Subventionen EEG-Reform macht Strom noch teurer

Die EEG-Diskussion ist die Stunde der Polterer: Die Industrie droht mit Blackouts, Politiker inszenieren sich als Kämpfer für die Verbraucher. Am Ende dürfte ein teurer Kompromiss stehen, der allen dient – und keinem nützt. 

Umweltminister Peter Altmaier, NRW-Landesmutter Kraft mit RWE-Chef Peter Terium (links) und Vorstand Lambertz bei der Eröffnung des Kraftwerks Neurath. Quelle: AP

Konrad Fischer, Jürgen Salz, Cordula Tutt, Andreas Wildhagen

Die klassischen Feindbilder, auf einmal funktionieren sie wieder. Eilig haben die Aktivisten der linksalternativen Kampagnentruppe Campact Anfang vergangener Woche Plakate gedruckt. „Kohle-Kraft stoppen!“, steht drauf, gemeint ist NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). Damit stehen zwei Dutzend Protestler vor dem Sitz der Landes-SPD im Düsseldorfer Regierungsviertel. Eine junge Frau trägt eine überdimensionierte Maske mit Krafts Gesichtszügen und schüttelt demonstrativ einem „Kohlelobbyisten“ die Hand, zu erkennen am schwarz bepinselten Pappkraftwerk unter dem Arm. Adressat der Aktion sind die drinnen zusammensitzenden Sozialdemokraten, die in den Koalitionsverhandlungen für das Thema Energie zuständig sind. „Die Kohle-Kraft haben wir neu im Programm“, sagt einer der Aktivisten, „vor den Koalitionsverhandlungen hatten wir die nur bei lokalen Aktionen verwendet.“

Wo die Energiewende besser funktioniert
Im internationalen Vergleich gibt es kaum ein zweites Land, das sich derart ambitionierte Ziele zur Umstellung seines Energiesystems gesteckt hat wie Deutschland. Daher existiert auch kein Gesamtkonzept, das als Blaupause für die deutsche Energiewende dienen könnte. Dennoch kann Deutschland von anderen Ländern lernen. Eine Studie von McKinsey im Auftrag von Siemens stellt Beispiele aus verschiedenen Ländern vor und zeigt, was davon in welchem Umfang auch in Deutschland erfolgreich umgesetzt werden könnte. Die Fallbeispiele beziehen sich auf die wesentlichen Elemente der deutschen Energiewende entlang der Energiewertschöpfungskette: Stromerzeugung, Verteilung oder Balancierung von Angebot und Nachfrage sowie Steigerung der Energieeffizienz. Quelle: dpa
Dänemark, Niederlande, Brasilien - Versteigerung von WindparksDer Ausbau von Solar und Windkraft wird die Regierung bis 2020 rund 30 Milliarden Euro kosten. Eine Möglichkeit, den Kostenanstieg zu drosseln, wäre eine Anpassung der Förderung, zum Beispiel durch Auktionierung von Windparkprojekten – wie in Brasilien, Dänemark oder den Niederlanden praktiziert. So kann erreicht werden, dass Windparks an windreichen Standorten mit einer geringeren Vergütung auskommen. Würden in Deutschland die infrage kommenden Windparkprojekte in Zukunft versteigert, könnten allein im Jahr 2020 rund 0,7 Milliarden Euro an Förderkosten eingespart werden. Quelle: dpa
China – bessere Nutzung von AbwärmeAbwärme lässt sich bei Temperaturen ab circa 300 Grad Celsius zur Stromerzeugung nutzen. In Deutschland gibt es unter anderem in der Zement- und Glasindustrie weitere Potenziale, die andere Länder beziehungsweise Pilotanlagen in Deutschland bereits nutzen: So wurden in China in den  vergangenen zehn Jahren knapp 30 Zementwerke mit entsprechenden Anlagen ausgestattet oder werden aktuell umgerüstet. Durch Nachrüsten der in Deutschland infrage kommenden Werke könnten hier im Jahr 2020 etwa 2 TWh Strom erzeugt und so eine Megatonne CO2 eingespart werden. Die Investitionen würden sich bereits nach rund drei Jahren amortisieren, so die Autoren der Studie. Quelle: REUTERS
Shanghai – bessere TransformatorenJetzt wird es technisch, aber im Grunde simpel. Transformatoren sind  für die Stromversorgung unverzichtbar, da elektrische Energie nur mittels Hochspannungsleitungen über weite Entfernungen wirtschaftlich sinnvoll transportiert werden kann; der Betrieb von Elektrogeräten ist aber nur mit Nieder- und Kleinspannung praktikabel und sicher. Transformatoren haben einen magnetischen Kern, meist Eisen, man kann aber auch so genannte amorphe Metalle verwenden. Sie haben bessere magnetische Eigenschaften und senken Übertragungsverluste im Netz.  In Shanghai konnten die Leerlaufverluste der ausgetauschten Transformatoren um 80 % reduziert werden konnten. Allein die Ausstattung der in Deutschland bis 2020 neu zu installierenden Transformatoren mit amorphen Kernen könnte die Übertragungsverluste im Stromnetz im Jahr 2020 um 0,2 TWh reduzieren. Dies entspricht der Stromproduktion von circa 65.000 Aufdach-Solaranlagen. Durch die Einsparungen  würden sich die erforderlichen Investitionen nach circa elf Jahren amortisieren. Quelle: dpa
Schweden – mehr WärmepumpenEine Wärmepumpe entzieht zum Beispiel dem Boden oder der Luft unter Aufwendung mechanischer oder elektrischer Energie thermische Energie und stellt diese zur Raumheizung zur Verfügung. Momentan sind in Schweden bei 9,5 Mio. Einwohnern 1 Mio. Wärmepumpen installiert, gegenüber circa  0,5 Mio. Wärmepumpen in Deutschland bei rund 81 Millionen Einwohnern. Der Ausbau zusätzlicher 0,7 Millionen Wärmepumpen in Deutschland bis 2020 würde zu einer Senkung des Primärenergiebedarfs um 18 PJ und zu einer Senkung der CO2-Emissionen um 0,6 Mt für das Jahr 2020 führen. Foto: "Tourismusverband Westschweden Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
USA – Stromnachfrage besser steuernDie Stromerzeugung aus Wind und Sonne schwankt wetterabhängig sehr stark. Das belastet das Netz. Die Schwankungen lassen sich durch eine flexiblere Stromnachfrage ausgleichen. Im Nordosten der USA hat man dazu einen Markt für temporäre Nachfragereduzierung geschaffen. Zu Spitzenzeiten reduzieren Stromkunden ihren Verbrauch freiwillig und erhalten hierfür eine Vergütung. Bei diesem Fallbeispiel wurde die Spitzenlast in einem Markt, der größer als der deutsche ist, um circa 8 % reduziert. Würde Deutschland in ähnlicher Weise allein seine industrielle Nachfrage flexibilisieren, könnten 2020 etwa 0,5 Milliarden Euro eingespart werden. Das entspricht den jährlichen Betriebskosten von zwei großen Kohlekraftwerken. Quelle: AP
Los Angeles – LED-StraßenbeleuchtungInternational hat eine Reihe von Städten den Austausch der klassisch verwendeten Natrium-Hochdrucklampen durch LED s vorangetrieben. In den USA installierte zum Beispiel Los Angeles von 2009 bis 2013 in 146.000 Ampeln und Straßenleuchten mit LED. Mit Investitionen von rund 45 Millionen Euro konnte eine Reduzierung des Stromverbrauchs von rund 60 % erreicht werden. Quelle: Presse

Nicht nur die Kampagneros müssen kräftig umdenken, seitdem in Berlin die Koalitionsgespräche begonnen haben. Fast täglich positionieren sich derzeit Politiker, Unternehmen und Lobbyisten, um ihre Ziele für eine Reform des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) an die Unterhändler zu bringen. Gerade verunsichert die Unternehmen ein vermeintlicher Plan aus dem Umweltministerium, demzufolge  für eine ganze Reihe von Branchen die EEG-Ausnahmen wegfallen würden. So reißen alte Gräben zwischen Klimaschützern und Kohle-Nostalgikern wieder auf. In Nordrhein-Westfalen hat das bereits zu Zoff in der rot-grünen Regierung geführt. Dabei sah es lange so aus, als gebe es einen breiten Konsens, dass der bisherige Fördermechanismus gestoppt werden muss, bei dem immer niedrigere Strompreise zu immer höheren Subventionen von Energie aus Sonne und Wind führen. In den Koalitionsverhandlungen zeigt sich aber, dass das vermeintliche Sparkonzept EEG-Reform in Wahrheit ein teures Wunschkonzert wird.

Im Wahlkampf spielte das Thema kaum eine Rolle. Die Energiewende müsse neu justiert werden, das sagten irgendwie alle. Energiekonzept der SPD, Radikalforderungen der Grünen und die Strompreisbremse von CDU-Umweltminister Peter Altmaier, diese Ideen konnten locker nebeneinander existieren, so unumstritten schien das Ziel: eine atomfreie Energieversorgung. Dass der eine auf dem Weg dahin die Kraftwerksbetreiber schützen wollte, der andere die Verbraucher und der dritte die Grünstromerzeuger, fiel kaum ins Gewicht.

Auch die Chefs der großen Energiekonzerne hatten sich einige Zeit rar gemacht in der öffentlichen Debatte. Zu sehr hatten Peter Terium (RWE) und Johannes Teyssen (E.On) am Beispiel ihrer Vorgänger beobachten müssen, wie deren öffentliche Präsenz die Konzerne zu gesellschaftlichen Feindbildern gemacht hatte.

"Interessenvertreter der Energiekonzerne" - seit der Atomkatastrophe von Fukushima stand das in der deutschen Öffentlichkeit ungefähr auf einer Stufe mit Tabaklobbyist und Waffenhändler. Doch ein paar interne Sparprogramme und einen von der industriellen Basis getragenen Aufschwung später hoffen die Konzerne darauf, dass sich der Wind wieder dreht.

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