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Nicht sexy, aber mit Substanz So will Leo Birnbaum E.On wachsen lassen

Quelle: dpa

Nachhaltig, digital, mit massiven Investitionen ins Netz. Mit diesem Plan soll der Energieriese bis 2026 wachsen. Die Börse überzeugt das nicht. Und doch könnte E.On-Chef Birnbaum mit seiner Strategie richtig liegen.

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Der Aktienkurs ist immer eine Art Blitzumfrage, eine sofortige Reaktion, ein erstes Zwischenzeugnis. Und so muss man, fast am Ende des Kapitalmarkttages des Energieriesen E.On, sagen: Zumindest die Anleger hat der neue Vorstandsvorsitzende Leonhard „Leo“ Birnbaum mit seiner Strategie nicht überzeugt. Bis zum Nachmittag hat die Aktie deutlich verloren. Trotz einer angekündigten „Investitionsoffensive“ von insgesamt 27 Milliarden Euro bis 2026, trotz eines von drei auf fünf Jahre erweiterten Horizonts, trotz eines Dividendenversprechens, trotz eines erwarteten Gewinnwachstums vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von rund vier Prozent auf rund 7,8 Milliarden Euro im Jahr 2026.

Ein erstes Indiz ist das schon, auch wenn Birnbaum, nach zweistündiger Präsentation und öffentlicher Fragerunde mit Analysten bei der Pressekonferenz am Nachmittag sagte: „Das ist ein Marathon.“ Bewerten könne man die Strategie nicht „in wenigen Stunden an einem Tag.“

52 Millionen Kunden in Europa

Die Skepsis der Börse mag daher rühren, dass Birnbaum und seine Vorstandskollegen wenig Überraschendes, Revolutionäres verkündet haben: Alles blieb im üblichen Innovationsrahmen. Die Manager verkündeten Prioritäten, die schon vorab bekannt waren: Wachstum, Nachhaltigkeit und Digitalisierung – und buchstabierten diese Schwerpunkte im Detail über die zwei zentralen Geschäftsfelder – Verteilernetze und Kundenlösungen – aus.

Demnach will Birnbaum 22 Milliarden Euro in den Ausbau der Verteilernetze stecken und fünf Milliarden Euro in den Ausbau des Kundenlösungsgeschäfts, in den Vertrieb. In Deutschland ist E.On der größte Strom- und Gasanbieter und der größte Verteilnetzbetreiber. In Europa hat der Konzern etwas mehr 52 Millionen Kunden, 14 Millionen davon in Deutschland. Zwei Milliarden Euro sollen nun, so der Plan, auch in die Digitalisierung der Netze fließen. Außerdem möchte E.On Tempo bei der E-Mobilität machen und bis 2026 5000 neue Schnellladepunkte in Europa aufbauen.

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    Die Dividende, so das Versprechen, werde bis 2026 um fünf Prozent pro Jahr wachsen. Gleichzeitig wolle man 500 Millionen Euro pro Jahr sparen, hieß es. Klare Zahlen, etwa zu einem möglichen Stellenabbau, wurden aber nicht genannt. Im Gegenteil. Konkrete Pläne gebe es da keine, sagte Birnbaum.

    Mit Windkraft Äcker in der Uckermark heizen

    Aber auch wenn die Börse diesen Weg nicht feiern mag, so ändert das nichts daran, dass Birnbaum mit dieser Strategie vieles richtig macht, zumal der Großteil seines Geschäfts, das Netzgeschäft, reguliert ist. Man muss erst lernen, den Sex-Appeal dieses Geschäfts zu entdecken, aber es gibt ihn. Und deshalb hat Birnbaum Recht, wenn er sagt, dass die Netze, in Deutschland aber auch in Europa, an den Belastungsgrenzen angelangt sind. Unzureichende Leitungen, so bringt er es auf den Punkt, könnten dazu führen, dass man mit Strom aus Windkraft in der Uckermark sinnlos Äcker heizen müsse statt diesen Strom nach Berlin liefern zu können.

    Birnbaum liegt deshalb auch richtig, wenn er sagt, dass das die zentralen Stellen sind, wo jetzt zügig etwas geschehen muss, wenn die Energiewende gelingen soll: „Wir werden in Zukunft in jeder Straße die Balance halten müssen.“ Der frühere Ex-McKinsey-Berater hat erkannt, dass schnöde Leitungen das „Rückgrat“ der Energiewende sind. Diese Infrastruktur verlässlich einzurichten, das wird auf absehbare Zeit ein gutes, sicheres Geschäft sein. Die Chancen haben Birnbaum und seine Vorstände am Dienstag durchgespielt, von der E-Mobilität und Schnellladesäulen über die Elektrifizierung der Industrie bis hin zur Unterstützung von Gemeinden beim Aufbau einer Wasserstoff-Infrastruktur. „Je schneller sich die Gesellschaft in Richtung Klimaneutralität bewegt“, sagte Birnbaum am Vormittag, „je mehr wird man unsere bestehenden Angebote benötigen.“ Netze, das ist die Wette, werden in Zukunft mehr benötigt denn je. Eigentlich ist das ein No-Brainer.

    Klage gegen die Bundesnetzagentur

    Ein wenig überraschte, dass sich die E.On-Chefs an diesem Kapitalmarkttag verhältnismäßig lange mit einer Klage gegen die Bundesnetzagentur beschäftigen mussten. Netz-Vorstand Thomas König kündigte rechtliche Schritte gegen die Festsetzung der sogenannten Eigenkapitalverzinsung durch die Bonner Behörde an. Die hatte im Oktober den Zins bei Neu-Investitionen auf 5,07 Prozent festgelegt, derzeit gibt es 6,91 Prozent.

    Ursprünglich hatte die Netzagentur den Satz sogar noch tiefer taxiert, dann aber noch einmal nachjustiert. Diese Tarife gelten für Gasnetzbetreiber ab 2023, für Stromnetzbetreiber ab 2024. Das sei „viel zu wenig“, das sei „enttäuschend“, hieß es nun am Dienstag von den E.On-Vorständen. Wenn man schon so viel investiere, dann erwarte man eigentlich auch, dass das von behördlicher Seite anerkannt und belohnt werde. Birnbaum sagte, er halte die Entscheidung der Netzagentur für angreifbar, allerdings werde es zu einer endgültigen gerichtlichen Entscheidung zwei, drei, vielleicht sogar vier Jahre dauern.

    Dass E.On hier noch einmal Geld zufließt, ist ein Hoffnungswert.

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    Nicht sexy, aber mit Substanz

    In vielen Fragen schwang an diesem Kapitalmarkttag ein wenig Enttäuschung mit, dass Birnbaum E.On zwar grün wenden will, freilich auch in Richtung Klimaneutralität, aber das neue Geschäft auf den ersten Blick weitgehend dem alten gleicht. Es spricht für Birnbaum, dass er sich davon nicht irritieren zu lassen scheint, dass ihm sechs Prozent jährliches Wachstum im Bereich der regulierten Netze für die nächsten Jahre schon als ehrgeizige Zielmarke erscheinen. Birnbaum, diesen Eindruck konnte man am Dienstag gewinnen, weiß, wo er hinwill. Und er kann das mit Substanz belegen. Es ist, so hört man, für Marathonläufer am Ende sinnvoll, das Tempo zu halten – auch wenn Beobachter lautstark Sprints fordern mögen.

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