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RWE-Chef Terium Nicht jedes neue Windrad soll ans Netz dürfen

Exklusiv

Der Chef des Essener Energiekonzerns RWE, Peter Terium, verlangt, dass künftig nicht mehr jedes neue Windrad einen Anschluss an das deutschlandweite Stromnetz erhält.

Die größten Stärken und Schwächen von RWE
Schwäche 1: Teurer Zukauf von Kohlendioxid-ZertifikatenDer Atomausstieg macht RWE an einer Stelle besonders stark zu schaffen – wenn es um die CO2-Emissionen geht. RWE-Chef Jürgen Großmann hatte lange gehofft, durch eine Verlängerung der Laufzeiten bei den Kernkraftwerken möglichst viel CO2-freien Strom produzieren zu können. Doch nach der Atomkatastrophe von Fukushima ist klar: Der Energiekonzern wird nach wie vor sehr stark abhängig von seinen Kohlekraftwerken (Bild: Kraftwerk Westfalen in Hamm) und damit auch der größte Emittent des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxids bleiben. Quelle: dapd
Schwäche 1: Teurer Zukauf von Kohlendioxid-ZertifikatenSo hat der Konzern im vergangenen Jahr insgesamt 161,9 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen. Das sind zwar knapp zwei Prozent weniger als 2010. Doch nur für 116,6 Millionen Tonnen hat RWE kostenlos Zertifikate zugeteilt bekommen. Für den Rest, also 45,3 Millionen Tonnen, musste der Versorger Zertifikate erwerben – und dafür rund 600 Millionen Euro bezahlen. (Bild: Braunkohlekraftwerk Neurath in Grevenbroich) Quelle: dpa
Schwäche 1: Teurer Zukauf von Kohlendioxid-ZertifikatenDoch während RWE heute noch fast drei Viertel der Verschmutzungsrechte kostenlos erhält, muss der Konzern sich darauf einstellen, ab 2013 für alle Zertifikate zu bezahlen. Wie hoch die Mehrbelastung für RWE dadurch sein wird, ist schwer vorauszusagen. Denn allein im Jahr 2011 schwankten die Preise zwischen 7,40 Euro und über 17 Euro pro Tonne. Für den Teil, den RWE bisher noch gratis erhalten hat, wären das Kosten zwischen gut 860 Millionen und knapp zwei Milliarden Euro. (Bild: Braunkohlekraftwerk Neurath) Quelle: dpa
Schwäche 2: Ratingagenturen kritisieren steigende VerschuldungDer Anstieg der Verschuldung ist ein weiterer Punkt, der dem RWE-Chef Jürgen Großmann (im Bild links mit seinem Nachfolger Peter Terium) angekreidet wird. Denn in seiner Amtszeit haben sich die Nettoschulden deutlich erhöht. Während sie im Jahr 2007 noch bei 16,51 Milliarden Euro lagen, betrugen sie Ende 2011 dagegen stolze 29,95 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Schwäche 2: Ratingagenturen kritisieren steigende VerschuldungDie Nettoschulden beinhalten alle Finanzschulden wie etwa Anleihen und Bankkredite abzüglich der flüssigen Mittel. Hinzu kommen Rückstellungen für Pensionen und die Entsorgung im Kernenergiebereich sowie bergbauliche Rückstellungen. Die Nettoschulden machten 2011 175 Prozent des Eigenkapitals und das 3,5-Fache des Ergebnisses vor Zinsen,  Steuern und Abschreibungen (Ebitda) aus. Das eigens gesetzte Ziel, beim am Ebitda gemessenen Verschuldungsfaktor eine Obergrenze von 3,0 einzuhalten, hat RWE damit nicht erreicht. (Bild: Ratingagentur Moody's) Quelle: Reuters
Schwäche 2: Ratingagenturen kritisieren steigende VerschuldungTrotz bereits erfolgter Abstufungen – unter anderem weil die Belastungen durch den Atomausstieg ansteigen – sind die externen Ratings noch ordentlich: Moody’s vergibt ein A3, S&P ein A– und Fitch ein A. Alle drei Ratingagenturen haben ihre Bonitätsnoten aber mit einem negativen Ausblick versehen. Bekommt der Energieriese seine Verschuldung nicht in den Griff, könnte es mit den Ratings weiter abwärtsgehen. (Bild: Ratingagentur Standard & Poor's) Quelle: dpa
Schwäche 3: Investitionen können nicht aus eigenen Mitteln finanziert werdenRWE investiert regelmäßig mehr Geld, als der Konzern im operativen Geschäft erwirtschaftet. Im Jahr 2011 standen dem operativen Cash-Flow von 5,5 Milliarden Euro Investitionen in Sachanlagen und immaterielle Vermögenswerte von 6,4 Milliarden Euro gegenüber. Der sogenannte freie Cash-Flow lag somit bei minus 843 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor waren es sogar minus 879 Millionen Euro. (Bild: Windrad vor dem Braunkohlekraftwerk Neurath) Quelle: dpa

„Anlagen mit erneuerbaren Energien sollen mit Vorrang dort gebaut werden, wo der Strom gebraucht wird“, sagte Terium im Interview mit der WirtschaftsWoche. „Wenn ich als Niederländer meinen Wohnwagen im Schwarzwald parke, die Räder abschraube und sage: Das ist jetzt mein Haus, lieber Staat, jetzt baue mir mal die Straße hierhin – dann geht das auch nicht.“

Zugleich wandte sich Terium gegen eine Reduzierung der Einspeisevergütung für Ökostrom aus bestehenden Anlagen. „Die Investitionszusagen der Vergangenheit kann man nicht einfach einkassieren, ohne den Investitionsstandort Deutschland zu schädigen. Deutschland ist keine Bananenrepublik“, so der Chef des zweitgrößten deutschen Energiekonzerns, der seinerseits in erneuerbare Energien investiert hat. Damit reagiert Terium auf die Strompreisbremse von Bundesumweltminister Peter Altmaier, der auch einen Beitrag bestehender Anlagen vorgeschlagen hatte.

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Acht bis elf Milliarden Euro zu viel Schulden

Die Verschuldung des Essener Energiekonzerns in Höhe von 35 Milliarden Euro ist nach Angaben von Peter Terium um neun bis elf Milliarden Euro zu hoch. „Ein Unternehmen wie wir kann sich den dreifachen Betrag seines Gewinns vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen an Verschuldung leisten. Wir kommen bei diesem Ergebniswert auf 8,5 bis 9 Milliarden Euro, das reicht also nur für eine Verschuldung von 24 bis 27 Milliarden Euro“, sagte Terium.

Um Kosten zu sparen, schloss Terium nicht aus, dass RWE neue Mitarbeiter künftig schlechter bezahlt. „Wir stehen für den Dialog mit den Sozialpartnern. Gemeinsam mit ihnen lassen wir keine Denkverbote zu, wie wir unsere Wettbewerbsfähigkeit wieder herstellen können“, sagte er auf die Frage, ob die Deutsche Post ein Vorbild für RWE sei, die vor dem Börsengang niedrigere Gehälter für neue Mitarbeiter eingeführt hatte.

Kernmarkt Deutschland und Europa

Peter Terium, hat sich klar gegen eine Expansion ins außereuropäische Ausland entschieden. „Unser Kernmarkt ist Deutschland und Europa“, betonte Terium. „Wir glauben nicht, im außer-europäischen Ausland unsere Probleme hier vor Ort lösen zu können.“ Die Rahmenbedingungen für Investitionen in Deutschland seien, „trotz aller Kritik“ immer noch besser als in China, Indien oder Brasilien. „Dort wartet keiner auf RWE, um Kraftwerke zu betreiben, das können die alle selbst“, so Terium.

Damit setzt sich der Niederländer, der seit Juli 2012 an der Spitze von RWE steht, vom Branchenführer E.On ab, dessen Vorstandschef Johannes Teyssen Gewinneinbrüche durch den Atomausstieg durch Expansion in Schwellenländer auffangen will.

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