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Strompreise Neue Kostenschocks schrecken Verbraucher

Es ist wie verhext: Ob die Sonne scheint, der Wind bläst oder alte Kraftwerke vom Netz gehen - die privaten Stromkunden zahlen immer drauf. Ein Überblick über den Irrsinn als Methode.

So soll das deutsche Klimaziel erreicht werden
Energieeffizienz25 bis 30 Millionen Tonnen an Kohlendioxid (CO2) sollen durch mehr Energieeffizienz eingespart werden. Für diesen größten Einzelposten im Aktionsprogramm legte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) den „Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz“ (NAPE) vor. Ein Kernpunkt ist mehr Effizienz durch Gebäudesanierung, um den Verbrauch für Heizung und Warmwasser zu senken. Hier sollen mit Hilfe steuerlicher Anreize pro Jahr drei bis vier Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Quelle: dpa
StromerzeugungDie Regierung nimmt auch den Energiesektor in die Pflicht. Zwischen 2016 und 2020 sollen die Unternehmen zusätzlich 22 Millionen Tonnen CO2 einsparen – wie, bleibt ihnen selbst überlassen. Im Aktionsprogramm wird zudem das Ziel bekräftigt, den Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch bis 2025 auf mindestens 40 Prozent und bis 2050 auf 80 Prozent zu steigern. Die Kraft-Wärme-Kopplung soll ausgebaut werden. Quelle: dpa
Verkehr IDer Verkehrssektor soll ein Minus von sieben bis zehn Millionen Tonnen CO2-Ausstoß beitragen. Den größten Anteil soll nach Angaben aus Regierungskreisen die Ausweitung der künftig nach Energieverbrauch gestaffelten Lkw-Maut auf Fahrzeuge ab 7,5 Tonnen und ab 2018 auf alle Bundesstraßen bringen. Außerdem soll die Hybridtechnik bei Nutzfahrzeugen gefördert und der Schienengüterverkehr durch Beseitigung von Netzengpässen gestärkt werden. Regionalisierungsmittel für öffentliche Verkehrsmittel sollen erhöht und an Fahrgastzahlen sowie Emissionssenkung gekoppelt werden. Autofahrer sollen Gutscheine für Sprit-Spar-Trainings erhalten. Quelle: dpa
Verkehr IIAußerdem hält die Regierung an dem Ziel fest, den Marktanteil von Elektrofahrzeugen bis 2020 auf deutlich über eine Million Fahrzeuge zu erhöhen. Um das zu erreichen, ist im gewerblichen Bereich beispielsweise für Fuhrparks und Paketdienste die steuerliche Abschreibung vorgesehen. Bislang werden jährlich nur einige tausend E-Autos zugelassen. Quelle: dpa
Industrie, Gewerbe, AbfallwirtschaftAbfallvermeidung soll knapp zwei Millionen Tonnen CO2-Minderung bringen. Geplant ist ein neues Wertstoffgesetz statt der geltenden Verpackungsverordnung. In Kühlanlagen sollen besonders klimaschädliche Gase durch Verordnungen verdrängt werden. Das Äquivalent von mindestens minus zwei Millionen Tonnen CO2 soll die Minderung des Methanausstoßes von Deponien bringen, vor allem durch bessere Belüftung. Quelle: dpa
LandwirtschaftHier sollen 3,6 Millionen Tonnen eingespart werden. Strengere Regeln für den Einsatz von Düngemitteln sollen die Emissionen von Stickoxiden mindern – auch durch gasdichte Lagerung und bessere Ausbringungstechniken. Der Flächenanteil von Öko-Landbau soll erhöht, Grünland-Umbruch soll eingeschränkt und Moore sollen renaturiert werden. Quelle: dpa
Weitere MaßnahmenDaneben setzt das Umweltministerium auf neue Programme zur Förderung energiesparenden Verhaltens von Bürgern und Unternehmen und auf die Vorbildfunktion des öffentlichen Sektors. Auch Programme aus dem Bereich Forschung und Entwicklung sollen zur CO2-Minderung beitragen. Quelle: dpa

„Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran“ sang die Düsseldorf-Wuppertaler Punkband Fehlfarben Anfang der 80iger Jahre in ihrem Hit „Ein Jahr“ auf dem Höhepunkt der Neuen Deutschen Welle. Aus heutiger Sicht könnte der Refrain das vorweg genommene Motto der deutschen Energiewende sein: dieses weltweit einmaligen Gewaltmarschs raus aus der Atomkraft und ganz schnell rein ins Zeitalter der erneuerbaren Energiequellen.

Nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima beschloss der Bundestag Ende Juni 2011 hastig, 2022 das letzte deutsche Kernkraftwerk still zu legen und Strom künftig vor allem mit Hilfe von Sonne und Wind zu produzieren. Einen in sich konsistenten und schlüssigen Masterplan für den weit reichenden Umstieg indes blieben Bund und Länder schuldig. Stattdessen flick schustern sie fleißig vor sich hin – und laden die immensen Umbaukosten vor allem bei den privaten Stromkunden ab.

Und denen ist auch jetzt, gut vier Jahre später, keine Atempause gegönnt. Im Gegenteil: Neue beunruhigende Meldungen schrecken sie auf.

So setzte sich der Strompreis 2014 zusammen

So bescherte ein stabiles Hoch Deutschland in der ersten Augusthälfte zu manchen Stunden weit mehr Solarstrom als einkalkuliert. Weil die überschüssigen Mengen wegen Leitungsengpässen nicht ins Ausland abfließen konnten, mussten Kohlekraftwerke ihre Leistung drosseln. Die Netzbetreiber nahmen ihnen weniger Elektrizität als vereinbart ab und entschädigten die Energieversorger dafür.

„Über den Daumen hat uns die Hitzewelle schon 25 Millionen Euro gekostet“, schätzt Dirk Biermann, Geschäftsführer Systembetrieb bei 50Hertz. Das Unternehmen steuert die großen Stromübertragungsnetze im Nordosten der Republik. Das Geld holt es sich über die Netzentgelte bei den Stromkunden zurück.

Hohe Stromrechnung

Die müssen auch zahlen, wenn die Netzbetreiber Windräder abstellen, weil deren Elektronen die Trassen gefährlich verstopfen. Um den Einnahmeausfall auszugleichen, überwiesen die Verbraucher vergangenes Jahr nach Presseberichten mehr als 100 Millionen Euro an die Anlagenbesitzer – ebenfalls über die Netzentgelte.

Durchschnittliche monatliche Stromrechnung für einen Haushalt in Euro im Zeitraum 1998 - 2015. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. (BDEW)

Zahlungen wie diese schlagen sich zwar oft nur mit wenigen Cent in der Stromrechnung nieder. Doch in der Summe haben sie dazu geführt, dass klassische Stromkunden mit einem Jahresverbrauch von 3500 Kilowattstunden (kWh) heute monatlich rund 84 Euro zahlen gegenüber knapp 50 Euro 1998 (siehe Grafik). Ein Plus von 68 Prozent, besagen die Zahlen des Bundesverbands Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Die eigentliche Stromproduktion hat sich dabei in diesem Zeitraum nur um sechs Prozent verteuert. Preistreiber sind Zwangsabgaben, Steuern und Umlagen, die um satte 267 Prozent stiegen. Allen voran die Vergütungen nach dem Erneuerbare Energien Gesetz (EEG), die den Betreibern von Fotovoltaikanlagen und Windrädern 20 Jahre lang feste Einnahmen für jede Kilowattstunde garantieren. Die Förderzusagen addierten sich von 2002 bis 2014 nach Angaben der Bundesregierung auf rund 143 Milliarden Euro; dieses Jahr kommen nach Schätzungen weitere 20 Milliarden hinzu.

Zwar ist die EEG-Umlage je kWh zuletzt leicht gesunken – von 6,24 auf 6.17 Cent –, weil die Bundesregierung die Fördersätze kräftig gekürzt hat, und sie auch in Zukunft mit dem Ausbau von Wind- und Sonnenenergie weiter sinken. Doch im Gegenzug haben sich Kanzlerin Angela Merkel und ihr Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel neue preistreibende Maßnahmen ausgedacht, um Fehlsteuerungen im System entgegen zu wirken. Die Folge: Die Energiewende wird immer teurer.

Weitere Belastungen für Stromkunden

Ursprünglich wollten Merkel und Gabriel den Betreiber der Kohlekraftwerke eine Klimaabgabe aufdrücken, um sie dazu zu bringen, 22 Millionen Tonnen weniger Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre zu pusten. Das stieß auf deren Protest.

Jetzt schalten sie zwar 2700 Megawatt ab, etwa die Kapazität von fünf mittelgroßen Anlagen, halten diese jedoch in Reserve, sollte der Strom einmal knapp werden.

Und wieder sind voraussichtlich die Stromkunden die Zahlmeister. Auf ihre Rechnungen werden in den nächsten vier Jahr zwei bis drei Milliarden Euro aufgeschlagen. Außer die Bundesregierung beschließt noch in letzter Sekunde, das Geld aus dem Bundeshaushalt zu begleichen. Dann müsste die Steuerzahler es aufbringen.

Wo der Strom herkommt
BraunkohleNoch immer der mit Abstand bedeutendste Energieträger Deutschlands: Im Jahr 2013 ist die klimaschädliche Stromproduktion aus Braunkohle auf den höchsten Wert seit 1990 geklettert. Mit 162 Milliarden Kilowattstunden macht der Strom aus Braunkohlekraftwerken mehr als 25 Prozent des deutschen Stroms aus. Das geht aus vorläufigen Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen hervor. Quelle: dpa
SteinkohleAuch die Stromproduktion in Steinkohlekraftwerken stieg im Jahr 2013 – um 8 Milliarden auf mehr als 124 Milliarden Kilowattstunden. Damit ist Steinkohle der zweitwichtigste Energieträger und deckt fast 20 Prozent der deutschen Stromproduktion ab. Vor allem Braun- und Steinkohle fangen also offenbar den Rückgang der Kernenergie auf. Quelle: dpa
Kernenergie Die Abschaltung von acht Atomkraftwerken macht sich bemerkbar. Nur noch 97 Milliarden Kilowattstunden stammten 2013 aus Kernerenergie, drei weniger als im Vorjahr. Das sind allerdings noch immer 15 Prozent der gesamten Produktion. Damit ist Atomstrom nach wie vor die drittgrößte Energiequelle. Quelle: dpa
ErdgasDie CO2-arme Erdgasverbrennung ist - anders als Kohle - wieder rückläufig. Statt 76 Milliarden kamen im vergangenen Jahr nur noch 66 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Erdgaskraftwerken. Das sind gerade mal zehn Prozent der Stromproduktion. Dabei war Erdgas vor drei Jahren schon einmal bei 14 Prozent. Quelle: dpa
WindkraftDer größte erneuerbare Energieträger ist die Windkraft. Mit 49,8 Milliarden Kilowattstunden in 2013 ist sie allerdings leicht Rückläufig. Insgesamt steigt der Anteil der erneuerbaren Energien jedoch stetig. Zusammengenommen produzierten sie 23,4 Prozent des deutschen Stroms. Quelle: dpa
BiomasseFast genauso viel Strom wie aus Windkraft stammte aus Biomasse. Die Produktion stieg auf 42 Milliarden Kilowattstunden. Damit steht Biomasse auf Platz sechs der bedeutendsten Energieträger. Quelle: ZB
PhotovoltaikEs reicht zwar nur für knapp fünf Prozent der deutschen Stromproduktion, aber Solarenergie ist die mit Abstand am schnellsten wachsende Energieform. Im Jahr 2000 gab es in Deutschland noch gar keinen Sonnenstrom. Und seit 2007 hat sich die Produktion auf 28,3 Milliarden Kilowattstunden in 2013 beinahe verzehnfacht. Quelle: dpa

Weitere vier Milliarden Euro bis 2019 könnte die Verbraucher die geplante großzügigere Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung kosten, also von Anlagen, die zugleich Elektrizität und Wärme produzieren. Und das ist immer noch nicht alles.

Leiten die Netzbetreiber den Windstrom aus dem Norden überall dort, wo Bürger massiv genug protestieren, statt über zusätzliche Hochspannungsmasten per Erdkabel gen Süden, trifft das wiederum das Portemonnaie der Stromkunden. Denn die unterirdische Verlegung kann laut Netzbetreiber Tennet je Kilometer bis zu zwölf Millionen kosten – acht Mal so viel wie die oberirdische Variante. Die Mehrkosten werden sich Tennet & Co. über die Netzentgelte zurückholen.

Kritik von Verbraucherschützern

Weitere Belastungen sieht der Bundesverband der Verbraucherzentralen auf die Stromkunden zukommen, weil nun mehrere große Windparks in Nord- und Ostsee ans Stromnetz gehen. Ihre Betreiber erhalten mit 19 Cent eine besonders hohe Anfangsvergütung. Das könnte, so die Befürchtung der Verbraucherschützer, die EEG-Umlage erneut in die Höhe treiben. Das Maß sei voll, kritisiert die Energieexpertin des Verbands, Marion Jungbluth. Es könne nicht sein, dass immer die privaten Stromkunden die Zeche zahlten.

Um deren Last zu mildern und die Kosten gerechter zu verteilen, sollte die Industrie ein Teil ihrer Privilegien verlieren, fordern die Verbraucherschützer. Mit dem Handelsverband Deutschland (HDE) schlagen sie vor:

  • die Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung nicht auszudehnen,
  • Vergünstigungen bei den Netzentgelten für stromintensive Betriebe abzuschaffen
  • und einen Teil des aktuellen Überschusses von 4,2 Milliarden Euro, der sich auf dem EEG-Konto angesammelt hat, an Handel und Verbraucher zurück zu zahlen.
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Sie würden dank dieser Maßnahmen nach der Berechnung der Verbände um 1,6 Milliarden Euro entlastet, die Stromrechnung der privaten Verbraucher sänke um rund zehn Euro im Jahr, also um nicht einmal einen Euro im Monat. Nicht gerade viel, aber es wäre ein Anfang. Zu befürchten ist jedoch, dass die Politik weiter auf den Irrsinn setzt.

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