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Lebensmittel Wie gut ist Bio wirklich?

Der Biohype ist der Sieg des Guten - glauben viele. Aber stimmt das überhaupt? Sind Bioäpfel aus Neuseeland wirklich nachhaltig, arbeiten deutsche Biobäcker nachhaltiger als ihre traditionellen Kollegen? Vor allem aber: Können wir mit Bio die ganze Welt ernähren? Eine Feldanalyse.

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Ehepaar Hannen Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Es rollt wieder eine Modewelle über das Land. Vor allem in den gutbürgerlichen Szenevierteln der Großstädte eröffnen immer neue Restaurants, die Besucher mit Wassermelonen-Tomaten-Suppe, Tofu-Burger auf Wirsingbett oder Nudeln mit Fenchel-Orangen-Sauce locken. Bücher von Starschreibern wie dem Amerikaner Jonathan Safran Foer oder Autorin Karen Duve, die eine Ernährung ohne Wurst und Steak propagieren, erobern die Bestsellerlisten. Selbst Mc Donald’s hat die Welle erfasst: Jeden Monat verkauft die Fast-Food-Kette rund 2,2 Millionen Veggie-Burger.

Dabei ist die Fleischlos-Welle nur die radikalste Variante der sich ausbreitenden Ökokost-Bewegung. Der Umsatz mit Bioware hat sich in Deutschland laut dem Kölner Institut für Handelsforschung in zehn Jahren von weniger als zwei Milliarden Euro auf 5,6 Milliarden Euro verdreifacht. Mittlerweile kommt kein Supermarkt mehr ohne Biokost-Ecke aus.

Der Biohype, so meinen viele, sei der Sieg des Guten. Aber stimmt das überhaupt? Ist Bio wirklich immer besser – auch wenn Bioäpfel aus Neuseeland kommen? Wie nachhaltig ist Bio wirklich? 

Auf dem Papier widersprechen sich Bio und Nachhaltigkeit zunächst nicht per se. Laut EU-Verordnung signalisiert das Bio-Siegel, dass Landwirte kaum Pestizide eingesetzt haben und dass die Zutaten von verarbeiteten Bioprodukten zu 95 Prozent aus dem Ökolandbau stammen. Unter Nachhaltigkeit wiederum verstehen Fachleute eine Produktionsweise, bei der Ressourcen wie Rohstoffe und Flächen nur so stark beansprucht werden, wie sie sich regenerieren. So viel zur Theorie.

Die Praxis ist komplexer. Die wichtigste Aufgabe der Branche ist es, alle Menschen zu ernähren – Bio hin, Nachhaltigkeit her. Doch das, so viel ist klar, wird mit reiner Biolandwirtschaft schwierig. Weltweit nämlich ist die Fläche, die landwirtschaftlich genutzt werden kann, ein knappes Gut. Mit dem Run auf nachwachsende Rohstoffe für die Herstellung von Biotreibstoff verschärft sich die Platznot noch.

Macht Bio alle satt?

Trotz der in Deutschland schon weit entwickelten Anbaumethoden der Biobauern, ringen konventionell wirtschaftende Landwirte ihren Böden und Tieren deutlich höhere Erträge ab: Sie ernten 6700 Kilogramm Weizen je Hektar. Biolandwirte dagegen fahren mit 3800 Kilo nur fast halb so viel in die Scheune, so der Agrarbericht der Bundesregierung.

Das mag heute noch reichen – in Zukunft wohl nicht mehr. In einer Studie im Auftrag der britischen Regierung haben 400 Experten aus 35 Ländern die Lage analysiert: „Wir müssen in den nächsten 20 Jahren die globale Nahrungserzeugung um 40 Prozent steigern und brauchen 30 Prozent mehr Trinkwasser“, warnt John Beddington, Forscher am Imperial College in London und wissenschaftlicher Berater der Regierung.

Denn die Weltbevölkerung wachse von heute sieben auf acht Milliarden Menschen 2030. 2050 sollen es neun Milliarden sein. Dabei ist das Essen heute schon knapp. Weltweit hungert eine Milliarde Menschen. Künftig muss die Getreideproduktion von 2,1 auf 3,0 Milliarden Tonnen steigen, hat die Welternährungsorganisation berechnet.

Die Ernährungsexperten sehen Schwierigkeiten, dieses Ziel zu erreichen. Denn seit Jahren gelingt es den Landwirten immer weniger, ihren Feldern steigende Ernten abzuringen. Wuchsen die Erträge je Feld Anfang der Sechzigerjahren noch um jährlich 3,2 Prozent, sind die Zuwächse inzwischen auf 1,5 Prozent abgesackt.

Um die Landwirtschaft für die Zukunft effizienter zu machen, regen Forscher wie Beddington deshalb dringend an, mehr Geld in die Agrarforschung zu stecken und auch die umstrittene Gentechnik auf dem Acker nicht weiter zu tabuisieren. Sie könnte eines Tages den Anbau von Pflanzen etwa in bisher kaum nutzbaren, sehr trockenen Gebieten möglich machen.

Heinrich Tiemann Quelle: Gerrit Meier für WirtschaftsWoche

Bisher sind Bioprodukte oft wesentlich teurer. Kunden zahlen mitunter einen Preis, der den zusätzlichen Aufwand kaum zu rechtfertigen scheint. So kassieren Biobauern laut dem Agrarbericht der Bundesregierung mehr als 20 Euro je 100 Kilogramm Weizen. Die Traditionslandwirte hingegen nehmen mit 9,80 Euro nicht einmal halb so viel ein. Dabei sind gerade jetzt, wo weltweit die Nahrungsmittelpreise in die Höhe schießen, Millionen Menschen auf erschwingliches Öl, billigen Reis und bezahlbares Getreide angewiesen. Die Sorge einiger Experten: Eine Umstellung auf teure Bioproduktion könne Menschen in die Armut treiben.

Für Praktiker wie Christian Hiß, den Gründer der Regionalwert AG in Freiburg, die Biobauern und Bioläden in der Region finanziert, ist das eine Milchmädchenrechnung. Denn die Preise für Bioprodukte ließen sich nicht einfach von Deutschland auf Afrika oder Asien übertragen, sagt der Biogemüsebauer, der selbst mehrfach in Westafrika war. Was hierzulande den Bioanbau teuer macht – die viele Handarbeit – ist dort gerade kein Problem: „Dort fehlt es an Finanzmitteln, nicht aber an Arbeitskräften.“

Ist Bio gesünder?

Preis hin oder her, ein wichtiger Faktor für Nachhaltigkeit ist die Gesundheit der Kunden. In Sachen Geschmack, Vitamine oder Keimbelastung schneiden die vermeintlich bessern Biobestseller aber oft kaum besser ab als ihre traditionell hergestellten, oft wesentlich billigeren Pendants. Das belegte Stiftung Warentest vor einigen Monaten in einer groß angelegten Studie.

Biorapsöl ist so ein Fall: Es schmeckte oft holzig-strohig oder sogar ranzig. Die Test-Experten vermuten, dass die empfindliche Rapssaat bei Ernte oder Lagerung im Biobetrieb Schaden nimmt. Und wer Biofischstäbchen kauft, hat in der Regel den asiatischen Zuchtwels Pangasius statt frei gefangenen Seelachs zwischen der Panade. Das ist zwar für die bedrohten Seelachsbestände hilfreich, schmeckt aber – wie jeder Wels – ein wenig modrig.

Dass Bioware wie Milchprodukte oder Würstchen schneller verderben oder mit krankmachenden Keimen belastet sind, war Anfangs bei Bioprodukten ein Problem. Heute sind sie laut Stiftung Warentest ebenso gut wie konventionell und großtechnisch gefertigte Waren.

Besser schneidet Bio vor allem bei der Belastung mit Pflanzenschutzmitteln ab: Hier haben die Tester 61 biologische Produkte mit 255 konventionellen verglichen. Die Bilanz: In 75 Prozent der Bioware waren keinerlei Pestizide nachweisbar. Dagegen wurden sie in 84 Prozent der herkömmlichen Lebensmittel fündig. Dieses Gift wollen die Bioapologeten auf keinen Fall auf dem Teller haben.

Sie müssten daher dem Bauernpaar Petra Graute-Hannen und Heinrich Hannen eigentlich die Tür einrennen. Die Hannens führen den Lammertzhof in der Nähe von Düsseldorf. Und in ihrem Hofladen haben sie das größte Ökosortiment der Region: 50 Sorten Gemüse und Kräuter und Eier aus Freilandhaltung. Doch die beiden müssen sich sehr um Kunden bemühen.

Der Grund: Sie verkaufen nur regionale und saisonale Produkte. Viele Kunden wollen aber das ganze Jahr über Äpfel, Nektarinen, Tomaten oder Brokkoli haben, so wie sie es vom Lebensmittelmarkt gewohnt sind. Oft sei den Menschen überhaupt nicht klar, dass ein Landwirt nur das anbieten kann, was gerade wächst, sagt Graute-Hannen. Viele Kunden gehen daher lieber in den Supermarkt mit großer Bioauswahl: Laut der Gesellschaft für Konsumwirtschaft kaufen die Deutschen bereits 60 Prozent ihrer Biolebensmittel bei Aldi, Basic & Co. – Tendenz steigend.

Was dort aber auf der Theke liegt, ist schon lange nicht mehr das, wofür Bio einst stand: ein nachhaltig produziertes Produkt aus der Region. Heute warten auf die Kunden Bioäpfel aus Neuseeland, Garnelen aus Ecuador und Kiwis aus Südafrika.

Christian Hiß Quelle: Christian Schnur für WirtschaftsWoche

Aber wie nachhaltig ist es wirklich, wenn wir Äpfel importieren, die auf der anderen Seite der Welt geerntet wurden? Die Antwort ist überraschend.

Der Obstforscher Michael Blanke von der Universität Bonn ist dafür eigens nach Neuseeland gereist und hat sich dabei zahlreiche Fragen gestellt: Wie viele Äpfel wachsen hier pro Hektar? Wie viel Energie schlucken Transport und Düngemittelherstellung? Blanke rechnete sogar den Spritverbrauch des Lastwagens aus, der den Apfel vom Hafen bis in den Supermarkt im Ruhrgebiet fährt.

Anschließend nahm er sich nach dem gleichen Prinzip einen Apfel aus dem Rheinland vor, der im Herbst gepflückt, fünf Monate in einem Kühlhaus lagert und im April im Supermarkt landet. Welcher Apfel hat das Klima stärker belastet? 

Die Frucht aus Übersee verliert – aber nur knapp. Sie belastet das Klima nicht um ein Vielfaches mehr, wie lange behauptet wurde: Für Import und Produktion werden nur ein Drittel mehr Kohlendioxid ausgestoßen als für den in Deutschland gekühlten Apfel.

Dieser Vorteil aber ist oft schon dann futsch, wenn die Kunden die durchschnittlichen drei Kilometer zum Supermarkt mit dem Auto zurücklegen. Wer also das Klima schützen und dennoch im Winter Bioobst essen möchte, kann das mit ruhigem Gewissen tun. Er muss nur das Fahrrad zum Supermarkt nehmen.

Wie umweltfreundlich ist Bio?

Die industrielle Landwirtschaft hat allerdings ihren Preis. Die Bauern versprühen tonnenweise Pflanzengifte und Kunstdünger auf ihren Feldern. Das steigert den Ertrag. Doch es schade zugleich Pflanzen und Tieren, sagt Biologin Christa Liedtke, die am Wuppertal Institut die Arbeitsgruppe nachhaltiges Produzieren und Konsumieren leitet. Zudem belaste es das Grundwasser.

Das schweizerische Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL) hat das in einer Vergleichsstudie zwischen der biologisch erzeugten Murauer Bergbauernmilch und herkömmlicher Milch genauer untersucht: Die Flächen, auf denen die Biokühe ausgiebig weideten, waren sehr viel reicher an Vögeln, Amphibien und Schmetterlingen.

Auch was den Erhalt von fruchtbaren Böden betrifft, liegt Bio vorn. Denn hier wird nicht so tief gepflügt, was vor Erosion und Bodenverdichtung schützt. Weil die im Boden lebenden Tiere das Erdreich auflockern und wie in einem riesigen Komposthaufen fruchtbar halten, sparen die Biobauern dabei teuren Dünger ein.

Die ökologisch bewirtschafteten Böden binden wegen ihres höheren Humusgehalts zudem je Hektar 35 bis 50 Tonnen mehr CO2 als konventionelle Böden. Je Fläche setzen sie damit deutlich weniger Treibhausgase frei.

Daher schneidet Bio in Sachen Klima besser ab als die klassische Landwirtschaft. Das beginnt schon damit, dass die Biobauern weniger Stickstoffdünger einsetzen. Denn allein zur Herstellung des für den Dünger benötigten Ammoniaks werden pro Tonne etwa fünf Tonnen CO2 in die Atmosphäre geblasen. Damit nicht genug: Zudem entsteht durch Verwendung von Stickstoffdünger klimaschädliches Lachgas – nach Expertenschätzungen zwischen 1 und 3 Tonnen je 100 Tonnen Dünger. Das Fatale daran: Lachgas ist 295 Mal schädlicher für das Klima als CO2.

Allerdings müssen Biobauern auch öfter über die Äcker fahren, um Unkraut zu entfernen oder neuen Dünger fein dosiert zu streuen – was ebenfalls Treibhausgase freisetzt und den CO2-Fußabdruck versaut. Damit wird die Klimarelevanz eines Produkts erfasst, indem sämtliche Klimagase wie CO2, Methan, Lachgas oder Stickoxid in sogenannte CO2-Äquivalente umgerechnet werden. Bricht man so die Emissionen auf jedes einzelne Produkt herunter, ziehen die Traditionslandwirte jedoch fast wieder gleich mit ihren Biopendants, weil sie etwa in Deutschland auf jedem Quadratmeter 76 Prozent mehr Weizen und 56 Prozent mehr Kartoffeln ernten.

Kartoffel Quelle: dpa

Die Ergebnisse solcher Berechnungen wollen manche Unternehmen sogar als Klimasiegel auf die Verpackung drucken. Vorreiter ist Tesco, die größte Supermarktkette Großbritanniens. Sie kündigte Ende 2007 an, mehr als 70 000 Produkte mit einem Klima-Fußabdruck kennzeichnen zu wollen – von der Glühbirne bis zur Kartoffel. Tatsächlich sind aber erst 120 Produkte gekennzeichnet. Denn die Analyse ist alles andere als trivial. 

So muss über den gesamten Lebensweg eines Liters Orangensaft vom Anbau, über das Ernten, Pressen, Abfüllen, Transportieren und Entsorgen der Verpackung akribisch erfasst werden, ob und in welcher Menge das Klima belastet wird.

Wie komplex die Berechnung solch eines Fußabdrucks ist, fällt vor allem Lebensmittelherstellern auf, die Fertiggerichte mit einer Vielzahl von Zutaten herstellen, etwa Frosta aus Bremerhaven, einem der größten Tiefkühlkosthersteller Europas.

Frosta testete seine Nudel-Lachs-Sahnesoße-Kreation „Tagliatelle Wildlachs“. Am Ende der Rechnerei war klar, dass bei den Rohstoffen der Fang des Lachses zusammen mit dem Anbau der Möhren oder des Weizens für die Nudeln weit weniger zu Buche schlug als Sahne und Crème fraîche: Obwohl die Milchbestandteile nur 14 Prozent im Fertiggericht ausmachen, sind sie für fast 73 Prozent der Emissionen verantwortlich. Der Grund: Die Tierhaltung hat generell einen höheren Ressourcenverbrauch als das Ernten von Feldfrüchten oder Obst.

Es gäbe aber auch eine einfachere Faustformel: Mit jeder Verarbeitungsstufe eines Lebensmittels verschlechtert sich die Ökobilanz. So hat nach Untersuchungen des Ökoinstituts Darmstadt eine Biokartoffel einen geradezu babyhaften CO2-Fußabdruck von 138 CO2-Äquivalenten. Als Trockenpulver für Kartoffelpüree ist der Abdruck schon ausgewachsene 3354 Einheiten groß. Und in Form von Pommes aus der Tiefkühltruhe ist die Klima-Fußspur riesenhaft: 5568 Einheiten, das ist 40 Mal so viel wie im Rohzustand. Egal also, wie groß das Biosiegel auf der Pommes-Packung leuchtet, nachhaltig sind Tiefkühl-Pommes nie.

Ist Bio massentauglich?

Um die wachsende Nachfrage zu befriedigen, muss sich die Biowirtschaft industrialisieren. Doch dieser Strukturwandel birgt Gefahren. Heinrich Tiemann, der Gründer des gleichnamigen Biogeflügelhof-Imperiums, zeigt, wie es gehen kann. Er stellte seinen Geflügelhof schon vor Jahren auf Bio und Freilandhaltung um. Heute führt er einen Großbetrieb, der pro Jahr 150 Millionen Eier ausliefert.

Seine Hühner sind nicht mit 20 oder 30 Tieren unterwegs wie auf dem Ferienbauernhof, sondern pro Gruppe mit gut 3000 Tieren. Doch während ihres kurzen Lebens haben sie alles, was sie brauchen: Freiraum, um sich zu bewegen.

Mit einer Hühnerhofidylle, wie manche Menschen sie im Kopf haben, hat das wenig zu tun. „Wenn ich 300 Hühner halten würde und die Eier mit dem Korb einsammle, dann kann ich nicht nachmittags von Rewe eine Bestellung entgegennehmen und am nächsten Morgen alle Rewe-Frischezentren in ganz Deutschland beliefern“, sagt Tiemann.

Wenn Bioqualität bei Lebensmitteln kein Nischenmarkt bleiben solle, dann müssten die Strukturen auch entsprechend aufgebaut sein.

Der Nachteil der Bioindustrialisierung – neben Transportwegen, Kühlketten und Flächenverbräuchen – aber ist, dass die Dinge unübersichtlich werden. Falsch deklarierte Ware, Pestizide im Gemüse und Dioxin in Eiern: Mit solchen Schweinereien waren bislang eher Verbraucher konventioneller Lebensmittel konfrontiert.

So hatte der italienische Schweinemäster Paolo Zaccardi bis vor wenigen Monaten Fleisch, Würste und Schinken von angeblich glücklichen Bioschweinen unter der Marke „Il Mazzocchino“ in großem Stil nach Deutschland verkauft. Die biobegeisterten Kunden der Handelshäuser Dennree und Alnatura zahlten gut das Doppelte des üblichen Preises für die Produkte der im Freiland gehaltenen Tiere.

Doch dann flogen die Würste aus dem Sortiment. Es stellte sich heraus, dass Zaccardi alle betrogen hatte und schon lange nicht mehr nach Biostandards produzierte. Das Biozertifikat des Herren der angeblich glücklichen Bioschweine wurde in Italien längst einkassiert. Die deutschen Behörden aber wussten davon nichts.

Generell gibt es bei Würsten, Steaks und Schnitzel das Problem, dass sich Fleisch fast nie nachhaltig erzeugen lässt. Für ein Kilo Rindfleisch muss die siebenfache Kalorienmenge verfüttert werden, rechnet Wuppertal-Forscherin Liedtke vor. Anders herum: Aus sieben Kilo Mais oder Getreide, das zur Mast eingesetzt wird, kommt nach der Schlachtung des Rinds nur ein Kilogramm Fleisch heraus.

Mit 780 Millionen Tonnen Getreide fressen die 20 Milliarden Nutztiere jedes Jahr ein Drittel der produzierten 2,1 Milliarden Tonnen Getreide. Weil der Fleischkonsum steigt, bleibt vom Getreide entweder immer weniger für die Menschen übrig, oder es müssen ständig neue Ackerflächen erschlossen werden, für die wiederum Wälder gerodet werden müssen.

Noch ungünstiger ist die Wasserbilanz bei der Fleischproduktion: Dabei wird bis zu 17 Mal mehr Wasser verbraucht als für pflanzliche Nahrungsmittel. Wer also einen Hamburger mit 100 Gramm Rindfleisch isst, verbraucht laut Forscherin Liedtke indirekt bis zu 35 Badewannen voll Trinkwasser.

Doch für Steak-Fans gebe es auch gute Nachrichten, argumentiert die Berliner Tierärztin Anita Idel in ihrem Buch „Die Kuh ist kein Klimakiller“: Nur wenn Rinder mit Mais und Kraftfutter gemästet würden, ist Fleischproduktion nicht nachhaltig. Lebt das Rind, seinem eigentlichen Naturell entsprechend, auf Wiesen, Hochalmen und sonstigen Flächen, die gar nicht beackert werden können, dann ließe sich auch Fleisch nachhaltig herstellen.

Das stimmt wohl. Doch von derartigen Flächen gibt es nur wenige. Mit Weiderindern würde sich der Fleischverbrauch unmöglich decken lassen. Wenn es um die Frage geht, ob wir in Zukunft die wachsende Zahl der Menschen auf der Welt ernähren können, lautet die Antwort: Wenn überhaupt, „dann nur, wenn die Menschen ihr Ernährungsverhalten ändern“, sagt Forscherin Liedtke.

Was tun?

Denn weltweit nimmt der Fleischkonsum drastisch zu, gerade in den Ländern Asiens und Südamerikas: Zwischen 1950 und 2004 hat sich die weltweite Fleischproduktion auf 258 Millionen Tonnen verfünffacht. Und bis 2015 wird er nach Angaben der Wuppertaler Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit noch einmal um 40 Prozent zulegen. „Das kann nicht funktionieren“, sagt Holger Rohn, Nachhaltigkeitsforscher am Wuppertal Institut. Denn je nach Tierart wird pro Kilo Fleisch das Drei- bis Zehnfache der knappen Anbaufläche verbraucht, die für die Produktion von Weizen oder Reis für den menschlichen Konsum genutzt werden könnte.

Wie Menschen dazu gebracht werden könnten, mehr Gemüse und weniger Wurst zu essen, versuchen die Wuppertaler Wissenschaftler gerade in einer Studie mit mehreren Catering-Unternehmen herauszufinden. Dort sollen der Speiseplan und die Rezepturen versuchsweise so verändert werden, dass die Gesamt-Ökobilanz des Essens besser wird.

Mehr Pasta, Salat und Frischgemüse heißt die Devise. Man müsse Pommes und Hamburger ja nicht komplett aus dem Speiseplan streichen, aber „ein bisschen weniger davon oder ein bis zwei fleischlose Tage wie noch vor 20 oder 30 Jahren üblich, das wäre schon nicht schlecht“.

So gesehen, ist die aktuelle Fleischlos-Welle in Deutschland vielleicht der Beginn eines notwendigen Bewusstseinswandels.

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