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Lebensmittel Wie gut ist Bio wirklich?

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Kartoffel Quelle: dpa

Die Ergebnisse solcher Berechnungen wollen manche Unternehmen sogar als Klimasiegel auf die Verpackung drucken. Vorreiter ist Tesco, die größte Supermarktkette Großbritanniens. Sie kündigte Ende 2007 an, mehr als 70 000 Produkte mit einem Klima-Fußabdruck kennzeichnen zu wollen – von der Glühbirne bis zur Kartoffel. Tatsächlich sind aber erst 120 Produkte gekennzeichnet. Denn die Analyse ist alles andere als trivial. 

So muss über den gesamten Lebensweg eines Liters Orangensaft vom Anbau, über das Ernten, Pressen, Abfüllen, Transportieren und Entsorgen der Verpackung akribisch erfasst werden, ob und in welcher Menge das Klima belastet wird.

Wie komplex die Berechnung solch eines Fußabdrucks ist, fällt vor allem Lebensmittelherstellern auf, die Fertiggerichte mit einer Vielzahl von Zutaten herstellen, etwa Frosta aus Bremerhaven, einem der größten Tiefkühlkosthersteller Europas.

Frosta testete seine Nudel-Lachs-Sahnesoße-Kreation „Tagliatelle Wildlachs“. Am Ende der Rechnerei war klar, dass bei den Rohstoffen der Fang des Lachses zusammen mit dem Anbau der Möhren oder des Weizens für die Nudeln weit weniger zu Buche schlug als Sahne und Crème fraîche: Obwohl die Milchbestandteile nur 14 Prozent im Fertiggericht ausmachen, sind sie für fast 73 Prozent der Emissionen verantwortlich. Der Grund: Die Tierhaltung hat generell einen höheren Ressourcenverbrauch als das Ernten von Feldfrüchten oder Obst.

Es gäbe aber auch eine einfachere Faustformel: Mit jeder Verarbeitungsstufe eines Lebensmittels verschlechtert sich die Ökobilanz. So hat nach Untersuchungen des Ökoinstituts Darmstadt eine Biokartoffel einen geradezu babyhaften CO2-Fußabdruck von 138 CO2-Äquivalenten. Als Trockenpulver für Kartoffelpüree ist der Abdruck schon ausgewachsene 3354 Einheiten groß. Und in Form von Pommes aus der Tiefkühltruhe ist die Klima-Fußspur riesenhaft: 5568 Einheiten, das ist 40 Mal so viel wie im Rohzustand. Egal also, wie groß das Biosiegel auf der Pommes-Packung leuchtet, nachhaltig sind Tiefkühl-Pommes nie.

Ist Bio massentauglich?

Um die wachsende Nachfrage zu befriedigen, muss sich die Biowirtschaft industrialisieren. Doch dieser Strukturwandel birgt Gefahren. Heinrich Tiemann, der Gründer des gleichnamigen Biogeflügelhof-Imperiums, zeigt, wie es gehen kann. Er stellte seinen Geflügelhof schon vor Jahren auf Bio und Freilandhaltung um. Heute führt er einen Großbetrieb, der pro Jahr 150 Millionen Eier ausliefert.

Seine Hühner sind nicht mit 20 oder 30 Tieren unterwegs wie auf dem Ferienbauernhof, sondern pro Gruppe mit gut 3000 Tieren. Doch während ihres kurzen Lebens haben sie alles, was sie brauchen: Freiraum, um sich zu bewegen.

Mit einer Hühnerhofidylle, wie manche Menschen sie im Kopf haben, hat das wenig zu tun. „Wenn ich 300 Hühner halten würde und die Eier mit dem Korb einsammle, dann kann ich nicht nachmittags von Rewe eine Bestellung entgegennehmen und am nächsten Morgen alle Rewe-Frischezentren in ganz Deutschland beliefern“, sagt Tiemann.

Wenn Bioqualität bei Lebensmitteln kein Nischenmarkt bleiben solle, dann müssten die Strukturen auch entsprechend aufgebaut sein.

Der Nachteil der Bioindustrialisierung – neben Transportwegen, Kühlketten und Flächenverbräuchen – aber ist, dass die Dinge unübersichtlich werden. Falsch deklarierte Ware, Pestizide im Gemüse und Dioxin in Eiern: Mit solchen Schweinereien waren bislang eher Verbraucher konventioneller Lebensmittel konfrontiert.

So hatte der italienische Schweinemäster Paolo Zaccardi bis vor wenigen Monaten Fleisch, Würste und Schinken von angeblich glücklichen Bioschweinen unter der Marke „Il Mazzocchino“ in großem Stil nach Deutschland verkauft. Die biobegeisterten Kunden der Handelshäuser Dennree und Alnatura zahlten gut das Doppelte des üblichen Preises für die Produkte der im Freiland gehaltenen Tiere.

Doch dann flogen die Würste aus dem Sortiment. Es stellte sich heraus, dass Zaccardi alle betrogen hatte und schon lange nicht mehr nach Biostandards produzierte. Das Biozertifikat des Herren der angeblich glücklichen Bioschweine wurde in Italien längst einkassiert. Die deutschen Behörden aber wussten davon nichts.

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