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Tennet-Chef Lex Hartman "Keiner investiert so in die Energiewende"

Angela Merkel will beim Energietreffen Antworten auf die offenen Fragen der Energiewende finden. Lex Hartman, Geschäftsführer des Netzbetreibers Tennet, kennt die Probleme nur all zu gut.

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Lex Hartman, Geschäftsführer des niederländischen Netzbetreibers Tennet. Quelle: dapd

WirtschaftsWoche: Herr Hartman, Sie kommen gerade von einer Sitzung mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler, in der Sie über das Management der Energiewende gesprochen haben. Läuft diese Abkoppelung von der Atomkraft in Ihrem Sinn?

Hartman: Beim Thema Offshore kann man das leider nicht sagen. Wir haben einen dramatischen Engpass in den Anschlüssen. Zurzeit gibt es einen wahren Boom an Anträgen für Windparks, besonders in der Nordsee. Jedes Energieunternehmen will einen Windpark weit draußen bauen, wo der Wind besonders stark weht und wo eine besonders hohe Stromausbeute möglich ist. Aber diese Flut können wir nicht mehr allein bewältigen. Man verlangt praktisch Unmögliches von uns.

Vor allen Dingen gibt es wohl doch ganz handfeste Probleme, Offshore-Windanlagen an Land anzuschließen...

...ja genau, die Technologie ist neu, und wir leisten Pionierarbeit, obwohl wir vieles bereits gelöst haben und technisch sehr gut vorbereitet sind. So nutzen wir als Erster weltweit die Gleichstromtechnik, um Offshore-Windparks über weite Entfernungen anzubinden.

Das müssen Sie erklären.

Wir haben riesige Konverterstationen auf See, die den von den Windmühlen erzeugten Wechselstrom in Gleichstrom umwandeln. Wir verlegen Gleichstromkabel in den Seeboden, oft in einer Meerestiefe von 30 oder 40 Metern, die den Strom oft über mehr als 100 Kilometer an Land zur nächsten Konverterstation bringen. Dort wird er dann wieder in Wechselstrom umgewandelt und in unser Netz eingespeist. Das alles ist sehr komplex und technologisch herausfordernd.

Lenkdrachen soll Energie gewinnen
Sie sehen aus wie übliche Lenkdrachen, doch sollen sie zukünftig der Gewinnung von Windenergie dienen. Die Technische Universität Delft in den Niederlanden, deren Drache hier zu sehen ist, forscht seit Jahren im Kite Power Projekt an dieser Technologie und hat schon mehrere Prototypen getestet. 2015 könnten laut der Brandenburger Firma Enerkite die fliegenden Kraftwerke auch in Deutschland für Energie sorgen. Die Drachen fliegen dafür in 300 bis 600 Metern Höhe und zapfen dort die konstanten Windströme für die Stromgewinnung ab. Über ein Seil ist der Drache mit einer mobilen Bodenstation gekoppelt. Die Flugsteuerung sowie der Generator laufen per Autopilot. Im Gegensatz zu großen Windanlagen sind die „Energiedrachen“ flexibel einsetzbar, leise und auch noch günstiger. Quelle: Twitter
Die USA setzt ebenfalls auf Fluggeräte zur Energiegewinnung, doch diese ähneln eher einem Flugzeug. Windturbinen aus Glasfasern und Karbon machen dabei die Stromgewinnung in der Luft möglich. Die Forschung des kalifornischen Unternehmens Makani Power an der Airborne Wind Turbine wird unter anderem von Google bezuschusst. Die Turbine, die bis zu 600 Meter hoch fliegt, wird von einem Hauptseil gehalten, während die Luftenergie über ein anderes Seil zum Boden gelangt. Dabei fliegt die Windturbine kreisförmig und quer zum Wind, wodurch sie sehr hohe Geschwindigkeiten erreicht. Der Prototyp kann sogar teilweise selbstständig den Flugmodus wechseln. Das Unternehmen plant die Windturbinen auch auf der See einzusetzen. Quelle: Twitter
Zumindest auf den Plänen der Konstrukteure bringen diese Windgeneratoren mehr Leistung als konventionelle Windmühlen. Der vertikale "Aerogenerator" wird auf hoher See installiert. Die Stromausbeute liegt bei 10 Megawatt, rund drei Megawatt mehr als die bisher größte Windanlage produziert. Die Spannweite kann nach Angaben des britischen Herstellers Windpower bis zu 230 Meter betragen. Dagegen sehen die bisher üblichen Windmühlen eher schlapp aus - die neuesten Anlagen der konventionellen Bauart sollen nämlich einen Rotorendurchmesser von "nur" 180 Meter haben. Texte: Miguel Zamorano Recherche: Andreas Menn Quelle: PR
Schaut wie eine Steinschleuder aus, ist aber ein Lenkdrache. Die Idee: der Kite-Segel der italienischen Firma Kite Gen ist an einem bewegbaren Arm an zwei Seilen befestig und wird dann auf eine Höhe von 800 bis 1000 Metern gebracht. Dort dreht der Winddrachen konstante Achten und treibt so die Turbine an. Der Vorteil: in mehr als 1000 Meter Höhe bläst der Wind konstanter als in Bodennähe. Bei einer Windgeschwindigkeit von 25 km/h läge die Energieausbeute laut Hersteller bei drei Megawatt. 300 Drachen brächten so die Leistung eines Atomkraftwerks - und da der Wind in der Höhe nahezu durchgehend bläst, gäbe es keine großen Ausfallzeiten. Der Haken: Flugzeuge müssten das Gebiet umfliegen. Das scheint bei der hohen Verkehrsdichte am europäischen Himmel und der Größe der Lenkdrachen-Parks nicht praktikabel. Das Modell ist derzeit noch in der Erprobungsphase. Quelle: PR
Bläst der Wind, dreht sich der Ballon um die eigene Sache und treibt den Rotor an Quelle: PR
Die Windhelix eignet sich für große Eigenheime Quelle: PR
Diese Modell soll sich unauffällig in die Landschaft fügen- Quelle: PR

Was helfen die Ihnen, wenn Sie keine Kabel haben, die in der Lage sind, über lange Distanzen von 80 Kilometern und mehr den Strom an den Strand zu leiten?

Material, Produktionskapazitäten, enge Zeitfenster für die Arbeiten auf See, das sind unsere Probleme. Und bei solchen Großprojekten braucht man eigentlich Testphasen, aus denen man für die nächsten Projekte lernt. Diese Zeit haben wir einfach nicht. Wir müssen mit den Projekten sofort anfangen, ohne Lernkurve, um die ehrgeizigen Ziele des Wirtschafts- und des Umweltministers in die Tat umzusetzen. In zehn Jahren sollen Offshore-Windanlagen mit einer Kapazität von 13 Gigawatt entstehen und angeschlossen werden. Das ist die Stromleistung von 13 mittleren Atomkraftwerken, für deren Bau Deutschland 20, 30 Jahre gebraucht hat.

Wie wollen Sie das schaffen?

Mit den richtigen Rahmenbedingungen, für die die Politik sorgen muss. Nötig sind ein langfristig angelegter Offshore-Plan, die schnelle Klärung der offenen Haftungsfrage und eine Lösung dafür, wie die zukünftig nötigen, milliardenschweren Investitionen auf mehrere Schultern verteilt werden.

Welche Projekte planen Sie?

Unser Gebiet ist die Nordsee. Da sollen nach den Vorstellungen der Bundesregierung in den kommenden zehn Jahren Windparks entstehen, die elf Gigawatt Strom erzeugen; in der Ostsee sollen Windparks zwei Gigawatt Strom liefern. Wir haben bereits neun Netzanbindungsprojekte in der Nordsee, die knapp die Hälfte des hier geplanten Stroms erzeugen werden.

Haben Sie sich finanziell überschätzt, als Sie 2009 das Stromnetz von E.On übernommen haben? Damals konnten Sie ja die hohen Anforderungen der Energiewende noch nicht voraussehen.

Nein, wir haben uns nicht verschätzt, und uns geht finanziell nicht die Puste aus. Im Gegenteil: Für die laufenden Projekte haben wir bereits 5,5 Milliarden Euro ausgelöst. Kein anderer investiert so viel in die Energiewende wie wir. Mehr kann man von uns, von einem einzelnen Unternehmen nicht verlangen.

...für die anstehenden Netzinvestitionen scheint das aber bei Weitem nicht genug zu sein.

Wir sind ja auch nur ein einziges Netz-Unternehmen. Was die Offshore-Anbindungen am Ende kosten werden, 10, 20 oder 40 Milliarden Euro, weiß niemand ganz genau. Wir gehen von mindestens 15 Milliarden Euro aus. Das können wir natürlich nicht alleine stemmen, da müssen andere mittun.

Ein langfristiger Plan muss her

Die Finanzierung der Anbindungen, die benötigt werden, um den gewonnenen Offshore-Strom ins Landesinnere weiterzuleiten, stellt die komplette Branche momentan noch vor Probleme. Quelle: dpa

Was fordern Sie von der Politik?

Die Anforderungen an die Netzbetreiber sind viel zu groß, und es geht vieles durcheinander. Wir benötigen einen langfristigen Plan, wann was wo gebaut werden soll. Was die Bundesnetzagentur für die benötigten Stromleitungen an Land vorlegen will, brauchen wir auch für Offshore, und beides muss miteinander verzahnt sein. Unter einem wahren Tsunami von Bau- und Projektanfragen droht die gesamte Branche durcheinanderzugeraten. Außerdem haben wir ja noch das Problem der Weiterleitung des Offshore-Stroms ins Innere des Landes.

Das Ganze hört sich an, als ob Sie in der Bundesregierung einen chaotischen Verhandlungspartner haben. Gibt es noch andere offene Fragen?

Neben einem langfristigen Offshore-Plan geht es uns vor allem um Haftungs- und Kapitalfragen. Es ist heute völlig offen, wer dafür haftet, wenn zum Beispiel Windparks zwar schon fertig, die Anschlüsse aufgrund fehlender Planungen aber noch nicht da sind. Das muss von der Bundesregierung dringend geklärt werden, sonst stocken die Investitionen.

Sie rufen auch nach Partnern, welche könnten Sie sich vorstellen?

Das könnte zum Beispiel die Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW sein...

...nach Subventionen der staatlichen Bank wird ja häufig gerufen...

Wirtschaftsminister Rösler hat gesagt, er wolle eine richtige Risikobalance finden zwischen Windpark- und Netzbetreibern. Und wir fordern das auch, weil wir nicht jedes beliebige Risiko tragen können. Es ist gut, dass eine entsprechende Regelung im Sommer kommen soll.

Die 20 wichtigsten Antworten zur Energiewende
Woher kommt in zehn Jahren unser Strom?Fest steht bisher vor allem, welche Energie im Jahr 2022 nicht mehr zur Verfügung steht: die Atomenergie. Die Meiler werden bis dahin abgeschaltet und danach demontiert. Erneuerbare Energien sollen bis 2022 für mindestens 35 Prozent des Stroms sorgen, der aus unseren Steckdosen kommt: Solarstrom, Windenergie, Biomasse, Geothermie und Wasserkraft müssen dafür ausgebaut werden. Im vergangenen Jahr steuerten sie erst 20 Prozent bei. Damit verändert sich nicht nur die Zusammensetzung des Stroms, sondern auch die Landschaft der Energieerzeuger: In zehn Jahren werden nicht mehr Großkraftwerke die meiste Energie erzeugen, sondern Hunderttausende Landwirte, Gewerbetreibende oder Privatleute – unter anderem mit Windrädern, Solardächern und Keller-Kraftwerken. Komplett grün wird die Energie aber nicht: Ohne Gas und Kohle geht es auch im Jahr 2022 nicht. Sie werden dann 48 Prozent statt heute 58 Prozent des Strombedarfs erzeugen. Quelle: dpa
Energiekonzerne News: Aktuelle Meldungen rund um die Energiewende Quelle: dpa
Welche Energieversorger profitieren von grünem Strom?Vor allem die vielen Stadtwerke hoffen darauf, dass sie den großen vier Versorgern Marktanteile abjagen können. Zurzeit liegt ihr Anteil an der Stromerzeugung bei etwa zehn Prozent – in den nächsten Jahren wollen sie ihn verdoppeln. Um das zu erreichen, wollen sie in erneuerbare Energien und in neue fossile Kraftwerke investieren. Quelle: dpa
Und wer zahlt für all das?Am Ende immer die Verbraucher – und zwar vor allem die Privatkunden. Der Ausbau der regenerativen Energien wird über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) finanziert. Die meisten Stromanbieter führen derzeit je Kilowattstunde Strom rund 3,6 Cent Ökoaufschlag ab. Dieses Geld fließt an die Betreiber von Windrädern, Wasserkraftwerken, Photovoltaikanlagen, Biomasse- oder Geothermiekraftwerken. Ein durchschnittlicher Privathaushalt, der im Jahr 3500 Kilowattstunden Strom verbraucht, zahlt auf diese Art 126 Euro jährlich für die grüne Energie. Für die Industrie gelten Ausnahmen. Sie verbraucht zwar gut die Hälfte des Stroms in Deutschland, schultert aber weniger als die Hälfte der EEG-Kosten. Kosten entstehen nicht nur für den Bau von Windrädern & Co. Auch die Stromnetze müssen ausgebaut werden. Das finanzieren Privatverbraucher und Konzerne über die staatlich regulierten Netzentgelte. Das erhöht den Preis für die Kilowattstunde Strom um 5,75 Cent. Hier steuern Privatkunden ebenfalls mehr bei als die Industrie Quelle: dpa
Was machen die Betreiber mit den alten Atommeilern?Fest steht bisher vor allem, welche Energie im Jahr 2022 nicht mehr zur Verfügung steht: die Atomenergie. Die Meiler werden bis dahin abgeschaltet und danach demontiert. Erneuerbare Energien sollen bis 2022 für mindestens 35 Prozent des Stroms sorgen, der aus unseren Steckdosen kommt: Solarstrom, Windenergie, Biomasse, Geothermie und Wasserkraft müssen dafür ausgebaut werden. Im vergangenen Jahr steuerten sie erst 20 Prozent bei. Damit verändert sich nicht nur die Zusammensetzung des Stroms, sondern auch die Landschaft der Energieerzeuger: In zehn Jahren werden nicht mehr Großkraftwerke die meiste Energie erzeugen, sondern Hunderttausende Landwirte, Gewerbetreibende oder Privatleute – unter anderem mit Windrädern, Solardächern und Keller-Kraftwerken. Komplett grün wird die Energie aber nicht: Ohne Gas und Kohle geht es auch im Jahr 2022 nicht. Sie werden dann 48 Prozent statt heute 58 Prozent des Strombedarfs erzeugen. Quelle: dapd
Ist die Energiewende unumkehrbar?Aufschiebbar ist sie vielleicht, umkehrbar aber nicht mehr. Eon klagt zwar gegen den Ausstieg, RWE wird folgen, und Vattenfall plant, ein internationales Schiedsgericht anzurufen. Damit wollen die Großen aber nicht die Entscheidung kippen. Auch sie wissen, dass das Thema Atom hierzulande gesellschaftlich erledigt ist. Ihnen geht es um Schadensersatz. Theoretisch könnte jede Bundesregierung den Abschaltbefehl zurücknehmen. Noch laufen neun Kernkraftwerke, deren Laufzeit verlängert werden könnte. Wenn der Ausbau der grünen Energie nicht schnell gelingt, ist eine weitere Fristverlängerung denkbar. Quelle: dapd
Kann ein Land sich komplett mit Ökostrom versorgen?Wind- und Solaranlagen haben einen großen Nachteil: Die Ausbeute hängt von der Witterung ab. Bläst der Wind und scheint die Sonne, können die Windräder und Solardächer schon heute einen Großteil des deutschen Strombedarfs decken. Bei Flaute, Sturm oder starker Bewölkung sinkt ihr Ertrag aber unmittelbar. Mittags, wenn die Sonne scheint, erzeugen Solaranlagen schon fast zu viel Strom, abends wird es dagegen, vor allem im Winter, eher eng. Bei der Windkraft ist das im Prinzip ähnlich. Alle deutschen Windkraftanlagen zusammen können maximal 28000 Megawatt liefern. Am 4. Februar 2011 zum Beispiel wehte der Wind, und tatsächlich wurden an diesem Tag fast 23000 Megawatt erreicht. Das entspricht dann der Leistung von 20 bis 25 großen Kraftwerken. Am 5. Juli herrschte hingegen Flaute, und der gesamte deutsche Windkraftpark lieferte nur noch etwa 90 Megawatt elektrische Leistung. Das reicht nicht einmal für eine Großstadt. Solche Schwankungen sind nicht nur schlecht für die Verbraucher, die rund um die Uhr Strom haben wollen, sondern auch für die Netzbetreiber: Deren Leitungen funktionieren nur bei stabiler Spannung im Netz. Quelle: Reuters

Wollen Sie auch Partner ins Boot holen?

Ohne die geht es nicht. Der Netzausbau und die damit verbundene Energiewende ist das größte Projekt seit der Wiedervereinigung. Das gilt ganz besonders für die Anbindung der Offshore-Windparks. Das können wir nur in einem Verbund stemmen.

Was stellen Sie sich konkret vor?

Das ist noch in der Diskussion.

Aber ein bisschen können Sie uns doch in Ihren Wunschkatalog blicken lassen.

In Arbeit
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Eine Möglichkeit ist, eine separate Gesellschaft für Offshore und Gleichstrom zu gründen, in der Partner zusammen arbeiten. Wir möchten das gern mit anderen Übertragungsnetzbetreibern machen, aber es sind auch andere Beteiligte denkbar, zum Beispiel Finanzinvestoren oder auch die KfW. Diese Gesellschaft hätte dann auch die gesetzliche Verpflichtung, die Netze zu bauen. In dieser Gesellschaft könnten wir einen großen Anteil übernehmen. Aber an einer Mehrheit sind wir nicht notwendigerweise interessiert.

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