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Kritische Infrastruktur vor der Omikron-Welle „Die Infizierten-Schicht könnte das gesamte Netz steuern“

Kritisch: Vom Home Office aus lässt sich das Netz nicht überwachen. Leitstellen sind vom Internet abgeschottet, zum Schutz vor Cyber-Attacken. Quelle: imago images

Was, wenn Omikron die Belegschaft der kritischen Infrastruktur beutelt? Der Energiekonzern EnBW plant für den Notfall mit Schichten von Infizierten. Netze-BW-Betriebsleiter Richard Huber über Leitstellen, Kasernierung – und Impfgegner.

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WirtschaftsWoche: Die Weltgesundheitsorganisation warnt, dass sich bis März halb Europa mit der Omikron-Variante infizieren könnte. Macht Ihnen das Angst?
Richard Huber: Dienstlich nicht. Im Krisenmanagement ist Angst grundsätzlich ein schlechter Ratgeber.

Sie sind Leiter des Netzbetriebs der EnBW-Tochter NetzBW, kümmern sich um Strom- und Gasnetze. Warum gehören Krisen bei Ihnen zum Alltag?
Ich bin für das Netz in unserem gesamten Versorgungsgebiet zuständig, für alle Spannungs- und Druckstufen mehr oder weniger in ganz Baden-Württemberg. Wir halten die Netze instand, entstören, organisieren Bereitschaften, halten Reparaturtrupps vor. Und ich bin für die fünf Leitstellen zuständig, also die Stellen, wo Menschen vor großen Bildschirmen sitzen und das System überwachen und steuern. Kurz: Wenn irgendwo das Licht ausgeht, kommen meine Leute und machen’s wieder an.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie?
In meinem Bereich Netzbetrieb sind wir 1300 Mitarbeiter, 800 Mitarbeiter davon sind direkt damit beschäftigt, kritische Infrastrukturen 24/7 zu betreiben.

(Lesen Sie auch: Diese Firmen entwickeln die wirksamsten Anti-Omikron-Medikamente)

Richard Huber, 55, ist Leiter des Netzbetriebs der Netze BW. Quelle: Presse

Angst, sagten Sie, hilft nicht. Aber was hilft dann gegen die Omikron-Welle?
Vorbereitung und eine genaue Einschätzung: 50 Prozent Infizierte, das hört sich zunächst erschreckend an. Aber bis Mitte März ist es noch lange hin. Wir müssen, wie immer bei dieser Krise, solche Zahlen schnell reflektieren und bewerten. Was heißt das? Verschleift sich das? Es werden nicht alle 50 Prozent gleichzeitig krank sein. Und dann kommt es in Größenordnungen, die wir schon seit Anfang Dezember erwarten und auf die wir uns vorbereitet haben.

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    Sie gehören seit Anfang 2020 auch zum EnBW-Corona-Krisenstab. Der sieht ein Notfallszenario vor, bei dem infizierte, symptomfreie Mitarbeiter in einer Schicht zusammenarbeiten. Wie soll diese Omikron-Schicht genau funktionieren?
    Der Plan stammt aus dem Jahr 2020. Damals schon haben wir erkannt, was heute noch gilt, dass nicht jeder infizierte Mitarbeiter arbeitsunfähig ist. Deshalb kann es sinnvoll sein, bei Bedarf auch infizierte Mitarbeiter ohne Symptome einzusetzen. Ganz wesentlich ist allerdings, dafür Sorge zu tragen, dass andere sich nicht infizieren. Mittlerweile tun wir uns allerdings leichter mit solchen Überlegungen, weil der Gesetzgeber eine größere Offenheit gegenüber solchen Plänen zeigt. In Baden-Württemberg gibt es eine Verordnung, die den Einsatz von Infizierten möglich macht.

    Wie viele Leute arbeiten in den Leitstellen in einer Schicht?
    Das ist unterschiedlich. Tagsüber mehr als nachts, zwischen vier und acht Mitarbeitern.

    Und wie würden Sie das mit den Infizierten genau handhaben?
    Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Leitstellen machen täglich vor Dienstantritt einen Selbsttest. Wenn jemand infiziert ist, kriegen wir das auf jeden Fall zeitnah mit. Wenn wir merken, dass wir die Schichten nicht mehr zusammen bekommen und in einen Infizierten-Schicht-Rhythmus rein müssen, dann würden wir im ersten Schritt einzelne Plätze für infizierte, aber arbeitsfähige Kolleginnen und Kollegen separieren. Dann werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angesprochen. Der und der und der macht das. Wie das funktionieren kann, ist mit dem arbeitsmedizinischen Dienst genau abgestimmt. Der nächste Schritt wären rein infizierte Schichten.

    Dann treffen Gesunde zwangsläufig auf Infizierte?
    Nicht zwangsläufig. Wir müssen schon klären: Habe ich gemischte Schichten oder habe ich rein infizierte Schichten. Je nachdem würden wir die Übergabe anders organisieren. Wenn ein Nichtinfizierter einen Infizierten ablösen würde in der Schicht, dann würde die Übergabe komplett ohne Begegnung erfolgen. In der nächsten Stufe – also bei Infizierten-Schichten – würden wir übrigens auch das Tagesgeschäft zurückfahren und Notleitwarten beziehen.



    Also eine Notleitwarte statt fünf Leitstellen, gesteuert auch von einer Infizierten-Schicht?
    Das wäre eine extreme Option. Von dieser Warte aus könnte die Infizierten-Schicht das gesamte Netz steuern. Wir können aber auch Restschichten in den anderen Warten ergänzen.

    Warum müssen Ihre Mitarbeiter in den Leitstellen vor Ort sein? Können die nicht von zu Hause aus steuern, übers Internet?
    Die Leitstellen sind nicht mit dem Internet verknüpft, das sind die am besten abgeschotteten Systeme, die wir haben. Das ist kritische Infrastruktur! Es ist völlig undenkbar, dass sich jemand von daheim übers Internet in die Leitstelle einloggt.

    „Wir haben alles eingelagert, bis hin zum Essen“

    Wie haben Ihre Mitarbeiter darauf reagiert, als Sie gesagt haben: Leute, im Zweifelsfall müssen wir euch infiziert reinholen?
    Das muss man natürlich erklären. Aber wer bei uns in einer Leitwarte Schicht macht, der weiß, was von seinem Job abhängt. Alle kennen ihre Verantwortung. Es gibt eine Offenheit für besondere Situationen und Notwendigkeiten. Natürlich gibt es Fragen, und natürlich beziehen wir den Betriebsrat mit ein. Unsere Verantwortung als Krisenstab ist es, saubere, sichere Konzepte zu entwickeln.
    Und dann meldet man sich als Infizierter freiwillig?
    So lange das möglich ist: Ja.

    Wie? Solange das möglich ist? Im Notfall würden Sie Infizierte auch verpflichtend reinholen?
    Dafür braucht es eine rechtliche Handhabe. Erst wenn die Landesregierung die rechtlichen Voraussetzungen schafft, geht das.



    Andere Unternehmen planen eine Kasernierung von Schichten. Machen Sie das auch?
    Mal abgesehen von der erheblichen psychischen Belastung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ihrer Angehörigen, ist es prinzipiell in einer Pandemie keine gute Idee, Leute in engen Räumen zusammenzubringen. Von dieser Maßnahme haben wir bisher abgesehen und haben es derzeit auch nicht geplant. Aber auch für eine solche Maßnahme wären wir grundsätzlich gerüstet, auch schon vor der Pandemie. Wir haben alles eingelagert, bis hin zum Essen. Das ist gerade im Bereich kritischer Infrastrukturen selbstverständlicher Teil der Vorbereitung auf potenzielle Krisen.

    Was macht sie so optimistisch, dass der ganz große GAU ausbleibt?
    Bezogen auf die Handlungsfähigkeit, das Wissen, dass infizierte Mitarbeiter nach der neuen Quarantäne-Regelung auch wiederkommen – und zwar nach sieben Tagen.

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      Haben Sie eigentlich auch Impfgegner unter Ihren Mitarbeitern?
      Ja, die gibt es auch. Wir arbeiten sehr eng zusammen hier, irgendwann kommt das zur Sprache. Aber ich bin ein großer Freund des Prinzips 'leben und leben lassen'. Auch wenn ich's nicht immer verstehe: Es steht jedem zu, seine eigenen Ansichten zu vertreten. Und mit dieser Haltung begegne ich auch meinen Mitarbeitern. Sie dürfen nur nicht andere von der Arbeit abhalten.

      Das heißt, Sie als Chef sagen dann nicht: Du gefährdest unser aller Stromversorgung?
      Geht ja gar nicht. Nein, ich organisiere das Drumherum, das ist meine Pflicht. Wir als Führungskräfte dürfen keine Barrieren bauen, wir müssen zugänglich bleiben. Meine Erfahrung ist: Es gibt einfach Menschen, die erreichen wir nicht mit Argumenten. Und die brauche ich trotzdem.

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      Sie wirken, ganz der Krisenmanager, sehr gelassen. Mit welchem Gefühl blicken Sie denn jetzt den nächsten Wochen entgegen?
      Wir sind mit unseren Erfahrungen aus der Pandemie und mit unseren Maßnahmen gut aufgestellt. Wir beobachten jetzt genau, was passiert, und haben ein tägliches Reporting zu den Krank- und Quarantänemeldungen aufgesetzt. Wir sehen sofort, wenn die Zahlen nach oben gehen – vor allem im betriebsnotwendigen Bereich. Und dann sind wir vorbereitet.

      Mehr zum Thema: Die Betreiber kritischer Infrastrukturen sorgen vor, um ihr Personal trotz Omikron-Welle einsatzfähig zu halten. Letzter Ausweg: „Kasernierung des Schichtpersonals“.

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