RWE Polit-Rummel um ein himmelblaues Kraftwerk

In Neurath bei Köln wurde am Mittwoch ein neuartiger Braunkohlemeiler in Betrieb genommen, der weitaus weniger Dreck in die Luft pustet als herkömmliche Anlagen. Grund für ein Aufgebot von Politikern, in den entlegenen Winkel der niederrheinischen Ebene zu kommen.

Der Vorstandsvorsitzender der RWE Peter Terium, der Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU), die NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und der RWE-Power-Vorstand Johannes Lambertz posieren am Mittwoch bei der Inbetriebnahme zweier neuer Braunkohlenblöcke am bestehenden RWE-Kraftwerk Neurath bei Grevenbroich. Quelle: dpa

„Die Kanzlerin hat mich nicht geschickt, ich bin von RWE eingeladen worden und bin gerne hierher gekommen“. Dem nicht nur stimmgewaltigen Umweltminister Peter Altmaier (CDU), der von Berlin hierher in den Grevenbroicher Vorort Neurath geeilt ist, stehen auf dem weitläufigen Gelände des in der Sonne blinkenden Braunkohlekraftwerks bei 38 Grad in der Sonne die Schweißperlen auf der Stirn.

Bei der Grundsteinlegung vor sechs Jahren war noch die Kanzlerin hier, doch heute ist Kabinettssitzung, und „so habe ich für das neue Braunkohlekraftwerk frei bekommen“, witzelt Altmaier später auf dem Podium. Wo sonst Bau- und Versorgungsfahrzeuge vor den riesigen Türmen des Braunkohlekraftwerks hin- und herfahren, gleiten heute dunkelblaue Limousinen aus Berlin und Düsseldorf heran. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) gibt sich die Ehre, und mitten drin steht ein dünner, aber energischer Mann mit fester Stimme und leichten holländischen Akzent: Peter Terium, seit Anfang Juli Chef des zweitgrößten Energieversorgers RWE, absolviert heute seinen ersten öffentlichen Auftritt als RWE-Chef und Nachfolger des bekennenden Atombefürworters Jürgen Großmann.

Auf dem Podium vor 500 geladenen Gästen will niemand ein Anti-Atomkämpfer sein, aber auch keiner ein glühender Freund der Braunkohle. Terium, Kraft und Altmaier betonen, dass „die Energiewende“ pragmatisch angegangen werden muss, das Wort „Kernkraftwerk“ fällt nicht, erst recht nicht ihre Abschaltung. Aber jeder hier im Festzelt weiß, dass die Abschaltung der deutschen Kernkraftwerke bis 2022 der Grund ist, warum man hier so prominent zusammengekommen ist.

Das bittere Fazit aus einem Jahr Energiewende
Kühltürme des Braunkohlekraftwerkes der Vattenfall AG im brandenburgischen Jänschwalde (Spree-Neiße) Quelle: dpa
Freileitungen verlaufen in der Nähe eines Umspannwerkes bei Schwerin über Felder Quelle: dpa
Die Flagge Österreichs weht auf einem Hausdach Quelle: dpa
Ein Strommast steht neben Windkraftanlagen Quelle: AP
Windräder des Windpark BARD Offshore 1 in der Nordsee Quelle: dpa
Eine Photovoltaikanlage der Solartechnikfirma SMA Quelle: dpa
Euroscheine stecken in einem Stromverteile Quelle: dpa

Diese Braunkohle-Anlage kann als Grundlastkraftwerk die Atomwirtschaft zwar nicht ersetzen, aber dem Ausstieg den Schrecken nehmen, weil Braunkohlekraftwerke rund um die Uhr unabhängig vom Wetter Strom für die Industrie produzieren können. 2200 Megawatt hat das Braunkohlekraftwerk in Neurath, die Leistung eines großen Atomkraftwerks. 6000 Stunden kann es im Jahr laufen, mehr als jedes Steinkohlekraftwerk.

Die neuen Kraftwerke sollen bis zu sechs Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid einsparen. Quelle: dpa

Und in seiner jetzt in Betrieb genommenen Ausführung BOA, pufft es weit weniger Treibhausgase in die Luft als die Braunkohle-Vorgänger, die wahre Dreckschleudern sind, ein Wort, das Terium fürchtet. Denn mit den Braunkohlekraftwerken verdient RWE zur Zeit Geld, mehr als E.On und erst recht mehr als der baden-württembergische Konkurrent EnBW. Die CO-Zertifikate, also die an der Börse gehandelten Verschmutzungsrechte, sind zur Zeit preiswert, Braunkohle erweist sich also für RWE als Cash-Cow, aber reden möchte man doch nicht so gern darüber.

Strommix von RWE 2011

Deswegen hat diese festliche Inbetriebnahme auch eine Schattenseite für RWE: Nun wird erst so richtig deutlich, dass die Braunkohle den europäischen Klimazielen entgegensteht und die Zukunft von RWE noch auf dieser Energieart ruht. 

Eine Enttäuschung für grüne Visionäre, die im Geiste schon den nächsten Abschaltplan hegen; nach den Atomkraftwerken bald auch das Aus für Braunkohle und alles, was nicht Wind, Sonne und Erdgas ist und schon jetzt mit dem abschätzigen Wort der „konventionellen Energie“ belegt wird. Draußen vor dem Tor des Kraftwerks Neuraths haben sich Umweltaktivisten aufgestellt, die das Herankommen der Politiker-Limousinen mit Buhrufen quittieren.

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Der sonnige Tag der Braunkohle in den einsamen Weiten der niederrheinischen Landschaft wird also das Zeichen sein, das mit dem Ausstieg aus der Kernenergie das Problem der Energieversorgung erst richtig anfängt. Daher auch das Politiker-Interesse: Jeder will zur Lösung beitragen, jeder will seine Lieblingsenergie durchsetzen.

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