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Skurriler Rechtsstreit Wofür Conergy 220 Millionen Schadenersatz fordert

Prozessunterlagen im Rechtsstreit zwischen den einstigen Vorzeigefirmen Conergy und Roth & Rau zeugen von der Selbstüberschätzung und Verlogenheit einer ganzen Branche. Conergy wird seinen Aktionären am Mittwoch einiges erklären müssen.

Nicht viel mehr als ein Scherbenhaufen - viele der einstigen Stars der deutschen Solarindustrie kämpfen heute ums Überleben. Doch damit nicht genug, an skurrilen Prozessen wie dem von Conergy gegen Roth & Rau zeigt sich auch, wie aufgebläht manches Geschäftsmodell war - viel heiße Luft, wenig dahinter. Quelle: Fotolia

Beim Solarmaschinenbauer Roth & Rau in Hohenstein-Ernstthal bei Chemnitz ist ein wenig Ruhe eingekehrt. Nach Gewinneinbrüchen und Stellenabbau hatte der Schweizer Konzern Meyer Burger die Ostdeutschen im Frühjahr 2011 durch Übernahme gerettet. Und auch um den Hamburger Solarkonzern Conergy ist es nach dem Beinahe-Zusammenbruch stiller geworden.

Doch wenn sich am Mittwoch die Conergy-Aktionäre treffen, wird die Vergangenheit die beiden Unternehmen einholen. Dann werden die Anteilseigner wieder nach dem Rechtsstreit mit Roth & Rau fragen, den die zwei Firmen ausfechten. Denn der hat es in sich, wie Dokumente zeigen, die der WirtschaftsWoche vorliegen. Seit gut zweieinhalb Jahren tobt zwischen Conergy und Roth & Rau eine juristische Schlacht, die den Aufstieg und Fall weiter Teile der deutschen Solarindustrie verkörpert: eine Mischung aus Selbstüberschätzung und Realitätsverlust, Dilettantismus und Totalversagen.

Seit Februar 2011 liegen die beiden Seiten vor dem Hamburger Landgericht im Clinch, ohne dass sich etwas bewegt. Conergy verlangt von Roth & Rau Schadensersatz in Höhe von sage und schreibe 220 Millionen Euro, weil der Maschinenbauer 2006 vier Zellfertigungslinien für Solarmodule im Auftragswert von 58 Millionen Euro nicht wie vereinbart geliefert und dadurch die Produktion verzögert habe. Roth & Rau weist die Anschuldigungen zurück und verlangt seinerseits knapp zwölf Millionen Euro von Conergy, weil noch nicht alle Rechnungen bezahlt worden seien. Die Schriftsätze umfassen inzwischen mehrere Zehntausend Seiten. Wie lange das Verfahren noch dauert, sagt das Gericht, sei „nahezu unabsehbar“.

Die Top-Ten-Hersteller von Dünnschicht-Solarmodulen

Begonnen hatte alles mit einem großen Traum. Es ist das Jahr 2005, Deutschlands Solarindustrie fiebert den Milliarden entgegen, die deutsche Stromkunden als Umlage für Wind- und vor allem Solarstrom bezahlen müssen. Zusammen mit Solarworld, Solon, Q-Cells oder Solar Millennium – allesamt zwischenzeitlich pleite oder nur noch ein Schatten ihrer selbst – ist Conergy Weltmarktführer, Börsenwunder und Jobmaschine zugleich. Erst mit dem Bau von Solaranlagen, dann mit Wind- und Bioenergie, später mit der Produktion von Modulen sollte der Konzern eine Art grünes Siemens des neuen Jahrtausends werden.

Doch dann fasst Gründer und Firmenchef Hans-Martin Rüter einen folgenreichen Beschluss. Conergy soll von 2007 an Solarmodule in einer eigenen Fabrik selber herstellen, statt Solarparks und -anlagen weiterhin nur zu planen und zu bauen. In welche dünne Luft Rüter sich damit wagt, dokumentiert er, indem er das Megaprojekt nach dem höchsten Berg Afrikas benennt, den Kilimandscharo. 250 Millionen Euro will Rüter ausgeben, rund 1000 neue Arbeitsplätze schaffen und Conergy unabhängig von Modulproduzenten machen, die zu dieser Zeit die Preise bestimmen.

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