Tankstellen-Studie Wer vom Benzinverkauf am meisten profitiert

Der Kraftstoffverkauf lohnt sich für Mineralölkonzerne wie Shell nach wie vor. Quelle: dpa

Mineralölkonzerne machen ein Geheimnis daraus, was sie mit jedem Liter Benzin verdienen. Ein Studie deckt nun die Margen auf. Das Ergebnis: Der Kraftstoffverkauf lohnt sich für die Konzerne – weniger für die Pächter.

60 Stunden in der Woche hinter der Kasse stehen und dennoch am Existenzminium leben – laut dem Tankstellen-Interessenverband (TIV) ist das die bittere Realität vieler Tankstellenpächter. Der Vorsitzende des TIVs, Peter Hengstermann, prangerte daher kürzlich in der „Welt“ die prekären Verhältnisse im Tankstellengeschäft an, die an eine Form der Leibeigenschaft erinnere. Seine Forderung: Eine Art Mindestlohn für die Pächter. Zwei Cent je Liter, nicht weniger, sollen die Betreiber der Zapfsäulen von den großen Mineralölherstellern bekommen.

Die Forderung blieb ungehört. Die organisierten Pächter bekommen nun aber neue Argumentationshilfen. Geliefert hat sie der Energie-Informationsdienst (EID).

Dieser hat die britische Beratungsgesellschaft „Wood Mackenzie“ beauftragt, die Brutto-Gewinnmargen europäischer Tankstellenbetreiber zu errechnen. Das Ergebnis: Tankt der Kunde einen Liter Superbenzin, bleiben nach Bezugskosten und Abgaben an den Staat über zehn Cent übrig. Bei Dieselkraftstoffen sind es etwas mehr als neun Cent (siehe Grafik).

Um das ganze Ausmaß der Einnahmen vorstellbar zu machen, lohnt eine kleine Rechnung: 2016 wurden in Deutschland umgerechnet 21,7 Milliarden Liter Diesel und 23,1 Milliarden Liter Superbenzin verkauft. Bei den vom EID angegebenen Daten beläuft sich die Bruttomarge daher grob auf über vier Milliarden Euro. Eigentlich genug Geld, um die Forderung vieler Pächter zu erfüllen.

Zusammensetzung der Benzinpreise

Der EID gibt an, dass der Vertrieb, der Transport und das Marketing circa acht Cent je Liter kosten würden. Über zwei Cent blieben dann übrig. Doch laut dem TIV kommen diese zwei Cent bei den Tankstellenbetreibern nicht an, sondern weniger als die Hälfte. Ein Sprecher des TIV spricht teilweise von Provisionen zwischen 0,5 bis 0,6 Cent je Liter und rechnet vor, dass selbst ein Cent pro Liter sehr knapp bemessen ist. Im Schnitt würden Pächter so, zusammen mit den Einnahmen aus dem Shop-Verkauf, 30.000 Euro im Jahr verdienen – ohne etwas fürs Alter zurückgelegt zu haben und diverse andere Versicherungsbeiträge exklusive.

Der Pressesprecher für den Bereich Europa von Exxon Mobil, die in Deutschland Esso-Tankstellen betreiben, kann diese Kritik nicht verstehen. Bereits 1974 sei mit der „IG Esso“ eine Interessengemeinschaft gegründet worden, was ein Unikum im deutschen Tankstellengeschäft sei. Esso-Pächter seien zufrieden. Laut dem Sprecher würden Pächter ihre Verträge so gut wie nie kündigen. „Esso bietet seinen Tankstellenpartnern also offensichtlich ein ausgewogenes Gesamtpaket“, teilt der Esso-Sprecher schriftlich mit. Auf die Zahlen des EID geht er allerdings nicht ein. Auch nennt er keinerlei Einzelheiten zum Gewinn im Kraftstoffgeschäft.

Etwas offener präsentiert sich Aral. Hier lässt ein Sprecher verlauten, dass die Pächter rund einen Cent pro Liter Provision erhalten. Er halte dies für angemessen. Freie Tankstellenbetreiber würden zwar mehr verdienen, allerdings müssen sie auch eine größere Verantwortung tragen. „Unsere Pächter hingegen haben kein Warenrisiko, sie müssen sich nicht um ein Grundstück kümmern und die Stromkosten sind im Pachtvertrag innenbegriffen.“ Außerdem soll bei den geringen Margen auch etwas für den Konzern übrigbleiben.

Deutschland eher margenschwach

Im europäischen Vergleich sind die deutschen Brutto-Margen in der Tat sehr gering. In Norwegen bleiben bei jedem Liter Superbenzin über 27 Cent Brutto-Marge übrig – in Deutschland sind es lediglich 10,19 Cent je Liter. Dass es dennoch ein ertragsreiches Geschäft ist, hat zwei Gründe:

  • Kostenstruktur: In Norwegen sind die Transportwege wegen der geringeren Siedlungsdichte deutlich länger und damit die Kosten höher.
  • Effizienz: Laut dem EID arbeiten deutsche Tankstellen besonders kosteneffizient, was dazu führt, dass nach Abzug aller Kosten den Mineralölkonzernen im Schnitt über zwei Cent übrigbleiben.

Auch die Tatsache, dass sich die Anzahl der Tankstellen in Deutschland seit etwa zehn Jahren auf einem Niveau von über 14.000 Stück eingependelt hat, zeigt, dass sich das Tankstellengeschäft hierzulande nach wie vor lohnt. Um noch stärker zu profitieren, werden beispielsweise BP/Aral und Total künftig im Bereich der Tankkarten zusammenarbeiten. So dürfen Geschäftskunden von Aral künftig ihre Tankkarten auch an Tankstellen von Total verwenden und umgekehrt und zu ermäßigten Preisen tanken. „Darüber hinaus haben sie die Möglichkeit, mit ihrer Tankkarte die datenbasierte Unterstützung für ihr Flottenmanagement zu nutzen“, wird Guy Moeyens, Leiter des Kraftstoffgeschäfts von BP in der Region Europa und Südafrika, in einer Pressemitteilung von Donnerstag zitiert.

Laut dem Aral-Sprecher spiele der reine Kraftstoffverkauf aus Sicht der Pächter allerdings eine immer geringere Rolle. Längst ist der Shop-Bereich zur wichtigsten Säule im Tankstellengeschäft geworden. 2016 betrug der Umsatz bei Aral 1,6 Milliarden Euro. Im Food-Bereich werde daher Kooperation mit bekannten Marken zunehmend wichtiger. Shell arbeitet mit Starbucks zusammen, Esso mit Tchibo. Auch Aldi sieht darin eine Chance. Die Supermarktkette geht dabei aber einen anderen Weg. Statt in die Shops der Tankstellen eines Mineralölkonzerns einzuziehen, lässt Aldi Tankstellen auf seinen Parkplätzen bauen. Allerdings wird Aldi keinen einzigen Cent mit dem Verkauf von Kraftstoffen verdienen. Denn die Parkplatzflächen werden an die Diskont-Tankstellen-Kette Avanti verpachtet. Aldis Hoffnung: Wenn Kunden ihre Autos tanken, gehen sie vielleicht auch in den angrenzenden Aldi-Supermarkt einkaufen.

Bei Aral wurde zunächst eine Kooperation mit Rewe getestet, mittlerweile wurde sie ausgebaut – was sich für die Pächter durchaus lohnt. Denn im Schnitt verdient jeder Aral-Pächter 61 Prozent seines Jahreseinkommens mit dem Verkauf von Kaffee, Brötchen, Zigaretten und Zeitungen. Superbenzin und Diesel hingegen spülen nur noch elf Prozent in ihre Kassen.

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