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Nach der Windreich-Pleite Balz-Nachfolger muss retten, was zu retten ist

In der Windreich-Insolvenz setzen die Gläubiger darauf, dass der neue Chef Werner Heer möglichst viel für sie rettet. Doch viel hat der schwäbische Windparkbauer nicht mehr, was sich zu Geld machen ließe.

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Nach der Insolvenz von Windreich gibt es bei dem Windparkbauer vermutlich nicht mehr als den Windpark MEG 1, was sich noch versilbern lässt. Quelle: dpa

Seinem Stil blieb Willi Balz bis zum bitteren Ende treu: verschleiern, vertuschen und verzögern, was das Zeug hält. Den Antrag auf Insolvenz in Eigenregie stellte der Gründer und Alleinherrscher beim Windparkentwickler Windreich aus dem schwäbischen Wolfschlugen schon am Freitag, den 6. September, beim Amtsgericht in Esslingen. Bekannt gab er die Pleite aber erst am frühen Montagabend nach Börsenschluss. An diesem Tag konnten also ahnungslose Anleger noch munter mit den beiden Mittelstandanleihen des Unternehmens handeln.

Besonders pikant: Ein unbekannter Windreich-Gläubiger hatte offenbar schon rund zehn Tage zuvor einen Insolvenzantrag gestellt. Das zuständige Amtsgericht eröffnete das Verfahren jedoch nicht, weil Balz wieder einmal glaubhaft machen konnte, dass die Zahlungsschwierigkeiten nur vorübergehender Natur seien.

Doch diesmal fand der findige Schwabe niemanden mehr, der ihm schnell Geld leihen wollte. Er selbst war offenbar auch nicht mehr in der Lage oder willens, erneut Geld aus seiner eigenen Tasche ins Unternehmen zu stecken. Sein privates finanzielles Engagement bei Windreich hatte er kürzlich auf 250 Millionen Euro beziffert.

Nun muss an Balz’ Stelle dessen bisheriger Berater Werner Heer retten, was zu retten ist. Dazu zählt zum einen, aus Balz’ bisherigen Prahlereien einen wirtschaftlichen Kern zu destillieren. Zum anderen wird er sich erst einmal mit demjenigen Gläubiger herumschlagen müssen, der Windreich in die Insolvenz schicken wollte.

Willi Balz: Flotte Sprüche - hohle Worte

In der Windszene, in Anlegerforen und bei den Windreich-Mitarbeitern wird seit Beginn vergangener Woche fieberhaft gerätselt, wer dies war. Der Schwabe hat viele, denen er Geld schuldet: von der Basler Privatbank J. Safra Sarasin über den schottischen Finanzinvestor Lord Laidlaw bis hin zu Lieferanten, bei denen er möglicherweise in der Kreide steht. Schließlich schiebt Windreich rund 400 Millionen Euro Schulden in die Insolvenz.

In unternehmensnahen Kreisen gilt Sarasin als heißester Kandidat. Die Bank möchte dazu nicht Stellung nehmen. Fakt ist: Die Schweizer haben einige Schäflein, die sie ins Trockene bringen möchten. So seien es die Eidgenossen gewesen, heißt es aus Windreich-Kreisen, die Anfang März eine drohende Insolvenz des Windparkentwicklers verhinderten, indem sie Balz eine Art Notkredit gewährt hätten. Mit ihm konnte der klamme Unternehmer eben noch die fälligen Zinsen seiner Anleihen bedienen. Allerdings gab es die Geldspritze aus Basel nicht umsonst, eigenen Angaben zufolge hat Balz dafür private Immobilien verpfändet.

Schon vorher hatten die Schweizer Windreich einen kurzfristigen 70-Millionen-Euro-Kredit gewährt, der seitdem immer wieder verlängert wurde. Dieses Darlehen ist nun gefährdet. Zudem ist gegen Sarasin beim Landgericht Regensburg eine Klage von Anlegern eingereicht worden, die Anleihen von Windreich gekauft haben. Die Privatbanker, so der Vorwurf, hätten die Anleger zu wenig über die Risiken informiert. Unter anderem habe Sarasin den 70-Millionen-Kredit verschwiegen.

Wie es bei Windreich weitergeht und was die Gläubiger erwarten könnten, hängt nun maßgeblich von der Finanzierung des geplanten Offshore-Windparks MEG 1 in der Nordsee ab. Dort soll vor der Insel Borkum ein Park mit 80 Mühlen und einer Leistung von 400 Megawatt gebaut werden. Die Projektgesellschaft Nordsee Offshore MEG 1 ist, wie üblich in solchen Fällen, eine selbstständige Zweckgesellschaft und deshalb nicht Teil der Insolvenz.

Hoffnung auf MEG 1

Die größten Anlagenbauer
NordexNach zwei verlustreichen Jahren und vielen Einsparungen lief es 2013 für Nordex wieder besser. Der Windturbinenbauer kehrte in die Gewinnzone zurück. In der Vergangenheit trennte sich Nordex unter anderem verlustreichen Produktionsstätten in den USA und China und konzentrierte sich ganz auf den Bau von Onshore-Anlagen. Mit der Strategie konnte das Unternehmen in Deutschland Marktanteile gewinnen. 2012 kam Nordex auf 3,5 Prozent, 2013 waren es im On- und Offshore-Bereich zusammen bereits sieben Prozent. Auch die Aussichten sind gut: Für 2014 rechnet der Vorstand mit neue Aufträge im Umfang von 1,6 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Siemens WindenergiesparteSiemens ist Weltmarktführer bei Offshore-Windrädern und dominiert auch in Deutschland diesen Bereich. Hierzulande kommt das Unternehmen in dem Segment auf 52,1 Prozent Marktanteil. Im On- und Offshore-Bereichen zusammen hatte Siemens Wind Power 2013 einen Anteil von 9,8 Prozent und liegt damit auf Platz vier. Nach dem Verkauf der gefloppten Solarsparte will sich Siemens künftig noch mehr auf die Energie aus Wind und Wasser zu konzentrieren. Das Geschäft lief zuletzt insbesondere im Ausland gut. Im Dezember 2013 erhielt das Unternehmen mehrere Großaufträge in den USA. In Deutschland gibt es aber auch Probleme: Bei der Anbindung von vier Offshore-Windparks in der Nordsee liegt Siemens dem Zeitplan um mehr als ein Jahr hinterher. Die Verzögerungen sollen Siemens bereits mehr als 600 Millionen Euro gekostet haben. Quelle: dpa
SenvionDas Hamburger Unternehmen Senvion ( ehemals Repower) ist eine Tochter des indischen Windkraftkonzerns Suzlon. Wie Nordex ist es auch dem Hamburger Unternehmen gelungen, Marktanteile zu gewinnen. 2013 installierte Senvion Anlagen mit rund 484 Megawatt und nun einen Markanteil von insgesamt 13,5 Prozent. Im Onshore-Bereich sind es sogar 16,2 Prozent. Das sind drei Prozent mehr als im Jahr zuvor. In Deutschland hat das Unternehmen nach eigenen Angaben nun eine Gesamtleistung von 2,8 Gigawatt installiert. Im März 2014 hat Senvion die Schwelle von 10 Gigawatt weltweit installierter Leistung überschritten. In der Vergangenheit hatte das Unternehmen allerdings auch mit deutlichen Umsatzrückgängen zu kämpfen. Quelle: dpa
VestasDer weltgrößte Windturbinenhersteller Vestas hatte in Deutschland 2013 einen Marktanteil von 16,7 Prozent (Onshore 20 Prozent). Damit hat der Anlagenbauer zwar rund sechs Prozent an die kleineren Mitbewerber verloren, liegt aber weiterhin klar auf Platz zwei. Allein 2013 stellte das dänische Unternehmen Anlagen mit einer Leistung von 598,9 Megawatt in Deutschland auf. Wirtschaftlich ist Vestas offenbar auf einem guten Weg: Nach massiven Sparmaßnahmen in den Vorjahren hat das Unternehmen im letzten Quartal 2013 erstmals seit Mitte 2011 wieder einen Gewinn erwirtschaftet. Der Jahresverlust lag bei 82 Millionen Euro, nach 963 Millionen Euro 2012. Quelle: ZB
EnerconDas vom Windpionier Aloys Wobben gegründete Unternehmen ist unangefochtener Marktführer in Deutschland bei Anlagen auf dem Festland (49,6 Prozent Marktanteil). Onshore-Anlagen mit einer Leistung von 1.484,6 Megawatt hat Enercon allein 2013 aufgestellt. Auf dem Gesamtmarkt musste der Windanlagenbauer allerdings Verluste hinnehmen. Lag der Markanteil 2012 bei 54,3 Prozent, betrug er zuletzt noch bei 41,4 Prozent. Weltweit hat das Unternehmen mittlerweile mehr als 20.000 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 28 Gigawatt installiert. Laut den Wirtschaftsforscher von Globaldata liegt Enercon im globalen Vergleich damit auf Platz. Geschlagen werden die Ostfriesen von der dänische Konkurrenz Vestas. Quelle: dpa

Ob Balz’ Nachfolger nun das Projekt verkauft bekommt, ist die spannende Frage. Zwar schrieb die Frankfurter Kommunikationsagentur Hering Schuppener, die nun als Windreich-Sprachrohr fungiert und zu den teuersten ihrer Zunft zählt, in einer Mitteilung vom vergangenen Montag über Heer: „Er verbindet umfangreiche Branchenerfahrung im Bereich Windenergie mit Sanierungskompetenz. Zuletzt führte er den Windradbauer Fuhrländer als Interims-Chef durch eine Insolvenz in Eigenverwaltung.“

Doch verschwiegen die PR-Profis dabei etwas Entscheidendes: Die Insolvenz in Eigenverwaltung beim Siegerländer Windradbauer war grandios gescheitert. Von Fuhrländer mit seinen 500 Mitarbeitern blieb lediglich ein Trüppchen aus zwei Dutzend Leuten übrig, das sich um die Wartung der bestehenden Windmühlen kümmert, mehr nicht. Heer und Balz lernten sich bei Fuhrländer kennen, an dem Windreich zuletzt mit knapp zehn Prozent beteiligt war.

Dennoch deutet vieles darauf hin, dass Heer für MEG 1 die Finanzierung in Kürze gelingen könnte. Dazu muss er Eigenkapital in Höhe von 600 bis 700 Millionen Euro einsammeln. Den bevorstehenden Vollzug hatte Balz zwar schon seit fast einem Jahr wiederholt gemeldet, doch offenbar stand der unberechenbare Schwabe dem endgültigen Finish zunehmend im Wege. Je länger die Gespräche liefen, desto mehr forderten die Investoren seine Ablösung.

Wie sehr Balz’ Ausscheiden nun die Investorensuche für MEG 1 befördern könnte, bringt ein Hochtief-Manager auf den Punkt: „Die Insolvenz ist eher hilfreich als hinderlich. Die unsichere Lage von Windreich, der wacklige Partner, hat die Suche nach Investoren erschwert.“ Hochtief baut Schiffe für den Bau von Offshorewindparks und errichtet die Fundamente. Auch der Türbinenbauer Areva geht nun davon aus, dass der Windpark MEG 1 gebaut wird.

Viel mehr als MEG 1 dürfte sich bei Windreich vermutlich nicht mehr versilbern lassen. Die Liste der von Windreich geplanten Stromanlagen im Meer, mit der Balz stets prahlte, ist durch Notverkäufe in den vergangenen Monaten stark geschrumpft. Protzte Balz einst mit einem Anteil von mehr als 35 Prozent an der genehmigten Gesamtleistung geplanter Parks in der Nordsee, dürfte davon nur noch wenig übrig sein. „Inzwischen sind es nur noch zehn Prozent,“ sagt Dirk Briese, Geschäftsführer beim Marktforscher Windresearch aus Bremerhaven.

Energie



Viel Geld wird damit aber nicht zu holen sein. „Es gab mal einen Markt für Genehmigungen, aber das liegt mehr als ein halbes Jahr zurück“, sagt Susanne Kehrhahn-Eyrich vom Bundesamt für Seefahrt und Hydrographie in Hamburg. Selbst ein erfolgreicher Windparkentwickler wie der Oldenburger Versorger EWE winkt ab. „Nach derzeitigem Stand werden wir wohl in den nächsten drei Jahren keinen weiteren Park bauen“, sagt Vorstandsmitglied Torsten Köhne.

Für die Besitzer der beiden Anleihen beginnt nun das große Zittern. „Es besteht immer die Gefahr, dass Geld durch vermeidbare Kosten abfließt“, sagt der Düsseldorfer Anlegeranwalt Julius Reiter von der Kanzlei baum reiter & collegen. „Sinnvoll wäre jetzt, dass die Anleihe-Gläubiger ihre Interessen bündeln.“

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