Too big to fail Unipers Milliardenverlust zeigt Deutschlands Not

Deutschlands gespaltener Energiemarkt: Unipers Milliardenverlust und die traumhaften Gewinne von RWE. Quelle: imago images

Uniper: Ein Minus von 12 Milliarden, RWE: Traumhafte Gewinne. Staat und Verbraucher müssen mit Milliarden einspringen, eine Umlage zahlen, mit explodierenden Preisen rechnen. Die Zeit der Abrechnung in der Gaskrise hat begonnen – mit Gewinnern und Verlierern.

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Es ist knapp ein Jahr her, da begann die Krise. Leise, schleichend. Da gab es erste Anzeichen dafür, dass die Erdgasspeicher in Deutschland sich nicht wie gewohnt füllten. Rehden, der Riese tief in der niedersächsischen Erde, blieb merkwürdig leer. Was machte Gazprom da? Was war das Problem? In Sibirien, bei der Förderung, hieß es, habe es Schwierigkeiten gegeben. Manche begannen zu vermuten, dass Wladimir Putin eine Drohkulisse aufbaute, um Nord Stream 2, die Pipeline, die dann endlich fertig wurde, schnell in den Betrieb zu drücken, durch alle deutschen und europäischen Genehmigungsverfahren hindurch.

Dass die Speicher die Vorboten eines russischen Angriffskriegs auf die Ukraine sein würden, damit hatte niemand gerechnet – selbst nicht jene, zugegeben, Grünen, die immer mahnten, der russische Präsident würde sein Gas, die deutsche Verwundbarkeit, als Waffe einsetzen, wenn die Stunde kommen würde.

Uniper ist das Symbol dieser Krise

Am 24. Februar war die Stunde da, in brutalerer, härterer Weise, als sich das zuvor irgendjemand hätte vorstellen können – und knapp ein halbes Jahr nach Kriegsausbruch wird den Deutschen in diesen Tagen erstmals in dieser Krise spürbar die Gas-Rechnung präsentiert: Die betroffenen Unternehmen stellen ihre Zahlen für das erste Halbjahr 2022 vor, die Bundesregierung, gemeinsam mit der Trading Hub Europe, hat beziffert, was die Umlage kosten soll, die gebeutelte Gas-Importeure retten soll — und die Versorger geben Ausblicke, was demnächst noch auf Unternehmen und Verbraucher zukommt.

Am Mittwochmorgen hat dabei der Düsseldorfer Konzern Uniper die bislang deutlichsten Zahlen vorgelegt. Ein Loch von 12 Milliarden Euro reißt die Krise im ersten Halbjahr in die Bilanz. In Worten: Zwölf Milliarden Euro. Kein anderes Unternehmen dürfte so schwer getroffen werden, Uniper, das mehrheitlich dem finnischen Konzern Fortum gehört, war und ist der größte deutsche Gas-Importeur aus Russland. Uniper ist das Symbol dieser Krise.

Too big to fail

Anfang Juli, kurz nachdem Wladimir Putin die Lieferungen über die Pipeline Nord Stream 1 dramatisch gedrosselt hatte, hatte Uniper-Chef Klaus-Dieter Maubach in einer Aufsehen erregenden Pressekonferenz verdeutlicht, wie groß Unipers Not war, weil dem Unternehmen das russische Gas fehlte und es zu exorbitanten Preisen am Spotmarkt nachkaufen musste. Der Fehlbetrag, so viel war klar, würde sich im Monat auf einen Betrag knapp unter 1 Milliarde Euro belaufen. Die Rede war, nicht von Maubach, eher von Robert Habeck, von einem „Lehman-Moment“ – und Uniper, das war allen klar, war too big to fail. Mehr als 100 Stadtwerke hängen von dem Unternehmen ab, viele Unternehmen. Also sprang der Staat ein: Der Bund übernimmt 30 Prozent, dazu gibt’s Kredite von der Förderbank KfW in Höhe von 9 Milliarden Euro.

Ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht

Und jetzt also die genaue Rechnung: zwölf Milliarden Euro Verlust, 6,5 Milliarden Euro davon alleine wegen der Unterbrechung der Gaslieferung aus Russland, dazu 2,7 Milliarden Euro Abschreibungen, auch aus der Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 2. Die ist fertig, mit Gas gefüllt, das größte Energiegrab der Welt. „Uniper leistet seit Monaten einen essenziellen Beitrag zur Stabilisierung der Gasversorgung in Deutschland“, sagte Maubach am Mittwochmorgen per Pressemitteilung, „um den Preis von Milliarden-Verlusten, die uns durch die weggebrochenen Liefermengen aus Russland entstehen.“ Ein Ende dieser Entwicklung sei nicht in Sicht.

Verbraucher gehören zu den Verlierern

Tatsächlich sind diese zwölf Milliarden Euro die Rechnung für Jahrzehnte willfähriger Abhängigkeit vom billigen russischen Gas, für Jahrzehnte kollektiver Blauäugigkeit. Wer für diese Blauäugigkeit jenseits der Steuerzahler, die über den Bund Uniper retten müssen, zahlen muss, ist auch seit dieser Woche klar. Am Montag hat der deutsche Gasmarktverantwortliche, die Trading Hub Europe (THE), ein Gemeinschaftsunternehmen von Fernleitungsnetzbetreibern, verkündet, dass die Gas-Umlage, die ab 1. Oktober greifen soll, 2,4 Cent pro Kilowattstunde beträgt. Importeure wie Uniper können so 90 Prozent ihrer zusätzlichen Beschaffungskosten geltend machen. Von den 34 Milliarden Euro Mehrkosten, die die THE bei ihrer Berechnung zugrunde gelegt hat, ist der größte Teil für Uniper nötig. Too big to fail? Die Rechnung zahlen so die Verbraucher. Sie gehören in diesen Tagen der Abrechnung zu den Verlierern, natürlich.

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von Martin Gerth

Und das wird demnächst so weitergehen. Kein Versorger, nicht E.On, nicht EnBW, machen derzeit einen Hehl daraus, dass die Preise für die Kunden demnächst weiter steigen werden. Um 40 Prozent sind die Gaspreise bei E.On allein in Nordrhein-Westfalen bereits angestiegen. Und das war nur der Anfang. Cent für Cent schlagen die Großhandelspreise demnächst durch. Das ist für Verbraucher hart, aber auch für Unternehmen. Bei vielen, die abgesichert waren, laufen demnächst die Verträge aus, das Polster des „Hedging“ ist aufgebraucht.

An the winner is … RWE

Aber es gibt auch Gewinner in dieser Krise. RWE etwa, der Stromproduzent, erlebt einen Boom. Der Konzern hat wenig Gas aus Russland importiert, setzt auf Erneuerbare Energie, verdient aber prächtig mit der fossilen Produktion – und profitiert von hohen Preisen. RWE hat seine Ergebnisprognose für das Gesamtjahr deshalb im Juli angehoben, von 3,6 bis 4,0 Milliarden Euro auf 5,0 bis 5,5 Milliarden Euro. Um eine Diskussion über eine Übergewinnsteuer abzuwehren, hat RWE auf Geld aus der Gas-Umlage verzichtet. Was die Essener dieser Verzicht genau kostet, haben sie nicht gesagt. Aber es dürfte sich um einen Betrag im dreistelligen Millionenbereich handeln. RWE, das ist die Botschaft, kann sich das leisten – und verzichtet im Sinn der Verbraucher. Wohl dem, der sich das leisten kann.

Anders macht es der große Versorger aus dem Süden, EnBW. EnBW hat angekündigt, die Hilfe aus der Gas-Umlage in Anspruch nehmen zu wollen. Zwar verzeichnete EnBW im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen leichten Ergebnisrückgang, an seiner Gewinnprognose für das Gesamtjahr 2022 hielt EnBW trotz eines „volatilen“ Marktumfelds für 2022 fest. Die Prognose sieht ein Wachstum von etwa zwei bis sieben Prozent vor und ein Ergebnis von knapp über drei Milliarden Euro.



Aber EnBW hat mit dem Geschäft das Gas-Importeurs VNG ein durchaus beträchtliches Risiko im Portfolio. Die Belastung für die Ersatzbeschaffung der ausgefallenen russischen Gasmengen hat EnBW in den Zahlen zum ersten Halbjahr mit etwa 550 Millionen Euro bewertet. Man sei, heißt es, im „Gegensatz zu Mitbewerbern“ über die VNG vom Ausfall der russischen Gasliefermengen „durchaus betroffen.“ EnBW, das ist hier die Botschaft, kann sich trotz einer Gewinnperspektive die demonstrative Großherzigkeit von RWE nicht erlauben – und greift deshalb auf die Hilfe zurück, finanziert von den Kunden.

Hoffnung LNG

Die Politik hat erkannt, welche Einschnitte die Rechnungen markieren, die derzeit präsentiert werden – und verspricht, Motto: „You’ll never walk alone“, Entlastung – und übt sich darin, Hoffnung zu verbreiten. Nicht ohne Grund dürfte Wirtschaftsminister Robert Habeck Anfang der Woche verkündet haben, dass es nun Deals gibt, die sicherstellen, dass die Flüssigerdgas-Tanker auch tatsächlich Ende 2022 kommen, wenn die schwimmenden Terminals in Wilhelmshaven und Brunsbüttel installiert sind. Wenn. Das Terminal in Wilhelmshaven wird Uniper betreiben, das Terminal dort hat RWE angeheuert. Alles geschieht mit massiver Unterstützung der Bundesregierung.

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