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Fukushima In der Seele Samurai

Drei Jahre nach der Atomkatastrophe soll ein hartgesottener Ex-Stahlmanager die Wiederanschaltung von Kernkraftwerken in Japan besorgen.

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Atomkraftwerk Fukushima Quelle: AP

Fumio Sudo lebt den Geist der japanischen Kriegskunst, des Bushido. „Der Mensch mag keine Gerechtigkeit und versucht sie zu vermeiden, aber ich strebe bewusst danach“, sagte der 72-Jährige einmal stolz von sich selbst. Mit dieser Einstellung schickt sich der einstige Top-Manager aus der japanischen Stahlindustrie auf seine alten Tage an, den wohl härtesten Job seines Heimatlandes zu übernehmen: Sudo soll den schwer angeschlagenen Energiekonzern und Atomkraftwerksbetreiber Tepco aus dem Wachkoma wecken und zu alter Stärke zurückführen. Seit dem Atomunfall im AKW Fukushima vor genau drei Jahren taumelt das frühere Vorzeigeunternehmen am Rande der Insolvenz und überlebt derzeit nur dank vieler Milliarden Euro an Steuergeldern.

Wenn Sudo im April das Kommando über den gestrauchelten Dinosaurier übernimmt, dürfte er wie immer in seinem Managerleben das Buch „Bushido – die Seele Japans“ griffbereit neben sich liegen haben. Das Werk des Pädagogen Inazo Nitobe erklärt den Ehrenkodex der Samurai-Ritter.

Zurück ans Netz

Denn Ritterhaftes – zumindest für Tepco und die japanische Atomwirtschaft – hat der Ex-Präsident von Kawasaki Steel fürwahr vor. Sudos Mission besteht in nichts Geringerem, als in der Wiederinbetriebnahme der ersten Tepco-Atomkraftwerke seit dem Desaster von Fukushima.

Sein Augenmerk gilt dabei den sieben Atommeilern im westjapanischen Kariwa-Kashiwazaki, der leistungsstärksten Atomanlage der Welt. Um seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen, drohte Sudo bereits offen: „Ohne den Neustart von zwei der sieben Reaktoren noch im Sommer müssen wir den Strompreis für Firmen und Haushalte zum Herbst um zehn Prozent erhöhen.“

Hand in Hand

Für Japans Premierminister Shinzo Abe und seine Wachstumspolitik ist Sudo der ideale Nachfolger des Insolvenz-Anwalts Kazuhiko Kabe. Der steht zurzeit an der Spitze der staatlichen Stiftung, die den Entschädigungsfonds für die Folgen der Katastrophe verwaltet. Die Stiftung hält 50,1 Prozent an Tepco und stellt den Vorsitzenden des Verwaltungsrats. Mit seiner Macher-Mentalität repräsentiert Sudo den Gegenentwurf zur gängigen japanischen Managementkultur, die eher auf Konformität und Ausgleich setzt. „Er ist sehr dynamisch und durchsetzungsfähig“, sagt Tepco-Berater und US-Atomexperte Dale Klein.

Kultur der Abschottung und Verheimlichung

Was er selbst darunter versteht, hat Sudo bereits angekündigt: „Tepco muss sein ganzes Management- und Geschäftsmodell drastisch verändern“, ließ er die Beschäftigten des Atom-Zombies wissen.

Der neue starke Mann und oberste Aufräumer bei Tepco sitzt seit Juni 2012 im Verwaltungsrat und kennt den verrotteten Zustand des Stromerzeugers bis ins Detail. Nicht nur die technischen Anlagen sind sanierungsbedürftig: Seit dem Desaster vor drei Jahren und den vielen anschließenden Fehlern im Umgang mit der Katastrophe herrscht in Management und Belegschaft mehr denn je eine Kultur der Abschottung und Verheimlichung.

Die Stilllegung der zerstörten Reaktoren und die Dekontaminierung von Fukushima frisst einen Großteil der Energie des Managements. Zwar schreibt Tepco offiziell schwarze Zahlen – aber die stehen nur auf dem Papier, weil die staatlichen Vorschüsse von bisher 24 Milliarden Euro für Leistungen an die Fukushima-Geschädigten bei dem Energieerzeuger als Einnahmen verbucht werden. Tatsächlich muss Tepco langfristig jeden Yen zurückzahlen. Zudem werden bis 2017 Anleihen von 20 Milliarden Euro fällig.

Der Motor des neuen Geschäftsplanes

Erneut Austritt von hochradioaktivem Wasser in Fukushima

Seitdem der studierte Ingenieur Sudo bei Tepco mitmischt, ist er im Unternehmen als „Sparteufel“ gefürchtet: Er drängt zum Beispiel auf mehr internen Wettbewerb zwischen den 15 Wärmekraftwerken, die den Ersatzstrom für die ruhenden Atommeiler produzieren. Der Chef jeder Anlage soll seine Erzeugungskosten offenlegen und die anderen Kraftwerke unterbieten.

Sudo ist aber vor allem der Motor hinter dem neuen Geschäftsplan vom Januar dieses Jahres. Der verpflichtet das Management von Tepco und seinen Tochterfirmen, die Kosten bis 2022 um 37 Milliarden Euro zu senken – 40 Prozent mehr als vorher geplant. Dazu muss der Energieriese Immobilien und Beteiligungen verkaufen, außerdem müssen Aufträge öffentlich ausgeschrieben werden, und schließlich soll Tepco mit anderen Versorgern eine Einkaufsgemeinschaft für Flüssiggas bilden.

Ein Kulturschock

Sudo weiß, dass er vor allem die Mentalität der Manager verändern muss, wenn er Erfolg haben will. „Dass Tepco nach dem Grundsatz der Risikovermeidung betrieben wird, war für mich ein Kulturschock“, sagt er. Tepco-Manager arbeiten wie Beamte, denn der Konzern hat das Versorgungsmonopol für den mit 36 Millionen Menschen weltgrößten Ballungsraum Tokio und kann bisher alle Kosten auf den Strompreis umlegen.

Diese Denke will Sudo den Tepco-Managern austreiben. Deshalb ließ er vor seinem Amtsantritt alle Vorstandsmitglieder einen Aufsatz schreiben. Auf einer DIN-A4-Seite sollten alle ihre Vorstellungen von der Zukunft des Konzerns formulieren. Mit den Ergebnissen war Sudo so unzufrieden, dass er alle Aufsätze mit „ungenügend“ bewertete und an die Autoren zur Überarbeitung zurücksandte. Nun geht das Prozedere in die zweite Runde.

Um den Kulturwandel zu beschleunigen, will Sudo die Veteranen im mittleren Management mit ihren hohen Gehältern möglichst schnell loswerden. Dabei kennt der Ex-Stahlmanager keine Skrupel: 500 höhere Mitarbeiter, die bei der Katastrophe älter als 50 Jahre waren, hat er zur Arbeit nach Fukushima abkommandiert – ohne Rückfahrkarte. In die Leitungsjobs aufrücken soll die Generation der 40-Jährigen.

Große Hilfe vom Staat

Bei seinem Kampf bekommt Sudo kräftige Schützenhilfe von der Regierung. Der staatliche Entschädigungsfonds stockt seinen Etat in diesem Jahr um fast das Doppelte auf 63 Milliarden Euro auf und darf vom Sommer ab erstmals auch Kredite für die laufenden Arbeiten im AKW Fukushima vergeben. Die japanischen Steuerzahler übernehmen damit einen Teil der jährlich 700 Millionen Euro Folgekosten von Fukushima. Tepco müsste sich das Geld sonst von Anlegern besorgen.

Energie



Darüber hinaus übernimmt der Staat zwei gewaltige Kostenblöcke, die Tepco bisher allein schultern sollte: die Dekontaminierung der Region Fukushima und den Bau von Zwischenlagern für die dabei anfallenden radioaktiven Abfälle. Tepco spart damit auf einen Schlag 26 Milliarden Euro. Der Steuerzahler soll dem Konzern so helfen, bis 2016 an den Kapitalmarkt zurückzukehren.

Sudo sieht sogar die Chance, aus der Fukushima-Tragödie noch Profit zu schlagen: Er will das bei den Aufräumarbeiten gewonnene Know-how weltweit vermarkten. Vermutlich mit Erfolg: Im Februar kamen Vertreter von 26 US-Firmen für zwei Tage nach Tokio, um mit Mitarbeitern von 50 japanischen Unternehmen über die Stilllegung und Sanierung von Reaktoren zu diskutieren.

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