Folgen des Russlandkonflikts Was Putins Eskalation für die Energiepreise bedeutet

Quelle: Bloomberg

Wladimir Putins Truppenentsendung und der Stopp von Nord Stream 2 haben die Gaspreise in die Höhe springen lassen. Was bedeutet das für Verbraucher und Unternehmen? Und wie wollen Berlin und Brüssel sie schützen?

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Nach Wladimir Putins unheilvoller Rede am Montagabend und der Entsendung von – was für ein Hohn! – „Peacekeeping“-Truppen in die selbst ernannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk im Osten der Ukraine, haben die Gaspreise in Europa am Dienstag prompt reagiert. Natürlich.

Am niederländischen Handelspunkt TTF schoss der Preis für eine Megawattstunde (MWh) lieferbar im April auf 80 Euro, ein Plus von rund zehn Prozent im Vergleich zum Vorabend. Am Mittag, nach der Ankündigung von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), die Zertifizierung der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 zu stoppen, sprang der Preis sogar auf 81,49 Euro.

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Allein die heftigen Reaktionen zeigen, wie sehr die Energiemärkte derzeit vom Verhalten Russlands und seines Präsidenten sowie von den Reaktionen des Westens abhängen – und wie sie das auf absehbare Zeit tun werden. „Die Situation zwischen der Ukraine und Russland wird der Schlüssel für die generelle Richtung auf dem Gasmarkt sein, allein wegen der Risiken, die damit verbunden sind“, sagte Tom Marzec-Manser, Gasmarktspezialist der britischen Analysefirma ICIS, der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Am Mittag skizzierte Scholz in Berlin zwar, wie die Bundesregierung und die Europäische Union sich mittel- und langfristig bemühen wollen, Deutschlands und Europas Gasversorgung zu diversifizieren und zu stabilisieren: mit dem Zubau von Erneuerbaren Energien, den Importen von Wasserstoff, und einer Streuung der Bezugsquellen. „Das ist eine große gemeinsame europäische Aufgabe, die wir auch gemeinsam schultern können“, sagte Scholz. Aber kurzfristig sind kaum Puffer eingebaut, um geopolitisch verursachte Schwankungen abfedern zu können.

Speicherstände „niedrig, aber nicht historisch tief“

Dabei herrscht die Volatilität bei den Energiepreisen seit dem vergangenen Spätsommer vor – ob das nun von Putin strategisch so geplant war oder nicht. Für Unsicherheit haben dabei drei Entwicklungen gesorgt. Erstens, Gazprom, der russische Gasmonopolist, hat zwar vertragsgemäß nach Deutschland und Europa geliefert, aber nicht bedarfsgerecht, was in Europa zu Verknappung und Rekordpreisen beim Erdgas geführt hat – mit erheblichen Auswirkungen für die Energiekosten von Verbrauchern und Unternehmern. Zweitens, vor allem die Füllstände der Erdgas-Speicher in Deutschland erreichten im Januar und Februar historische Tiefstände. Der Porenspeicher Rehden in Niedersachsen, der der Gazprom-Tochter Astora gehört, ist derzeit, Stand Dienstag, immer noch gerade einmal zu 3,6 Prozent gefüllt.



Insgesamt liegen die Füllstände in Deutschland derzeit bei rund 31 Prozent, was allerdings wieder innerhalb des Normbereichs ist. „Seit dem vergangenen Sonntag sind die Speicherfüllstände wieder in den historischen Korridor zurückgekehrt“, sagt Sebastian Bleschke, Geschäftsführer des Gasspeicherverbands Initiative Energien Speichern (INES). „Die Füllstände sind also weiterhin sehr niedrig, aber nicht mehr historisch tief.“ Seine Einschätzung: „Aufgrund der weiterhin milden Temperaturen hat sich die Gasversorgungslage entspannt.“ Drittens, und auch das hat für Unsicherheit gesorgt, ist den Winter über unklar geblieben, wie Deutschland und Europa die Energieversorgung sicherstellen können, wenn Putin die Lieferung von russischem Erdgas zu großen Teilen oder sogar komplett kappen würde. Wasserstoff, den Kanzler Olaf Scholz am Dienstag ansprach, ist langfristig eine Perspektive, aber eben nicht kurz-, nicht einmal mittelfristig.

Kurz und mittelfristig haben vor allem die USA in den vergangenen Wochen versucht, zusätzliche Lieferungen von Flüssiggas (LNG) aus Katar zu organisieren, haben auch mit Katars vertragsmäßigen LNG-Abnehmern, vor allem in Asien, gesprochen. Aber einen Totalausfall der russischen Lieferungen könnte das nur schwer kompensieren. Noch am Montag sagte Wael Sawan, beim LNG-Magnaten Shell für Gas und Erneuerbare Energien zuständig: „Es gibt derzeit einen unglaublich engen Angebots-Nachfrage-Markt, diese Ladungen sind nicht frei verfügbar.“

Wird Gazprom weiter liefern?

Entscheidend für die Preisentwicklung dürfte also in den nächsten Tagen und Wochen sein, wie Moskau, also Gazprom, mit den bisher zugesagten Erdgas-Lieferungen umgeht und wie der Konflikt in der Ostukraine sich auf die Nutzung des ukrainischen Gasleitungssystems auswirkt. Rund ein Drittel der russischen Lieferungen erfolgen über dieses Pipeline-System. Um die Zertifizierung von Nord Stream 2 zu beschleunigen, haben Putin und sein Sprecher immer wieder darauf verwiesen, dass Europas Gasbedarf bei einer Genehmigung sofort gedeckt werden könnte. Wie verhält sich der Kreml jetzt, da die Pipeline, deren zwei Stränge schon jetzt mit Gas gefüllt sind, de facto vor dem Aus steht?

Die Verbraucher wird jeder weitere Preissprung mit etwas Verzögerung erreichen, Unternehmen, die nicht langfristig abgesichert sind, werden über die hohen Gaspreise sofort direkt getroffen.

Im eskalierenden Konflikt mit dem Westen hat Wladimir Putin noch einige Joker in der Hinterhand, sagt Osteuropa-Experte Richard Grieveson. Und das, obwohl die geplante Transformation der Wirtschaft gescheitert sei.
von Bert Losse

Mittelfristig versuchen sowohl Berlin als auch Brüssel, die Energieversorgung neu zu justieren. Schon in den vergangenen Monaten saß der Schock tief. In Deutschland hat Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck den Aufbau einer nationalen Gasreserve ins Spiel gebracht. Wie die genau ausgestaltet werden soll, ist allerdings noch offen. Auch auf EU-Ebene gibt es Überlegungen, die Mitgliedsstaaten dazu zu verpflichten, zum Stichtag 1. September ein Mindestmaß an Füllständen in den Speichern zu garantieren.

„Wir können nachvollziehen, dass die Politik besser für die Gasversorgung im kommenden Winter vorsorgen möchte“, sagt Sebastian Bleschke vom Speicherverband Ines. „Wichtig ist, dass regulatorische Eingriffe zur besseren Wintervorsorge so konzeptioniert werden, dass sie gleichzeitig die politischen Ziele erfüllen und möglichst gering in die bestehenden Märkte eingreifen.“ In fast allen EU-Ländern gibt es Maßnahmen, um den Anstieg der Preise sozial abzufedern, in Deutschland hat die Ampel-Regierung ihren Vorschlag für einen Heizkostenzuschuss für Geringverdiener in den Bundestag eingebracht, an der genauen Ausgestaltung eines „Energiegelds“ wird gearbeitet.

Wann kommt das erste deutsche LNG-Terminal?

Auch eine neue Struktur des Designs der europäischen Energiemärkte wird erwogen. Vor allem Spanien dringt auf eine umfassende Reform, die den Strompreis vom Gaspreis entkoppeln soll. Bislang war Madrid unter anderem am Widerstand Berlins gescheitert. Das könnte sich ändern. Der verstärkte Import von Flüssiggas (LNG) dürfte strukturell eher eine mittelfristige Option sein. Katar plant, sein Fördervolumen ab Mitte der 20er Jahre deutlich auszuweiten, und hat strategisch Interesse an langfristigen Lieferverträgen. Wie sehr sich dieses Ziel jedoch mit den Bestrebungen der Europäer vereinbaren lässt, eher kurzfristige Verträge abzuschließen, weil der Bedarf dann mit Erneuerbaren Energien gedeckt werden soll, ist offen.

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In Deutschland zumindest nimmt die Diskussion über den Bau eines LNG-Terminals nun Fahrt auf. Zwar gibt es in der EU insgesamt 26 LNG-Terminals, in den Niederlanden und in Belgien auch mit Pipeline-Verbindung nach Deutschland. Aber Deutschland hat eben bislang keinen eigenen LNG-Anlandepunkt. Mögliche Standorte sind in Stade in Niedersachsen und in Brunsbüttel in Schleswig-Holstein. Stade wolle nun im Sommer die Antragsunterlagen einreichen, meldet die DPA, frühester Zeitpunkt der Inbetriebnahme: 2026. Wirtschaftsminister Robert Habeck hatte in den vergangenen Tagen signalisiert, dass LNG-Terminals auch in Deutschland die Versorgungssicherheit erhöhen würden.

In den nächsten Tagen gibt es noch zwei weitere Möglichkeiten, sich ein Stück weit aus der Abhängigkeit von Wladimir Putins Gas zu lösen: Energiesparen und auf wärmeres Wetter hoffen.

Mehr zum Thema: Zeppelin vertreibt unter anderem Baumaschinen in Russland und der Ukraine. Ein Gespräch mit Chef Peter Gerstmann darüber, wie man als Unternehmen mit Sanktionen umgeht und sich auf einen möglichen Krieg vorbereitet.

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