Wüstenstrom-Initiative IfW: Desertec lohnt sich nur mit Klimaabkommen

Trotz zahlreicher Rückschläge lässt sich das Wüstenstrom-Konsortium Desertec nicht beirren. Doch von den gewaltigen Strommengen, die sich Investoren erhoffen, ist das Projekt noch meilenweit entfernt.

Drama um Desertec
10. Juli 2013: Personelle KonsequenzenDie andauernden Diskussionen innerhalb des Wüstenstrom-Konsortiums ziehen nun auch personelle Veränderungen nach sich. Aglaia Wieland, erst im Februar 2012 zur stellvertretenden Geschäftsführerin der DII aufgestiegen, wurde mit sofortiger Wirkung freigestellt. In einem monatelangen Machtkampf mit Geschäftsführer Paul van Son ging es um die strategischen Ziele der Initiative. Während Wieland an dem Plan festhielt, den produzierten Strom nach Europa exportieren zu wollen, setzte van Son auf die Bedarfsdeckung vor Ort. Wielands Entlassung ist der bisherige Höhepunkt einer Serie von Rückschlägen innerhalb des einstmals so ambitionierten Projekts… Quelle: Presse
August 2009: Start der Initiative DesertecZwölf Unternehmen wagen den Schritt in die Zukunft. ABB, Abengo Solar, Cevital, Deutsche Bank, E.ON, HSH Nordbank, MAN Solar Millennium, Münchener Rück, M+W Zander, RWE, Schott Solar und Siemens schließen sich in der Industrieinitiative Desertec Dii mit Sitz in Hamburg zusammen. Ihre Vision: Bis 2050 sollen 15 Prozent des europäischen Strombedarfs mit Solarenergie aus Afrikas Wüsten gedeckt werden. Das Investitionsvolumen wird auf rund 400 Milliarden Euro angesetzt. Der Name Desertec stammt von der im Januar 2009 gegründeten Desertec Foundation. Das Netzwerk von Wissenschaftlern, Politikern und Ökonomen aus der Mittelmeerregion hat ein Konzept entwickelt, nach dem die energiereichsten Standorte der Welt genutzt werden, um nachhaltigen Strom aus erneuerbaren Energien zu produzieren. Quelle: dpa
November 2009: Siemens und EOn investieren Siemens übernimmt den israelischen Solarthermie-Spezialisten Solel und weitete so seine Kompetenzen in der Sonnenstromsparte aus. Gleichzeitig investiert E-On Millionen in Solarthermie-Anlagen in Spanien - und testet so die Technik für Desertec. Quelle: AP
März 2010: Prominente FürsprecherDer ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer wird Lobbyist für die Initiative Desertec. Quelle: dpa
April 2010: Auch Bilfinger Berger setzt auf DesertecDer Baukonzern wird neuer Partner. Das Unternehmen sieht vor allem Potenzial für sein Servicegeschäft. Quelle: dpa
Oktober 2010: Geschäftsplan für das MilliardenprojektDie Investoren der Initiative Desertec ziehen eine erste Bilanz.
Oktober 2011: Mega-Solarkraftwerk in Marokko geplantDie Wüste Nordafrikas könnte zum Mega-Solarkraftwerk werden. Im Rahmen des Desertec-Projekts soll ein riesiges Pilotkraftwerk in Marokko gebaut werden. Kostenpunkt: zwei Milliarden Euro. Baubeginn war im Mai 2013... Quelle: AP

Die Desertec Industrial Initiative (DII) verfolgt ihre Vision einer riesigen Energieerzeugung in Nordafrika und dem Nahen Osten trotz aller Widrigkeiten weiter. Bis 2050 könnten aus der Region Nordafrika und dem Nahen Osten aus Sonnen- und Windenergie 600 Terrawattstunden nach Europa geleitet werden, sagte DII-Chef Paul van Son am Donnerstag. Das wäre mehr als Deutschland gegenwärtig in einem Jahr verbraucht. Mit einem Export sei allerdings nicht vor 2020 zu rechnen, da die Staaten bis dahin vorrangig ihren eigenen, wachsenden Energiebedarf deckten und der Aufbau der Technik noch im Gange sei. Auf weit mehr als 100 Milliarden Euro sind die Investitionskosten veranschlagt.

Von den gewaltigen Strommengen, die sich die Firmen rund um die Münchner Rück, Deutsche Bank, ABB, Bilfinger und Shell erhoffen, ist der südliche Mittelmeerraum allerdings noch weit entfernt. Insgesamt seien Projekte mit einer Gesamtleistung von 1,5 Terrawatt zusammen mit DII-Partnern am Netz oder in Planung.

Zudem rechnete das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) vor, dass sich für viele Länder der Ausbau nur im Falle eines internationalen Klimaabkommens und zusammen mit Stromexporten über das Mittelmeer rechnet. Ein Jobboom in Nordafrika und Europa sei allenfalls vorübergehend zu erwarten, sagte IfW-Experte Gernot Klepper. Sollten die Nationen bis 2050 keinen Strom nach Europa schicken und es zu keiner internationalen Übereinkunft in der Klimapolitik kommen, hätten die Investitionen in Erneuerbare Energien allenfalls einen positiven Effekt für das reale Sozialprodukt Marokkos. In Algerien, Libyen oder Ägypten würden die Kosten das Sozialprodukt sogar dämpfen.

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Ihren hohen Anspruch aus den Anfangszeiten, Europa und Deutschland mit gigantischen Projekten in der Sahara mit Strom zu versorgen, hat die DII aufgegeben. "Die DII ist nur ein Wegbereiter", sagte van Son. "Die DII sorgt dafür, dass es einen Markt gibt, wo investiert werden kann." Inzwischen stehe die Eigenversorgung der Länder im Vordergrund. In allen Staaten gebe es mittlerweile nationale Programme zum Ausbau Erneuerbarer Energien. Bis 2020 sollen so 50 Gigawatt aus Solar- und Windparks kommen, knapp die Hälfte davon entfällt alleine auf Saudi-Arabien. "Das zeigt, dass es in den Ländern jetzt ernst wird. Das ist sind nicht mehr hohle Phrasen", sagte van Son. "Es bleibt in den kommenden 30 Jahren noch viel Arbeit, damit der Markt funktioniert", sagte van Son. "Wir sind auf Geschäftsmöglichkeiten aus, damit Geld verdient werden kann." Ökonom Klepper räumte allerdings ein, dass die DII-Macher noch mit vielen Ungewissheiten rechnen müssten. "Eigentlich bin ich kein Freund von Szenarien, die bis 2050 gerechnet werden", sagte er.

Auch manchen Unternehmen sind die Planungszyklen mittlerweile zu lang. Zahlreiche Firmen haben sich aus der 2009 gegründeten DII verabschiedet, darunter Siemens und Bosch. Auch die ursprünglich namensgebende Desertec-Stiftung wandte sich von der Industrieinitiative ab und warf ihr Orientierungslosigkeit vor. Die Spitzenmanagerin Aglaia Wieland flog im Streit um die Strategie bei der DII im Juli raus.

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