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Industrie im Wandel Wird das Ruhrgebiet zum Wasserstoff-Powerhouse?

Es gibt erste, sehr konkrete Projekt, Wasserstoff, der in Tanks wie diesem lagert, etwa aus dem Emsland ins Ruhrgebiet zu transportieren. Quelle: dpa

Elektrifiziert Euch! So lautet der erste Marschbefehl an die Industrie. Der zweite: Macht’s mit Wasserstoff! Aber wie soll H2 künftig zu den Fabriken fließen? Die Industrie im Ruhrgebiet geht nun voran.

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Die Zukunft ist grün und klimaneutral. Das ist das Glaubensbekenntnis von Politik und Industrie. So weit, so gut. Auch was das Credo für energieintensive Unternehmen konkret bedeutet, ist eindeutig: Soweit es geht, müssen Produktionsprozesse elektrifiziert, auf Strom umgestellt werden, auf grünen Strom natürlich. Und dort, wo das nicht vollständig geht, etwa in der Metallindustrie, soll es der grüne Wasserstoff richten, der vermeintliche Champagner unter den Energieträgern.

Die Frage ist nur, wie dieser Champagner in die Industriezentren fließen soll, vor allem ins Ruhrgebiet. Gerade hier fordert Martina Merz, Chefin der Thyssenkrupp AG, einen Aufbruch ein und Tempo. „Unsere Stahljungs in Duisburg brauchen Wasserstoff in unendlicher Menge“, sagte Merz im „Chefgespräch“, dem Podcast von WiWo-Chefredakteur Beat Balzli.

„Die Wirtschaft bereitet sich beim Wasserstoff auf einen großen Kapazitätsaufbau vor. Wir wollen nicht auf den Staat warten, bis der mal anfängt, Pipelines zu genehmigen“, sagte Merz zwar. Aber eine generelle Unterstützung der Politik sei dennoch nötig. „Ich bin langsam etwas stinkig. Ich verlasse mich darauf, dass jetzt wirklich etwas Schwung reinkommt.“



Wasserstoff aus dem Emsland

Dabei hat sich im vergangenen Jahr schon einiges getan. Und es ist einerlei, ob es um Stahl in Duisburg geht oder um Chemie in Marl: Es gibt erste, sehr konkrete Projekte, Wasserstoff in für die Industrie relevanten Mengen in die Region zu bringen. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie grüner Wasserstoff produziert wird, sondern vor allem um die Frage, auf welchem Weg dieser Wasserstoff als Gas oder auf dem Energieträger Ammoniak in die Region geschafft werden kann. Der Versorger E.On hat kürzlich geschätzt, dass der Bedarf an Wasserstoff allein im Ruhrgebiet von derzeit jährlich 17 Terawattstunden auf bis zu 150 Terawattstunden im Jahr 2050 steigen könnte.

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    Ein Projekt, das auch für Thyssenkrupp eine zentrale Rolle spielt, ist die Initiative „Get H2“. An der Initiative sind Partner wie RWE, BP, aber auch Uniper beteiligt. Von Lingen im Emsland in Niedersachsen aus will RWE hier das Ruhrgebiet und auch Thyssenkrupp Steel Europe mit Champagner versorgen, der dann aber irgendwann den Preis von Leitungswasser haben soll.

    Die Idee: Power to gas. Auf Deutsch bedeutet das: Mit grünem Strom aus Windkraft wird über einen Elektrolyseur grüner Wasserstoff gewonnen, der dann über bestehende Erdgas-Pipelines ins Ruhrgebiet transportiert wird. Läuft alles nach Plan, wird ab 2024 ein Elektrolyseur mit einer Leistung von 100 Megawatt Wasserstoff für Thyssenkrupp und andere produzieren. Thyssenkrupp Steel Europe will ab 2025 einen Hochofen mit einer mit Wasserstoff betriebenen Direktreduktionsanlage ersetzen.

    Ammoniak per Schiff aus Spanien

    Das zweite größere Projekt in der Region hat im Oktober E.On-Chef Leonhard Birnbaum gemeinsam mit Katherina Reiche, der Chefin der E.On-Tochter Westenergie gestartet, unter dem Titel „H2. Ruhr“. Ziel ist es, Kommunen, Mittelständlern und Industrie Zugang zu grünem Wasserstoff und grünem Ammoniak zu ermöglichen. Bis 2032 sollen jährlich 80.000 Tonnen Wasserstoff in die Region gebracht werden. Dabei kooperiert E.On mit dem italienischen Energiekonzern Enel und dem spanischen Unternehmen Iberdrola. Die Idee: Aus Italien soll grüner Strom nach Deutschland importiert werden, um vor Ort im Ruhrgebiet mit Elektrolyseuren Wasserstoff zu produzieren. Bis 2025 will E.On einen lokalen Elektrolyseur mit einer „Startkapazität“ von 20 Megawatt (MW) aufbauen.

    Gleichzeitig soll in Spanien mit Hilfe von grünem Wasserstoff Ammoniak produziert werden, der dann per Schiff ins Ruhrgebiet verfrachtet wird. Derzeit ermittelt E.On den Bedarf und spricht mit regionalen Abnehmern. Eine Investitionsentscheidung soll 2023 fallen, aber Birnbaum und Reiche ließen bei der Vorstellung des Projekts in Essen keine Zweifel daran, dass sie erhebliche Fördermittel erwarten. Auch die Nutzung bestehender Erdgas-Pipeline-Systeme will E.On in der Region nutzen.

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    Duisburg versucht sich ohnehin, wie einige andere deutsche Städte und Regionen auch, als Wasserstoff-Hauptstadt zu profilieren. Dabei erhält die Stadt kräftig Förderung vom Bund. Auf dem Gelände der Hüttenwerke Krupp-Mannesmann entsteht derzeit ein Wasserstoff-Innovationszentrum, das von Berlin unterstützt wird. Dort würden, so hieß es im September, Hunderte Jobs entstehen. Der Auftrag der Bundesregierung, damals noch unter Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), lautete: „Eine besondere Fokussierung soll dabei auf der Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit von Start-ups, Gründern sowie kleinen und mittelständischen Unternehmen liegen.“

    Hören Sie hier den Podcast mit Martina Merz, in dem sie erzählt, warum sie einst aus der Dorfkirche geflogen ist, ihren Bonus gespendet hat und die Sache mit den Wasserstoff-Pipelines zu langsam vorangeht.

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