Terium treibt Strategie voran RWE streicht 1,6 Milliarden Euro für Net4Gas ein

RWE verkauft seine Gaspipeline-Tochter Net4Gas mit 500 Mitarbeitern und treibt so sein drastisches Sparprogramm weiter voran. Konzernchef Terium muss einen gigantischen Schuldenberg von 33 Milliarden Euro abtragen.

Die größten Stärken und Schwächen von RWE
Schwäche 1: Teurer Zukauf von Kohlendioxid-ZertifikatenDer Atomausstieg macht RWE an einer Stelle besonders stark zu schaffen – wenn es um die CO2-Emissionen geht. RWE-Chef Jürgen Großmann hatte lange gehofft, durch eine Verlängerung der Laufzeiten bei den Kernkraftwerken möglichst viel CO2-freien Strom produzieren zu können. Doch nach der Atomkatastrophe von Fukushima ist klar: Der Energiekonzern wird nach wie vor sehr stark abhängig von seinen Kohlekraftwerken (Bild: Kraftwerk Westfalen in Hamm) und damit auch der größte Emittent des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxids bleiben. Quelle: dapd
Schwäche 1: Teurer Zukauf von Kohlendioxid-ZertifikatenSo hat der Konzern im vergangenen Jahr insgesamt 161,9 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen. Das sind zwar knapp zwei Prozent weniger als 2010. Doch nur für 116,6 Millionen Tonnen hat RWE kostenlos Zertifikate zugeteilt bekommen. Für den Rest, also 45,3 Millionen Tonnen, musste der Versorger Zertifikate erwerben – und dafür rund 600 Millionen Euro bezahlen. (Bild: Braunkohlekraftwerk Neurath in Grevenbroich) Quelle: dpa
Schwäche 1: Teurer Zukauf von Kohlendioxid-ZertifikatenDoch während RWE heute noch fast drei Viertel der Verschmutzungsrechte kostenlos erhält, muss der Konzern sich darauf einstellen, ab 2013 für alle Zertifikate zu bezahlen. Wie hoch die Mehrbelastung für RWE dadurch sein wird, ist schwer vorauszusagen. Denn allein im Jahr 2011 schwankten die Preise zwischen 7,40 Euro und über 17 Euro pro Tonne. Für den Teil, den RWE bisher noch gratis erhalten hat, wären das Kosten zwischen gut 860 Millionen und knapp zwei Milliarden Euro. (Bild: Braunkohlekraftwerk Neurath) Quelle: dpa
Schwäche 2: Ratingagenturen kritisieren steigende VerschuldungDer Anstieg der Verschuldung ist ein weiterer Punkt, der dem RWE-Chef Jürgen Großmann (im Bild links mit seinem Nachfolger Peter Terium) angekreidet wird. Denn in seiner Amtszeit haben sich die Nettoschulden deutlich erhöht. Während sie im Jahr 2007 noch bei 16,51 Milliarden Euro lagen, betrugen sie Ende 2011 dagegen stolze 29,95 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Schwäche 2: Ratingagenturen kritisieren steigende VerschuldungDie Nettoschulden beinhalten alle Finanzschulden wie etwa Anleihen und Bankkredite abzüglich der flüssigen Mittel. Hinzu kommen Rückstellungen für Pensionen und die Entsorgung im Kernenergiebereich sowie bergbauliche Rückstellungen. Die Nettoschulden machten 2011 175 Prozent des Eigenkapitals und das 3,5-Fache des Ergebnisses vor Zinsen,  Steuern und Abschreibungen (Ebitda) aus. Das eigens gesetzte Ziel, beim am Ebitda gemessenen Verschuldungsfaktor eine Obergrenze von 3,0 einzuhalten, hat RWE damit nicht erreicht. (Bild: Ratingagentur Moody's) Quelle: Reuters
Schwäche 2: Ratingagenturen kritisieren steigende VerschuldungTrotz bereits erfolgter Abstufungen – unter anderem weil die Belastungen durch den Atomausstieg ansteigen – sind die externen Ratings noch ordentlich: Moody’s vergibt ein A3, S&P ein A– und Fitch ein A. Alle drei Ratingagenturen haben ihre Bonitätsnoten aber mit einem negativen Ausblick versehen. Bekommt der Energieriese seine Verschuldung nicht in den Griff, könnte es mit den Ratings weiter abwärtsgehen. (Bild: Ratingagentur Standard & Poor's) Quelle: dpa
Schwäche 3: Investitionen können nicht aus eigenen Mitteln finanziert werdenRWE investiert regelmäßig mehr Geld, als der Konzern im operativen Geschäft erwirtschaftet. Im Jahr 2011 standen dem operativen Cash-Flow von 5,5 Milliarden Euro Investitionen in Sachanlagen und immaterielle Vermögenswerte von 6,4 Milliarden Euro gegenüber. Der sogenannte freie Cash-Flow lag somit bei minus 843 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor waren es sogar minus 879 Millionen Euro. (Bild: Windrad vor dem Braunkohlekraftwerk Neurath) Quelle: dpa

RWE-Chef Peter Terium kann mit dem Verkauf der tschechischen Gasnetztochter die klamme Kasse des Energiekonzerns füllen. Der Versorger veräußere die Firma Net4Gas für 1,6 Milliarden Euro an den Versicherungskonzern Allianz und den kanadischen Infrastrukturfonds Borealis. Die Transaktion solle in der zweiten Jahreshälfte abgeschlossen werden, erklärte RWE am Donnerstag.

Terium treibt eine ganze Reihe von Beteiligungsverkäufen voran. Dem Konzern machen die Einbußen durch die Atomwende, ein schwächelndes Gasgeschäft und Schulden von über 33 Milliarden Euro zu schaffen. "Der Verkauf von Net4Gas ist ein weiterer Meilenstein unseres Desinvestitionsprogramms, mit welchem wir unsere Kapitalbasis und den finanziellen Handlungsspielraum stärken", sagte Terium.

Das sind die größten Energieversorger der Welt

Net4Gas betreibt Pipelines mit einer Länge von mehr als 3600 Kilometern und beschäftigt über 500 Mitarbeiter. Im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen einen Gewinn von rund 270 Millionen Euro erzielt. An der Firma waren auch der tschechische Versorger EPH und die tschechische Finanzgruppe KKCG interessiert. RWE hatte die Tochter bereits vor anderthalb Jahren zum Verkauf gestellt. Ein Deal hatte sich aber unter anderem wegen unklarer Regulierungsfragen in Tschechien verzögert.

RWE will auch DEA verkaufen

Mit welchen Problemen E.On zu kämpfen hat
Knappe KassenE.On braucht Geld, und zwar dringend. 2011 hat E.On in Folge des Atomausstiegs erstmals in seiner Firmengeschichte ein Geschäftsjahr mit Verlust abgeschlossen, ein Minus von rund 1,9 Milliarden. Noch im Vorjahr hatte der Konzern einen Gewinn von 6,2 Milliarden Euro verbucht. 2012 schaffte es Konzernchef Teyssen wieder einen Nettoüberschuss von 4,3 Milliarden zu erwirtschaften. Für 2013 rechnet der Vorstand annähernd mit einer Halbierung dessen. Nur noch 2,2 bis 2,6 Milliarden Euro sollen hängen bleiben. Quelle: dapd
Investition in SchwellenländerRaus aus Europa und rein die Schwellenländern. Was E.On mit dem Verkauf seiner Beteiligungen einnimmt, soll in die Energiewirtschaft in Brasilien, Indien und der Türkei reinvestiert werden. Im Dezember hat E.On. durch einen Anteilstausch mit der österreichischen Verbund AG die Hälfte des türkischen Stromerzeugers Enerjisa übernommen. Im Gegenzug erhielt die Verbund AG Anteile an bayerischen Wasserkraftwerken. Mit dem Einstieg in der Türkei mache E.on einen
Schleppendes GasgeschäftDer russische Vorlieferant Gazprom lässt E.On zappeln und hält die Langfristpreise hoch. Zwar erzielten E.On-Manager ein kurzfristig geltende Vereinbarung, die Linderung der Gaspreise versprach, eine Dauerlösung stellt dies jedoch nicht dar, da sich die Russen die permanente Überprüfung seiner Preisnachlässe vorbehalten hat. Quelle: dpa/dpaweb
Kostspielige WindparksE.On ist derzeit der weltweit drittgrößte Betreiber von Offshore-Windkraftanlagen und investiert zwei Milliarden in drei neue Projekte - Amrumbank West, Humber Gateway vor der britischen Küste und Karehamn in Schweden. Insgesamt sind E.On die Kosten für die Offshore-Parks zu hoch, bis 2015 sollen sie um 40 Prozent sinken. E.On will günstiger bei den Lieferanten einkaufen, leistungsfähigere Windkraftanlagen einsetzen und bei der Projektierung und beim Bau der Parks sparen. E.On-Chef Johannes Teyssen hat angekündigt, beim Ausbau des Ökostromgeschäfts verstärkt auf Kooperationen zu setzen. Der Konzern müsse nicht jede Anlage komplett besitzen. Quelle: dpa
Lohnforderungen und StreiksImmerhin an einer Front gibt es positives zu berichten. Am 6. Februar 2013 haben sich die Gewerkschaften mit der E.On-Führung geeinigt. Die 30.000 E.On-Beschäftigten in Deutschland wollten ursprünglich 6,5 Prozent mehr Lohn - jetzt gibt es rückwirkend zum 1. Januar 2013 2,8 Prozent mehr plus eine Einmalzahlung von 300 Euro. Das erste Angebot von E.On hatte bei 1,7 Prozent gelegen. Quelle: dpa
Verlustgeschäft GaskraftwerkeDie hochmodernen Gaskraftwerke im bayerischen Irsching sind extrem unterfordert. Nur 2.000 Betriebsstunden erreichten sie im Jahr, das ist weniger als ein Viertel der Gesamtkapazität. Unter solchen Umständen sind Gaskraftwerke für E.On nicht mehr gewinnbringend zu betreiben. Auch die kommunalen Mitgesellschafter drängten aus den Gaskraftwerken heraus, weil die klammen Kommunen Verluste ihrer Beteiligungen befürchten. Quelle: dpa
Unerwünschte BeteiligungenE.On will sich von zahlreichen Beteiligungen in Deutschland und Europa trennen, um Geld in die Kassen zu spülen. Geschäfte im Wert von 15 Milliarden Euro will der Energieriese verkaufen. Die Tochter E.On Thüringer Energie ging zu 43 Prozent an den dortigen Kommunalverband, E.On hält noch zehn Prozent, will aber auch dieses Restpaket loswerden. Die Transaktion ist eingebettet in eine strategische Abwurfaktion. E.On will drei der derzeit sieben deutschen Regionalversorger abstoßen. E.On Westfalen-Weser ist in Verkaufsverhandlungen, auch E.On Mitte soll vom Düsseldorfer Konzern abgetrennt werden. Insgesamt sollen die Trennung von den Regionalversorgern zwei bis drei Milliarden Euro bringen, schätzen Energie-Analysten. Quelle: dpa

RWE ist wie auch der Konkurrent E.On unter Druck. Der Essener Konzern erwartet spätestens ab 2014 deutlich schrumpfende Gewinne. Zugleich fährt RWE die Investitionen zurück und streicht Tausende Stellen. "Wir müssen uns von Teilen unserer Aktivitäten trennen. Und wir werden in Zukunft deutlich weniger Mitarbeiter beschäftigen", hatte Terium vor drei Wochen auf der Bilanzpressekonferenz angekündigt.

Die bisherigen Verkaufsprozesse hatten sich hingezogen. Die Veräußerung seiner Beteiligung an dem hessischen Versorger Süwag musste RWE im vergangenen Jahr absagen. "Wir verkaufen nicht um jeden Preis", hat der RWE-Chef deutlich gemacht. Mit dem Deal in Tschechien hat der Konzern nun Verkäufe in einer Höhe von insgesamt 3,7 Milliarden Euro unter Dach und Fach gebracht.

RWE hatte sich unter anderem von der mit E.On geführten britischen Atomfirma Horizon Nuclear Power und von seinem Anteil an den Berliner Wasserbetrieben getrennt. Einnahmen in Milliardenhöhe könnte der Versorger durch den geplanten Verkauf der Gas- und Ölfördertochter Dea erzielen.

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