Windreich Auf dem Weg vom Anwalt zum Firmenchef

Bei der Pleite des Windparkentwicklers spielte der Rechtsbeistand des Unternehmens mit dem Gedanken, sich als Vorstandsvorsitzenden zu installieren. Nun droht eine Schlammschlacht zwischen zwei deutschen Topjuristen und deren Kanzleien.

Willi Balz Quelle: dpa

Lange inszenierte sich Willi Balz als König der Nordsee. Mit seinem Unternehmen Windreich in Wolfschlugen bei Stuttgart wollte der Schwabe einen Wald aus Windkraftanlagen vor Deutschlands Küste pflanzen. Doch dann gingen erst Windreich und danach Balz pleite, weil Geldgeber für die hochtrabenden Pläne ausblieben.

Jetzt, zwei Jahre später, wirft die Insolvenz ein schlechtes Licht auf Balz’ damaligen Rechtsberater Stefan Simon, Partner der Bonner Großkanzlei Flick Gocke Schaumburg (FGS). Unterlagen, die der WirtschaftsWoche vorliegen, zeigen, dass Simon in seiner Funktion als Treuhänder von Balz sowie anwaltlicher Berater von Windreich und deren Insolvenzverwalter gleichzeitig einen einträglichen Coup in eigener Sache einfädelte. Denn statt nur Investoren zu finden, wollte Simon sich als Chef der Windreich-Nachfolgefirma mit einem Fixgehalt von jeweils mindestens 2,5 Millionen Euro in den folgenden zwei Jahren installieren.

Damit hätte Simon so viel verdient wie zum Beispiel Bahn-Chef Rüdiger Grube, der jedoch einen Umsatz von 40 Milliarden Euro verantwortet, ein Vielfaches von Windreich. Zudem wollte Simon berechtigt sein, die Firmenflugzeuge mit bis zu 50 Flugstunden pro Jahr auch für private Zwecke zu nutzen. Der Vertrag dazu war vorbereitet.

Simon bestreitet nicht, derlei betrieben zu haben. „Auf die nachdrückliche Initiative von Willi Balz“ habe es „Überlegungen“ gegeben, dass er, Simon, nach erfolgreicher Sanierung „eine Managementposition in der Windreich-Gruppe übernehmen könnte“. Sein „persönlicher Entscheidungsprozess“ sei allerdings „längst nicht abgeschlossen“, der Managementposten „eine denkbare Option“ gewesen. Die „andiskutierte Vergütung“, so Simon, „sollte ein Ausgleich für eine mögliche berufliche Neuausrichtung und die damit verbundenen wirtschaftlichen Risiken sein“.

Die größten Anlagenbauer
NordexNach zwei verlustreichen Jahren und vielen Einsparungen lief es 2013 für Nordex wieder besser. Der Windturbinenbauer kehrte in die Gewinnzone zurück. In der Vergangenheit trennte sich Nordex unter anderem verlustreichen Produktionsstätten in den USA und China und konzentrierte sich ganz auf den Bau von Onshore-Anlagen. Mit der Strategie konnte das Unternehmen in Deutschland Marktanteile gewinnen. 2012 kam Nordex auf 3,5 Prozent, 2013 waren es im On- und Offshore-Bereich zusammen bereits sieben Prozent. Auch die Aussichten sind gut: Für 2014 rechnet der Vorstand mit neue Aufträge im Umfang von 1,6 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Siemens WindenergiesparteSiemens ist Weltmarktführer bei Offshore-Windrädern und dominiert auch in Deutschland diesen Bereich. Hierzulande kommt das Unternehmen in dem Segment auf 52,1 Prozent Marktanteil. Im On- und Offshore-Bereichen zusammen hatte Siemens Wind Power 2013 einen Anteil von 9,8 Prozent und liegt damit auf Platz vier. Nach dem Verkauf der gefloppten Solarsparte will sich Siemens künftig noch mehr auf die Energie aus Wind und Wasser zu konzentrieren. Das Geschäft lief zuletzt insbesondere im Ausland gut. Im Dezember 2013 erhielt das Unternehmen mehrere Großaufträge in den USA. In Deutschland gibt es aber auch Probleme: Bei der Anbindung von vier Offshore-Windparks in der Nordsee liegt Siemens dem Zeitplan um mehr als ein Jahr hinterher. Die Verzögerungen sollen Siemens bereits mehr als 600 Millionen Euro gekostet haben. Quelle: dpa
SenvionDas Hamburger Unternehmen Senvion ( ehemals Repower) ist eine Tochter des indischen Windkraftkonzerns Suzlon. Wie Nordex ist es auch dem Hamburger Unternehmen gelungen, Marktanteile zu gewinnen. 2013 installierte Senvion Anlagen mit rund 484 Megawatt und nun einen Markanteil von insgesamt 13,5 Prozent. Im Onshore-Bereich sind es sogar 16,2 Prozent. Das sind drei Prozent mehr als im Jahr zuvor. In Deutschland hat das Unternehmen nach eigenen Angaben nun eine Gesamtleistung von 2,8 Gigawatt installiert. Im März 2014 hat Senvion die Schwelle von 10 Gigawatt weltweit installierter Leistung überschritten. In der Vergangenheit hatte das Unternehmen allerdings auch mit deutlichen Umsatzrückgängen zu kämpfen. Quelle: dpa
VestasDer weltgrößte Windturbinenhersteller Vestas hatte in Deutschland 2013 einen Marktanteil von 16,7 Prozent (Onshore 20 Prozent). Damit hat der Anlagenbauer zwar rund sechs Prozent an die kleineren Mitbewerber verloren, liegt aber weiterhin klar auf Platz zwei. Allein 2013 stellte das dänische Unternehmen Anlagen mit einer Leistung von 598,9 Megawatt in Deutschland auf. Wirtschaftlich ist Vestas offenbar auf einem guten Weg: Nach massiven Sparmaßnahmen in den Vorjahren hat das Unternehmen im letzten Quartal 2013 erstmals seit Mitte 2011 wieder einen Gewinn erwirtschaftet. Der Jahresverlust lag bei 82 Millionen Euro, nach 963 Millionen Euro 2012. Quelle: ZB
EnerconDas vom Windpionier Aloys Wobben gegründete Unternehmen ist unangefochtener Marktführer in Deutschland bei Anlagen auf dem Festland (49,6 Prozent Marktanteil). Onshore-Anlagen mit einer Leistung von 1.484,6 Megawatt hat Enercon allein 2013 aufgestellt. Auf dem Gesamtmarkt musste der Windanlagenbauer allerdings Verluste hinnehmen. Lag der Markanteil 2012 bei 54,3 Prozent, betrug er zuletzt noch bei 41,4 Prozent. Weltweit hat das Unternehmen mittlerweile mehr als 20.000 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 28 Gigawatt installiert. Laut den Wirtschaftsforscher von Globaldata liegt Enercon im globalen Vergleich damit auf Platz. Geschlagen werden die Ostfriesen von der dänische Konkurrenz Vestas. Quelle: dpa

Einen Interessenkonflikt als Anwalt und Berater von Balz, Windreich sowie dem Insolvenzverwalter habe er nicht gesehen, sagt Simon: „Diese Überlegungen haben die Mandatsführung in keinster Weise beeinträchtigt, die Interessen der Mandanten und damit auch der Gläubiger bestmöglich zu vertreten.“

Zwar scheiterte die Rettung von Windreich im Herbst 2013 und Simon blieb FGS treu. Doch ausgestanden ist der Fall für den Advokaten deshalb nicht. Denn nun hat sich der renommierte Stuttgarter Anwalt und Insolvenzexperte Volker Grub von der Kanzlei Grub Brugger für Balz der Sache angenommen und wirft seinem Anwaltskollegen eine ganze Reihe von Vergehen vor, vom versuchten Betrug über versuchte Untreue bis zum Parteiverrat.

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Damit bahnt sich eine gewaltige Auseinandersetzung zwischen zwei deutschen Topkanzleien an. Simons Kanzlei FGS weist die Anschuldigungen Grubs zurück. „Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand entbehren die Vorwürfe jeder rechtlichen Grundlage“, erklärte die Kanzlei gegenüber der WirtschaftsWoche. Gleichzeitig hat FGS Grub aufgefordert die Vorwürfe schriftlich zurückzuziehen und eine Unterlassungserklärung abzugeben. Grub ist diesem Verlangen bisher nicht nachgekommen.

Inzwischen liegt ein 17-seitiges Schreiben, in dem Grub die schweren Vorwürfe gegenüber Simon erhebt, nebst Anlagen bei der Staatsanwaltschaft in Stuttgart. Auch die Staatsanwaltschaft in Frankfurt ist mittlerweile involviert. Ein ehemaliger Windreich-Geschäftsführer, der ebenfalls von Grub der versuchten Untreue beschuldigt wird, hat dort gestern Strafanzeige und Strafantrag wegen Beleidigung und falscher Verdächtigungen gegen Grub gestellt.

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