WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

What's right? Gabriel zerstört Eon und RWE

Eon und RWE erleben an der Börse ein Debakel. Die Konzerne sind infolge der Energiewende schwer angeschlagen. Und Wirtschaftsminister Gabriel zwingt die Konzerne zielstrebig in den Untergang.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Wo die Energiewende besser funktioniert
Im internationalen Vergleich gibt es kaum ein zweites Land, das sich derart ambitionierte Ziele zur Umstellung seines Energiesystems gesteckt hat wie Deutschland. Daher existiert auch kein Gesamtkonzept, das als Blaupause für die deutsche Energiewende dienen könnte. Dennoch kann Deutschland von anderen Ländern lernen. Eine Studie von McKinsey im Auftrag von Siemens stellt Beispiele aus verschiedenen Ländern vor und zeigt, was davon in welchem Umfang auch in Deutschland erfolgreich umgesetzt werden könnte. Die Fallbeispiele beziehen sich auf die wesentlichen Elemente der deutschen Energiewende entlang der Energiewertschöpfungskette: Stromerzeugung, Verteilung oder Balancierung von Angebot und Nachfrage sowie Steigerung der Energieeffizienz. Quelle: dpa
Dänemark, Niederlande, Brasilien - Versteigerung von WindparksDer Ausbau von Solar und Windkraft wird die Regierung bis 2020 rund 30 Milliarden Euro kosten. Eine Möglichkeit, den Kostenanstieg zu drosseln, wäre eine Anpassung der Förderung, zum Beispiel durch Auktionierung von Windparkprojekten – wie in Brasilien, Dänemark oder den Niederlanden praktiziert. So kann erreicht werden, dass Windparks an windreichen Standorten mit einer geringeren Vergütung auskommen. Würden in Deutschland die infrage kommenden Windparkprojekte in Zukunft versteigert, könnten allein im Jahr 2020 rund 0,7 Milliarden Euro an Förderkosten eingespart werden. Quelle: dpa
China – bessere Nutzung von AbwärmeAbwärme lässt sich bei Temperaturen ab circa 300 Grad Celsius zur Stromerzeugung nutzen. In Deutschland gibt es unter anderem in der Zement- und Glasindustrie weitere Potenziale, die andere Länder beziehungsweise Pilotanlagen in Deutschland bereits nutzen: So wurden in China in den  vergangenen zehn Jahren knapp 30 Zementwerke mit entsprechenden Anlagen ausgestattet oder werden aktuell umgerüstet. Durch Nachrüsten der in Deutschland infrage kommenden Werke könnten hier im Jahr 2020 etwa 2 TWh Strom erzeugt und so eine Megatonne CO2 eingespart werden. Die Investitionen würden sich bereits nach rund drei Jahren amortisieren, so die Autoren der Studie. Quelle: REUTERS
Shanghai – bessere TransformatorenJetzt wird es technisch, aber im Grunde simpel. Transformatoren sind  für die Stromversorgung unverzichtbar, da elektrische Energie nur mittels Hochspannungsleitungen über weite Entfernungen wirtschaftlich sinnvoll transportiert werden kann; der Betrieb von Elektrogeräten ist aber nur mit Nieder- und Kleinspannung praktikabel und sicher. Transformatoren haben einen magnetischen Kern, meist Eisen, man kann aber auch so genannte amorphe Metalle verwenden. Sie haben bessere magnetische Eigenschaften und senken Übertragungsverluste im Netz.  In Shanghai konnten die Leerlaufverluste der ausgetauschten Transformatoren um 80 % reduziert werden konnten. Allein die Ausstattung der in Deutschland bis 2020 neu zu installierenden Transformatoren mit amorphen Kernen könnte die Übertragungsverluste im Stromnetz im Jahr 2020 um 0,2 TWh reduzieren. Dies entspricht der Stromproduktion von circa 65.000 Aufdach-Solaranlagen. Durch die Einsparungen  würden sich die erforderlichen Investitionen nach circa elf Jahren amortisieren. Quelle: dpa
Schweden – mehr WärmepumpenEine Wärmepumpe entzieht zum Beispiel dem Boden oder der Luft unter Aufwendung mechanischer oder elektrischer Energie thermische Energie und stellt diese zur Raumheizung zur Verfügung. Momentan sind in Schweden bei 9,5 Mio. Einwohnern 1 Mio. Wärmepumpen installiert, gegenüber circa  0,5 Mio. Wärmepumpen in Deutschland bei rund 81 Millionen Einwohnern. Der Ausbau zusätzlicher 0,7 Millionen Wärmepumpen in Deutschland bis 2020 würde zu einer Senkung des Primärenergiebedarfs um 18 PJ und zu einer Senkung der CO2-Emissionen um 0,6 Mt für das Jahr 2020 führen. Foto: "Tourismusverband Westschweden Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
USA – Stromnachfrage besser steuernDie Stromerzeugung aus Wind und Sonne schwankt wetterabhängig sehr stark. Das belastet das Netz. Die Schwankungen lassen sich durch eine flexiblere Stromnachfrage ausgleichen. Im Nordosten der USA hat man dazu einen Markt für temporäre Nachfragereduzierung geschaffen. Zu Spitzenzeiten reduzieren Stromkunden ihren Verbrauch freiwillig und erhalten hierfür eine Vergütung. Bei diesem Fallbeispiel wurde die Spitzenlast in einem Markt, der größer als der deutsche ist, um circa 8 % reduziert. Würde Deutschland in ähnlicher Weise allein seine industrielle Nachfrage flexibilisieren, könnten 2020 etwa 0,5 Milliarden Euro eingespart werden. Das entspricht den jährlichen Betriebskosten von zwei großen Kohlekraftwerken. Quelle: AP
Los Angeles – LED-StraßenbeleuchtungInternational hat eine Reihe von Städten den Austausch der klassisch verwendeten Natrium-Hochdrucklampen durch LED s vorangetrieben. In den USA installierte zum Beispiel Los Angeles von 2009 bis 2013 in 146.000 Ampeln und Straßenleuchten mit LED. Mit Investitionen von rund 45 Millionen Euro konnte eine Reduzierung des Stromverbrauchs von rund 60 % erreicht werden. Quelle: Presse

Eon und RWE waren einst ein Stolz der deutschen Wirtschaft: Kraftquellen unserer Industrie, Leuchttürme der Verlässlichkeit, Arbeitgeber für Zigtausende. Vor fünf Jahren waren sie zusammen mit 130 Milliarden Euro an der Börse bewertet. Heute sind es keine 30 Milliarden mehr. Deutschland hat mit seiner Energiewende alleine an diesen beiden Unternehmen 100 Milliarden Euro Kapital vernichtet. In dieser Woche sind noch ein paar Milliarden dazu gekommen. Denn Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel zwingt die beiden Konzerne mit einem „Nachhaftungsgesetz“ in die Knie seines eigenen Atomausstiegs. Allein die Eon-Aktie verlor am Donnerstag 7,6 Prozent ihres Werts. Die einstigen Schwergewichte deutscher Solidität sind auf dem Weg zu Ramschpapieren. Hunderttausende von Spargroschen der Deutschen sind betroffen, die Werte in Aktiensparfonds, Lebensversicherungen bis hin zu Mitarbeitervorsorgen sind zerschlagen – von unmittelbaren Arbeitsplätzen ganz zu schweigen.

Gabriel schwingt mit seinen wiederholten Attacken auf Eon und RWE die politische Abrissbirne tief hinein ins Ruhrgebiet. Seine Haftungsregeln durchkreuzen die Pläne der Stromriesen, sich durch Konzernspaltungen in neue Tätigkeitsfelder und eine grüne Energieversorgung vor zu bewegen. Er kettet sie statt dessen an die Kernkraftwerke, deren Betrieb er aber zwangsweise einstellen lässt. Das ist ungefähr so, als ob man einem vollbesetzten Flugzeug befiehlt, die Turbinenen sofort abzustellen, und den Passagieren zugleich verbietet, die Fallschirme zu benutzen.

Deutschlands Energieriesen im Vergleich

Eon wollte sich eigentlich ganz auf die Energiewende konzentrieren, während die auf den Namen Uniper getaufte Abspaltung für die alte Energiewelt stehen sollte. Nun muss ausgerechnet die neue „grüne“ Eon die Atommeiler weiter betreiben – ohne sie noch lange betreiben zu dürfen. Kein Wunder also, dass der Eon-Aktienkurs fällt wie von einem Fausthieb Gabriels persönlich getroffen.

Damit zeigt die deutsche Energiewende ein weiteres Problem. Denn während ideologische Ökostrom-Missionare noch jubeln, nun habe man die Stromriesen in die Haftung genommen, dämmert der Politik, dass es sich längst um Zwerge handelt – und auf Energie-Deutschland zusehends Ungemach zukommt. Die Schulden der beiden Drangsalierten sind mittlerweile deutlich höher als ihre Marktkapitalisierungen. Gabriel wird mit seiner Rambostrategie am Ende auch noch den Rückbau der Kernkraftwerke aus Steuermitteln bezahlen müssen.

Grüner High-Tech für Stadt und Land
Schlafkapsel von Leap-Factory Quelle: PR
Prototyp eines wärmespeichernden Grills Quelle: PR
Mini-Windkraftwerk von MRT Wind Quelle: PR
Leuchtendes Kindle-Cover Quelle: PR
Selbstversorgende Insel in der Südsee Quelle: PR
Tomaten in einem Gewächshaus Quelle: dpa
Ein Schild mit der Aufschrift "Genfood" steckt in einer aufgeschnittenen Tomate neben einem Maiskolben Quelle: dpa/dpaweb

Spätestens mit dieser Woche ist nicht nur an der Börse klar geworden, dass die Bundesregierung dabei ist, RWE und Eon systematisch zu zerstören. Die Energieversorger und ihre Investoren kapitulieren vor den Irrungen und Zumutungen der deutschen Energiepolitik. Wer aber soll in Zukunft die milliardenschweren Investitionen in eine moderne Energieversorgung noch schultern? Wer gewährleistet eigentlich eine stabile Energieversorgung? Wo sammelt sich Kapital und Know-How, damit Deutschland im internationalen Energie-Wettbewerb überhaupt noch handlungsfähig ist? Eon und RWE sind dazu kaum mehr in der Lage. Beiden wurden ohne Entschädigung schlagartig die Atomkraftwerke abgeschaltet, Gaskraftwerke unrentabel gemacht und obendrein massive Sondersteuern aufgebürdet. Beiden wird eine faire Chance verweigert, die Milliarden-Investitionen der Vergangenheit auch zurück zu verdienen. Damit gefährdet Sigmar Gabriel eine langfristig planbare und wirtschaftliche Energieversorgung – die Basis wirtschaftlichen Erfolgs in Deutschland.

Gabriels Energiewende ist nicht grün, sondern tiefrot

Nun sind Eon und RWE keine beliebten, coolen Marken, mit denen sich ein Minister gerne schmückt. Sie haben keine emotionale Lobby und wenn Greenpeace von Sigmar Gabriel etwas will, dann hört er lieber hin als bei den lästigen Kraftwerkern. Und doch waren sie genau das, was Gabriel in seinen Sonntagsreden so gerne beschwört: Leistungscluster, Vernetzer, Innovationskerne, Arbeitsplatz- und Wohlstandsschaffer, an denen tausende von Mittelständlern hingen und Weltmärkte erobern konnten. Jetzt wanken sie einem Wirtschafts- und Energieminister hinterher, der sich offensichtlich nicht darum schert, wie viele Arbeitsplätze und Marktpositionen und Milliarden mit seiner Politik vernichtet werden. Gabriel wollte die Energiepolitik unbedingt in seinem Superministerium haben, nun hat er seine Schieflage.

Nach der Katastrophe von Fukushima entschied Berlin – im Gegensatz zu allen anderen wichtigen Industriestaaten der Welt – sofort und bedingungslos aus der Kernkraft flüchten. Koste es, was es wolle. Nun kostet es zwei Konzerne die Existenz.

Sigmar Gabriel verteidigt seinen Radikalausstieg aus der Atomkraft gerne mit dem Argument, die Welt werde dem guten Beispiel Deutschlands rasch folgen. Bislang ist das Gegenteil der Fall. Derzeit werden weltweit so viele neue Kernkraftwerke gebaut wie nie zuvor. Selbst Japan kehrt zur Kernenergie zurück. Gabriel ist es nicht einmal gelungen, unsere unmittelbaren Nachbarn für den Atomausstieg zu gewinnen. Frankreich, England, Polen und Tschechien bauen ihre Atomanlagen sogar aus. Sogar das Atomkraftwerk in Fessenheim an der deutschen Grenze, das Gabriel den Franzosen unbedingt zur Schließung anempfiehlt, läuft erst einmal weiter.

Die Gabriel-Politik hingegen schafft es, dass irrwitzige Einspeisesubventionen für Ökostrom inzwischen sogar die modernsten und saubersten Gaskraftwerke der Welt zum Stillstand zwingen. Da in der Not mehr Kohle verstromt werden muss, verschlechtert sich auch noch die Klimabilanz. Dabei erklärt Gabriel einmal Kohlkraftwerke für unabdingbar, dann wieder legt er ihnen aus Klimaschutzgründen die Abschaltung nahe. Von Strompreisbremsen bis zur Netzgeldverordnung fummelt er im Markt herum, empfiehlt den Konzernen die Neuordnung und Ausrichtung auf regenerative Energien, dann wieder kettet er sie über Haftungen an die alten Atomkraftwerke. Und alles in einem voll durchreglementierten Subventionssystem.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Sigmar Gabriel hat also das bewirkt, wovon Sozialisten früher geträumt haben: Energiekonzerne zerschlagen und eine Planwirtschaft einführen. Die Farbe seiner Energiewende ist nicht grün, sie ist tiefrot – wie die Aktienkurse und Bilanzen von Eon und RWE.
Wolfram Weimer war Chefredakteur der Tageszeitung Die Welt, des Politik-Magazins Cicero und des Focus. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%