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Skurriler Rechtsstreit Wofür Conergy 220 Millionen Schadenersatz fordert

Prozessunterlagen im Rechtsstreit zwischen den einstigen Vorzeigefirmen Conergy und Roth & Rau zeugen von der Selbstüberschätzung und Verlogenheit einer ganzen Branche. Conergy wird seinen Aktionären am Mittwoch einiges erklären müssen.

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Nicht viel mehr als ein Scherbenhaufen - viele der einstigen Stars der deutschen Solarindustrie kämpfen heute ums Überleben. Doch damit nicht genug, an skurrilen Prozessen wie dem von Conergy gegen Roth & Rau zeigt sich auch, wie aufgebläht manches Geschäftsmodell war - viel heiße Luft, wenig dahinter. Quelle: Fotolia

Beim Solarmaschinenbauer Roth & Rau in Hohenstein-Ernstthal bei Chemnitz ist ein wenig Ruhe eingekehrt. Nach Gewinneinbrüchen und Stellenabbau hatte der Schweizer Konzern Meyer Burger die Ostdeutschen im Frühjahr 2011 durch Übernahme gerettet. Und auch um den Hamburger Solarkonzern Conergy ist es nach dem Beinahe-Zusammenbruch stiller geworden.

Doch wenn sich am Mittwoch die Conergy-Aktionäre treffen, wird die Vergangenheit die beiden Unternehmen einholen. Dann werden die Anteilseigner wieder nach dem Rechtsstreit mit Roth & Rau fragen, den die zwei Firmen ausfechten. Denn der hat es in sich, wie Dokumente zeigen, die der WirtschaftsWoche vorliegen. Seit gut zweieinhalb Jahren tobt zwischen Conergy und Roth & Rau eine juristische Schlacht, die den Aufstieg und Fall weiter Teile der deutschen Solarindustrie verkörpert: eine Mischung aus Selbstüberschätzung und Realitätsverlust, Dilettantismus und Totalversagen.

Seit Februar 2011 liegen die beiden Seiten vor dem Hamburger Landgericht im Clinch, ohne dass sich etwas bewegt. Conergy verlangt von Roth & Rau Schadensersatz in Höhe von sage und schreibe 220 Millionen Euro, weil der Maschinenbauer 2006 vier Zellfertigungslinien für Solarmodule im Auftragswert von 58 Millionen Euro nicht wie vereinbart geliefert und dadurch die Produktion verzögert habe. Roth & Rau weist die Anschuldigungen zurück und verlangt seinerseits knapp zwölf Millionen Euro von Conergy, weil noch nicht alle Rechnungen bezahlt worden seien. Die Schriftsätze umfassen inzwischen mehrere Zehntausend Seiten. Wie lange das Verfahren noch dauert, sagt das Gericht, sei „nahezu unabsehbar“.

Die Top-Ten-Hersteller von Dünnschicht-Solarmodulen

Begonnen hatte alles mit einem großen Traum. Es ist das Jahr 2005, Deutschlands Solarindustrie fiebert den Milliarden entgegen, die deutsche Stromkunden als Umlage für Wind- und vor allem Solarstrom bezahlen müssen. Zusammen mit Solarworld, Solon, Q-Cells oder Solar Millennium – allesamt zwischenzeitlich pleite oder nur noch ein Schatten ihrer selbst – ist Conergy Weltmarktführer, Börsenwunder und Jobmaschine zugleich. Erst mit dem Bau von Solaranlagen, dann mit Wind- und Bioenergie, später mit der Produktion von Modulen sollte der Konzern eine Art grünes Siemens des neuen Jahrtausends werden.

Doch dann fasst Gründer und Firmenchef Hans-Martin Rüter einen folgenreichen Beschluss. Conergy soll von 2007 an Solarmodule in einer eigenen Fabrik selber herstellen, statt Solarparks und -anlagen weiterhin nur zu planen und zu bauen. In welche dünne Luft Rüter sich damit wagt, dokumentiert er, indem er das Megaprojekt nach dem höchsten Berg Afrikas benennt, den Kilimandscharo. 250 Millionen Euro will Rüter ausgeben, rund 1000 neue Arbeitsplätze schaffen und Conergy unabhängig von Modulproduzenten machen, die zu dieser Zeit die Preise bestimmen.

Silizium aus Kirgisistan

Neuer Rückschlag für Solarworld
SolarworldDer Bonner Solarmodulhersteller kommt nach seinem scharfen Kapital- und Schuldenschnitt vom Frühjahr nur langsam wieder in Tritt. Die konzernweite Absatzmenge sei im ersten Halbjahr nach vorläufigen Zahlen zwar um mehr als die Hälfte auf 357 Megawatt gestiegen, teilte Solarworld mit. Hierzu habe aber vor allem das Auslandsgeschäft beigetragen. In Deutschland sei der Markt weiter schwach. Das Umsatzziel für 2014 von mehr als 680 Millionen Euro werde deshalb wahrscheinlich nicht erreicht. In den ersten sechs Monaten wuchs der Konzernumsatz um 13 Prozent auf 228 Millionen Euro, blieb dabei aber leicht unter den Erwartungen des Unternehmens. Vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) sowie bereinigt um Sondereffekte des internen Umbaus kam Solarworld auf einen leichten Gewinn von einer Million Euro (Vorjahreshalbjahr: -37 Millionen Euro). Ein insgesamt positives operatives Ergebnis erwartet das Unternehmen weiterhin für 2015. Mit der Restrukturierung hatte Solarworld seinen Schuldenberg um mehr als die Hälfte auf 427 Millionen Euro verringert. Dabei mussten Aktionäre und Gläubiger hohe Verluste hinnehmen. Erst vor kurzem hatte sich der Konzern mit einem wichtigen Rohstoff-Lieferanten auf neue Verträge geeinigt - musste im Gegenzug aber viel Geld in den Wind schreiben. Quelle: dpa
Nordex Der Windkraftanlagenbauer Nordex will seine Geschäfte in Südamerika ausbauen. Schon heute verkaufe Nordex vor allem in Uruguay mit einigem Erfolg, sagte Vorstandschef Jürgen Zeschky. Auch in Chile werde Nordex aktiv sein. „Diese Länder haben einen ungestillten Hunger nach Energie und zahlen für Strom aus heimischen Kraftwerken gutes Geld.“ In den USA habe sich Nordex dagegen bescheidene Ziele gesteckt. „Ich würde nicht so weit gehen, diese Strategie "Rosinen picken" zu nennen, aber dem härtesten Wettbewerb gehen wir so aus dem Weg“, sagte Zeschky. Der Umsatzanteil Amerikas liege bei 18 Prozent. Nach einem guten ersten Quartal hatte Nordex seine Prognose für 2014 zuletzt angehoben. Erwartet werden nun ein Auftragseingang von 1,5 bis 1,7 Milliarden Euro und ein Umsatz von 1,5 bis 1,6 Milliarden Euro. Die Ebit-Marge für 2014 - also das Verhältnis von operativem Ergebnis und Umsatz - wird laut Zeschky 4 bis 5 Prozent betragen. Nordex werde sein Werk in Rostock für rund 25 Millionen Euro ausbauen, kündigte Zeschky an. Dort sind etwa 1400 Mitarbeiter beschäftigt. Insgesamt wolle Nordex bis 2016 rund 50 Millionen Euro in seine Kerntechnologie „Rotorblatt“ investieren. Hintergrund sind die größeren Dimensionen der Rotorblätter und zugehörigen Werkzeuge, die den Umbau der bestehenden Produktionshallen notwendig machen. Quelle: dpa
SolarworldDie Sanierung ist planmäßig abgeschlossen, die Verluste sind eingedämmt (auf 427 Mio. Euro) - jetzt müssen nur noch die Umsätze wieder fließen. Der Photovoltaikkonzern Solarworld sieht sich nach dem drastischen Kapital- und Schuldenschnitt wieder gut aufgestellt. „Wir kommen nicht nur in ruhigeres Fahrwasser, wir nehmen auch massiv Fahrt auf“, sagte Konzernchef Frank Asbeck im Mai bei der Hauptversammlung des Unternehmens in Bonn. Solarworld profitiere von dem Einstieg des Emirats Katar sowie von der Übernahme von Fertigungskapazitäten von Bosch in Thüringen. Der Unternehmenschef geht von einem Wachstum des globalen Photovoltaikmarktes aus, mit einem Schwerpunkt in Asien und in den USA. Allein im ersten Quartal seien in den USA fast so viele Neuanlagen installiert worden wie in dem rückläufigen Markt Deutschland für das ganze Jahr 2014 erwartet wird. Quelle: dpa
SMA SolarSchlechter Start ins Jahr 2014: Im ersten Quartal stand beim operativen Ergebnis des Solar-Technikherstellers ein Minus von 22 Millionen Euro in den Büchern - nach einem Verlust von 8 Millionen Euro Anfang 2013. Zudem brach der Umsatz deutlich ein. Grund dafür seien zum einen Unsicherheiten in Europa wegen der Ukraine-Krise, aber auch Projektverschiebungen in Nordamerika und Währungsturbulenzen in Indien, heißt es offiziell von SMA Solar. Auf der Hauptversammlung 2014 wurde beschlossen, für das Geschäftsjahr 2013 keine Dividende auszuschütten. Große Probleme hat das Unternehmen aber schon länger. Der Weltmarktführer bei Photovoltaik-Wechselrichtern hatte 2013 einen Verlust von rund 67 Millionen Euro eingefahren - nach einem Gewinn von 75,1 Millionen Euro 2012. Mit weiteren Sparmaßnahmen will SMA Solar nun wieder in die Gewinnzone zurückkommen. Schon im Jahr 2013 hat der Wechselrichter-Hersteller seine Kosten um 180 bis 200 Millionen Euro gesenkt. Zudem will das Unternehmen in Zukunft neue Märkte erschließen und neue Produkte einführen. „Im besten Fall“, so Vorstandssprecher Pierre-Pascal Urbon, soll 2014 ein Ergebnisplus von 20 Millionen Euro erreicht werden. Ende Mai gab SMA Solar bekannt, das Solar-Wechselrichter-Geschäft vom Mitbewerber Danfoss komplett zu kaufen und eine strategische Partnerschaft anzustreben. Quelle: dpa
SunwaysBeim Fotovoltaik-Unternehmen aus Konstanz läuft seit Ende April das offizielle Insolvenzverfahren. Der Insolvenzverwalter hat damit begonnen, den Konzern zu zerschlagen. Als ersten Schritt zur Liquidierung beantragte Sunways am 19. Mai den Widerruf der Börsenzulassung an der Frankfurter Wertpapierbörse beantragt. Gleichzeitig trat der Vorstandsvorsitzende Hoong Khoeng Cheong zurück .Das Geschäft mit Wechselrichtern und gebäudeintegrierter Photovoltaik hat bereits der chinesische Solarkonzern Shunfeng übernommen. 40 Mitarbeiter können deshalb ihren Arbeitsplatz behalten. Alle anderen hätten ihre Kündigung bereits erhalten, teilte ein Sprecher mit. Ende 2012 waren bei Sunways noch 265 Menschen beschäftigt. Die Aktionäre müssen davon ausgehen, bei der Insolvenz komplett leer auszugehen. Sunways schrieb seit Jahren rote Zahlen und wies hohe Verluste aus. Wie im Mai bekannt wurde, waren die Geschäfte des Unternehmens schon mehrere Monate vor der Zahlungsunfähigkeit fast völlig zum Erliegen gekommen. Bereits 2013 befand sich das Unternehmen einmal in einem vorläufigen Insolvenzverfahren, nachdem mehrere Banken dem Unternehmen Kredite in Millionenhöhe gekündigt hatten. Durch eine Vergleichsvereinbarung wurde das eigentliche Insolvenzverfahren damals jedoch abgewendet. Quelle: dpa
S.A.G. Solarstrom AGDie Solarkrise hat den Anlagenbauer in die Knie gezwungen. Das Unternehmen stellte am 13. Dezember 2013 einen Insolvenzantrag. Die Solarstrom AG kann nach Ansicht des Insolvenzverwalters aber gerettet werden. Mit einer Zerschlagung des Solarunternehmens sei derzeit nicht zu rechnen, teilte eine Firmensprecherin am 16. Mai am Rande einer Gläubigerversammlung mit. Die Sanierung und die Suche nach Investoren laufe positiv und werde fortgeführt, sagte Insolvenzverwalter Jörg Nerlich. Einzelheiten hierzu nannte er nicht. Nerlich erwartet den Angaben zufolge eine Insolvenzquote von rund 50 Prozent. Ob Aktionäre Geld zurück erhalten können, sei aber weiter offen. Das Freiburger Unternehmen mit heute rund 170 Mitarbeitern zählt zu den Pionieren der Solarbranche. Es war 1999 eine der ersten börsennotierten Solarfirmen in Deutschland. Quelle: dpa
ProkonDer Windkraftanlagen-Finanzierer hat im Januar beim Amtsgericht Itzehoe Insolvenz angemeldet. Das Verfahren wurde Anfang Mai eröffnet. Die Zukunft für die insgesamt rund 1300 Beschäftigten ist ungewiss. Gut 75.000 Anleger hatten dem Unternehmen über Genussrechte rund 1,4 Milliarden Euro anvertraut. Sie müssen sich auf schmerzvolle Verluste einstellen. Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin schätzt, dass sie zwischen 40 und 70 Prozent ihres investierten Kapitals verlieren werden. Das Geschäftsmodell des von Carsten Rodbertus 1995 gegründeten Windparkbetreibers stand seit langem in der Kritik. Quelle: dpa

Den knappen Rohstoff Silizium soll eine Fabrik in Kirgistan liefern, die Conergy kaufen will. Rüter strotzt vor Optimismus. Dass die Fertigung in das leer stehende Gebäude einer zuvor liquidierten Chipfabrik einzieht, wertet er nicht als schlechtes Omen. Voller Elan bestellt er Anfang Juni 2006 bei Dietmar Roth, dem Chef des Maschinenbauers Roth & Rau, vier Fertigungslinien für Solarzellen mit jeweils 50 Megawatt Produktionsleistung pro Jahr. Die Kapazität hätte ausgereicht, um damals rund ein Viertel aller in Deutschland installierten Solaranlagen zu bauen. Der Gesamtauftragswert liegt bei knapp 60 Millionen Euro.

Die Tinte ist kaum trocken, da verwischen die Kompetenzen der Vertragspartner, künden erste Vorzeichen von einem hässlichen Ende der Geschäftsbeziehung. Rüter holt erst sehr spät die Stuttgarter M+W-Gruppe als Planer und Koordinator des Gesamtprojekts ins Boot. Daraufhin stehen den Roth & Rau-Ingenieuren Projekthandbücher und Schnittzeichnungen sowie Gesamtterminpläne erst mit erheblicher Verzögerung zur Verfügung.

Die Folgen lassen nicht lange auf sich warten. Roth & Rau hat kaum mit dem Aufbau der Maschinen in der ehemaligen Chipfabrik begonnen, da stellt sich heraus, dass der Fabrikboden die tonnenschweren Anlagen nicht trägt. Ein neues Betonfundament muss gegossen werden. Auch die Leitungen und Anschlüsse für Gase und Chemikalien sowie die Entlüftungsanlage sind nicht fristgerecht einsatzbereit. Trotzdem sind Linie 1 und 2 im Juli 2007 montiert und absolvieren im Januar 2008 erfolgreich den Probebetrieb. Dann wird Linie 3 geliefert und weitgehend montiert. Bis Ende März trifft auch Linie 4 ein.

Die Top-Ten-Hersteller kristalliner Solarmodule

Was dann passiert, hätte jeden Aktionär in Panik versetzt, hätte er die Lage damals durchschaut. Dass es nicht dazu kam, dafür sorgte Conergy-Chef Rüter. Zunächst scheitert der Kauf der Siliziumfabrik in Kirgistan. Damit ist es für Conergy kaum noch möglich, die Versorgung mit dem wichtigsten Rohstoff sicherzustellen. Gleichwohl hatte Rüter die Aktionäre in Sicherheit gewogen, indem er im August 2006 behauptete, der Konzern habe sich zur Vorbereitung des Wachstums „hochreines Silizium in steigenden Mengen gesichert“. Laut Zeugnis eines beteiligten Managers verfügte Conergy jedoch über keinen Zulieferer, der ausreichend Silizium zur Verfügung stellte.

Der Mangel an Rohstoffen sollte große Auswirkungen auf die Fertigung haben. Der Markt für Siliziumscheiben, sogenannte Wafer, ist leer gefegt. Um die Anlagen zu füttern, bemüht sich Conergy auf dem Spot- und dem Schwarzmarkt, kann aber nur geringe Mengen zu überhöhten Preisen kaufen. Vor allem aber, heißt es in den Prozessunterlagen, haben die Wafer nicht die vertraglich vereinbarte Qualität, um sie auf den technisch anspruchsvollen Anlagen weiterzuverarbeiten.

Engpass bei Conergy

In dieser Situation schwindet bei Conergy der Überblick. So sollen Mitarbeiter bei einem Händler, den sie nicht kannten, telefonisch Wafer im Wert von fünf Millionen Euro bestellt und den Betrag per Vorkasse überwiesen haben. Doch weder die Ware noch der Telefonhändler tauchen jemals wieder auf. Auch die fünf Millionen Euro sind futsch. Andere Zulieferer zweigen Wafer, die angeblich schon auf dem Weg zu Conergy sind, zu anderen Kunden um, weil diese höhere Preise bieten.

Je länger die neuen Fertigungsanlagen dastehen, desto mehr spitzt sich der Engpass bei Conergy offenbar zu. Zwischen Juni 2007 und Juli 2008 bestellt Conergy bei chinesischen Lieferanten knapp acht Millionen Wafer. Dies entspricht jedoch nur zwölf Prozent der Jahresmenge in Höhe von 65 Millionen Wafern, die für eine Vollauslastung der vier Fertigungslinien erforderlich gewesen wären.

Die Knappheit auf den Rohstoffmärkten treibt die Conergy-Manager zu immer neuen Verzweiflungstaten – und Konzernchef Rüter zu unhaltbaren Jubelmitteilungen. So schloss die Firma im Herbst 2007 einen Vertrag mit dem US-Waferhersteller MEMC, der Conergy zu Abnahme und festen Preisen verpflichtete. „Dieser Vertrag ist ein Quantensprung für uns, da er eine wesentliche Unsicherheit in unserem Markt, die Versorgung mit Rohstoffen, beseitigt“, erklärte Rüter im Oktober 2007.

In Wahrheit bringt der Vertrag Conergy jedoch an den Rand des Ruins. Knapp zwei Jahre später, im April 2009, kündigt der Aufsichtsrat rechtliche Schritte gegen die verantwortlichen ehemaligen Vorstandsmitglieder an. Rüters Erfolgsmeldung las sich in einer Mitteilung der Aufseher dann so: „Viele dieser historischen Fehlentscheidungen belasten die Gesellschaft noch heute, so etwa der in Preis und Volumen vom Altvorstand überdimensioniert abgeschlossene Vertrag mit MEMC.“

Für die Produktion auf den neuen Anlagen hieß das alles nichts Gutes. Nach Darstellung von Roth & Rau verlagern sich Conergy-Mitarbeiter 2008 und 2009 immer mehr aufs Improvisieren. Um die Fertigungslinien 1 und 2 am Laufen zu halten, sollen sie Teile aus Linie 3 und 4 ausgebaut haben, die sie als Ersatzteile verwenden. Die Methode greift so um sich, dass der Conergy-Werksleiter am 22. August 2008 in einer E-Mail an die Mitarbeiter appelliert: „Das mit dem wilden Ausschlachten muss jetzt endlich ein Ende haben – noch dazu, wenn das Ersatzteil vorhanden ist.“

Nur rund 23 Millionen Wafer

"Solar Impulse" beendet USA-Überquerung
Zwei Monate nach dem Start in San Francisco ist das nur mit Sonnenkraft betriebene Flugzeug „Solar Impulse“ in New York gelandet. Die Schweizer Piloten Bertrand Piccard und Andre Borschberg hatten am 3. Mai ihren Rekordflug von der Ost- zur Westküste der USA begonnen. Weil das Flugzeug aber nur mit einer Geschwindigkeit von 25 Knoten (46 Kilometern in der Stunde) dahingleitet, wurde die Strecke in sechs Etappen unterteilt. Pilot Borschberg schwärmt von idealen Bedingungen mit hervorragender Sicht aus 8000 Fuß (knapp 2500 Metern) Höhe. Quelle: REUTERS
Auf ihrem Flug haben die beiden Piloten bereits Rekorde aufgestellt. So war die zweite Etappe, von Arizona nach Texas, zugleich mit 1541 Kilometern ein neuer Langstreckenrekord für Solarflugzeuge. Noch wichtiger dürfte die Erfahrung sein, die das Team, gesteuert vom Flugzentrum im Schweizer Payerne bei Bern, dabei gesammelt hat. Quelle: AP
Über den Wolken von San Francisco: 12.000 Photovoltaik-Zellen auf den Flügeln speisen den Energiebedarf des Flugzeugs. Quelle: dpa
Solarflugzeug vor Traum-Panorama: Mit bis zu 64 Stundenkilometern gleitet die „Solar Impulse“ über die Golden Gate Bridge in San Francisco hinweg. Quelle: REUTERS
Fliegen im Sonnenuntergang: Selbst bei Dunkelheit kann die „Solar Impulse“ in der Luft bleiben. Nach Phoenix sind noch Zwischenlandungen in Dallas-Fort Worth, St. Louis, Washington und New York geplant. Für jeden Zwischenstopp sind zehn Tage vorgesehen. Quelle: REUTERS
Vorbereitungen im Morgengrauen: Das Team macht den Solarflieger in Mountain View startklar. Quelle: dpa
Startklar bei sternenklarer Nacht: Die „Solar Impulse“ auf dem Rollfeld in Mountain View. Die Flugdauer jeder Etappe beträgt zwischen 19 und 25 Stunden. Quelle: AP

Derweil spitzt sich die wirtschaftliche Lage bei Conergy zu. Erneut zeichnen sich dramatische Verluste ab. Hätte das Unternehmen jetzt beginnen müssen, die Fertigungslinien 3 und 4 abzuschreiben, wäre es eng geworden. Also untersagt Conergy, wie aus den Prozessakten hervorgeht, den üblichen Probelauf an den Linien 3 und 4, der die Leistungsfähigkeit neuer Anlagen verbindlich testet. Damit verschafft sich das Unternehmen die Möglichkeit, Zahlungen an Roth & Rau zu verzögern. Zudem spart dies einen zweistelligen Millionenbetrag, den die ganze Prozedur gekostet hätte. Conergy behauptet heute, dem Unternehmen seien bereits ab Dezember 2007 Gewinne entgangen, die eine Vollauslastung aller vier Fertigungslinien gebracht hätte. Dem widersprechen Zeugen, denen zufolge zeitweise nicht eine einzige Siliziumscheibe zur Verarbeitung bereit lag.

Es kommt, wie es kommen muss. Durch den Mangel an Wafern sind die Maschinen nicht ausgelastet. Mitarbeiter werden entlassen. 2009 speist Conergy nur rund 23 Millionen Wafer in die Anlagen. Allein die Linien 1 und 2, auf denen das gesamte Jahr über produziert wurde, hätten 32 Millionen Wafer zur Vollauslastung benötigt.

In dieser ausweglosen Situation beschließt die Conergy-Führung offenbar, Roth & Rau zu piesacken, wo es nur geht. Conergy lässt durchsickern, dass es eine Schadensersatzklage gegen Roth & Rau erwäge. Der Zeitpunkt ist mit Bedacht gewählt. Roth & Rau plant für Februar 2010 eine Kapitalerhöhung, gleichzeitig gilt der Maschinenbauer als Übernahmekandidat. Schlechte Nachrichten schaden beidem.

Energie



Sodann holt der neue Conergy-Chef Dieter Ammer, der Rüter im Herbst 2007 ablöste, zum zweiten Schlag aus. Er informiert wenige Stunden vor der Notierung der neuen Roth & Rau-Aktien am 16. Februar die Investmentbank von Roth & Rau, Credit Suisse, Conergy plane eine Schadensersatzklage in dreistelliger Millionenhöhe gegen Roth & Rau. Die Schweizer Banker gehen darauf aber nicht ein und winken die Kapitalerhöhung durch.

Als Conergy das Wasser langsam bis zum Hals steht, wird Roth & Rau schließlich eine Schadensersatzklage in Höhe von 220 Millionen Euro zugestellt. Conergy geht heute nicht mehr davon aus, die Forderung in voller Höhe durchsetzen zu können, „jedoch wird nicht damit gerechnet, dass ihr aus dem Vorgang finanzielle Nachteile entstehen, da schon der ggf. einbringbare Anspruch möglichweise zugesprochene Gegenforderungen der Roth & Rau bei Weitem übersteigt", so der Geschäftsbericht von 2012.

Was bleibt, sind zwei angeschlagene Unternehmen, die, koste es, was es wolle, um jeden Cent kämpfen – wie die meisten der einst so hoffnungsvollen deutschen Solarbranche.

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