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Strompreise Neue Kostenschocks schrecken Verbraucher

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Weitere Belastungen für Stromkunden

Ursprünglich wollten Merkel und Gabriel den Betreiber der Kohlekraftwerke eine Klimaabgabe aufdrücken, um sie dazu zu bringen, 22 Millionen Tonnen weniger Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre zu pusten. Das stieß auf deren Protest.

Jetzt schalten sie zwar 2700 Megawatt ab, etwa die Kapazität von fünf mittelgroßen Anlagen, halten diese jedoch in Reserve, sollte der Strom einmal knapp werden.

Und wieder sind voraussichtlich die Stromkunden die Zahlmeister. Auf ihre Rechnungen werden in den nächsten vier Jahr zwei bis drei Milliarden Euro aufgeschlagen. Außer die Bundesregierung beschließt noch in letzter Sekunde, das Geld aus dem Bundeshaushalt zu begleichen. Dann müsste die Steuerzahler es aufbringen.

Wo der Strom herkommt
BraunkohleNoch immer der mit Abstand bedeutendste Energieträger Deutschlands: Im Jahr 2013 ist die klimaschädliche Stromproduktion aus Braunkohle auf den höchsten Wert seit 1990 geklettert. Mit 162 Milliarden Kilowattstunden macht der Strom aus Braunkohlekraftwerken mehr als 25 Prozent des deutschen Stroms aus. Das geht aus vorläufigen Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen hervor. Quelle: dpa
SteinkohleAuch die Stromproduktion in Steinkohlekraftwerken stieg im Jahr 2013 – um 8 Milliarden auf mehr als 124 Milliarden Kilowattstunden. Damit ist Steinkohle der zweitwichtigste Energieträger und deckt fast 20 Prozent der deutschen Stromproduktion ab. Vor allem Braun- und Steinkohle fangen also offenbar den Rückgang der Kernenergie auf. Quelle: dpa
Kernenergie Die Abschaltung von acht Atomkraftwerken macht sich bemerkbar. Nur noch 97 Milliarden Kilowattstunden stammten 2013 aus Kernerenergie, drei weniger als im Vorjahr. Das sind allerdings noch immer 15 Prozent der gesamten Produktion. Damit ist Atomstrom nach wie vor die drittgrößte Energiequelle. Quelle: dpa
ErdgasDie CO2-arme Erdgasverbrennung ist - anders als Kohle - wieder rückläufig. Statt 76 Milliarden kamen im vergangenen Jahr nur noch 66 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Erdgaskraftwerken. Das sind gerade mal zehn Prozent der Stromproduktion. Dabei war Erdgas vor drei Jahren schon einmal bei 14 Prozent. Quelle: dpa
WindkraftDer größte erneuerbare Energieträger ist die Windkraft. Mit 49,8 Milliarden Kilowattstunden in 2013 ist sie allerdings leicht Rückläufig. Insgesamt steigt der Anteil der erneuerbaren Energien jedoch stetig. Zusammengenommen produzierten sie 23,4 Prozent des deutschen Stroms. Quelle: dpa
BiomasseFast genauso viel Strom wie aus Windkraft stammte aus Biomasse. Die Produktion stieg auf 42 Milliarden Kilowattstunden. Damit steht Biomasse auf Platz sechs der bedeutendsten Energieträger. Quelle: ZB
PhotovoltaikEs reicht zwar nur für knapp fünf Prozent der deutschen Stromproduktion, aber Solarenergie ist die mit Abstand am schnellsten wachsende Energieform. Im Jahr 2000 gab es in Deutschland noch gar keinen Sonnenstrom. Und seit 2007 hat sich die Produktion auf 28,3 Milliarden Kilowattstunden in 2013 beinahe verzehnfacht. Quelle: dpa

Weitere vier Milliarden Euro bis 2019 könnte die Verbraucher die geplante großzügigere Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung kosten, also von Anlagen, die zugleich Elektrizität und Wärme produzieren. Und das ist immer noch nicht alles.

Leiten die Netzbetreiber den Windstrom aus dem Norden überall dort, wo Bürger massiv genug protestieren, statt über zusätzliche Hochspannungsmasten per Erdkabel gen Süden, trifft das wiederum das Portemonnaie der Stromkunden. Denn die unterirdische Verlegung kann laut Netzbetreiber Tennet je Kilometer bis zu zwölf Millionen kosten – acht Mal so viel wie die oberirdische Variante. Die Mehrkosten werden sich Tennet & Co. über die Netzentgelte zurückholen.

Kritik von Verbraucherschützern

Weitere Belastungen sieht der Bundesverband der Verbraucherzentralen auf die Stromkunden zukommen, weil nun mehrere große Windparks in Nord- und Ostsee ans Stromnetz gehen. Ihre Betreiber erhalten mit 19 Cent eine besonders hohe Anfangsvergütung. Das könnte, so die Befürchtung der Verbraucherschützer, die EEG-Umlage erneut in die Höhe treiben. Das Maß sei voll, kritisiert die Energieexpertin des Verbands, Marion Jungbluth. Es könne nicht sein, dass immer die privaten Stromkunden die Zeche zahlten.

Um deren Last zu mildern und die Kosten gerechter zu verteilen, sollte die Industrie ein Teil ihrer Privilegien verlieren, fordern die Verbraucherschützer. Mit dem Handelsverband Deutschland (HDE) schlagen sie vor:

  • die Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung nicht auszudehnen,
  • Vergünstigungen bei den Netzentgelten für stromintensive Betriebe abzuschaffen
  • und einen Teil des aktuellen Überschusses von 4,2 Milliarden Euro, der sich auf dem EEG-Konto angesammelt hat, an Handel und Verbraucher zurück zu zahlen.

Energie



Sie würden dank dieser Maßnahmen nach der Berechnung der Verbände um 1,6 Milliarden Euro entlastet, die Stromrechnung der privaten Verbraucher sänke um rund zehn Euro im Jahr, also um nicht einmal einen Euro im Monat. Nicht gerade viel, aber es wäre ein Anfang. Zu befürchten ist jedoch, dass die Politik weiter auf den Irrsinn setzt.

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