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RWE-Chef Terium "Zufällig der richtige Mann am richtigen Platz"

RWE-Chef Peter Terium will sich nicht so wichtig nehmen – und zettelt doch eine Revolution an. Ein Gespräch über Egos und Energie.

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RWE-Chef Peter Terium im Interview mit DIE ZEIT. Quelle: dapd

DIE ZEIT: Herr Terium, stimmt es, dass Sie kein Fleisch mehr essen?

Peter Terium: Ja. Ich habe so viel Fleisch gegessen, das reicht für den Rest meines Lebens.

Herr Terium, stimmt es, dass Sie kein Fleisch mehr essen?

Ja. Ich habe so viel Fleisch gegessen, das reicht für den Rest meines Lebens.

Seit wann verzichten Sie darauf?

Seit ungefähr dreieinhalb Jahren. Mir hat es nicht mehr geschmeckt. Und mir war die Vorstellung zuwider, tote Körperteile in mich hineinzustopfen.

Dieser Widerwille kam einfach so?

Nein, es gab einen konkreten Anlass. Mein Vater war sehr krank, er hatte eine ernsthafte Form von Altersrheuma. Er wurde medizinisch und therapeutisch behandelt; zusätzlich stellte er seine Ernährung um und verzichtete auf Fleisch und Fisch. Nach und nach ging es ihm besser, ganz ohne Cortison. Seitdem esse ich kein Fleisch mehr. Einmal im Jahr verzichte ich auch für vier bis fünf Wochen auf tierische Eiweiße und Fette. Da steckt keine Ideologie oder religiöse Überzeugung dahinter. Es tut mir einfach gut.

Stimmt es, dass Sie Yoga machen und meditieren?

Ja, das stimmt auch. Und wenn Sie es ganz genau wissen wollen: Ich habe auch die Angewohnheit, bei Veranstaltungen abends spätestens gegen 23 Uhr zu gehen. Worüber man sich nach dem achten Glas Bier austauscht, dient selten den Unternehmensinteressen.

Kein Fleisch, kein spätes Bier an der Bar: Sie widersetzen sich den Ritualen des Top-Managements?

Ich widersetze mich nicht. Ich achte nur darauf, was gut für mich ist. Ich habe auch kein Problem damit, wenn Sie neben mir sitzen und ein blutiges Steak essen. Oder wenn Sie abends an der Bar länger bleiben wollen. Ich brauche das nur nicht.

Die größten Stärken und Schwächen von RWE
Schwäche 1: Teurer Zukauf von Kohlendioxid-ZertifikatenDer Atomausstieg macht RWE an einer Stelle besonders stark zu schaffen – wenn es um die CO2-Emissionen geht. RWE-Chef Jürgen Großmann hatte lange gehofft, durch eine Verlängerung der Laufzeiten bei den Kernkraftwerken möglichst viel CO2-freien Strom produzieren zu können. Doch nach der Atomkatastrophe von Fukushima ist klar: Der Energiekonzern wird nach wie vor sehr stark abhängig von seinen Kohlekraftwerken (Bild: Kraftwerk Westfalen in Hamm) und damit auch der größte Emittent des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxids bleiben. Quelle: dapd
Schwäche 1: Teurer Zukauf von Kohlendioxid-ZertifikatenSo hat der Konzern im vergangenen Jahr insgesamt 161,9 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen. Das sind zwar knapp zwei Prozent weniger als 2010. Doch nur für 116,6 Millionen Tonnen hat RWE kostenlos Zertifikate zugeteilt bekommen. Für den Rest, also 45,3 Millionen Tonnen, musste der Versorger Zertifikate erwerben – und dafür rund 600 Millionen Euro bezahlen. (Bild: Braunkohlekraftwerk Neurath in Grevenbroich) Quelle: dpa
Energietechnik-News: Neuste Nachrichten zum Thema Energietechnik Quelle: dpa
Schwäche 2: Ratingagenturen kritisieren steigende VerschuldungDer Anstieg der Verschuldung ist ein weiterer Punkt, der dem RWE-Chef Jürgen Großmann (im Bild links mit seinem Nachfolger Peter Terium) angekreidet wird. Denn in seiner Amtszeit haben sich die Nettoschulden deutlich erhöht. Während sie im Jahr 2007 noch bei 16,51 Milliarden Euro lagen, betrugen sie Ende 2011 dagegen stolze 29,95 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Schwäche 2: Ratingagenturen kritisieren steigende VerschuldungDie Nettoschulden beinhalten alle Finanzschulden wie etwa Anleihen und Bankkredite abzüglich der flüssigen Mittel. Hinzu kommen Rückstellungen für Pensionen und die Entsorgung im Kernenergiebereich sowie bergbauliche Rückstellungen. Die Nettoschulden machten 2011 175 Prozent des Eigenkapitals und das 3,5-Fache des Ergebnisses vor Zinsen,  Steuern und Abschreibungen (Ebitda) aus. Das eigens gesetzte Ziel, beim am Ebitda gemessenen Verschuldungsfaktor eine Obergrenze von 3,0 einzuhalten, hat RWE damit nicht erreicht. (Bild: Ratingagentur Moody's) Quelle: Reuters
Schwäche 2: Ratingagenturen kritisieren steigende VerschuldungTrotz bereits erfolgter Abstufungen – unter anderem weil die Belastungen durch den Atomausstieg ansteigen – sind die externen Ratings noch ordentlich: Moody’s vergibt ein A3, S&P ein A– und Fitch ein A. Alle drei Ratingagenturen haben ihre Bonitätsnoten aber mit einem negativen Ausblick versehen. Bekommt der Energieriese seine Verschuldung nicht in den Griff, könnte es mit den Ratings weiter abwärtsgehen. (Bild: Ratingagentur Standard & Poor's) Quelle: dpa
Schwäche 3: Investitionen können nicht aus eigenen Mitteln finanziert werdenRWE investiert regelmäßig mehr Geld, als der Konzern im operativen Geschäft erwirtschaftet. Im Jahr 2011 standen dem operativen Cash-Flow von 5,5 Milliarden Euro Investitionen in Sachanlagen und immaterielle Vermögenswerte von 6,4 Milliarden Euro gegenüber. Der sogenannte freie Cash-Flow lag somit bei minus 843 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor waren es sogar minus 879 Millionen Euro. (Bild: Windrad vor dem Braunkohlekraftwerk Neurath) Quelle: dpa

Wie, glauben Sie, denken andere Manager über Sie?

Das weiß ich nicht, und es ist mir auch egal.

Noch nie daran gedacht, dass Sie den Raum verlassen, die Tür hinter sich schließen und die anderen anfangen, über Sie zu lästern?

Nein.

Wahrscheinlich gibt es viele Top-Manager, die Yoga machen, meditieren, kein Fleisch essen und abends an der Bar gern früher gehen würden – und die es aber nicht wagen, das offen zu sagen.

Das wäre schlimm. Es ist ja nicht so, dass ich gar keinen Alkohol trinke. Aber mich stört eine ritualisierte Pseudo-Geselligkeit, der Irrglaube, man müsse nur genug Alkohol intus haben, dann könne man sich gegenseitig mal so richtig die Wahrheit sagen. Da denke ich manchmal: Ihr habt doch ein Rad ab. Wenn man sich nur abends an der Bar die Wahrheit sagen kann, läuft etwas grundlegend falsch.

Was wird das jetzt? Ein Plädoyer für Enthaltsamkeit?

Wer bis drei Uhr morgens durchmachen will, der soll das bitte tun, da habe ich kein Problem damit, aber wer um zehn Uhr abends gehen will, der soll das auch dürfen. Es muss eine Gegenseitigkeit da sein. Und die fehlt mir manchmal. Übrigens bleibe auch ich mal länger, aber nur, wenn es mir gefällt

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Ich stehe für Vielfalt und Toleranz. Ich toleriere es zum Beispiel, wenn meine Mitarbeiter abends länger an der Bar stehen wollen. Sie müssen nur am nächsten Morgen um sieben wieder fit sein. Da ist jeder für sich selbst verantwortlich. Andererseits kann ich nicht von meinen Leuten verlangen, dass sie verantwortungsbewusst mit sich und ihrem Körper umgehen, um nicht mit einem Burn-out zu enden – und das dann nicht selbst vorleben.

Woran merkt ein RWE-Angestellter, dass er seit Sommer einen neuen Chef hat?

Ich bin nur einer von 72.000, so wichtig bin ich nun auch wieder nicht...

"Wir haben Kraftwerke, die ihr Geld nicht vollständig einbringen"

Die Sparpläne der Versorger
Wie die Energiekonzerne sparen wollen Quelle: dpa
RWE will jetzt auch bei den Gehältern seiner leitenden und außertariflichen Angestellten sparen. Das Unternehmen strebe für 2014 eine Nullrunde bei dieser Personengruppe an, sagte eine Unternehmenssprecherin am 29. November. Betroffen seien über 6000 Mitarbeiter in Deutschland, europaweit sogar 16.000 Beschäftigte. In einem internen Schreiben kündigte der RWE-Vorstand nach Angaben der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ an, diesem Mitarbeiterkreis 2014 „keine generelle Gehaltserhöhung zu gewähren“. Hintergrund sei die schwache Ertragskraft des Konzerns, die 2014 zu einem deutlichen Ergebnisrückgang führen werde. Neben den Aktionären, die für 2013 eine halbierte Dividende hinnehmen müssen, sollten alle Beschäftigten „ihren Beitrag zur langfristigen Sicherungen der Finanzkraft leisten“. Durch die Maßnahme will der Konzern einen zweistelligen Millionenbetrag sparen. Quelle: dpa
Angesichts der düsteren Aussichten auf dem deutschen Energiemarkt sollen bis 2016 weitere 6750 Stellen wegfallen oder durch Verkauf abgegeben werde, 4750 davon in Deutschland. Terium will auch auf Management-Ebene über Gehaltskürzungen sprechen. Betriebsbedingte Kündigungen soll es soweit möglich nicht geben. RWE setzte auf die konzerninterne Jobbörse, Altersteilzeit und die natürliche Fluktuation. Den bis Ende 2014 garantierten tariflichen Kündigungsschutz will Terium angesichts der Lage nicht verlängern. Von 2011 bis Ende 2013 hat RWE bereits 6200 Stellen abgebaut oder durch Verkauf abgegeben. Der neue Abbau trifft vor allem die Kraftwerkssparte mit 2300 Stellen. Im Rahmen des Effizienzprogramms „RWE 2015“ fallen 2400 Stellen weg, und durch den geplanten Verkauf der Ölfördertochter Dea weitere 1400 Stellen. Auch die Tochter für erneuerbare Energien RWE Innogy speckt ab - 250 Stellen gehen verloren. Zum Jahresende 2013 verringert sich die Zahl der Stellen von 67.400 auf knapp 61.000. Ende 2011 arbeiteten noch 72.000 Menschen für RWE. Quelle: dpa
Bei RWE greifen mittlerweile mehrere Spar- und Effizienzprogramme ineinander. Im Rahmen des Programms RWE 2015 will Terium bis Ende des kommenden Jahres 1 Milliarde Euro einsparen. Zunächst hieß es, die Zahl der Mitarbeiter solle um 8000 sinken, mittlerweile ist von über 10.000 Stellen die Rede. 3000 davon sollten durch Verkäufe von Unternehmensteilen wegfallen. Nun legte Chef Peter Terium nochmals nach (siehe vorangegangenes Bild). Quelle: dpa
Besonders betroffen ist die Kraftwerkstochter RWE Generation. Im Rahmen des Programms NEO sollen die Kosten hier jährlich um 750 Millionen Euro gesenkt werden. Die Kraftwerkstochter soll 3000 Stellen streichen. Die Sparte hat derzeit 18.000 Beschäftigte. Im Rahmen des Atomausstiegs hat RWE bereits das Kernkraftwerk Bibilis stillgelegt, Lingen, und Mülheim-Kärlich befinden sich im Rückbau. In Betrieb sind noch Emsland, Gundremmingen (75% Beteiligung) und Borssele (Niederlande, 30 % Beteiligung) Quelle: dapd
EnBWDer baden-württembergisch Energieversorger zieht aus seiner Ertragskrise weitere Konsequenzen und verkleinert den Vorstand von fünf auf vier Personen. Vorstand Dirk Mausbeck, bisher für Vertrieb und Marketing verantwortlich, wird mit Ablauf seines Vertrages am 30. September 2014 das Unternehmen verlassen. Seine Aufgaben übernimmt zum Teil Vorstandschef Frank Mastiaux (Foto). Die Sparten Handel und Verteilnetze sollen noch verteilt werden. EnBW kämpft in Folge der Energiewende mit schrumpfenden Erträgen. Mastiaux will den einst stark auf Atomkraft setzenden Konzern auf die Erzeugung von erneuerbarer Energie und auf neue Serviceangebote für die Strom- und Gaskunden trimmen. Dazu ist bereits ein umfassendes Sparprogramm aufgelegt worden... Quelle: dpa
Um den Konzern effizienter zu machen, sollen Kerngesellschaften auf die EnBW AG verschmolzen und Tochtergesellschaften verkauft werden. Das im Oktober 2010 angestoßene Effizienzprogramm "Fokus" soll bis Ende 2014 jährlich eine Entlastung von 750 Millionen Euro bringen. Bis Ende 2014 werden 1350 Stellen bei EnBW gestrichen - das soll Einsparungen von rund 200 Millionen Euro bringen. Der Umbau soll sozialverträglich organisiert werden. Freie Stellen - vor allem in der Verwaltung - werden nicht neu besetzt, Altersteilzeitangebote umgesetzt und Abfindungen gezahlt. Vor dem Sparprogramm arbeiteten 21.000 Menschen für EnBW. EnBW hat im Zuge der Energiewende das Kernkraft Neckarwestheim bereits teilweise stillgelegt, das Werk Obrigheim befindet sich im Rückbau. Am Netz sind noch Philippsburg und Fessenheim, Frankreich / Elsass (17,5% Beteiligung). Quelle: dpa

...dann hätte man ja auch jeden anderen nehmen können!

Ich bin weder jemand, den man als Star angeheuert hat – noch bin ich derjenige, der allein das Unternehmen ausmacht. Die Dinge sind nicht schwarz oder weiß, sondern grau. Wenn Sie so wollen, bin ich zufällig der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Als ich RWE-Chef wurde, war die Energiewende durch. Ich brauchte nicht für Kernkraftwerke zu kämpfen, vielleicht bin ich nicht so laut wie Jürgen...

...Jürgen Großmann, Ihr Vorgänger als RWE-Chef...

...aber ich hätte mit genau so viel Überzeugung für meine Aktionäre, für meine Mitarbeiter, für mein Unternehmen gekämpft. Brauchte ich aber nicht.

Aber Sie haben gleich nach Ihrem Amtsantritt gesagt, dass RWE weltweit keine Atomkraftwerke mehr bauen wolle. Das hätten Sie nicht tun müssen.

Ich habe es getan, weil der Neubau eines Kernkraftwerkes sich nirgendwo mehr lohnt. Als Unternehmen können wir uns neue Kernkraftwerke nicht mehr leisten. Stattdessen muss ich zusehen, wie ich die schwere finanzielle Belastung, die uns die Energiewende beschert hat, beherrschbar halte. Ich halte die Energiewende nicht für falsch. Aber sie hat uns zum falschen Zeitpunkt erwischt, weil wir gerade das größte Programm zur Kraftwerkserneuerung in unserer Geschichte auf den Weg gebracht hatten. Wir haben in den vergangenen sechs Jahren 5 Milliarden in erneuerbare Energien und 15 Milliarden Euro in konventionelle Kraftwerke investiert. War das richtig? Was die fossilen Kraftwerke angeht, aus heutiger Sicht nicht. Wir haben jetzt Kraftwerke, die ihr Geld nicht mehr vollständig einbringen, weil grüner Strom privilegiert ins Netz kommt und den Großhandelspreis senkt. Wir waren mal bei fast 70 Euro pro Megawattstunde, jetzt sind wir bei nur noch rund 50 Euro. Ein Euro weniger belastet unser Ergebnis mit bis zu 100 Millionen Euro. So sieht’s aus.

Herr Terium, wie viel zahlen Sie privat für Strom?

Weiß ich nicht genau, weil ich zurzeit in einer Mietwohnung lebe und die Stromkosten Bestandteil der Nebenkostenumlage sind. Ich schätze, dass es knapp 250 Euro sind.

Im Jahr?

Das wäre schön. Nein, monatlich.

Strommix von RWE 2011

Zahlen Sie zu viel oder zu wenig?

Kommt drauf an, wie Sie "zu viel" definieren. Für den Nutzen, den Strom spendet, ist es eigentlich viel zu wenig. Ich komme nach Hause, habe Licht, gekühlte Speisen und Getränke, eine warme Wohnung – Strom sorgt für sämtlichen Komfort, der heute zu meinem Leben dazugehört. Andererseits weiß ich natürlich, dass Elektrizität sich rein betriebswirtschaftlich günstiger erzeugen lässt. Aber Energiewende, Klimaschutz, Technologieförderung und Energievorsorge haben ihren Preis.

Über den Strompreis wird in Deutschland heftig gestritten. Wird der Streit ehrlich geführt?

Allmählich ja. Im Sommer vergangenen Jahres war der Regierung und dem Parlament nicht wirklich klar, welche Folgekosten ihre Entscheidung zur Energiewende haben würde. Wir haben versucht, darauf aufmerksam zu machen. Das war aber nicht erwünscht. Der Zeitgeist in Deutschland sagte, wir müssen raus aus der Kernenergie, um jeden Preis. Dagegen kommt man mit reinen Kostenargumenten nicht an.

Bedauern Sie das?

Die Entscheidung ist durch. Es geht jetzt nicht mehr um das "Ob", sondern um das "Wie" – und jetzt wird langsam klar, was die Wende kostet.

Müssen sich die Verbraucher an immer weiter steigende Preise gewöhnen?

Nein, das glaube ich nicht – wenn der Staat für den richtigen regulatorischen Rahmen der Energiewende sorgt. Soll der Strompreis nicht durch die Decke gehen, dann muss der Rahmen nicht nur europäisch, er muss auch systemisch sein.

Systemisch?

Ja, wir müssen überlegen, was wir eigentlich wollen. Wollen wir eine europaweite CO₂-Minderung? Wollen wir die Erneuerbaren ausbauen? Wollen wir bezahlbaren Strom? Oder wollen wir eine Mischung aus allem? Das wird im Moment ausdiskutiert. Daraus wird sich ergeben, wie der Markt in Zukunft aussieht – und welche Rolle wir als Stromkonzern darin spielen.

"Das Schwierigste ist, RWE für die Energiewende fit zu machen"

So setzt sich der Strompreis zusammen
Traditionelle Erzeuger Quelle: dapd
Neue Energien Quelle: REUTERS
Strombörse Quelle: dpa
Verschiedener Strom Quelle: dpa
Die Endverbraucher Quelle: dpa
EEG-Umlage Quelle: dpa

Strom ist ein merkwürdiges Produkt, Herr Man kann ihn nicht anfassen wie ein Auto, nicht riechen wie Kaffee – warum verkaufen Sie Strom?

Weil Strom ein spannendes Produkt ist – und weil sich ohne Spannung nichts bewegt. Strom ist ein Produkt, dessen Erzeugung betriebswirtschaftliches Kalkül erfordert, Rücksicht auf die Umwelt und Austausch mit der Politik, die für den regulatorischen Rahmen sorgt. In dieser Intensität hat es keine andere Branche mit diesen drei Dimensionen zu tun.

Das klingt fast wie auswendig gelernt.

Ist es aber nicht.

Könnten Sie auch etwas anderes als Strom verkaufen?

Das habe ich ja bereits getan. Ich habe zwölfeinhalb Jahre im Verpackungssektor gearbeitet. Wir haben Verpackungen für Coca-Cola gemacht, für Mineralwasser, aber auch Drehdeckel für Orangensaft und Marmelade. Verpackungen waren für mich interessant, weil sie Teil des Produkts sind, das in ihnen steckt – aber auch, weil sie international sind.

Ihr Vorvorgänger bei RWE, Harry Roels, war ebenfalls Niederländer. Welche Schlüsse haben Sie aus seinem Scheitern gezogen?

Der damalige Aufsichtsrat hat seinen Vertrag nicht verlängert. Das hatte viele Gründe, die wenigsten davon lassen sich auf heute übertragen. Es ist eine andere Zeit.

Woran könnten Sie scheitern?

An vielem.

Tarifoptionen für Stromkunden und was sie bringen

Anders gefragt: Welche Hürde müssen Sie überwinden?

Das Schwierigste ist, RWE für die Energiewende fit zu machen. Bisher haben wir Großkraftwerke gebaut und betrieben, mit Kapitalrücklaufzeiten von 20, 25 Jahren. Dafür brauchten wir Beständigkeit. Die Beständigkeit der Vergangenheit steht uns im Wege, um die neuen Produkte zu liefern, die die Energiewende in Zukunft braucht. Das ist ein Kulturschock. RWE wird in fünf Jahren ein anderes Unternehmen sein, als es vor fünf Jahren war.

Kommt die Erschütterung auch daher, dass RWE sein Monopol zur Stromerzeugung verliert? Windräder und Solaranlagen betreiben, das können schließlich viele.

Ja, aber wir können das auch. Wir sind der größte Windparkbetreiber auf dem Festland in Deutschland.

Weil RWE 2009 den niederländischen Versorger Essent übernommen hat.

Auch deswegen. Aber wir haben obendrein eine große Truppe, die Wind onshore entwickelt. Glauben Sie nicht, dass wir unser Geld nur mit Großkraftwerken verdienen; die steuern nur ein Viertel zum Ergebnis bei. Ein weiteres Viertel kommt aus den Netzen und dem Vertrieb, weitere 25 Prozent jeweils aus dem Handel und dem Öl- und Gasbereich.

Wenn RWE schon so gut aufgestellt ist, warum wollen Sie das Unternehmen trotzdem neu erfinden?

Wir wissen beispielsweise, dass beim Strom die Marke wichtiger wird – und dass es den Kunden nicht nur um den Strompreis geht, sondern um die Stromrechnung und die Werte, die ein Unternehmen lebt. Deshalb wollen wir allmählich auch Produkte entwickeln, die den Kunden helfen, ihren Stromverbrauch selbst zu managen.

Um Blackouts zu vermeiden, will die Bundesregierung Sie nun zwingen, unwirtschaftlich gewordene Kraftwerke betriebsbereit zu halten.

Das ist eine gehobene Form der Enteignung. Dafür bietet man uns zwar eine angemessene Vergütung an. Aber was angemessen ist, darüber gibt es natürlich Diskussionsbedarf.

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Müssen die Deutschen im kommenden Winter mit Blackouts rechnen?

Schwierige Frage. Wenn ich dazu was sage, setze ich mich sofort dem Verdacht aus, mit Angstmacherei eigene Interessen zu verteidigen. Fragen Sie besser die Bundesnetzagentur.

Sie haben doch selbst eine Meinung dazu.

Klar. Im vergangenen Winter war es einige Tage lang ziemlich spannend. Daraus hat man gelernt, gut. Aber der kommende Winter wird anders sein als der letzte. Sicher können wir deshalb nicht sein.

Dieses Interview ist zuerst auf zeit.de erschienen.

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