um die sensible Technik am Laufen zu halten, müssen Windräder bis zu ihrem Netzanschluss mit Diesel betrieben werden. Das plant etwa RWE bei seinem im noch im Bau befindlichen Offshore-Windpark „Nordsee Ost“. Quelle: AP
Stromschläge für FeuerwehrleuteSolarzellen lassen sich meist nicht komplett ausschalten. Solange Licht auf sie fällt, produzieren sie auch Strom. Bei einem Brand droht Feuerwehrleuten ein Stromschlag, wenn sie ihren Wasserstrahl auf beschädigte Solarzellen oder Kabel halten. Diese Gefahr droht nicht, wenn die Feuerwehrleute aus sicherer Entfernung den Wasserstrahl auf ein Haus richten – aber, wenn sie dabei ins Haus oder aufs Dach gehen. Stromschlagsgefahr gibt es ebenso für Feuerwehrleute, wenn sie nach einem Straßenunfall Personen aus einem beschädigten Elektroauto bergen müssen. Quelle: AP
Störende SchattenWindräder werfen Schatten – manche Anwohner sehen darin eine „unzumutbare optische Bedrängung“, wie es das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen ausdrückte. Es gab einer Klage recht, die gegen ein Windrad in Bochum gerichtet war. Im Februar wies das Bundesverwaltungsgericht die Revision des Investors ab. Das Windrad wird nun gesprengt. Quelle: dpa
Gestörte NavigationAuf hoher See wird es voll. Windparks steigern nicht nur das Kollisionsrisiko mit Schiffen. Die Rotoren stören auch das Radarsystem. Der Deutsche Nautische Verein schlägt daher vor, dass Windparks nur genehmigt werden, wenn die Betreiber auch neue Radaranlagen an den Masten installieren. Quelle: dapd
Windrad-LärmWindräder drehen sich nicht nur, dabei machen sie auch Geräusche. Je stärker der Wind, desto lauter das Windrad – und das wollen viele Bürgerinitiativen nicht hinnehmen. Ein Beschwerdeführer aus dem westfälischen Warendorf erreichte im September 2011 vorm Verwaltungsgericht Münster zumindest, dass eine Windkraftanlage nachts zwischen 22 und 6 Uhr abgeschaltet wird. Quelle: dpa

Das Verwaltungsgericht Oldenburg wies im August 2011 die Klagen von Fischern auf Schadensersatz „als unzulässig ab“, weil sie keine verbrieften Fischereirechte besäßen, sondern die Fanggründe nur nutzten, wie es allen anderen Bürgern auch zustehe. Ähnlich hatten zuvor die Gerichte in Hamburg und Greifswald entschieden.

Einen Ausweg sieht die BSH-Präsidentin dennoch. „Wenn Fischer wegen Windparks in ihrer Existenz bedroht würden und sie das auch nachweisen können, können wir eine Genehmigung auch versagen“, erklärt Breuch-Moritz. Doch genau dies ist das Problem. Meist können die Fischer gar nicht belegen, welcher Fang ihnen wo entgeht.

Seit Jahren bittet sie das Institut für Ostseefischerei um detaillierte Auskünfte über Routen und Fänge – aus rein wissenschaftlichem Interesse. „Doch die Fischer wollten die Daten nie mitteilen, behandelten sie als Geheimnis“, sagt Institutsleiter Cornelius Hammer. „Das fällt ihnen nun auf die Füße.“

Selbst wenn die Fischer jetzt einlenkten und ihre Informationen preisgäben, hülfe ihnen das erst einmal nichts. „Wir brauchen Zahlenreihen über mehre Jahre hinweg, um etwas über mögliche Verluste sagen zu können“, erklärt Hammer. Ein Trost bleibt den Fischern: Die Sperrzonen wirken wie Naturschutzreservate, die Fischbestände erholen sich dort gut und verlassen dann auch die Tabuzonen. „Aber“, sagt Institutsleiter Hammer, „erst viel später.“

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