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Kampf um Vattenfall-Kohle Greenpeace will ins Kohle-Geschäft einsteigen

Greenpeace will die Braunkohlekraftwerke des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall in Ostdeutschland kaufen. Über eine gemeinnützige Braunkohle-Stiftung soll der Ausstieg abgewickelt werden. Ein ausgeklügelter Plan - aber mit Spendengeldern kann Greenpeace den Kauf nicht finanzieren.

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Braunkohletagebau in Jänschwalde (Brandenburg) der Vattenfall AG Quelle: dpa

Die Kämpfer gegen den Klimawandel sind fest entschlossen: Greenpeace will den Verkauf der ostdeutschen Vattenfall-Braunkohlemeiler an tschechische Kohlebetreiber verhindern und selbst ins Kohlegeschäft einsteigen. Der skandinavische Arm der Umweltorganisation hat fristgerecht bei der US-Bank Citi Group in London sein Interesse in einem offiziellen „Statement of Interest“ bekundet, das WirtschaftsWoche online vorliegt.

Die Klimaretter wollen damit aber nicht wirklich ins Geschäft mit fossiler Energieerzeugung einsteigen. Sobald Greenpeace die Kraftwerke inklusive der Tagebauten gekauft hat, will die Umweltorganisation eine gemeinnützige Stiftung gründen. Über die soll der Ausstieg aus der Braunkohle in Ostdeutschland abgewickelt und auch der Tagebau beendet werden. Gleichzeitig soll in erneuerbare Energien investiert und ein Strukturwandelt in der Region vorangetrieben werden.

Haben die Umweltretter Chancen, ihren Plan zu verwirklichen? Vattenfall will sich nicht zum Angebot von Greenpeace äußern. „Jeder Unternehmensverkauf ist ein vertraulicher Prozess“, teilte Vattenfall in einer Stellungnahme mit. Deshalb werde das Unternehmen wie bisher nicht über Interessenten und andere Details rund um den Verkaufsprozess sprechen. Selbstverständlich würden alle potenziellen Bieter gleich behandelt und niemand diskriminiert. „Die gesetzlichen Regularien sind natürlich für alle Interessenten identisch. Der Verkaufsprozess wird bis ins Jahr 2016 andauern.“

Greenpeace darf keine Spenden verwenden

Charme hat es allemal - falls Greenpeace es schafft, genügend Geld zu sammeln, um den Kauf zu stemmen. Denn Spendengelder darf die Organisation für einen solchen Kauf nicht einsetzen. Für den Deal müsste die Umweltorganisation also anderweitig Geld eintreiben. Ob das gelingt, ist fraglich.

So soll das deutsche Klimaziel erreicht werden
Energieeffizienz25 bis 30 Millionen Tonnen an Kohlendioxid (CO2) sollen durch mehr Energieeffizienz eingespart werden. Für diesen größten Einzelposten im Aktionsprogramm legte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) den „Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz“ (NAPE) vor. Ein Kernpunkt ist mehr Effizienz durch Gebäudesanierung, um den Verbrauch für Heizung und Warmwasser zu senken. Hier sollen mit Hilfe steuerlicher Anreize pro Jahr drei bis vier Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Quelle: dpa
StromerzeugungDie Regierung nimmt auch den Energiesektor in die Pflicht. Zwischen 2016 und 2020 sollen die Unternehmen zusätzlich 22 Millionen Tonnen CO2 einsparen – wie, bleibt ihnen selbst überlassen. Im Aktionsprogramm wird zudem das Ziel bekräftigt, den Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch bis 2025 auf mindestens 40 Prozent und bis 2050 auf 80 Prozent zu steigern. Die Kraft-Wärme-Kopplung soll ausgebaut werden. Quelle: dpa
Verkehr IDer Verkehrssektor soll ein Minus von sieben bis zehn Millionen Tonnen CO2-Ausstoß beitragen. Den größten Anteil soll nach Angaben aus Regierungskreisen die Ausweitung der künftig nach Energieverbrauch gestaffelten Lkw-Maut auf Fahrzeuge ab 7,5 Tonnen und ab 2018 auf alle Bundesstraßen bringen. Außerdem soll die Hybridtechnik bei Nutzfahrzeugen gefördert und der Schienengüterverkehr durch Beseitigung von Netzengpässen gestärkt werden. Regionalisierungsmittel für öffentliche Verkehrsmittel sollen erhöht und an Fahrgastzahlen sowie Emissionssenkung gekoppelt werden. Autofahrer sollen Gutscheine für Sprit-Spar-Trainings erhalten. Quelle: dpa
Verkehr IIAußerdem hält die Regierung an dem Ziel fest, den Marktanteil von Elektrofahrzeugen bis 2020 auf deutlich über eine Million Fahrzeuge zu erhöhen. Um das zu erreichen, ist im gewerblichen Bereich beispielsweise für Fuhrparks und Paketdienste die steuerliche Abschreibung vorgesehen. Bislang werden jährlich nur einige tausend E-Autos zugelassen. Quelle: dpa
Industrie, Gewerbe, AbfallwirtschaftAbfallvermeidung soll knapp zwei Millionen Tonnen CO2-Minderung bringen. Geplant ist ein neues Wertstoffgesetz statt der geltenden Verpackungsverordnung. In Kühlanlagen sollen besonders klimaschädliche Gase durch Verordnungen verdrängt werden. Das Äquivalent von mindestens minus zwei Millionen Tonnen CO2 soll die Minderung des Methanausstoßes von Deponien bringen, vor allem durch bessere Belüftung. Quelle: dpa
LandwirtschaftHier sollen 3,6 Millionen Tonnen eingespart werden. Strengere Regeln für den Einsatz von Düngemitteln sollen die Emissionen von Stickoxiden mindern – auch durch gasdichte Lagerung und bessere Ausbringungstechniken. Der Flächenanteil von Öko-Landbau soll erhöht, Grünland-Umbruch soll eingeschränkt und Moore sollen renaturiert werden. Quelle: dpa
Weitere MaßnahmenDaneben setzt das Umweltministerium auf neue Programme zur Förderung energiesparenden Verhaltens von Bürgern und Unternehmen und auf die Vorbildfunktion des öffentlichen Sektors. Auch Programme aus dem Bereich Forschung und Entwicklung sollen zur CO2-Minderung beitragen. Quelle: dpa

Allzu viel Geld dürfte es nicht sein, das die Umweltkämpfer für ihren Plan sammeln müssten. Greenpeace hat am Dienstag gleich eine Berechnung vorgelegt, wie viel das Braunkohle-Geschäft von Vattenfall noch wert ist. Auf weniger als eine halbe Milliarde Euro hat das Institut Energy Brainpool im Auftrag von Greenpeace den Barwert des Kohlegeschäfts bis zum Jahr 2030 berechnet. Der tatsächliche Wert, so Greenpeace, liege sogar noch darunter. Denn hohe Folgekosten für die Renaturierung der Tagebaue und den Rückbau der Braunkohlekraftwerke seien nicht einberechnet.

Greenpeace will sich über diesen Weg in die Debatte um den Verkauf der ostdeutschen Braunkohlekraftwerke von Vattenfall einbringen und eine Alternative zum Verkauf an die beiden anderen Interessenten vorschlagen. Interesse bekundet hatten der tschechische Energiekonzern CEZ und die EPH-Holding des tschechischen Oligarchen Daniel Kretinsky.

"Stiftungsmodell ist eine große Chance"

„Wir werden mit Vattenfall über die Übernahme reden“, sagt Annika Jacobson, Chefin von Greenpeace Schweden. Der staatliche Mutterkonzern solle den Verkauf der ostdeutschen Braunkohlekraftwerke an „Heuschrecken“, also Finanzinvestoren, oder an Kohlebetreiber stoppen. „Ein Stiftungsmodell ist eine große Chance, aus dem schmutzigen Braunkohlegeschäft eine erneuerbare Zukunft für die Lausitz und die Menschen dort zu machen“, sagt Jacobson. Greenpeace wolle die Verantwortung für den Klimaschutz, die Gesundheit der Menschen und einen Strukturwandel in der Lausitz übernehmen, wenn Vattenfall und die schwedische Regierung dies nicht tun, so die Greenpeace-Chefin.

Fakt ist: Braunkohle ist ein Auslaufmodell. Der Druck auf die Betreiber wird wegen der Energiewende und des Klimaschutzes immer größer. Der Bund hat sich vor einigen Monaten mit den Braunkohle-Konzernen RWE und Vattenfall auf eine „Klimareserve“ für einen Teil ihrer Braunkohlemeiler geeinigt.

Die sieht vor, dass die beiden Energiekonzerne einen Teil ihrer fossilen Kraftwerke für vier Jahre in eine Reserve einbringen und danach ganz stillgelegt werden. Dafür bekommen die Betreiber vom deutschen Staat eine Kompensation in dreistelliger Millionenhöhe. Die Verhandlungen über die genaue Summe, und welcher Betreiber wie viele Kraftwerke in diese Reserve einbringt, stehen kurz vor dem Abschluss.

Analysten gehen von Milliardenkosten aus

Der schwedische Konzern Vattenfall will seine dann noch übrig gebliebenen Braunkohlekraftwerke und die Tagebaugebiete in der ostdeutschen Lausitz schon schnell wie möglich verkaufen. Wegen der Unsicherheit über die Zukunft der Braunkohle in Deutschland rechnen Experten nur mit einem niedrigen Preis – so niedrig, dass ihn offenbar sogar Greenpeace stemmen könnte. Analysten hatten den Wert der Vattenfall-Braunkohlesparte allerdings höher berechnet, als das die Greenpeace-Studie kalkuliert. Analysten kamen auf zwei bis drei Milliarden Euro.

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Wegen der gefallenen Großhandelspreise für Strom unterliegt das Geschäft mit der fossilen Stromerzeugung allerdings großen Schwankungen. Erst vor wenigen Monaten hatte Vattenfall 1,6 Milliarden Euro auf das Braunkohlegeschäft abgeschrieben. Die Konzernspitze sucht nach weiteren Einsparmöglichkeiten.

Der Zeitpunkt für die Initiative von Greenpeace ist gut gewählt. Schweden rühmt sich damit, als einer der wenigen Länder schon bald ganz aus der fossilen Energieerzeugung auszusteigen. Da passt es den Schweden kurz vor dem Klimagipfel in Paris Anfang Dezember gar nicht, in Deutschland weiterhin an der klimaschädlichen Kohleverstromung festzuhalten. Auch der Weiterverkauf an andere fossile Energieerzeuger passt nicht ins klimafreundliche Schwedenimage. Jetzt ist Vattenfall am Zug.

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