Tailored Blancs ThyssenKrupp trennt sich von einem alten Hoffnungsträger

ThyssenKrupp will sich wohl von Tailored Blancs trennen. Maßgeschneiderte, lasergeschweißte Bleche für die Automobilwirtschaft waren einmal der letzte Schrei – vor zehn Jahren.

„Tailored Blancs - das Werk für maßgeschneiderte Autokarosserien war einmal das Zukunftsfeld für Flachstahlhersteller, die ihre Kunden vor allem in der Autoindustrie sahen. Quelle: dpa

Keine Ideen mehr bei ThyssenKrupp ? Dass auch die Geschäfte der Schwerindustrie kurzlebig sein können, zeigt das Beispiel „Tailored Blancs“, ein Geschäftsbereich, auf den ThyssenKrupp gleich nach der Fusion 1999 mächtig stolz war. Das Werk für maßgeschneiderte Autokarosserien war einmal das Zukunftsfeld für Flachstahlhersteller, die ihre Kunden vor allem in der Autoindustrie sahen. So baute ThyssenKrupp 2000 ein Werk in Wolfsburg und eine Produktion in Duisburg auf. Der Stahlhersteller wollte zeigen, dass Stahl ein High-Tech-Werkstoff ist, und High-Tech musste in einer Welt des Internets und der New Economy sein. Stahlhersteller wollten nicht mehr grobe Eisen-Schmelzer sein, sondern technische Trendsetter.  

Tailored Blancs heute? Es macht die Nachricht die Runde, dass ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger den Geschäftsbereich der lasergeschweißten Autobleche an die Chinesen verkaufen will. Der fünftgrößte Stahlhersteller der Welt, Wisco aus Wuhan, soll interessiert sein. Ein einstiger Ingenieursknüller wird nach Fernost verscherbelt, und das wenige Tage nach dem hoffnungsfrohen Auftritt von Hiesinger beim großen Ingenieurs-Nachwuchs-Rummel von ThyssenKrupp, Ideen-Park genannt.

Die Stärken und Schwächen von ThyssenKrupp
Stärke 1: Das Unternehmen besitzt ein solides Liquiditätspolster. Zwar hat Thyssen-Krupp gerade den zweiten Milliardenverlust in drei Jahren eingefahren. Dennoch ist der Konzern, dank eines sehr konservativen Finanzengagements, erstaunlich gut bei Kasse. Im vierten Quartal gelang es Finanzchef Guido Kerkhoff, die liquiden Mittel auf 3,6 Milliarden Euro zu erhöhen. Maßgeblich dazu beigetragen hat der Verkauf eigener Aktien, die ursprünglich als strategische Reserve für Übernahmen gedacht waren. Der Verkauf brachte einen Erlös von 1,6 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Das aktuelle Liquiditätspolster reicht – abzüglich einer halben Milliarde Euro, die fest im operativen Geschäft gebunden sind – aus, um die in wenigen Monaten fälligen Finanzschulden von 0,6 Milliarden Euro abzulösen. Außerdem kann Thyssen-Krupp auf nicht gezogene Kreditlinien zurückgreifen, um sich bei Bedarf weitere 4,7 Milliarden Euro bei seinen Hausbanken zu borgen. Dank der hohen Liquidität sind die Anleihen von Thyssen-Krupp sogar für einen kleinen Kreis institutioneller Investoren interessant, die ihr Geld auch bei Unternehmen mit einer schlechten Bonitätsnote anlegen. Thyssen-Krupp gibt überwiegend Anleihen mit einem Nennwert von 1.000 Euro aus , wendet sich also gezielt an Privatanleger. Der Ruhrkonzern steht für Seriosität und finanzielle Solidität. Die Sorge, das Unternehmen könne pleitegehen, haben viele Privatanleger nicht. Bei den meisten Dax-Konzernen ist eine Mindeststückelung von 50.000 Euro üblich. Quelle: dapd
Stärke 2: Innovative Ingenieure sichern Vorsprung gegenüber den Konkurrenten. Der Investitionsgüter- und Stahlkonzern Thyssen-Krupp ist überwiegend auf bereits entwickelten Märkten tätig – und trifft dabei auf Konkurrenten mit günstigeren Kostenstrukturen. Um gegen sie zu bestehen, setzt der Konzern auf die innovative Kompetenz seiner Ingenieure. Denn erfahrungsgemäß sind die Kunden bereit, für bessere Qualität, größere Zuverlässigkeit und längere Lebensdauer eines Produktes einen Aufpreis zu bezahlen. Quelle: dapd
Auch im Geschäft mit seinen wichtigsten Kunden, den deutschen Autokonzernen, folgt Thyssen-Krupp diesem Prinzip. Und bei der wichtigsten Kennzahl, dem operativen Gewinn vor Abschreibungen pro Tonne Stahl, liegt der Konzern mit 124 Euro vor der Konkurrenz: Voestalpine verdient 105, Weltmarktführer Arcelor-Mittal sogar nur 44 Euro. Quelle: dpa
Allerdings musste Thyssen-Krupp auch lernen, dass ein vermeintlich günstiges Angebot am Ende richtig teuer werden kann: Um das Budget für das neue Stahlwerk in Brasilien nicht zu überziehen, hatte der Vorstand entschieden, die für das Milliardenprojekt wichtige neue Kokerei von einem chinesischen Anbieter bauen zu lassen. Der Experte im eigenen Haus, der Anlagenbauer Uhde, kam nicht zum Zug. Das Ergebnis ist bekannt: Die Chinesen lieferten Schrott, und jetzt muss Uhde für viel Geld die Kokerei ans Laufen bringen. Quelle: dpa
Stärke 3: Führende Marktposition in den meisten Geschäftsbereichen. Für einige Experten ist Thyssen-Krupp ein Paradebeispiel für einen Mischkonzern. Für andere ist der Essener Konzern ein unübersichtliches Industriekonglomerat. Tatsächlich zählt das Essener Traditionsunternehmen allein 636 Tochtergesellschaften in mehr als 80 Ländern, deren Geschäftszahlen, also Umsätze und Ergebnisse, voll in die Konzernbilanz einfließen. Quelle: dpa
Viele dieser Unternehmen sind in ihren Märkten tonangebend. Die Tochter Thyssen-Krupp Steel Europe beispielsweise ist nach Umsatz gemessen der zweitgrößte Anbieter auf dem Kontinent – hinter dem Branchenprimus Arcelor-Mittal. Weltweit belegt Thyssen-Krupp mit sämtlichen Stahlaktivitäten in Europa, Nord- und Südamerika sowie der Edelstahlstahlsparte nach Umsatz den siebten Rang. Nach Produktionsmenge zählt der Konzern nicht zu den Top 15. Quelle: dpa

Bei Tailored Blancs sind ThyssenKrupp inzwischen die Ideen ausgegangen. Der Konzern traut sich nicht mehr zu, das Geschäft in Eigenregie wieder nach vorn zu bringen. So landete Tailored Blancs auf der Verkaufsliste. Heutzutage werden Tailored Blancs nur noch in Schwellenländern verwendet, in Westeuropa sind hochfeste und vor allem leichte Monobleche en vogue. Der neueste VW-Golf braucht zum Beispiel keine Tailored Blancs mehr.

Die neuesten Produktionsmethoden der Stahlumformung sind zwar nicht so flüchtig wie die Sommermode, aber aus der rückblickenden Sicht von 2012 zeigt sich ein rapider Wandel, der schnell einen ganzen Geschäftsbereich ins Abseits manövrieren kann. Die noch 2001 als „Wachstumssegment“ deklarierte Produktion von Karosserieteilen bei ThyssenKrupp hatte 2005 einen Marktanteil an maßgeschneiderten Feinblechen in Europa von 35 Prozent. Der Unternehmensteil hieß noch „Thyssen Fügetechnik Nord GmbH“, so würde der Konzern seine innovativste Tochter auch nicht mehr nennen. Auch hier haben sich die Zeiten geändert.

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Das Werk, auf Ansinnen des VW-Vorstandes als verlängerte Werkbank für Volkswagen konzipiert, war in Sichtweite des VW-Werks im Wolfsburger Gewerbegebiet Vogelsang in Betrieb gegangen. Der damalige Stahlchef Kohler äußerte sich euphorisch. „Das sind die Innovationen, die in unseren Entwicklungsabteilungen konzipiert werden“. Das war auch 2001. 

Der rapide Wandel auf dem Stahlsektor zeigt, dass Hütteningenieure mit Herzblut und Ingenieurs-Ideen die etwas schlechteren Stahl-Topmanager sind. Der kühle Blick auf die Zukunft einer verblassten Innovation hilft da, sich schneller zu trennen. ThyssenKrupp-Chef Hiesinger ist immerhin Ingenieur, aber für Elektrotechnik. Und da blinkt die rote Lampe schneller für Geschäfte ohne Zukunft.

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