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RWE Tiefe Gräben zwischen "alter" RWE und neuer Tochter

RWE-Boss Peter Terium präsentiert die Bilanz: Verluste, Stellenabbau, Krach mit den Kommunen und wütende Anleger stehen im Fokus. Terium hinterlässt seinem Nachfolger immer mehr Baustellen.

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Peter Terium. Quelle: dpa

Am liebsten flieht Peter Terium ins Silicon Valley. Dort, weit weg von der Essener Konzernzentrale, ist nicht nur viel besseres Wetter als in der Ruhrgebietsstadt. Im US-Sonnenstaat lädt sich der RWE-Chef gern sein Akku mit neuen Ideen, mit Optimismus und vor allem mit guter Laune auf. Das kann er gut gebrauchen. Denn kaum ist der Top-Manager nach seinem Kurztrip Anfang des Jahres wieder in der Zentrale in Essen gelandet, da war schon wieder Schluss mit lustig.

Die Baustellen im angeschlagenen Energiekonzern werden und werden nicht weniger. Mit der geplanten Aufspaltung des Unternehmens in eine „grüne“ Tochter und eine „alte“ RWE-AG, tun sich viele neue Konflikte auf. Auf der Hauptversammlung am 20. April soll über die Aufspaltung in zwei Teile entschieden werden.

In der „NewCo“ will RWE die Geschäfte mit Ökostrom, Netzen und das Vertriebsgeschäft bündeln. Zunächst sollen dieses Jahr noch zehn Prozent an die Börse, danach 25 Prozent oder mehr.

Wer hat das bessere Aufspaltungs-Konzept?
Von wegen Vorweg gehen: Ein Jahr haben sie sich bei RWE Zeit gelassen, um über eine Aufteilung des Konzerns zu entscheiden. Während der große Rivale Eon bereits Ende 2014 seine eigene Aufspaltung ankündigte, warteten die Konzernlenker in Essen ab. Vorstandschef Peter Terium musste sich den Vorwurf gefallen lassen, nicht entschlossen auf die von Energiewende ausgelöste Krise des Unternehmens zu reagieren. Nun ist aber auch RWE zu dem Schluss gekommen, dass die konventionellen Großkraftwerke nicht mehr zum Geschäft mit Ökostrom, Netzen und Energievertrieb passen. Doch bei der Aufspaltung will er anders vorgehen als die Konkurrenz aus Düsseldorf. Heute tagt der RWE-Aufsichtsrat, um über weitere Details zu beraten. Unklar ist, welches Modell sich als erfolgreicher erweist. Die wichtigsten Fragen und Antworten. Quelle: dpa
Hat RWE bei Eon abgeschrieben?Konzernchef Peter Terium (Foto) weist solche Gedanken zurück. Für den Plan, den Konzern aufzuspalten, habe es keine Blaupause gegeben. „Das ist eine RWE-Lösung“, beteuert der Manager. Nach einigem Zögern sortiert er nun aber wie Eon sein Geschäft in eine neue und eine alte Energiewelt. Und dabei will er die Fehler seines Kollegen Johannes Teyssen vermeiden. „Manchmal ist es besser, der erste Nachfolger als der Pionier zu sein“, heißt es im RWE-Konzern. Quelle: dpa
Was macht RWE anders als der große Rivale?Alles, was zur künftigen Energiewelt gehört, will RWE in einer neuen, bislang namenlosen Tochter bündeln. Befreit von Altlasten wie Atom und Kohle soll sie sich voll auf ihre Wachstumschancen konzentrieren. Das nötige Geld soll von der Börse kommen. Terium hofft, dass ihm dann die Investoren die Bude einrennen, da Geschäfte rund um Ökostrom als sehr attraktiv gelten. Die Altlasten bleiben im Mutterkonzern. Die Düsseldorfer machen es genau anders herum. Der Hauptkonzern soll sich künftig praktisch nur noch auf die Zukunftsgeschäfte konzentrieren, die immer weniger rentablen alten Kohle- und Gaskraftwerke kommen in die neue Gesellschaft Uniper. Quelle: dpa
Wird Eon für seine neue Tochter Investoren finden?Das muss der Konzern zunächst einmal gar nicht. Denn natürlich ist Vorstandschef Johannes Teyssen klar, dass es derzeit kaum Investoren für das klassischen Kraftwerksgeschäft gibt. Deshalb plant er für Uniper auch keinen klassischen Börsengang, sondern eine Abspaltung (Spin-off). Das heißt, dass an irgendwann in der zweiten Hälfte 2016 die Eon-Aktie aufgeteilt wird und bestehende Anteilseigner danach sowohl Eon- als auch Uniper-Papiere im Depot haben. Quelle: dpa
Was soll dann mit Uniper passieren?Natürlich muss Uniper Anleger überzeugen. Sie sollen mit stabilen Dividenden angelockt werden. Dazu sollen sich etwa Investitionen in Grenzen halten. Zudem sah die ursprüngliche Idee vor, dass die neue Gesellschaft praktisch ohne Schulden an den Start gehen sollte. Quelle: dpa
Welche Fehler hat Eon gemacht?Vor allem mit seiner Idee, auch die Atomaltlasten aus dem Hauptkonzern auszulagern, holte sich Teyssen eine blutige Nase. Nach massivem politischen Druck gab Eon im September schließlich klein bei: Das Atomgeschäft bleibt nun doch im Hauptkonzern. Damit allerdings muss Eon auch das Finanzgefüge verschieben. Nun kann es sich der Konzern nicht mehr leisten, Uniper ohne Schulden in die Eigenständigkeit zu entlassen. Quelle: dpa
Macht RWE also alles besser?Auch RWE kann die Altlasten nicht wegzaubern. Die Atom- und Kohleanlagen bleiben im Mutterkonzern. Damit erspart sich RWE-Chef Peter Terium (Foto) zumindest vorerst einen Streit mit der Bundesregierung. Allerdings sind die Gewinnaussichten für dieses Geschäft bescheiden. Deshalb wird der RWE-Konzern nach Analysteneinschätzungen auf hohe Ausschüttungen seiner neuen Zukunftstochter angewiesen sein. Das wiederum könnte deren Spielräume für Wachstum erheblich einschränken. Die Zweifel an der Börse sind groß. Vom zwischenzeitlichen Sprung um 16 Prozent nach der Aufspaltung-Ankündigung ist gut eine Woche später nicht mehr viel geblieben. Quelle: REUTERS

Die Problemfelder Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke sowie das Handelsgeschäft bleiben bei der RWE AG. Aber wie verteilt Terium auf die beiden Unternehmensteile die derzeitigen Vermögenswerte und vor allem die Schulden? Wo landen die RWE-Anleihen? Wie soll die RWE AG die Atom-Altlasten finanzieren, wenn das Geschäft mit der konventionellen Stromproduktion aus Kohle und Gas kaum noch Gewinne abwirft?

Was bleibt von RWE?

In einen Atom-Fonds soll RWE einen zweistelligen Milliardenbetrag einzahlen, um die Finanzierung der Endlagerung des Atom-Mülls zu sichern. Das schlägt die Expertenkommission der Bundesregierung unter der Leitung von Ex-Umweltminister Jürgen Trittin vor.

Dazu kommt: Jetzt hat IG BCE-Chef Michael Vassiliadis auch noch einen Braunkohle-Fonds gefordert. In den sollen alle Gewinne aus der Stromerzeugung mit dem fossilen Sedimentgestein fließen, um sie dann nutzen zu können, wenn auch die Braunkohlemeiler wegen fallender Strompreise keine Gewinne mehr erwirtschaften. Halleluja, muss da RWE-Chef Terium geseufzt haben.

Was bleibt dann eigentlich noch übrig in der „alten“ RWE? Das Handelsgeschäft allein wird nicht reichen. Schon jetzt ist also klar, dass die NewCo – so der Arbeitsname der neuen Tochter – die größere und wertvollere Gesellschaft sein wird. Welcher RWE-Mitarbeiter will da noch bei der alten RWE bleiben? Intern werden die Gräben zwischen den „Erneuerbaren“ und den alten Kraftwerkern wohl eher größer als kleiner.

Klar ist aber auch: Mit der Aufspaltung des Konzerns in zwei Teile hat RWE noch kein neues Geschäftsmodell gefunden. Mit welchen Produkten und Dienstleistungen will der Essener Energiekonzern zukünftig wieder aus den roten Zahlen kommen?

RWEs kommunale Anteilseigner sind sauer

Die Kommunalen Aktionäre, die immerhin einen Anteil von 25 Prozent am Konzern halten, kochen vor Wut. Im Aufsichtsrat in der vergangenen Woche trugen sie zwar den Vorschlag des RWE-Vorstandes mit, im Geschäftsjahr 2015 nicht einen Cent an die Anteilseigner auszuschütten. Es wäre auch gegen jede ökonomische Vernunft, wenn ein börsennotierter Konzern an seine Aktionäre eine Dividende zahlt, obwohl er massive Verluste macht und die Dividendenzahlungen nur noch mit der Aufnahme von Fremdkapital finanzieren kann.

Sauer sind die kommunalen Anteilseigner trotzdem. Denn der Ton macht die Musik. Und den trifft Terium mit den wichtigen kommunalen Aktionären immer seltener. Die wären ganz einfach vor der Entscheidung über die geplante Dividendenkürzung angehört worden.

Nun prüfen sie, ob sie dem Konzernboss auf der RWE-Hauptversammlung am 20. April die Entlastung verweigern. Die Streichung der RWE-Dividende trifft vor allem Städte wie Dortmund, Essen, Mülheim sowie den Kreis Kleve und den Rhein-Sieg-Kreis. Für Dortmund und Essen fallen zweistelligen Millionenbeträge weg.

"Das war unglaublich vertrauenszerstörend"
Bei RWE rumort es gewaltig hinter den Kulissen: Angesichts der Krise des Energiekonzerns trommeln die Kommunen vor der Aufsichtsratssitzung am Freitag für Ex-Bundeswirtschaftsminister Werner Müller als künftigen Chefaufseher. Er soll mit seinen politischen Kontakten das Ruder herumreißen. Amtsinhaber Manfred Schneider kämpft dagegen offenbar für den Ex-SAP-Finanzvorstand Werner Brandt als seinen Nachfolger. Bei der Herbstsitzung des Aufsichtsrats in Essen könnten die Weichen gestellt werden, offiziell gewählt wird im kommenden Frühjahr. Bei der Sitzung muss RWE-Chef Peter Terium außerdem den weiter dramatisch fallenden Aktienkurs erklären und Ängste vor weiteren Dividendenkürzungen zerstreuen. Es schaut nicht gut aus für den Energieriesen – die Krise von RWE in Zitaten. Quelle: dpa
„Das Unternehmen geht durch ein Tal der Tränen.“ (RWE-Chef Peter Terium bei der Quartalsbilanz im November 2013) Quelle: dpa
„Die niedrigen Strompreise hinterlassen ihre Blutspuren in unserer Bilanz.“ (RWE-Finanzvorstand Bernhard Günther, im Mai 2014) Quelle: Presse
„Das Tal der Tränen ist also noch nicht durchschritten.“ (RWE-Chef Peter Terium bei der Jahresbilanz im März 2015) Quelle: dpa
„RWE muss sich gesundschrumpfen und braucht an der Spitze keinen Visionär, sondern einen Sanierer.“ (Fondsmanager Ingo Speich bei der Hauptversammlung im April 2014) Quelle: Presse
„Womit verdient RWE in fünf Jahren sein Geld – das ist die Gretchenfrage.“ (Aktionärsvertreter Marc Tüngler bei derselben Hauptversammlung) Quelle: dpa
„Unabhängig von Länder- und Spartengrenzen: Es geht ums Überleben.“ (RWE-Kraftwerkschef Matthias Hartung im Juli 2015) Quelle: dpa

Weitere Tausende Jobs bei RWE in Gefahr

Statt mit den Kommunen Zeit zu verschwenden, eilte Terium auf die britische Insel. Dort war Ende Februar in Oxfordshire ein stillgelegtes Kohlekraftwerk des Konzerns explodiert. Aus bisher noch ungeklärter Ursache sind Teile des Gebäudes umgestürzt. Ein Mitarbeiter kam zu Tode, vier weitere sind schwer verletzt worden.

Auf der britischen Insel kämpft RWE sowieso schon mit Problemen: In 2015 verbuchte RWE einen Verlust von 200 Millionen Euro, wie das Unternehmen schon vor der Präsentation der Bilanz vor knapp zwei Wochen mitteilte. Einen großen Teil dazu trug die britische Tochter npower bei: Sie fuhr im vergangenen Geschäftsjahr einen Betriebsverlust von 137 Millionen Euro ein und trug somit zu dem Nettoverlust von 170 Millionen Euro des Gesamtkonzerns bei. Das Unternehmen verlor im vergangenen Jahr rund 200.000 Strom- und Gaskunden an die Konkurrenz. Bei der britischen RWE-Tochter sollen nun bis zu 2400 Jobs gestrichen werden.

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Auch im Gesamtkonzern ist die letzte Sparrunde noch nicht vorbei. Langfristig sollen insgesamt bis zu 5000 Jobs bei RWE bedroht sein, heißt es aus Konzernkreisen. Was Terium da in diesem Jahr wohl noch an neuen „Effizienzprogrammen“ plant? Bis 2018 will er die Kosten um weitere 500 Millionen Euro drücken.

Einen Lichtblick hat Terium: Die Bilanz des RWE-Konzerns präsentieren, das ist für den Top-Manager am Dienstag wohl das letzte Mal. Zukünftig wird das Noch-Vize-Chef Rolf Martin Schmitz übernehmen. Der wird Ende des Jahres nicht nur Chef der Problemfelder Gas-, Kohle- und Atomkraftwerke, sondern auch das Ruder an der Konzernspitze übernehmen.

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