WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Skurriler Rechtsstreit Wofür Conergy 220 Millionen Schadenersatz fordert

Seite 3/4

Engpass bei Conergy

In dieser Situation schwindet bei Conergy der Überblick. So sollen Mitarbeiter bei einem Händler, den sie nicht kannten, telefonisch Wafer im Wert von fünf Millionen Euro bestellt und den Betrag per Vorkasse überwiesen haben. Doch weder die Ware noch der Telefonhändler tauchen jemals wieder auf. Auch die fünf Millionen Euro sind futsch. Andere Zulieferer zweigen Wafer, die angeblich schon auf dem Weg zu Conergy sind, zu anderen Kunden um, weil diese höhere Preise bieten.

Je länger die neuen Fertigungsanlagen dastehen, desto mehr spitzt sich der Engpass bei Conergy offenbar zu. Zwischen Juni 2007 und Juli 2008 bestellt Conergy bei chinesischen Lieferanten knapp acht Millionen Wafer. Dies entspricht jedoch nur zwölf Prozent der Jahresmenge in Höhe von 65 Millionen Wafern, die für eine Vollauslastung der vier Fertigungslinien erforderlich gewesen wären.

Die Knappheit auf den Rohstoffmärkten treibt die Conergy-Manager zu immer neuen Verzweiflungstaten – und Konzernchef Rüter zu unhaltbaren Jubelmitteilungen. So schloss die Firma im Herbst 2007 einen Vertrag mit dem US-Waferhersteller MEMC, der Conergy zu Abnahme und festen Preisen verpflichtete. „Dieser Vertrag ist ein Quantensprung für uns, da er eine wesentliche Unsicherheit in unserem Markt, die Versorgung mit Rohstoffen, beseitigt“, erklärte Rüter im Oktober 2007.

In Wahrheit bringt der Vertrag Conergy jedoch an den Rand des Ruins. Knapp zwei Jahre später, im April 2009, kündigt der Aufsichtsrat rechtliche Schritte gegen die verantwortlichen ehemaligen Vorstandsmitglieder an. Rüters Erfolgsmeldung las sich in einer Mitteilung der Aufseher dann so: „Viele dieser historischen Fehlentscheidungen belasten die Gesellschaft noch heute, so etwa der in Preis und Volumen vom Altvorstand überdimensioniert abgeschlossene Vertrag mit MEMC.“

Für die Produktion auf den neuen Anlagen hieß das alles nichts Gutes. Nach Darstellung von Roth & Rau verlagern sich Conergy-Mitarbeiter 2008 und 2009 immer mehr aufs Improvisieren. Um die Fertigungslinien 1 und 2 am Laufen zu halten, sollen sie Teile aus Linie 3 und 4 ausgebaut haben, die sie als Ersatzteile verwenden. Die Methode greift so um sich, dass der Conergy-Werksleiter am 22. August 2008 in einer E-Mail an die Mitarbeiter appelliert: „Das mit dem wilden Ausschlachten muss jetzt endlich ein Ende haben – noch dazu, wenn das Ersatzteil vorhanden ist.“

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%