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Matthias Kurth "Die Versorger müssen aufpassen"

Der Präsident der Bundesnetzagentur warnt die Energieversorger vor überzogenen Preiserhöhungen und spricht über die Bemühungen der Bundesnetzagentur, für fairen Wettbewerb zu sorgen.

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Matthias Kurth, Präsident der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post Quelle: dpa/dpaweb

WirtschaftsWoche: Herr Kurth, die Energieversorger in Deutschland schicken gerade böse Briefe an ihre Kunden, in denen sie für 2012 Preiserhöhungen um bis zu zehn Prozent ankündigen. Geschieht das zu Recht?

Matthias Kurth: Ich habe noch keinen umfassenden Überblick, wie viele Energieversorger solche Briefe verschicken. Aber ich kann die Energiebranche nur vor überzogenen Preisrunden warnen. Bei all den Anbietern, die höhere Kosten für den Stromtransport als Grund für die Preiserhöhung angeben, wird dieser Grund zumindest teilweise wieder entfallen.

Weshalb?

Der Bundestag will in Kürze ein Gesetz verabschieden, damit die Bundesnetzagentur bei der Genehmigung der Netzentgelte künftig den sektoralen Produktivitätsfortschritt der Netzbetreiber wieder berücksichtigen kann. Der Bundesgerichtshof hat diesen Produktivitätsfortschrittsfaktor aufgehoben, weil die rechtliche Grundlage zur Ermächtigung der Netzagentur nicht ausreichte. Ist dieser Mangel beseitigt, werden die Netzentgelte weniger steigen und damit als Grund für Erhöhungen wieder wegfallen.

Über welche Preiserhöhungen reden wir?

Wenn es das neue Gesetz nicht geben würde, wären nach unseren Berechnungen zusätzliche Belastungen von bis zu zwei Milliarden Euro auf die Verbraucher zugekommen. So dürften die Netzbetreiber nach meinen Schätzungen höchstens noch einen Restbetrag aus der Vergangenheit in Höhe von 500 Millionen Euro auf die Kunden abwälzen.

Wir haben den Eindruck, dass der Strompreis für Verbraucher eigentlich immer steigt. Selbst Ihre eigenen Statistiken weisen eine kontinuierliche Erhöhung von 34 Prozent seit 2006 aus. Hat die Bundesnetzagentur beim Versuch, für Wettbewerb zu sorgen, versagt?

Industriekunden und Großverbraucher können sich Strom häufig zu günstigeren Preisen beschaffen. Privathaushalte aber, da haben Sie recht, müssen jedes Jahr mehr zahlen. Dafür trägt die Bundesnetzagentur allerdings nicht die Verantwortung. Der von uns beeinflussbare Teil des Strompreises, die Netzentgelte, sind seit 2006 von 7,30 Cent um rund 20 Prozent auf 5,75 Cent pro Kilowattstunde gesunken. Dagegen hat sich die Kostenposition "Energiebeschaffung und Vertrieb inklusive Marge" um gut 80 Prozent erhöht und damit schon nahezu verdoppelt...

...also auch die Möglichkeit der Stromerzeuger, die Gewinne durch höhere Preise zu steigern.

Davon können Sie ausgehen. So schwankten die Einkaufspreise in den vergangenen sechs Jahren sehr stark. Sanken sie, wurde dies häufig nicht an die Kunden weitergegeben. Darauf hat die Bundesnetzagentur leider keinen Einfluss.

Anbieterwechsel lohnen sich

Der Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth Quelle: AP

Sind Sie nicht frustriert, dass die Erfolge der Bundesnetzagentur durch die Erhöhung der Marge durch die Versorger und durch staatliche Abgaben zunichte gemacht werden?

So könnte man es sehen. Aber die Abgabenerhöhungen werden ja von der Mehrheit der Bevölkerung mit getragen. Die Energiewende, also die Förderung von Fotovoltaik- und Windanlagen, hat eben ihren Preis. Ein Großteil der Deutschen ist bereit, dafür auch zu zahlen. Und gegen höhere Margen könnten die Verbraucher selbst etwas tun, indem sie schneller zu preiswerteren Anbietern wechseln. Dann würden die Anbieter auch sinkende Großhandelspreise schneller an die Kunden weitergeben.

Ließe sich die Stromrechnung nicht durch mehr Wettbewerb senken?

Mit neuen Geschäftsmodellen rund um den intelligenten Stromzähler werden neue, flexible Tarifmodelle entstehen, die sich stärker an Angebot und Nachfrage, also am Verbrauchsverhalten und der Netzauslastung, orientieren. Da stehen wir allerdings erst ganz am Anfang. Die Kunden müssen den Vorteil eines intelligenten Zählers erkennen, der ihnen günstigere Preise zu bestimmten Zeiten garantieren kann, etwa zum Aufladen eines Elektroautos, zum Betreiben einer Wärmepumpe oder zum Wäschetrocknen zu nächtlicher Stunde. Eine kürzer getaktete Abrechnung eröffnet ganz andere Tarifoptionen als eine jährliche Verbrauchsabrechnung.

Warum die Energiepreise steigen
Euroscheine stecken an einer Steckdose Quelle: dpa
Logos der vier großen Engergiekonzerne EnBW (l, oben), RWE (r, oben), Vattenfall (l, unten) und Eon (r, unten) Quelle: dpa
Ölpumpen stehen im Sonnenuntergang auf einem Ölfeld bei Los Angeles Quelle: dpa
Bild einer Raffinerie auf einem Bildschirm der Firma Gazprom Quelle: REUTERS
Ein Mitarbeiter eines Heizöllieferanten bereitet die Betankung eines Mehrfamilienhauses mit Heizöl vor Quelle: dpa
Ein Tankwagenfahrer beliefert einen Privathaushalt mit Heizöl Quelle: AP
Ein Monteur verkabelt einen Strommast Quelle: dapd

Wieso sollten die Energieversorger sich damit ihr Geschäft kaputt machen?

Die Versorger müssen aufpassen, dass nicht ganz andere Spieler in diesen Markt eintreten. Die neuen Formen der Stromerzeugung durch Wind und Sonne bringen in Zukunft eine riesige Bewegung in die Energiebranche. Mein Eindruck ist, dass sich viele innovative Köpfe über neue Angebote und Geschäftsmodelle Gedanken machen.

Wäre das nicht etwas für Sie nach Ihrem Ausscheiden als Präsident der Bundesnetzagentur?

Mal sehen. Ich hab ja ab März Zeit, etwas anderes zu machen. Richtig ist, dass ich diesem Markt durchaus Ideen, Impulse und Anregungen geben könnte.

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