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Gasleck Ölmulti Total am Rande der Katastrophe

Ölmulti Total muss eine Explosion seiner Bohrinsel „Elgin“ verhindern. Analysten fürchten schlimmstenfalls Kosten für den Konzern von mehr als 7,5 Milliarden Euro, sollte das Gasleck zur Explosion führen. Aber das wäre womöglich noch nicht alles.

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Förderplattform

Droht Total eine Katastrophe wie BP mit der Ölpest im Golf von Mexico? Schon den vierten Tag strömt Gas aus einem Leck der Ölbohrplattform „Elgin“, die etwa 250 Kilometer vor der Ostküste. Und Betreiber Total tut sich schwer mit einer Lösung des Problems. Dabei drängt die Zeit: Je länger und je mehr Gas und ölhaltiges Gaskondensat auf dem Bohrloch entweicht, umso höher das Explosionsrisiko und umso kritischer die dadurch entstehenden Umweltschäden in der Nordsee und der Atmosphäre. Derzeit strömen schätzungsweise 10.000 Kubikmeter Gas pro Stunde aus

Hinzu kommen noch die Kosten für den französischen Ölkonzern. Und die könnten nach ersten Einschätzungen von Analysten bis auf 10 Milliarden Dollar (7,5 Milliarden Euro) steigen, wenn die Plattform explodiert und in der Folge Gas und Öl unkontrolliert austritt. Sollte es Total gelingen, eine Explosion zu verhindern, würden die Reparaturarbeiten womöglich Monate dauern. Für dieses Szenario erwarten Analysten Ausgaben von etwa drei Milliarden Dollar (2,3 Milliarden Euro) durch Produktionsausfälle und Kosten bis zur erneuten Inbetriebnahme. Der harmloseste Fall: Das Leck wird schnell abgedichtet und in zwei Wochen könnte wieder gefördert werden. Dann beliefe sich der Schaden für Total nur auf 150 Millionen Dollar (114 Millionen Euro). Aber diese Szenario ist derzeit auch das unwahrscheinlichste.

Unabsehbare Umweltschäden

Völlig unabsehbar sind hingegen die tatsächlichen Kosten für eine Beseitigung der Umweltschäden, sollte der schlimmste Fall eintreten. Wenn die Schäden überhaupt behebbar sind. Umweltschützern machen momentan vor allem die Treibhausgas-Effekte Sorgen. Sollte alles Gas aus dem Reservoir entweichen, entspräche der Schaden für das Klima dem zehnfachen CO2-Ausstoß Norwegens für ein Jahr, zitiert die Süddeutsche Zeitung eine norwegische Umweltschutzorganisation.

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    Milliardenforderungen an Ölkonzerne
    Ein Öllaster von Exxon Mobil Quelle: AP
    Ölförderturm von Chevron Quelle: REUTERS
    Shell-Plattform Gannet Alpha vor der Küste von Aberdeen Quelle: dapd
    Boote versuchen den Brand auf der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko zu löschen Quelle: dpa
    BP logo an einer Tankstelle Quelle: REUTERS
    Zaun mit Schriftzug "Halliburton" Quelle: REUTERS
    Der Tanker Exxon Valdez bei Reparaturarbeiten im Hafen von San Diego/Kalifornien Quelle: dpa

    Leck in 4000 Meter Tiefe

    Immerhin: Total glaubt inzwischen das Leck lokalisiert zu haben. Aber so richtig erfreulich ist diese Nachricht nicht, denn das Leck soll sich 4000 Meter unter dem Meeresboden befinden. Insgesamt ist die Bohrung 6000 Meter tief. Zudem stehen die Öl- und Gasfelder vor der schottischen Küste unter dem besonders hohem Druck von 1100 Bar, das Gas entweicht mit Temperaturen um die 200 Grad Celsius. Das macht die Arbeiten gefährlich. Eine Bohrung zur Entlastung des Gaslecks soll laut Total etwa sechs Monate beanspruchen. Eine schnelle Lösung sieht wohl anders aus. Für den Fall, dass der Gasdruck noch weiter steigt, ist offenbar sogar ein Anzünden des ausgetretenen Gases eine Option - was die Zerstörung der Förderplattform bedeuten würde.

    Vor der leckgeschlagenen Förderplattform des Ölmultis Total in der Nordsee vor Schottland herrscht daher weiter höchste Alarmstufe, die „Elgin“ selbst ist längst evakuiert - und damit auch niemand vor Ort, der die noch immer brennende Gasflamme, die überschüssiges Gas verbrennt, löschen könnte. Dreht der Wind, droht die inzwischen entstandene Gaswolke und der auf dem Meer schwimmende Teppich aus Gaskondensat in die Luft zu fliegen, sobald sie in Kontakt mit der Fackel kommen. Zum Glück sollen für die nächsten Tage stabile Wetterverhältnisse herrschen. Damit im nächsten Schritt die Arbeiten zur Abdichtung des Gaslecks beginnen können, muss zunächst die Explosiosgefahr gebannt werden. Also bleibt für Total im Moment nur die fieberhafte Suche nach Lösungen zur Löschung der Gasfackel und zur Abdichtung des Lecks.

    Erinnerungen an das BP-Desaster 2010

    Höchste Alarmstufe auf der Bohrinsel

    „Keine Explosionsgefahr“, lässt Total dennoch verlauten. Ein Total-Sprecher beschrieb die Lage als ernst, aber stabil. „Ja, es besteht Explosionsgefahr“, betonen hingegen der Experten wie Stephan Lutter von der Umweltstiftung WWF. Deshalb hat die Küstenwache längst eine Zwei-Meilen-Sperrzone für Schiffe und eine Drei-Meilen-Zone für Flugzeuge eingerichtet. „Man hat alles abgeschaltet, was irgendwie Funken schlagen kann“, sagt Lutter.

    Das Szenario erinnert fatal an die Ölkatastrophe im Golf von Mexico. Im April 2010 kam es nach einem Gasaustritt zur Explosion auf der Ölplattform „Deepwater Horizon“, die zum BP-Konzern gehörte. Nach der Explosion sank die Plattform und aus einer Tiefseebohrung strömte monatelang Öl. Unabhängige Berechnungen gehen davon aus, dass bis zur vollständigen Schließung des Bohrlochs etwa 700 Millionen Liter (4,4 Millionen Barrel) in den Golf von Mexico geflossen sind. Der Vorfall gilt als eine der größten Ölkatastrophen aller Zeiten.

    Die größten Ölreserven der Welt
    Eine Frau trocknet Wäsche auf einer Erdöl-Pipeline Quelle: ASSOCIATED PRESS
    Libyen Quelle: REUTERS
    Logo von Rosneft Quelle: ITAR-TASS
    Ölraffinerie in den Vereinigten Arabischen Emiraten Quelle: AP
    Ktar Quelle: REUTERS
    Kuwait Quelle: REUTERS
    Irak Quelle: REUTERS

    Im aktuellen Fall deutet nach Angaben von Total bisher nichts darauf hin, dass es zu derart dramatischen Umweltschäden kommt. Dennoch befürchtet der Energiekonzern diese offenbar. „Die absolute Priorität liegt heute darauf, das Gasleck zu schließen und die Umweltschäden zu begrenzen“, heißt es bei Total. Aber letzten Endes geht es auch um die Zukunft des Ölmultis aus Frankreich. Um acht Prozent hat der Börsenkurs schon nachgegeben. Der nach Börsenwert teuerste Konzern Europas hat damit bereits neun Milliarden eingebüßt. Von der Nachrichtenagentur Bloomberg befragte Analysten haben ausgerechnet, dass allein der Produktionsausfall Total zwischen fünf und zehn Millionen Dollar täglich kostet. Sollte die "Elgin" dauerhaft unbrauchbar werden, kämen auf Total Kosten in Höhe von 5,7 Milliarden Euro zu - auch um die Partnergesellschaften zu kompensieren. Total erzielt mit dem Förderfeld "Elgin Franklin" zwischen 250 und 300 Millionen Euro Vorsteuergewinn, was rund zwei Prozent des erwarteten Jahresgewinns für 2012 entspricht.

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      Die Zeit drängt

      Im Fall der „Elgin“-Plattform wird es darum gehen, wie schnell der Schaden behoben wird. Vorerst bleibt die Region für Schiffe und Flugzeuge gesperrt. Auch der Konzern Shell brachte Arbeiter von einer etwa vier Seemeilen entfernten Plattform in Sicherheit. Ein Sprecher der Ölarbeiter-Gewerkschaft sagte, es bestehe das Risiko „katastrophaler Verwüstung“, wenn sich das austretende Gas entzünden sollte.

      Die Konzern-Experten suchen deshalb nach einer Lösung des Problems. Neben der Entlastungsbohrung komme auch ein sogenannter „Kill“ mit einer Schlamminjektion in Betracht. Damals scheiterte BP mit der von allen Medien verfolgten „Top Kill“-Methode, bei der große Mengen Schlamm, Zement und Brocken aus Gummi in das Bohrloch in 1500 Meter gepumpt wurden, um es zu verstopfen. Für den britischen Ölkonzern war es nicht nur eine Umwelt- sondern auch eine Imagekatastrophe. Und sie hat den Konzern zig Milliarden gekostet.

      Teure Katastrophe

      Im April kam es auf der Ölplattform

      Denn hinzu kamen die gewaltigen Kosten der Ölpest am Golf von Mexico. Auf Druck der US-amerikanischen Regierung hin schüttete BP ab Mitte 2010 drei Quartale lang keine Dividenden an die Aktionäre aus. Kurz nach dem Ende des Ölaustritts sprach BP von bis dahin angelaufenen Kosten der Ölpest von 2,5 Milliarden Euro, der Aktienkurs des britischen Ölmultis halbierte sich. BP kündigte im Juli 2010 an, Unternehmensanteile in Höhe von zehn Milliarden US-Dollar zu verkaufen, um Kosten im Zusammenhang mit der Ölkatastrophe zu finanzieren. Sogar der Verkauf der deutschen Tochter Aral wurde in Betracht gezogen. Bis März 2011 hatte BP 41 Milliarden Dollar an Rückstellungen gebildet. 19 Milliarden Dollar davon hatte der Konzern bis dahin für die Beseitigung der Ölkatastrophe ausgegeben.

      Selbst Umweltschützer stufen die Lage vor Schottland als weniger kritisch ein, da noch kein schweres Öl, sondern nur flüchtiges Gas entweicht. Dennoch hat die Total-Aktie seit Bekanntwerden des Gaslecks auf der  „Elgin“ acht 6,6 Prozent eingebüßt.

      Selbst wenn Total eine Gasexplosion erspart bleibt, ist das Thema Umweltschäden damit noch nicht vom Tisch. Umweltschützer fürchten, dass die potenziell explosive Kohlenwasserstoffverbindung auch hochgiftige Schwefelverbindungen enthält, die alles Leben abtöten. Auch die Kohlenwasserstoffe sind potenzielle Klimakiller, so Lutter.

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        Totals Erfahrungen mit dem Unglück

        Erfahrung mit Unglücken und Vorwürfen von Umweltschützern hat Total zur Genüge. Einen gewaltigen Schaden erlitt der Konzern durch die Havarie des Tankschiffs „Erika“ vor der französischen Atlantikküste im Jahr 1999. Sie löste eine Ölpest aus, Total zahlte rund 200 Millionen Euro für das Säubern von Stränden und Wiedergutmachung. Einen Milliardenbetrag an Entschädigungen kostete Total die Explosion in einer Düngemittelfabrik bei Toulouse, die einer Tochter gehörte. 31 Menschen kamen 2001 bei der schlimmsten Chemie-Katastrophe Frankreichs ums Leben, 2500 wurden verletzt.

        Energie



        An der Börse ist Total nach dem Kursverlusten der vergangenen Tage jetzt noch 89,3 Milliarden Euro wert, vor dem Unfall waren es 97 Milliarden Euro. Konkurrent BP ist heute - zwei Jahre nach der Ölkatastrophe - mit 116 Milliarden Euro immer noch niedrig bewertet. Die Briten haben sich von den Kursverlusten bis heute nicht erholt. Vor der Deepwater-Horizon-Katastrophe war der Ölmulti noch rund 30 Prozent höher an der Börse bewertet.

         

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