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Klimaschutz Wie der Klimawandel politisch ausgeweidet wird

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Ex-US-Vizepräsident Al Gore Quelle: AP

Das Ergebnis ist ein halbwissenschaftliches Klimabewusstseinskartell, das uns mit zunehmend halsbrecherischen Zahlenspielen traktiert. Bei den Vereinten Nationen ist „bereits jetzt“ von „jährlich 315 000 Klimatoten“ die Rede; das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung wiederum beziffert die Anpassungskosten eines ungebremsten Klimawandels bis 2100 auf 2200 Milliarden Euro. Noch Fragen? Was, bitte schön, soll dieser Quatsch?

Wenn es wirklich noch eines Beweises dafür bedurft hätte, dass der kontinuierliche Erkenntnisfortschritt in den Wissenschaften ein Mythos ist – die „Klimaforschung“ hat ihn erbracht. Die Folgen ihres frommen Bekenntniszwangs zeugen von antiaufklärerischer Unreife: Symbolpolitik (Glühbirnenverbot), mediale Panikproduktion („Klimakriege“), religionsästhetische Selbstreinigungsrituale („Mein ökorrekter Weihnachtsbaum“). Tatsächlich nimmt der allgemeine Infantilisierungseifer mittlerweile beängstigende Züge an. Man stößt auf eine junge Forscherin, die sich damit brüstet, ihre CO2-Emissionen von 17 auf 7 Tonnen „runtergehungert“ zu haben, und frech behauptet, sie könne ihren Flug nach San Francisco mit der Zahlung von 150 Euro „neutralisieren“. Man stößt auf ein Unternehmen wie Puma, in dessen Kantine die Mitarbeiter einmal die Woche auf den Verzehr von Rindfleisch verzichten – und man stößt auf Verbraucher, die neuerdings auf den Sprudel im Wasser verzichten, weil sie beim „Zzzisch“ ein schlechtes Gewissen kriegen.

Leider ist das alles nicht witzig, sondern gefährlich – und zynisch. Der „Klimawandel“ ist – schlag’ nach bei Foucault – zur Erzählung einer Metakrise verkommen, zu einer „gouvernementalen Vernunftmacht“, die anderen Themen die Diskussionsgrundlage entzieht, ja: ihren Eigenwert raubt. Eine „gute Ernährung“ ist wegen des ökologischen Fußabdrucks nicht mehr Vollkornbrot, Fisch und „fünfmal täglich Obst und Gemüse“, sondern Kraut und Rüben vom Bauern nebenan. „Mobilität“ wirft aus Gründen des „strategischen Konsums“ nicht mehr die Frage auf, warum man sich als Strandtourist ausgerechnet in Thailand in den Sand schmeißt, sondern wie man sich von der Klimasünde freikaufen kann, um „die schönsten Wochen des Jahres“ unbeschwert zu genießen. „Gefahr“ geht in der neuen Narration der Ökokatastrophe von ineffizient verbrannter Kohle aus – und nicht mehr ganz so sehr vom Super-GAU in einem Kernkraftwerk. Schließlich: Das Milleniumsziel für die Halbierung des „Hungers“ kann hier und heute grandios verfehlt werden – Hauptsache, wir retten bis 2050 den Globus.

Klimawandel als Sehnsuchtsort der Nation

Die soziale Bedrohung des „Klimawandels“ liegt darin, dass er das Fernstenleid, auf das einst nur die Linke Anspruch erhob, um immer der moralische Sieger zu sein, in der Mitte der Gesellschaft verankert hat – eine Gelegenheit, die sich die Politik nicht entgehen lässt. Sie macht sich die definitorische Unschärfe des „Klimawandels“ so lustvoll zunutze, dass seine Karriere im politischen Diskurs sogar die der „sozialen Gerechtigkeit“ überflügelt. Die Medienkanzlerin Merkel weiß sehr genau, dass die Zustimmung zu ihrer Politik mehr denn je von der Wahrnehmung abhängt, sie erziele einen klugen Ausgleich von nationalen und globalen Interessen. Sie hat Deutschland so erfolgreich die „Vorreiterrolle“ beim „Klimawandel“ verschafft, dass diese Vorreiterrolle in der breiten Öffentlichkeit überhaupt nicht mehr infrage gestellt wird. Auf diese Weise ist der „Klimawandel“ zu einem Sehnsuchtsort der Nation geworden; zu einem Spiegel des „guten Deutschland“, in den man mit narzisstischer Genugtuung blickt – dank Merkel.

Etwas prosaischer sieht die Wirklichkeit im politischen Alltagsgeschäft aus. Eben weil der Klimawandel als alttestamentarische Bedrohung gedeutet wird und uns mit der Rettung des Planeten zugleich die Möglichkeit einer nachschöpferischen Großtat einräumt, produziert er ein Sehnsuchtsbedürfnis, das der Politik seine Bearbeitung nach Lage der Volksbefindlichkeit erlaubt. Es wundert daher nicht, dass der „Klimawandel“ in China anders aufgefasst wird als in den USA, dass die Klimaziele weit auseinander liegen – und dass das Thema in Deutschland besonders dramatische Züge annimmt. Der neue Umweltminister ist ja sogleich dazu übergegangen, seine Reden eschatologisch zu durchsäuern, indem er „die existenzielle Dimension“ des Klimawandels beschwört, falls das Zwei-Grad-Ziel als Obergrenze der Erderwärmung nicht erreicht werde – und weil er nicht in „die Gesichter von Menschen“ blicken will, „die kein Wasser mehr finden und sterben“. Abgesehen davon, dass ausgerechnet der Zugang zu sauberem Trinkwasser sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten dramatisch verbessert hat: Welche Endzeitbilder werden Norbert Röttgen durch den Kopf gehen, wenn die „Trendwende bis spätestens 2020“ noch nicht ganz vollzogen sein sollte – und es doch drei Grad werden? Man möchte es sich lieber nicht ausmalen.

Was die Klimaapokalytiker nicht verstehen: Der Klimawandel verträgt keine Panik; er braucht Zuversicht; er zwingt uns nicht zur Umkehr, sondern fordert unsere Vernunft heraus. Vor allem aber muss er von den Menschen bewältigt werden, die ihn verursachen – und das sind nun mal wohlstandsverwöhnte Individualkonsumenten. Es hilft nicht, diese Menschen katastrophenfürchtig vor sich herzutreiben und sie vom kapitalistischen Steigerungsspiel abbringen zu wollen, im Gegenteil: Die Innovationskraft des Kapitalismus zeigt sich doch darin, dass unser Geld seit Jahren nicht mehr nur auf sich selbst und irdische Ressourcen zugreift, sondern zunehmend erfolgreich auch auf unser Gewissen und unsere Moral.

Entsprechend liegt der „tipping point“ für das Weltklima, das Datum, an dem sich die Rettung der Welt entscheidet, nicht im Jahre 2020 – sondern bereits zwei Jahre zurück. 2007 einigten sich die G8-Länder in Heiligendamm, ihren CO2-Ausstoß bis 2050 zu halbieren. 2007 wurde der Weltklimarat mit dem Nobelpreis geehrt – und 2007 spielte Gores Oscar-prämierter Film „Eine unbequeme Wahrheit“ rund 50 Millionen Dollar ein. Der Klimawandel steht seither unumkehrbar auf der politischen Tagesordnung – und wird dort erfolgreich bearbeitet. Was er jetzt braucht, ist nicht seine ideologisch-gefühlige Zurüstung, sondern unser kritisch-vernünftiges Selbstver-trauen, ihm entschlossen zu begegnen – und seine Folgen zu begrenzen.

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