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Marsch in den Stromstaat Zehn Lektionen aus E.Ons Radikalumbau

E.On baut kräftig um und gliedert seine Atom- und Kohlekraftwerke aus. Der Kurswechsel des größten deutschen Energieversorgers ist ein Signal für die Branche - und ganz Deutschland.

E.On Quelle: REUTERS

Mit der geplanten Ausgliederung der Atom- und Kohlekraftwerke gibt der Düsseldorfer E.On-Konzern der gesamten Branche die künftige Richtung vor. Mit diesem historischen Schritt sendet der Marktführer einige deutliche Botschaften an Politiker, Stromkunden, Beschäftigte und Aktionäre.

Erstens: Dreieinhalb Jahre nach der desaströsen Havarie des Atomkraftwerks im japanischen Fukushima zeigt sich, dass die vier Stromriesen E.On, RWE, EnBW und Vattenfall mit ihrem Geschäftsmodell endgültig an die Grenze stoßen. Schulter einziehen, Stellen streichen, hier und da ein paar Einschnitte - all das reicht nach dem Beschluss der Bundesregierung zum Atomausstieg bis 2023 nicht mehr. Nur noch der Totalumbau hilft.

Die künftige E.On-Struktur

Zweitens: Die Konzerne haben wertvolle Zeit vertan. Zunächst nutzten sie nicht die Chance, die ihnen die rot-grüne Bundesregierung Mitte der 2000er-Jahre bot: Sie verweigerten das Angebot, bis zum damals geltenden schleichenden Ausstieg aus der Atomkraft massiv und von der Ökostromumlage unterstützt in erneuerbare Energien zu investieren.

Stattdessen taten sie alles, um unter der Ägide des früheren RWE-Chefs Jürgen Großmann die nachfolgende schwarz-gelbe Koalition zur Laufzeitverlängerung für die Atommeiler zu drängen. Als Kanzlerin Angela Merkel dann nach Fukushima das schnelle Aus der Atomkraft exekutierte, fanden sich die Konzerne komplett auf dem selbst verschuldeten Irrweg.

Drittens: Nicht nur die Atom-, auch die Kohlekraft ist ein absolutes Auslaufmodell für Konzerne, um damit mittelfristig noch Geschäfte machen. Strahlende und CO2-trächtig Energieträger werden immer mehr zur Restgröße. Sie werden entweder einmal ganz verschwinden oder nur noch im Kleinen gebraucht, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Deutsche Energieversorger im Vergleich

Viertens: Den Stromkonzernen bleibt nur, sich möglichst schnell von diesen Geschäftsteilen zu trennen, um nicht über Jahre ihr Ergebnis zu gefährden. Das gilt vor allem für die börsennotierten Riesen E.On und RWE. Jedes Jahr Verzögerung auf diesem Weg verschiebt die Probleme nur, statt sie zu lösen.

Fünftens: E.On-Chef Teyssen ist es hoch anzurechnen, dass er sich – wie spät und wie notgedrungen auch immer – als erster zu diesem Befreiungsschlag durchgerungen hat. Seinen Kollegen von RWE und EnBW wird dieser Schritt viel schwerer fallen, weil sie dazu auch das direkte Plazet der Politik benötigen: EnBW von christdemokratischen Landräten und RWE von Bürgermeistern, die die kommunalen Aktionäre der beiden Konzerne vertreten und ihre Dividenden davonschwimmen sehen.

Wo der Strom herkommt
BraunkohleNoch immer der mit Abstand bedeutendste Energieträger Deutschlands: Im Jahr 2013 ist die klimaschädliche Stromproduktion aus Braunkohle auf den höchsten Wert seit 1990 geklettert. Mit 162 Milliarden Kilowattstunden macht der Strom aus Braunkohlekraftwerken mehr als 25 Prozent des deutschen Stroms aus. Das geht aus vorläufigen Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen hervor. Quelle: dpa
SteinkohleAuch die Stromproduktion in Steinkohlekraftwerken stieg im Jahr 2013 – um 8 Milliarden auf mehr als 124 Milliarden Kilowattstunden. Damit ist Steinkohle der zweitwichtigste Energieträger und deckt fast 20 Prozent der deutschen Stromproduktion ab. Vor allem Braun- und Steinkohle fangen also offenbar den Rückgang der Kernenergie auf. Quelle: dpa
Kernenergie Die Abschaltung von acht Atomkraftwerken macht sich bemerkbar. Nur noch 97 Milliarden Kilowattstunden stammten 2013 aus Kernerenergie, drei weniger als im Vorjahr. Das sind allerdings noch immer 15 Prozent der gesamten Produktion. Damit ist Atomstrom nach wie vor die drittgrößte Energiequelle. Quelle: dpa
ErdgasDie CO2-arme Erdgasverbrennung ist - anders als Kohle - wieder rückläufig. Statt 76 Milliarden kamen im vergangenen Jahr nur noch 66 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Erdgaskraftwerken. Das sind gerade mal zehn Prozent der Stromproduktion. Dabei war Erdgas vor drei Jahren schon einmal bei 14 Prozent. Quelle: dpa
WindkraftDer größte erneuerbare Energieträger ist die Windkraft. Mit 49,8 Milliarden Kilowattstunden in 2013 ist sie allerdings leicht Rückläufig. Insgesamt steigt der Anteil der erneuerbaren Energien jedoch stetig. Zusammengenommen produzierten sie 23,4 Prozent des deutschen Stroms. Quelle: dpa
BiomasseFast genauso viel Strom wie aus Windkraft stammte aus Biomasse. Die Produktion stieg auf 42 Milliarden Kilowattstunden. Damit steht Biomasse auf Platz sechs der bedeutendsten Energieträger. Quelle: ZB
PhotovoltaikEs reicht zwar nur für knapp fünf Prozent der deutschen Stromproduktion, aber Solarenergie ist die mit Abstand am schnellsten wachsende Energieform. Im Jahr 2000 gab es in Deutschland noch gar keinen Sonnenstrom. Und seit 2007 hat sich die Produktion auf 28,3 Milliarden Kilowattstunden in 2013 beinahe verzehnfacht. Quelle: dpa

Sechstens: Die Abspaltung der Atom- und Kohlesparte bei E.On wird für die Aktionäre ein Abenteuer. Indem die Aktien der künftigen Schmuddeltochter zu den E.On-Aktien ins Depot gelegt werden, schleppen die Anteilseiger etwas auf dem Beipackzettel mit, dessen Wert ungewiss ist und im schlimmsten Fall gegen null tendiert. Ihr einziger Trost besteht darin, dass der Wert der bisherigen Aktien davon nicht tangiert wird. Für RWE wird ein solcher Schritt wegen der immensen Bedeutung des Klimagas-Monsters Braunkohle, für EnBW wegen der vielen Atom- und Steinkohlemeiler aber weit schmerzhafter.

Siebtens: Für die Beschäftigten der Stromkonzerne gehen die paradiesischen Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg endgültig zu Ende. Saftige Löhne dank monopolartiger Arbeitgeber werden in ein paar Jahren für immer der Vergangenheit angehören.

Achtens: Die Stromkonzerne selber drohen letztlich in kleine Einheiten zu zerfallen, die Modelle der zentralen Stromversorgung von dezentralen Lösungen abgelöst zu werden.

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Neuntens: Der Druck auf die Politiker, sich in die Stromversorgung noch mehr als bisher einzuschalten, wird durch die Entscheidung von E.On weiter gesteigert. Wenn die Steinkohleförderung als öffentlich-rechtliche Stiftung und gescheiterte Banken in staatlichen Bad Banks aufgewickelt werden, wieso sollen dann nicht auch die schmutzigen Reste aus dem Bestand der Stromkonzerne auf diese Weise enden? Immerhin dienen sie ja der Sicherheit der Stromversorgung, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint.

Zehntens: Es deutet vieles darauf hin, dass den deutschen Steuerzahlern eine gigantische Atom- und Kohlemeiler-Stiftung droht. Deren offene Rechnungen, die über die möglichen Einlagen der Stromkonzerne hinausgehen, würden nicht mehr von den Aktionären von E.On und Co. übernommen - sondern von den Stromkunden und/oder den Steuerzahlern.

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