Trading-Chef von Vattenfall „Wir kaufen quasi aus der Badewanne“

Russland dreht am Gashahn und drosselt die Lieferungen nach Deutschland. Wie wirkt sich das an den Energiebörsen aus? Quelle: dpa

Der schwedische Energieversorger Vattenfall versorgt  deutsche Haushalte mit Strom und Gas – und handelt Energie an Spotmärkten. Dabei sehen sich die Schweden besser gerüstet als Wettbewerber Uniper.

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Wer mit Frank van Doorn telefoniert, der muss damit rechnen, dass er auf seinem zweiten Bildschirm kontinuierlich die Preise für Strom und Gas an der Börse checkt. Denn das ist sein Job: Van Doorn ist Tradingchef bei Vattenfall, einem der größten Energieversorger Deutschlands. Eigentlich liegt seine Arbeit mehr oder weniger im Verborgenen. Kaum jemand hätte sich vor ein paar Jahren dafür interessiert, wer an den Handelsplätzen Energie handelt.

Doch seit Putin die Gasmengen nach Europa und gerade auch nach Deutschland immer weiter drosselt, uns mit den fehlenden Mengen unter Druck zu setzen versucht, seit Uniper, der größte Gasimporteur, Staatshilfe braucht, ruht die Aufmerksamkeit immer mehr auf den Gashändlern und Versorgern, den Netzbetreibern und den Stadtwerken. Und damit auch auf Frank van Doorn und seinem Trading-Team bei Vattenfall. Wie also funktioniert der Einkauf von Gas? Welche Preise zahlen Großhändler und Versorger an den Börsen? Und wie wirken sich steigende Preise auf sie auf?

Vattenfall gehört zu den größten Energieversorgern Deutschlands. 2021 machte die deutsche Tochtergesellschaft des schwedischen Unternehmens, das vollständig im Besitz des schwedischen Staates ist, 14 Milliarden Euro Umsatz. Zum Vergleich: Uniper machte 2021 164 Milliarden Euro Umsatz, E.ON 77,4 Milliarden. Im vergangenen Jahr hat Vattenfall in all seinen Märkten 57 Terawattstunden Gas verkauft. Und Frank van Doorn ist dafür zuständig, dass das Gas eingekauft wird.

Gas aus der „großen Badewanne“

„Wir haben eine gewisse geschätzte Nachfrage und dafür kaufen wir das Gas auf virtuellen Handelsplätzen“, sagt van Doorn im High-Voltage-Podcast. „Das ist nicht aus einer bestimmten Pipeline, sondern quasi aus der Badewanne.“ Denn die Händler an den Börsen bedienen sich am Sammelsurium aller Gaslieferungen – etwa jenen aus Russland, oder jenen aus Norwegen – die sie virtuell kaufen. Das physische Gas, das dann ankommt, stammt quasi aus einem Sammelbecken allen Gases – der großen Badewanne.

Im Podcast berichtet van Doorn, wie der Spotmarkt funktioniert, wo man Strom- und Gasmengen für die nächste Stunde, für morgen, für diesen Monat kaufen kann. Bei unter zehn Euro pro Megawattstunde hätten die Preise da vor zwei Jahren noch gelegen, „jetzt reden wir über 163 Euro“. Für ihn und seine Trading-Einheit bedeutet das: Alles ist viel risikoreicher geworden. Waren früher Preisschwankungen von einem Euro schon viel, sind mittlerweile Schwankungen von zehn Euro normal. „Deswegen müssen wir viel mehr aufpassen und unsere Positionen niedrig halten.“

Uniper braucht schon Staatshilfen und Russland dreht den Gashahn weiter zu. Wie sich das auf den Strom- und Gashandel auswirkt und wie genau der eigentlich funktioniert, erklärt der Trading-Chef von Vattenfall.
von Theresa Rauffmann

Zahlungen durch Atomausstieg und Verkauf des Berliner Stromnetzes

Vattenfall selbst habe laut ihm weniger Probleme als Händler wie Uniper, die ihr Gas direkt von Gazprom aus Russland einkaufen. Am letzten Freitag beschloss die Bundesregierung, mit 30 Prozent bei Uniper einzusteigen, das Unternehmen verbrennt täglich Beträge im zweistelligen Millionenbereich. Denn das fehlende Gas aus Russland muss Uniper teuer auf den Spotmärkten zukaufen.

Jahrelang sei auch Vattenfall dem Mantra der Gasindustrie gefolgt, dass Russland ein zuverlässiger Lieferant sei: Denn selbst im Kalten Krieg habe Russland immer zuverlässig Gas geliefert, nie habe es Probleme gegeben. „Jetzt wissen wir, dass diese Zeiten vorbei sind und dass sich die Lage komplett geändert hat“, sagt van Doorn im Podcast.

1,4 Milliarden Entschädigung für den Atomausstieg

Geändert hat sich für Vattenfall über die letzten Jahre noch mehr: In Brunsbüttel und Krümmel betrieb das Unternehmen zwei Atomkraftwerke. Mit dem beschleunigten Atomausstieg, den Deutschland nach dem Atomunglück in Fukushima beschloss, musste Vattenfall die AKWs vom Netz nehmen und rückbauen. Die Bundesregierung zahlte über 1,4 Milliarden Euro an Vattenfall – als Entschädigung für die entgangenen Gewinne beim Atomstromverkauf. Die Kompensationszahlen und Einnahmen durch den Verkauf des Stromnetzes in Berlin hatten dem Unternehmen für das Geschäftsjahr 2021 enorme Gewinne beschert.

Mittlerweile dreht sich die Diskussion in Deutschland über Atomkraftwerke wieder. Die drei verbliebenen AKWs sollten eigentlich Ende des Jahres vom Netz gehen, Stresstests sollen jetzt aber Klarheit bringen, wie es weitergehen könnte. Nicht nur der sogenannte Streckbetrieb, bei dem die Leistung, die aus den noch vorhandenen Brennstäben kommt, auf längere Zeit verteilt werden soll, sind mittlerweile im Gespräch, sondern auch Laufzeitverlängerungen.

Kohlekraftwerk von Vattenfall

Ähnlich hat sich die Debatte um Kohlekraft verändert: Eigentlich wollte die Ampelregierung den Kohleausstieg beschleunigen, jetzt wurde ein Gesetz mit dem sperrigen Namen „Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetz“ beschlossen. Kohlekraftwerke, die eigentlich in diesem oder dem nächsten Jahr außer Betrieb gehen sollten, sollen für den Notfall auf Abruf bereitstehen. Und auch die, die aktuell zur Stabilisierung der Stromnetze dienen, sollen zur Produktion genutzt werden.

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Vattenfall hatte einst im Hamburger Süden eines der modernsten und effizientesten Kohlekraftwerke betrieben. Erst 2015 ging das Kohlekraftwerk Moorburg ans Netz, im vergangenen Jahr wurde es stillgelegt – obwohl es eigentlich bis 2038 am Netz bleiben sollte. Um das Steinkohlekraftwerk in Moorburg ist eine politische Diskussion entbrannt. Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann will das Kraftwerk im Zweifel wieder in Betrieb nehmen. Bisher winkt Vattenfall da aber ab: nach den geltenden Regularien dürfe das Kraftwerk nicht mehr betrieben werden, ein Betrieb sei außerdem weder technisch noch wirtschaftlich vernünftig darstellbar.

Lesen Sie auch: Sind die explodierenden Kosten nicht schon Anreiz genug zum Energiesparen? Führende Ökonomen warnen, dass Verbraucher wegen fehlender Preisanreize zu spät beginnen, den Verbrauch zu reduzieren. Das rächt sich bei der nächsten Abrechnung.

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