Offshore-Windparks: Diese 4 Grafiken erklären die Giga-Versteigerung
Die Stimmung in der Offshore-Wind-Branche ist gespannt, um es vorsichtig auszudrücken. Die großen Windparkbetreiber und Entwickler geben sich zugeknöpft, sobald es um die Auktion geht. „Nein, dazu sagen wir nichts. Nicht einmal, ob wir mitbieten.“ Andere aus der Offshore-Szene sind freudig gespannt. „Das ist wie Weihnachten. Man weiß nicht, was da rauskommt.“
Konkret geht es um eine Auktion, die es in dieser Form in Deutschland noch nie gegeben hat. Seit Montag versteigert die Bundesnetzagentur in Bonn in einer Online-Auktion vier Flächen für Windparks in Nord- und Ostsee, für eine Kapazität von sieben Gigawatt, drei in der Nordsee, eine in der Ostsee. Zum Vergleich: Derzeit gibt es in der deutschen See 29 Windparks mit einer Kapazität von 8,3 Gigawatt. Alleine das zeigt, wie gewaltig der Sprung ist, der hier in den nächsten Jahren gemacht werden soll. Dabei geht es bei den sieben Gigawatt um so genannte „nicht voruntersuchte“ Flächen. Das bedeutet, diejenigen, die sie ersteigern, müssen Bodenuntersuchungen und Windmessungen durchführen, Minen und Bomben suchen lassen, Überfahrtsrechte klären. All das.
In der Nordsee geht es um diese, die rot markierten Flächen:
Die Nordsee spielt beim Ausbau der erneuerbaren Energien eine zentrale Rolle für Europa und für Deutschland, sie soll in ein „Kraftwerk“ verwandelt werden, in ein „Powerhouse vor der Haustür“, wie Bundeskanzler Olaf Scholz es nennt. Die Bundesregierung hat das Ziel vorgegeben, dass bis 2030 80 Prozent des Bruttostromverbrauchs in Deutschland aus erneuerbaren Quellen stammen muss. Dafür soll die Offshore-Windkraft-Kapazität bis 2030 auf 30 Gigawatt ausgebaut werden, bis 2045 auf mindestens 70 Gigawatt. Der Großteil der deutschen Windparks ist mit 7 Gigawatt in der Nordsee verortet. Rund 1,3 Gigawatt entfallen auf die Ostsee. Hier ist zu sehen, dass die meisten Windparks in der Ostsee aktuell nordöstlich von Rügen zu finden sind:
Der erste deutsche Windpark Alpha Ventus, ein vom Bundesumweltministerium gefördertes Pilotprojekt, ging 2010 ans Netz, mit einer Leistung von 60 Megawatt – zwölf Windräder mit einer Leistung von jeweils 5 Megawatt. Von da an erlebte die Offshore-Branche ein erstes Hoch. 2015 gingen insgesamt acht Windparks mit einer Leistung von knapp 2,4 Gigawatt ans Netz – bevor der Ausbau wieder eingebrochen ist und 2021 ganz zum Erliegen kann. Wie sehr sich die Technik und auch die nötigen Investitionssummen weiter entwickelt haben, zeigt der Windpark He Dreiht vor Borkum, den EnBW Ende 2025 oder Anfang 2026 in Betrieb nehmen will. 64 Windräder mit jeweils 15 Megawatt Kapazität – 960 Megawatt insgesamt – eine Investitionssumme von 2,4 Milliarden Euro.
Hier lässt sich ablesen, wie die Entwicklung genau verlaufen ist:
Was genau in den kommenden Jahren geschehen muss, um das 30-Gigawatt-Ziel zu erreichen, ist hier aufgeführt. Insgesamt 16,8 Gigawatt Leistung müssen in den nächsten Jahren ausgeschrieben werden. Dabei ist in der Branche umstritten, ob der Weg über Auktionen wie die aktuelle der richtige ist. Manche dringen darauf, so genannte qualitative Kriterien stärker zu betonen – und nicht nur den reinen Geldbetrag den Ausschlag geben zu lassen. Qualitative Kriterien könnten sich auf ökologische Aspekte beziehen, aber etwa auch zur Auflage machen, vor allem heimische Hersteller – den Mittelstand! – am Bau eines Windparks zu beteiligen. Neben den 7 Gigawatt an „nicht voruntersuchten“ Flächen hat die Bundesnetzagentur in diesem Jahr auch 1,8 Gigawatt bereits voruntersuchte Flächen ausgeschrieben. Bei dieser Ausschreibung gelten auch qualitative Kriterien – allerdings ist die Menge deutlich kleiner als jene Kapazität, die einfach an den Meistbietenden geht.
Wenn der Zuschlag, vermutlich im Lauf der Woche, erteilt wird, wird es sehr interessant sein zu sehen, wer die Auktion gewonnen hat. Werden es vielleicht große Öl-Konzerne sein, Shell oder BP, oder kommen jene zum Zug, die ohnehin schon führend sind im Offshore-Markt, der dänische Entwickler Orsted, der Energieriese RWE oder die Süddeutschen von EnBW – oder sogar ein großer Infrastruktur-Investmentfonds?
Aber unabhängig davon, wer gewinnt. Leicht wird es nicht, die "Kraftwerke" zu errichten. Hürden für den Bau der Windparks gibt es genug. Trotz der blendenden Aussichten ist die Lieferkette für Offshore-Windparks massiv unter Druck. Um die Ausbauziele zu erreichen, sind verschiedene Dinge unbedingt nötig: Mehr Turbinen, mehr so genannte Errichterschiffe, mehr Fundamente, endlich mal ein Installationshafen in Deutschland, endlich doch auch wieder einmal eine Werft in Deutschland, die so genannte Offshore-Konverter errichten kann.
Die Hersteller sind derzeit massiv unter Druck. Die Inflation treibt ihre Produktionskosten, Verträge und Preise haben sie aber oft schon vor Jahren vereinbart, sodass Ihre Margen nun schrumpfen. Auch stammen viele Rohstoffe und Vorprodukte auch China, was die Abhängigkeit der Deutschen und Europäer einmal mehr erhöht. Und Fachkräfte fehlen ohnehin in allen Gliedern der Kette.
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