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Erneuerbare Energien Bürger gegen Öko-Kraftwerk

In Baden-Württemberg steht das nächste Megaprojekt auf der Kippe. Nach dem Atomausstieg fordert die grün-rote Landesregierung mehr Pumpspeicher. Im Südschwarzwald soll Deutschlands größtes Pumpkraftwerk entstehen. Doch da hat sie sich verkalkuliert.

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Stefan Vogt Quelle: Christian Schnur für WirtschaftsWoche

Der Hotzenwald zählt nicht gerade zu den Partyzonen Baden-Württembergs. Hier, am äußersten Zipfel des Südschwarzwalds, sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Wiesen reihen sich an Hügel und bewaldete Berghänge, bei gutem Wetter sieht man die Silhouette der Schweizer Alpen. Die Örtchen heißen Wehr, Rickenbach und Herrischried, Autos knattern eher selten durchs grüne Idyll. Zu den größten Arbeitgebern der Region zählen die Kur- und Rehakliniken von Bad Säckingen, der mit 17.000 Einwohnern größten Stadt weit und breit.

Doch bald könnte es unruhig werden im Hotzenwald. Der Energieversorger Schluchseewerk will in dem kleinen Weiler Atdorf auf gut 150 Hektar Fläche das größte Pumpspeicherkraftwerk der Republik bauen. Das Raumordnungsverfahren ist abgeschlossen, Anfang 2012 will das Unternehmen, eine Tochter der Stromkonzerne RWE und EnBW, beim Landratsamt das Planfeststellungsverfahren beantragen. 2013 sollen die Bagger anrollen. Der erste Strom – die Anlage hat eine Kapazität von 1400 Megawatt – könnte dann 2018 fließen.

Oder auch nicht. Denn eine gut organisierte Bürgerinitiative will nach dem Vorbild der Stuttgart-21-Protestbewegung das 1,2 Milliarden-Euro-Projekt zu Fall bringen. Die Aktivisten setzen sich aus einem harten Kern von rund 500 Anwohnern und Naturschützern zusammen. Sie haben sich als Verein organisiert, rund 6000 Unterschriften gesammelt, sich akribisch durch Aktenberge gewühlt.

Ihr Rechtsbeistand ist der Berliner Anwalt Philipp Heinz, der schon den Weiterbau des Kohlekraftwerks in Datteln stoppte. „Das Projekt wird ziemlich sicher vor Gericht landen“, schwant es Bad Säckingens Bürgermeister Martin Weissbrodt (CDU), der die Großinvestition in seiner strukturschwachen Region trotz einiger Bedenken unterstützt.

Was die Sache besonders pikant macht: Während die grün-rote Landesregierung neue Pumpspeicher im Zuge der Energiewende für notwendig hält, haben sich die Grünen im Südschwarzwald auf die Seite der Protestler geschlagen. Man sei nicht gegen Pumpspeicherkraftwerke – wohl aber gegen diesen Standort vor der Haustür.

„Dieses Projekt zerstört die Landschaft, belästigt die Bürger während der langen Bauphase mit Lärm und Dreck, und es gefährdet den Tourismus und die Kliniken vor Ort“, sagt Ruth Cremer-Ricken, Vorsitzende des grünen Kreisverbands Waldshut.

Erdbeben und Koboldmoos

Günter Schöneich Quelle: Christian Schnur für WirtschaftsWoche

Die Projektgegner sehen zudem Sicherheitsrisiken, weil der Bau auf tektonisch auffälligem Gebiet entsteht, in dem gelegentlich der Boden ruckelt. Und wie immer bei Großinvestitionen findet sich irgendein gefährdeter Frosch oder Farn; im Hotzenwald ist es das Koboldmoos, um das man sich Sorgen machen muss. Anders als bei Stuttgart 21 lassen sich im dünnbesiedelten Südschwarzwald zwar keine Massenproteste organisieren; zur jüngsten Demo in Bad Säckingen kamen Ende Februar nur rund 300 Leute. „Aber es gibt hier einen starken Widerstandsgeist, der am Ende das Projekt kippen könnte“, behauptet Cremer-Ricken.

Im Hotzenwald geht es einmal mehr um die Frage, ob Großinvestitionen in Deutschland noch zu realisieren sind. Es geht darum, wie – zum Teil berechtigte – Partikularinteressen bei Projekten mit übergeordneter Bedeutung zu gewichten sind. Und es geht um die Frage, wie ernst es Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit seiner Aussage zur Energiewende ist, die er im Mai in der WirtschaftsWoche machte: „Eine Änderung der Industriegesellschaft verändert die Landschaft – das ist der Preis, den wir für den Fortschritt bezahlen müssen.“

„Wir wissen, dass dieses Projekt einen großen Eingriff ins Landschaftsbild bedeutet“, sagt Stefan Vogt, kaufmännischer Vorstand der Schluchseewerke. „Aber der Ausbau erneuerbarer Energien macht derartige Investitionen nötig. Anderenfalls lassen sich Netzstabilität und Versorgungssicherheit künftig nicht gewährleisten.“

In der Tat halten auch unabhängige Experten zusätzliche Speicheranlagen für unverzichtbar beim Umstieg von Atomstrom zu erneuerbaren Energien. Die Kraft von Wind und Sonne ist nicht planbar, sie unterliegt großen Schwankungen. Mit Pumpspeichern lässt sich derzeit Strom am besten zwischenlagern; alternative Speichertechniken stehen erst am Anfang.

Im Hotzenwald soll auf der abgetragenen Kuppe eines Berges auf 1000 Meter Höhe ein Becken mit neun Millionen Kubikmeter Wasser entstehen. Dieses ist über einen knapp neun Kilometer langen unterirdischen Stollen mit einem Unterbecken im Haselbachtal verbunden. Gibt es – etwa an windigen Sommertagen – zu viel Strom im Netz, pumpt die überschüssige Energie das Wasser nach oben.

Wird später zusätzlicher Strom benötigt, rauschen die Wassermassen über Turbinen wieder nach unten. Laut Energiemanager Vogt kann eine einzige Beckenentleerung rechnerisch drei Millionen Haushalte für zehn Stunden mit Strom versorgen.

Martin Weissbrodt Quelle: Christian Schnur für WirtschaftsWoche

Vogt verweist in Gesprächen mit Gegnern immer wieder auf die ökologischen Ausgleichsmaßnahmen, zu denen das Unternehmen verpflichtet ist. Die Staumauer soll so dick und lang werden, dass sie selbst ein Erdbeben der Stärke acht aushält – das es auf deutschem Boden noch nie gegeben hat. Den Kommunen verspricht der Energieversorger zusätzliche Gewerbesteuereinnahmen von insgesamt vier Millionen Euro pro Jahr. Und natürlich sollen Aufträge an die örtliche Wirtschaft fließen, weshalb es nun auch eine Unternehmer-Initiative für das Kraftwerksprojekt gibt.

Und der Tourismus? Dass die örtlichen Heilquellen durch die Bauarbeiten bedroht seien, bestreiten die Schluchseewerke vehement. Anstelle womöglich wegbleibender Wanderer sollen vermehrt Technikfreaks in den Hotzenwald kommen – und Jugendliche am Beckenrand auf Inlinern herumkurven können. Dass der Tourismus nachhaltig durch das neue Kraftwerk leidet, hält auch Bürgermeister Weissbrodt für „eher unwahrscheinlich“.

Zumal Pumpspeicherkraftwerke nichts Neues sind in der Region. Die Schluchseewerke betreiben bereits fünf davon in der Umgebung – und eins auch im Hotzenwald. Das „Hornbergbecken 1“ fügt sich einigermaßen manierlich in die Landschaft ein, aus dem Tal ist die Betonkonstruktion kaum zu erkennen.

Kompromiss am Runden Tisch?

Längst hat der Kraftwerk-Streit die überregionale Politik erreicht. Aus Brüssel reiste im Mai der EU-Energiekommissar und ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident, Günther Oettinger, an. Der CDU-Mann stellte sich nicht nur klar hinter das Projekt Atdorf, sondern machte den Schluchseewerk-Managern sogar Hoffnung auf EU-Fördermittel.

Auch die Landesregierung ist alarmiert. Auf Betreiben des grünen Umweltministers Franz Untersteller nimmt am kommenden Samstag im Kursaal von Bad Säckingen ein runder Tisch von knapp 40 Projektgegnern und -befürwortern die Arbeit auf, moderiert von der ehemaligen grünen Bundestagsabgeordneten Michaele Hustedt. Zur ersten Sitzung kommt Gisela Erler, die neue Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung. Für das zweite Treffen hat sich Minister Untersteller angekündigt.

Dass die Landesgrünen im Südschwarzwald Präsenz zeigen, ist verständlich: Das Projekt in Atdorf ist jenseits von Stuttgart 21 der erste große Praxistest für die angekündigte neue Beteiligungskultur der Landesregierung, die keine Großprojekte mehr ohne intensiven Austausch mit der Bevölkerung realisieren möchte. Daher soll der runde Tisch auch als Pilotprojekt wissenschaftlich begleitet werden.

Vom Erfolg der Schlichtungsrunde ist vor Ort allerdings kaum jemand überzeugt, zu verhärtet sind die Fronten. „Die Schluchseewerke müssen Alternativstandorte vorschlagen“, fordert Günter Schöneich, Sprecher der Bürgerinitiative. Eine Zustimmung der Aktivisten für das Projekt an der vorgesehenen Stelle lasse schon die Satzung ihres Vereins nicht zu. 100-prozentig sicher sind sie auch bei den Schluchseewerken nicht mehr, dass die Milliardeninvestition kommt. „Umfangreiche zusätzliche Auflagen könnten die Wirtschaftlichkeit des Projekts gefährden“, warnt Strommanager Vogt.

Wenn er am Samstag mit den Abgesandten von Bürgerinitiative, Naturschutzverbänden und Schwarzwaldverein am runden Tisch sitzt, sollte er dieses Argument lieber nicht bringen.

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