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Erneuerbare Energien Bürger gegen Öko-Kraftwerk

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Martin Weissbrodt Quelle: Christian Schnur für WirtschaftsWoche

Vogt verweist in Gesprächen mit Gegnern immer wieder auf die ökologischen Ausgleichsmaßnahmen, zu denen das Unternehmen verpflichtet ist. Die Staumauer soll so dick und lang werden, dass sie selbst ein Erdbeben der Stärke acht aushält – das es auf deutschem Boden noch nie gegeben hat. Den Kommunen verspricht der Energieversorger zusätzliche Gewerbesteuereinnahmen von insgesamt vier Millionen Euro pro Jahr. Und natürlich sollen Aufträge an die örtliche Wirtschaft fließen, weshalb es nun auch eine Unternehmer-Initiative für das Kraftwerksprojekt gibt.

Und der Tourismus? Dass die örtlichen Heilquellen durch die Bauarbeiten bedroht seien, bestreiten die Schluchseewerke vehement. Anstelle womöglich wegbleibender Wanderer sollen vermehrt Technikfreaks in den Hotzenwald kommen – und Jugendliche am Beckenrand auf Inlinern herumkurven können. Dass der Tourismus nachhaltig durch das neue Kraftwerk leidet, hält auch Bürgermeister Weissbrodt für „eher unwahrscheinlich“.

Zumal Pumpspeicherkraftwerke nichts Neues sind in der Region. Die Schluchseewerke betreiben bereits fünf davon in der Umgebung – und eins auch im Hotzenwald. Das „Hornbergbecken 1“ fügt sich einigermaßen manierlich in die Landschaft ein, aus dem Tal ist die Betonkonstruktion kaum zu erkennen.

Kompromiss am Runden Tisch?

Längst hat der Kraftwerk-Streit die überregionale Politik erreicht. Aus Brüssel reiste im Mai der EU-Energiekommissar und ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident, Günther Oettinger, an. Der CDU-Mann stellte sich nicht nur klar hinter das Projekt Atdorf, sondern machte den Schluchseewerk-Managern sogar Hoffnung auf EU-Fördermittel.

Auch die Landesregierung ist alarmiert. Auf Betreiben des grünen Umweltministers Franz Untersteller nimmt am kommenden Samstag im Kursaal von Bad Säckingen ein runder Tisch von knapp 40 Projektgegnern und -befürwortern die Arbeit auf, moderiert von der ehemaligen grünen Bundestagsabgeordneten Michaele Hustedt. Zur ersten Sitzung kommt Gisela Erler, die neue Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung. Für das zweite Treffen hat sich Minister Untersteller angekündigt.

Dass die Landesgrünen im Südschwarzwald Präsenz zeigen, ist verständlich: Das Projekt in Atdorf ist jenseits von Stuttgart 21 der erste große Praxistest für die angekündigte neue Beteiligungskultur der Landesregierung, die keine Großprojekte mehr ohne intensiven Austausch mit der Bevölkerung realisieren möchte. Daher soll der runde Tisch auch als Pilotprojekt wissenschaftlich begleitet werden.

Vom Erfolg der Schlichtungsrunde ist vor Ort allerdings kaum jemand überzeugt, zu verhärtet sind die Fronten. „Die Schluchseewerke müssen Alternativstandorte vorschlagen“, fordert Günter Schöneich, Sprecher der Bürgerinitiative. Eine Zustimmung der Aktivisten für das Projekt an der vorgesehenen Stelle lasse schon die Satzung ihres Vereins nicht zu. 100-prozentig sicher sind sie auch bei den Schluchseewerken nicht mehr, dass die Milliardeninvestition kommt. „Umfangreiche zusätzliche Auflagen könnten die Wirtschaftlichkeit des Projekts gefährden“, warnt Strommanager Vogt.

Wenn er am Samstag mit den Abgesandten von Bürgerinitiative, Naturschutzverbänden und Schwarzwaldverein am runden Tisch sitzt, sollte er dieses Argument lieber nicht bringen.

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