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Interview Marc Gericke "Prokon kann sicherlich nicht einfach so weitermachen"

Prokon-Anleger sollen bei der drohenden Insolvenz unterschreiben, dass sie zur Vernichtung des Unternehmens beitragen. Marc Gericke, Kapitalmarktrechtler bei der Kanzlei Göddecke in Interview.

Die größten Anlagenbauer
NordexNach zwei verlustreichen Jahren und vielen Einsparungen lief es 2013 für Nordex wieder besser. Der Windturbinenbauer kehrte in die Gewinnzone zurück. In der Vergangenheit trennte sich Nordex unter anderem verlustreichen Produktionsstätten in den USA und China und konzentrierte sich ganz auf den Bau von Onshore-Anlagen. Mit der Strategie konnte das Unternehmen in Deutschland Marktanteile gewinnen. 2012 kam Nordex auf 3,5 Prozent, 2013 waren es im On- und Offshore-Bereich zusammen bereits sieben Prozent. Auch die Aussichten sind gut: Für 2014 rechnet der Vorstand mit neue Aufträge im Umfang von 1,6 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Siemens WindenergiesparteSiemens ist Weltmarktführer bei Offshore-Windrädern und dominiert auch in Deutschland diesen Bereich. Hierzulande kommt das Unternehmen in dem Segment auf 52,1 Prozent Marktanteil. Im On- und Offshore-Bereichen zusammen hatte Siemens Wind Power 2013 einen Anteil von 9,8 Prozent und liegt damit auf Platz vier. Nach dem Verkauf der gefloppten Solarsparte will sich Siemens künftig noch mehr auf die Energie aus Wind und Wasser zu konzentrieren. Das Geschäft lief zuletzt insbesondere im Ausland gut. Im Dezember 2013 erhielt das Unternehmen mehrere Großaufträge in den USA. In Deutschland gibt es aber auch Probleme: Bei der Anbindung von vier Offshore-Windparks in der Nordsee liegt Siemens dem Zeitplan um mehr als ein Jahr hinterher. Die Verzögerungen sollen Siemens bereits mehr als 600 Millionen Euro gekostet haben. Quelle: dpa
SenvionDas Hamburger Unternehmen Senvion ( ehemals Repower) ist eine Tochter des indischen Windkraftkonzerns Suzlon. Wie Nordex ist es auch dem Hamburger Unternehmen gelungen, Marktanteile zu gewinnen. 2013 installierte Senvion Anlagen mit rund 484 Megawatt und nun einen Markanteil von insgesamt 13,5 Prozent. Im Onshore-Bereich sind es sogar 16,2 Prozent. Das sind drei Prozent mehr als im Jahr zuvor. In Deutschland hat das Unternehmen nach eigenen Angaben nun eine Gesamtleistung von 2,8 Gigawatt installiert. Im März 2014 hat Senvion die Schwelle von 10 Gigawatt weltweit installierter Leistung überschritten. In der Vergangenheit hatte das Unternehmen allerdings auch mit deutlichen Umsatzrückgängen zu kämpfen. Quelle: dpa
VestasDer weltgrößte Windturbinenhersteller Vestas hatte in Deutschland 2013 einen Marktanteil von 16,7 Prozent (Onshore 20 Prozent). Damit hat der Anlagenbauer zwar rund sechs Prozent an die kleineren Mitbewerber verloren, liegt aber weiterhin klar auf Platz zwei. Allein 2013 stellte das dänische Unternehmen Anlagen mit einer Leistung von 598,9 Megawatt in Deutschland auf. Wirtschaftlich ist Vestas offenbar auf einem guten Weg: Nach massiven Sparmaßnahmen in den Vorjahren hat das Unternehmen im letzten Quartal 2013 erstmals seit Mitte 2011 wieder einen Gewinn erwirtschaftet. Der Jahresverlust lag bei 82 Millionen Euro, nach 963 Millionen Euro 2012. Quelle: ZB
EnerconDas vom Windpionier Aloys Wobben gegründete Unternehmen ist unangefochtener Marktführer in Deutschland bei Anlagen auf dem Festland (49,6 Prozent Marktanteil). Onshore-Anlagen mit einer Leistung von 1.484,6 Megawatt hat Enercon allein 2013 aufgestellt. Auf dem Gesamtmarkt musste der Windanlagenbauer allerdings Verluste hinnehmen. Lag der Markanteil 2012 bei 54,3 Prozent, betrug er zuletzt noch bei 41,4 Prozent. Weltweit hat das Unternehmen mittlerweile mehr als 20.000 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 28 Gigawatt installiert. Laut den Wirtschaftsforscher von Globaldata liegt Enercon im globalen Vergleich damit auf Platz. Geschlagen werden die Ostfriesen von der dänische Konkurrenz Vestas. Quelle: dpa

Wirtschaftswoche: Herr Gericke, Prokon-Geschäftsführer Carsten Rodbertus hat am Samstag einen Brief veröffentlicht, indem er Anlegern, die ihre Genussrechte kündigen ein schlechtes Gewissen macht. Sie sollen unterschreiben, dass sie damit bewusst zur Vernichtung eines Unternehmens mit über 1300 Arbeitsplätzen beitragen. Haben Sie so etwas schon mal erlebt?
Nein, so was ist mir noch nicht untergekommen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob das wirkt. Wenn sie Anleger emotional so unter Druck setzen, verlieren sie bei denen, die ohnehin verunsichert sind, noch mehr Vertrauen. Andererseits hat Rodbertus nun offen zugegeben, dass er mit dem Rücken zur Wand steht. Das muss man ihm zugutehalten.

Sehen Sie noch eine Chance, dass Prokon und damit das Geld der Anleger gerettet wird?
Prokon kann sicherlich nicht einfach so weitermachen. Die bislang veröffentlichten Geschäftszahlen zeigen ja, dass das Geschäftsmodell nicht tragfähig ist. Aber wenn sich Prokon jetzt schnell von den verlustreichen Geschäften wie etwa den Beteiligungen im Holz- und Öl-Bereich trennt und sich nur noch auf die Windparks konzentriert, die bereits am Netz oder in Planung sind, dann kommt weiterhin Geld in die Kasse und das wäre gut für die Anleger. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Anleger jetzt nicht panisch ihre Genussrechte kündigen.

Weil das Unternehmen ansonsten zeitnah insolvent geht. Was bedeutet das für die Inhaber der Genussrechte?
Wenn es zu einer Insolvenz kommt, werden die Forderungen der Anleger nachrangig bedient. Das steht auch so in den Genussrechtsbedingungen. Im Klartext heißt das: Zuerst bekommen Banken und andere Gläubiger ihr Geld zurück und dann die Anleger. Wie viel im Insolvenzfall für sie übrig bleibt, ist nicht absehbar.

Sie raten also den Anlegern still zu halten?
Sie haben aktuell die Wahl zwischen Pest und Cholera. Wenn sie jetzt kündigen und Prokon nicht zahlen kann, könnten sie klagen und einen Titel gegen das Unternehmen erwirken. Im Falle einer Insolvenz hätten sie einen Vorteil gegenüber den Anlegern die drin geblieben sind, weil deren Forderungen nachrangig bedient werden. Natürlich haben Anleger, die geklagt haben, dann erst einmal einen finanziellen Vorteil. Wie hoch der ist, lässt sich aktuell aber nicht abschätzen. Andererseits schaden sie sich selbst und allen anderen Anlegern unter Umständen erheblich, wenn sie so verfahren. Ich kann aktuell nicht guten Gewissens zu einer Kündigung raten. Denn wenn Prokon freiwillig nicht zahlt, müsste man klagen.

Prokon veröffentlichte bislang keine testierte Konzernbilanz

Wo die Energiewende besser funktioniert
Im internationalen Vergleich gibt es kaum ein zweites Land, das sich derart ambitionierte Ziele zur Umstellung seines Energiesystems gesteckt hat wie Deutschland. Daher existiert auch kein Gesamtkonzept, das als Blaupause für die deutsche Energiewende dienen könnte. Dennoch kann Deutschland von anderen Ländern lernen. Eine Studie von McKinsey im Auftrag von Siemens stellt Beispiele aus verschiedenen Ländern vor und zeigt, was davon in welchem Umfang auch in Deutschland erfolgreich umgesetzt werden könnte. Die Fallbeispiele beziehen sich auf die wesentlichen Elemente der deutschen Energiewende entlang der Energiewertschöpfungskette: Stromerzeugung, Verteilung oder Balancierung von Angebot und Nachfrage sowie Steigerung der Energieeffizienz. Quelle: dpa
Dänemark, Niederlande, Brasilien - Versteigerung von WindparksDer Ausbau von Solar und Windkraft wird die Regierung bis 2020 rund 30 Milliarden Euro kosten. Eine Möglichkeit, den Kostenanstieg zu drosseln, wäre eine Anpassung der Förderung, zum Beispiel durch Auktionierung von Windparkprojekten – wie in Brasilien, Dänemark oder den Niederlanden praktiziert. So kann erreicht werden, dass Windparks an windreichen Standorten mit einer geringeren Vergütung auskommen. Würden in Deutschland die infrage kommenden Windparkprojekte in Zukunft versteigert, könnten allein im Jahr 2020 rund 0,7 Milliarden Euro an Förderkosten eingespart werden. Quelle: dpa
China – bessere Nutzung von AbwärmeAbwärme lässt sich bei Temperaturen ab circa 300 Grad Celsius zur Stromerzeugung nutzen. In Deutschland gibt es unter anderem in der Zement- und Glasindustrie weitere Potenziale, die andere Länder beziehungsweise Pilotanlagen in Deutschland bereits nutzen: So wurden in China in den  vergangenen zehn Jahren knapp 30 Zementwerke mit entsprechenden Anlagen ausgestattet oder werden aktuell umgerüstet. Durch Nachrüsten der in Deutschland infrage kommenden Werke könnten hier im Jahr 2020 etwa 2 TWh Strom erzeugt und so eine Megatonne CO2 eingespart werden. Die Investitionen würden sich bereits nach rund drei Jahren amortisieren, so die Autoren der Studie. Quelle: REUTERS
Shanghai – bessere TransformatorenJetzt wird es technisch, aber im Grunde simpel. Transformatoren sind  für die Stromversorgung unverzichtbar, da elektrische Energie nur mittels Hochspannungsleitungen über weite Entfernungen wirtschaftlich sinnvoll transportiert werden kann; der Betrieb von Elektrogeräten ist aber nur mit Nieder- und Kleinspannung praktikabel und sicher. Transformatoren haben einen magnetischen Kern, meist Eisen, man kann aber auch so genannte amorphe Metalle verwenden. Sie haben bessere magnetische Eigenschaften und senken Übertragungsverluste im Netz.  In Shanghai konnten die Leerlaufverluste der ausgetauschten Transformatoren um 80 % reduziert werden konnten. Allein die Ausstattung der in Deutschland bis 2020 neu zu installierenden Transformatoren mit amorphen Kernen könnte die Übertragungsverluste im Stromnetz im Jahr 2020 um 0,2 TWh reduzieren. Dies entspricht der Stromproduktion von circa 65.000 Aufdach-Solaranlagen. Durch die Einsparungen  würden sich die erforderlichen Investitionen nach circa elf Jahren amortisieren. Quelle: dpa
Schweden – mehr WärmepumpenEine Wärmepumpe entzieht zum Beispiel dem Boden oder der Luft unter Aufwendung mechanischer oder elektrischer Energie thermische Energie und stellt diese zur Raumheizung zur Verfügung. Momentan sind in Schweden bei 9,5 Mio. Einwohnern 1 Mio. Wärmepumpen installiert, gegenüber circa  0,5 Mio. Wärmepumpen in Deutschland bei rund 81 Millionen Einwohnern. Der Ausbau zusätzlicher 0,7 Millionen Wärmepumpen in Deutschland bis 2020 würde zu einer Senkung des Primärenergiebedarfs um 18 PJ und zu einer Senkung der CO2-Emissionen um 0,6 Mt für das Jahr 2020 führen. Foto: "Tourismusverband Westschweden Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
USA – Stromnachfrage besser steuernDie Stromerzeugung aus Wind und Sonne schwankt wetterabhängig sehr stark. Das belastet das Netz. Die Schwankungen lassen sich durch eine flexiblere Stromnachfrage ausgleichen. Im Nordosten der USA hat man dazu einen Markt für temporäre Nachfragereduzierung geschaffen. Zu Spitzenzeiten reduzieren Stromkunden ihren Verbrauch freiwillig und erhalten hierfür eine Vergütung. Bei diesem Fallbeispiel wurde die Spitzenlast in einem Markt, der größer als der deutsche ist, um circa 8 % reduziert. Würde Deutschland in ähnlicher Weise allein seine industrielle Nachfrage flexibilisieren, könnten 2020 etwa 0,5 Milliarden Euro eingespart werden. Das entspricht den jährlichen Betriebskosten von zwei großen Kohlekraftwerken. Quelle: AP
Los Angeles – LED-StraßenbeleuchtungInternational hat eine Reihe von Städten den Austausch der klassisch verwendeten Natrium-Hochdrucklampen durch LED s vorangetrieben. In den USA installierte zum Beispiel Los Angeles von 2009 bis 2013 in 146.000 Ampeln und Straßenleuchten mit LED. Mit Investitionen von rund 45 Millionen Euro konnte eine Reduzierung des Stromverbrauchs von rund 60 % erreicht werden. Quelle: Presse

Wirtschaftswoche: Was schlagen Sie vor?
Prokon bittet die Anleger darum, ihr Geld noch mindestens zehn Monate im Unternehmen zu lassen. Das ist ein überschaubarer Zeitraum. Wenn sie dem zustimmen, haben sie meines Erachtens nicht viel zu verlieren. Wenn es Prokon gelingt, die unrentablen Geschäftsbereiche los zu werden und Prokon zahlungsfähig bleiben sollte oder wäre, finden sie in einem dreiviertel Jahr dieselbe Situation vor wie heute. Im besten Fall gelingt es Rodbertus bis dahin, das Unternehmen zu stabilisieren und gegebenenfalls Beteiligungen oder Windparks zu verkaufen. Dass die Anleger ihr eingesetztes Kapital komplett zurückerhalten, erachte ich zwar auch dann für unwahrscheinlich. Aber zumindest könnten sie mehr raus bekommen, als bei einer Insolvenz.

Andere Anwälte raten den Anlegern ihr Geld mittels eines Urkundsverfahrens einzuklagen. Was halten Sie davon?
Gar nichts. Bei einem Urkunden-Prozess müssen sie zum einen schriftlich darlegen, dass sie einen Anspruch gegen das Unternehmen haben. Das dürfte noch recht einfach sein. Sie müssen nachweisen, dass sie die Genussrechte gezeichnet und gekündigt haben und ihre Forderung fällig ist. Aber wie wollen sie die Höhe ihres Anspruchs nachweisen? Laut der Genussrechtsbedingungen haben die Anleger keinen Anspruch auf ihr eingesetztes Kapital, sondern nur einen Anspruch auf das Genussrechtskapital zum aktuellen Buchwert. Da Prokon aber bislang keine testierte Konzernbilanz veröffentlicht hat, dürfte es sehr schwer sein, die Höhe des Buchwerts nachzuweisen. Falls es doch zu einer Insolvenz käme, hätten die Anleger zusätzlich die Kosten des Prozesses zu tragen.

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Aber es ist doch nicht die Schuld der Anleger, dass Prokon es bislang nicht geschafft hat, eine testierte Bilanz für 2012 vorzuliegen?
In einem Urkundsverfahren ist der Kläger leider in der Beweispflicht. Ob es seine Schuld ist, dass die Zahlen nicht vorliegen, spielt hier Rolle.

Dass Prokon bislang keine anständige Bilanz veröffentlicht hat ist doch eher ein Argument dafür, dem Prokon-Chef nicht weiter blind zu vertrauen?
Das stimmt. Deshalb erwarte ich von Rodbertus, dass er jetzt endlich die Transparenz herstellt, die er immer verspricht. Es müssen unabhängige Prüfer ins Unternehmen und sich einen Überblick verschaffen wie viel Geld da ist und was die Vermögenswerte wie Windparks und ähnliches wert sind. Die Werte die Rodbertus einst angesetzt hat, können ja nicht sonderlich realistisch gewesen sein, sonst hätten ihm die Wirtschaftsprüfer nicht das Testat für die Bilanz versagt. Wenn Anleger einer Sanierung zustimmen und das Geld im Unternehmen belassen sollen, brauchen sie zuerst einmal verlässliche Zahlen.

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