WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Teriums Sparpläne RWE steht Kulturrevolution bevor

Der Energieversorger wird unter Peter Terium, dem neuen Vorstandschef, der am Wochenende sein Amt offiziell antritt, zu einem Unternehmen, in dem alles in Frage gestellt wird.

Chefwechsel in Deutschlands Konzernriesen
Volkmar Denner Quelle: dpa
Franz Fehrenbach Quelle: dapd
Peter Terium Quelle: dpa
Jürgen Großmann Quelle: dpa
Stephan Gemkow Quelle: dpa/picture-alliance
Jürgen Kluge Quelle: dpa
Frank Mastiaux Quelle: dapd

Betriebsbedingte Kündigungen? Der Niederländer Peter Terium, der am 1. Juli den barocken RWE-Chef Jürgen Großmann ablöst, kann das nicht ausschließen. Solche Sätze, in den Essener Zeitungen "WAZ" und "NRZ" von sich gegeben, hören sich im Ruhrgebiet an wie ein Peitschenknall. Von RWE hätte man viele erwartet, aber solche Schreckensnachrichten verstören die Mitarbeiter von RWE, die sich dem Versorger traditionell gerade an Rhein und Ruhr ganz besonders verbunden fühlen.

Terium erwägt Verlagerungen ins Ausland

Auch die zweite Hammer-Ankündigung von Terium sorgte am Mittwoch für Unruhe in der Belegschaft. Terium kann sich vorstellen, so deutete er im Interview an, dass einzelne Abteilungen von RWE ins Ausland verlegt werden. Erzrivale und Marktführer E.On aus dem benachbarten Düsseldorf hat das vorgemacht.

Dort werden einzelne Abteilungen wie das Rechnungswesen nach Rumänien verlegt. Die E.On-Manager boten den verdutzten Mitarbeitern die Verlegung ihres Arbeitsplatzes nach Südeuropa an. Das empfand der Betriebsrat als blanken Zynismus. Das ist ein „vergiftetes Angebot“, zitierte das "Handelsblatt" einen Mitarbeiter.

Die Sparpläne der Versorger
Wie die Energiekonzerne sparen wollen Quelle: dpa
RWE will jetzt auch bei den Gehältern seiner leitenden und außertariflichen Angestellten sparen. Das Unternehmen strebe für 2014 eine Nullrunde bei dieser Personengruppe an, sagte eine Unternehmenssprecherin am 29. November. Betroffen seien über 6000 Mitarbeiter in Deutschland, europaweit sogar 16.000 Beschäftigte. In einem internen Schreiben kündigte der RWE-Vorstand nach Angaben der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ an, diesem Mitarbeiterkreis 2014 „keine generelle Gehaltserhöhung zu gewähren“. Hintergrund sei die schwache Ertragskraft des Konzerns, die 2014 zu einem deutlichen Ergebnisrückgang führen werde. Neben den Aktionären, die für 2013 eine halbierte Dividende hinnehmen müssen, sollten alle Beschäftigten „ihren Beitrag zur langfristigen Sicherungen der Finanzkraft leisten“. Durch die Maßnahme will der Konzern einen zweistelligen Millionenbetrag sparen. Quelle: dpa
Angesichts der düsteren Aussichten auf dem deutschen Energiemarkt sollen bis 2016 weitere 6750 Stellen wegfallen oder durch Verkauf abgegeben werde, 4750 davon in Deutschland. Terium will auch auf Management-Ebene über Gehaltskürzungen sprechen. Betriebsbedingte Kündigungen soll es soweit möglich nicht geben. RWE setzte auf die konzerninterne Jobbörse, Altersteilzeit und die natürliche Fluktuation. Den bis Ende 2014 garantierten tariflichen Kündigungsschutz will Terium angesichts der Lage nicht verlängern. Von 2011 bis Ende 2013 hat RWE bereits 6200 Stellen abgebaut oder durch Verkauf abgegeben. Der neue Abbau trifft vor allem die Kraftwerkssparte mit 2300 Stellen. Im Rahmen des Effizienzprogramms „RWE 2015“ fallen 2400 Stellen weg, und durch den geplanten Verkauf der Ölfördertochter Dea weitere 1400 Stellen. Auch die Tochter für erneuerbare Energien RWE Innogy speckt ab - 250 Stellen gehen verloren. Zum Jahresende 2013 verringert sich die Zahl der Stellen von 67.400 auf knapp 61.000. Ende 2011 arbeiteten noch 72.000 Menschen für RWE. Quelle: dpa
Bei RWE greifen mittlerweile mehrere Spar- und Effizienzprogramme ineinander. Im Rahmen des Programms RWE 2015 will Terium bis Ende des kommenden Jahres 1 Milliarde Euro einsparen. Zunächst hieß es, die Zahl der Mitarbeiter solle um 8000 sinken, mittlerweile ist von über 10.000 Stellen die Rede. 3000 davon sollten durch Verkäufe von Unternehmensteilen wegfallen. Nun legte Chef Peter Terium nochmals nach (siehe vorangegangenes Bild). Quelle: dpa
Besonders betroffen ist die Kraftwerkstochter RWE Generation. Im Rahmen des Programms NEO sollen die Kosten hier jährlich um 750 Millionen Euro gesenkt werden. Die Kraftwerkstochter soll 3000 Stellen streichen. Die Sparte hat derzeit 18.000 Beschäftigte. Im Rahmen des Atomausstiegs hat RWE bereits das Kernkraftwerk Bibilis stillgelegt, Lingen, und Mülheim-Kärlich befinden sich im Rückbau. In Betrieb sind noch Emsland, Gundremmingen (75% Beteiligung) und Borssele (Niederlande, 30 % Beteiligung) Quelle: dapd
EnBWDer baden-württembergisch Energieversorger zieht aus seiner Ertragskrise weitere Konsequenzen und verkleinert den Vorstand von fünf auf vier Personen. Vorstand Dirk Mausbeck, bisher für Vertrieb und Marketing verantwortlich, wird mit Ablauf seines Vertrages am 30. September 2014 das Unternehmen verlassen. Seine Aufgaben übernimmt zum Teil Vorstandschef Frank Mastiaux (Foto). Die Sparten Handel und Verteilnetze sollen noch verteilt werden. EnBW kämpft in Folge der Energiewende mit schrumpfenden Erträgen. Mastiaux will den einst stark auf Atomkraft setzenden Konzern auf die Erzeugung von erneuerbarer Energie und auf neue Serviceangebote für die Strom- und Gaskunden trimmen. Dazu ist bereits ein umfassendes Sparprogramm aufgelegt worden... Quelle: dpa
Um den Konzern effizienter zu machen, sollen Kerngesellschaften auf die EnBW AG verschmolzen und Tochtergesellschaften verkauft werden. Das im Oktober 2010 angestoßene Effizienzprogramm "Fokus" soll bis Ende 2014 jährlich eine Entlastung von 750 Millionen Euro bringen. Bis Ende 2014 werden 1350 Stellen bei EnBW gestrichen - das soll Einsparungen von rund 200 Millionen Euro bringen. Der Umbau soll sozialverträglich organisiert werden. Freie Stellen - vor allem in der Verwaltung - werden nicht neu besetzt, Altersteilzeitangebote umgesetzt und Abfindungen gezahlt. Vor dem Sparprogramm arbeiteten 21.000 Menschen für EnBW. EnBW hat im Zuge der Energiewende das Kernkraft Neckarwestheim bereits teilweise stillgelegt, das Werk Obrigheim befindet sich im Rückbau. Am Netz sind noch Philippsburg und Fessenheim, Frankreich / Elsass (17,5% Beteiligung). Quelle: dpa

„Dasselbe kann auch bei uns passieren“, sagt ein besorgter RWE-Mitarbeiter. Es ist das definitive Ende der Schonfrist für die Energiewirtschaft, der nun die Gewinne aus der Kernenergie wegbrechen, der Brennelementesteuern aufgebrummt werden und die hohe Schulden drücken.

Terium tritt so realistisch wie möglich an, das verschreckte auch viele Kommunalvertreter. Die Kommunen halten 25 Prozent an RWE. Aber die Landtagswahlen, aus denen die SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft als klare Siegerin hervorgegangen ist, sind nun vorbei. Rücksichten auf Wählerstimmen in den RWE-Versorgungsgebieten müssen die Kommunalpolitiker nicht mehr nehmen. Eine Kulturrevolution in dem von kommunalen Rücksichten geprägten Versorger.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Das ist die einmalige Chance, RWE wie ein richtiges Unternehmen zu führen und nicht wie ein kommunales Energiekonglomerat. Die Terium-Sätze bieten die Chance, die Gefahr abzuwenden, das RWE dermaleinst so endet wie vor ein paar Tagen die WestLB, die zum Schluß zum Spielball politischer und nicht wirtschaftlicher Interessen geworden war.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%