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Energiebranche Aktionäre rebellieren gegen Öl aus Sand

Die zweitgrößten Ölvorkommen der Welt liegen in Kanadas Sand. Doch den Branchenriesen BP und Shell steht Ärger ins Haus: Investoren stellen die Kanada-Pläne der Konzerne wegen ihrer verheerenden Folgen für die Umwelt infrage.

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BP und Shell wollen neue Ölfelder in Kanada erschließen. Quelle: dpa

LONDON. Die dichten Kiefern- und Fichtenwälder sind schon lange weg. Jetzt klaffen dort gigantische Löcher in der dunklen, sandigen Erde. Dazwischen dunkler, träger Schlamm, der in Seen zusammenfließt. Die Gegend hat sich in eine Mondlandschaft verwandelt.

Mit Bildern wie diesen machen derzeit die Macher des Kinofilms "Dirty Oil" Stimmung gegen die teure und umweltschädliche Förderung von Öl aus den sandigen Böden im Westen Kanadas. Sie sind nicht die einzigen: Auch Investoren von Shell und BP rebellieren gegen die Pläne der Unternehmen, die Ölsandvorkommen zu erschließen.

Auf der morgigen Hauptversammlung von BP will eine Gruppe von etwa 150 Aktionären erreichen, dass der britische Konzern zunächst deutlich mehr Informationen über sein Ölsandprojekt in Kanada und die Folgen für die Umwelt offen legt, bevor er überhaupt damit loslegt. Ähnliches planen Anleger für das Aktionärstreffen von Shell, das Mitte Mai ansteht.

Die beiden Unternehmen lehnen dies vehement ab und verteidigen ihre Pläne: Man komme nicht umhin, Öl aus Sand abzubauen, um den weltweiten Energiebedarf zu decken, heißt es in der Antwort von BP auf den Antrag der kritischen Aktionäre. Dieser werde bis 2030 um etwa 40 Prozent steigen, sagt das Unternehmen voraus.

Im kanadischen Sand ruhen mindestens 170 Milliarden Barrel Öl, nur Saudi-Arabien hat größere Reserven. Doch die Förderung belastet die Umwelt enorm, denn dabei werden ungeheure Mengen an Wasser und Energie verbraucht. Das bringt auch höhere Kosten für die Mineralölgesellschaften mit sich. Je nach Aufwand kostet die Herstellung eines Barrels aus Ölsand zwischen 40 und 70 Dollar. Bei herkömmlichen Quellen aus der Golfregion liegen die Kosten im besten Fall bei weniger als fünf Dollar.

Einige Ölsand-Projekte galten daher im Zuge der Wirtschaftskrise als gefährdet, als der Ölpreis auf unter 40 Dollar pro Barrel sank. Inzwischen liegt er bei mehr als 80 Dollar. Und das Ölsandgeschäft zieht wieder neue Investoren an: Der chinesische Ölkonzern Sinopec übernimmt für 4,65 Mrd. Dollar Anteile an Syncrude. Es ist die größte Investition eines chinesischen Unternehmens in Kanada (siehe Kasten). Syncrude gehört zu den Pionieren im Abbau von Ölsanden.

Der britische Energiekonzern BP produziert bislang noch kein Öl aus Ölsand, will aber demnächst in das Geschäft einsteigen und 2,4 Mrd. Dollar investieren. In einem ersten Schritt hat BP vor mehr als zwei Jahren ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem kanadischen Konzern Husky Energy gegründet, der über den Zugang zu Ölsand-Lagerstätten verfügt. Mit Hilfe solcher Partnerschaften versuchen die Unternehmen die hohen Kosten des Ölsandabbaus überschaubar zu halten.

Bei dem niederländisch-britischen Energiekonzern Shell macht die Produktion von Öl aus Sand bereits 2,5 Prozent der gesamten Öl- und Gasförderung aus. In zwei Jahren soll dieser Anteil auf vier Prozent steigen.

Nach Angaben des US-Konzerns Chevron, einem der Shell-Partner in Kanada, wird der Ausbau des Ölsandgeschäfts 14 Mrd. Dollar kosten und damit mehr, als Shell prognostizierte. Das Unternehmen ging zunächst von 12 Mrd. Dollar aus.

Investoren wollen die Expansion in Kanada stoppen, solange Shell die Kosten des Ölsandprojekts nicht transparenter macht. Das Unternehmen lehnt dies ab. Man habe bereits alle notwendigen Informationen veröffentlicht, heißt es in den Unterlagen, die Shell seinen Aktionären im Vorfeld der Hauptversammlung zur Verfügung stellt.

CHINA UND DER ÖLSAND

Übernahme China steigt auf der Suche nach neuen Energiequellen ins kanadische Ölsand-Geschäft ein. Ein Tochterunternehmen des staatlichen Ölkonzerns Sinopec kauft für 4,65 Milliarden Dollar die Anteile von ConocoPhillips am Syncrude-Projekt in der Provinz Alberta. Die Übernahme des neunprozentigen Anteils ist eine der größten Auslands-Investitionen einer chinesischen Firma überhaupt und der größte Zukauf in Kanada.

Energiehunger China hat allein im vergangenen Jahr 20 Milliarden Dollar in den Ausbau neuer Rohstoffquellen gesteckt, um den Energiebedarf zu stillen. Die Volksrepublik zeigte dabei auch immer mehr Interesse an Ölsand-Projekten.

Förderung lohnt sich wieder

Die kanadische Provinz Alberta ist das Zentrum der Ölsandindustrie. Der weltweit wohl wichtigste Rohstoff wird dort überwiegend im Tagebau gefördert.

Ölsand besteht aus einer klebrigen Mischung aus Sand, Lehm, Schlick und Erdpech (Bitumen). Diese Masse wird abgebaggert und kommt mit Wasser und mit Chemikalien in gewaltige Behälter. Dort wird das Öl vom Sand getrennt. Eine Tonne Ölsand ergibt je nach Qualität bis zu 80 Liter oder ein halbes Barrel reines Öl.

Liegt der Ölsand in einer Tiefe von mehr als 75 Metern unter der Erde, kommen andere Techniken zum Einsatz, um das Öl nach oben zu fördern. In der Regel wird heißer Wasserdampf in das Gestein gepresst. Das Bitumen wird so bereits unter der Erde erhitzt, flüssig gemacht und dann - ähnlich wie bei der konventionellen Ölförderung - an die Erdoberfläche gepumpt.

Unter dem Strich entstehen bei der Förderung von Öl aus Sand mehr als drei Mal soviele Emissionen wie bei der Förderung aus konventionellen Quellen. Zudem ist der Wasserverbrauch etwa vier Mal so hoch, sagen Umweltschützer.

Die hohen Rohstoffpreise vor dem Ausbruch der weltweiten Wirtschaftskrise haben in Alberta einen wahren Investitionsboom ausgelöst. Im Zuge der Krise, als der Ölpreis von fast 150 auf 34 Dollar je Fass eingebrochen ist, haben einige Unternehmen ihre Ölsandprojekte brachliegen lassen.

Inzwischen ist der Ölpreis wieder auf mehr als 80 Euro gestiegen und es wird wieder lukrativer, den Rohstoff aus den sandigen Böden Kanadas zu fördern. Zudem haben die Unternehmen die Fördertechniken deutlich verbessert und dadurch den Abbau von Öl aus Sand billiger gemacht.slo

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