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Energiekonzern Großmanns Liebe zu Hamburg sorgt bei RWE für Verdruss

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Nach der Entscheidung von E.On-Chef Wulf Bernotat, die Stromnetze des Konzerns zu verkaufen, schwor Großmann seine Treue zum Netzgeschäft. RWE müsse im Gegensatz zu E.On alles in einer Hand behalten. „Vom Bohrloch bis zum Kunden“, sagte Großmann noch im Frühjahr, müsse RWE die Oberhoheit über das Energiegeschäft behalten. Dann die Kehrtwende: Vor zwei Wochen kündigte Großmann an, sich von RWEs Gasnetz trennen zu wollen. Hintergrund: Die EU drohte den RWE-Justiziaren wegen früherer Kartellabsprachen mit Strafen in dreistelliger Millionenhöhe. Der Netzverkauf beim Gas soll die Wettbewerbshüter besänftigen.

Seit Amtsbeginn wirbt Großmann für die Gaspipeline Nabucco von Österreich in den Nahen und Mittleren Osten. RWE ist seit einigen Wochen Mitglied eines Betreiberkonsortiums. Doch selbst RWE-Mitarbeiter fragen sich, welchen Sinn diese Gasleitung noch hat, wenn sich RWE gleichzeitig von allen anderen Gasleitungen in Deutschland trennen will? Zumal diese Pipeline nur sinnvoll ist, wenn es eine Abzweigung zum Iran gibt, die politisch höchst umstritten ist, weil sich die USA und Israel dagegen sperren. Aus diesem Grund musste Shell seine Gasaktivitäten im Iran kürzlich einfrieren. Alle anderen Anrainerstaaten von Nabucco verfügen nicht über genügend Gas für die Pipeline. Zudem haben sich die avisierten Kosten für das Großprojekt horrend erhöht – die Schätzung zu Anfang des Jahres von 4,4 Milliarden Euro schoss nun auf acht Milliarden Euro hoch.

Auch bei der Strategie für verflüssigtes Gas bleibt Großmann schemenhaft. So schob er die Planung für den Bau eines Hafens für die Belieferung von verflüssigtem Gas (LNG) in Wilhelmshaven an – ein Novum in Deutschland. Der RWE-Terminal soll in derselben Größe direkt neben einer ebenfalls geplanten E.On-Anlage für das Anlanden von LNG-Gas gebaut werden. Für die Ableitung des Rohstoffes vom Schiff in Waggons nutzt RWE dabei eine ganz andere Technologie, bei der das Gas mehr als einen Tag braucht, um in die Abfüllbehälter zu gelangen. Bei E.On dauert der Prozess nur ein paar Stunden.

Auch auf dem politischen Parkett hat Großmann, der Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder zu seinen Freunden zählt, bisher viel versprochen, vielleicht zu viel. So versprach er, einen „Energiepakt“ zwischen den großen Energieversorgern und der Bundesregierung zu schnüren. Das sorgte bereits bei der Ankündigung für Erstaunen in der Branche, weil der gelernte Hütteningenieur bisher auf Chefebene mit keinem seiner Kollegen bei E.On oder EnBW konkret in Verhandlungen getreten war. Einzig mit Bundesumweltminister Sigmar Gabriel soll Großmann in seinem eigenen Sternerestaurant „La Vie“ in Osnabrück vorab darüber gesprochen haben. EnBW-Chef Hans-Peter Villis sprach ganz offen von „fehlender Koordination“ – vom Energiepakt ist bislang nichts zu sehen.

Unter den RWE-Managern wächst der Unmut. Viele nervt es, dass der Chef in Hamburg sitzt: In der Elbvilla kennen sich selbst enge Mitarbeiter von Großmann und hochrangige RWE-Manager nicht aus. Sie drücken die falschen Klinken und finden sich in den Räumlichkeiten des alten Domizlaff-Refugiums nicht zurecht. Termine dauern bei Großmann dort häufig länger als geplant – weil sich schon vormittags die Besprechungstische biegen, unter Spezialitäten aus der norddeutschen Küche: Hummer, Lachs, Forelle, Büsumer Krabben.

Dabei ist die Elbvilla nicht heimlicher Fluchtpunkt von Großmann, sondern hat die Funktion des zweiten Konzernsitzes ganz legal. Dass er von hier aus seinen Job ausüben kann, steht in Großmanns Arbeitsvertrag, RWE trägt einen Großteil der Bürokosten des Domizils.

Zugleich weicht er von seiner Ankündigung ab, künftig rund um die Uhr nur noch für RWE zu arbeiten und seinem Stahlunternehmen Georgsmarienhütte mit drei Milliarden Euro Umsatz und 10.000 Mitarbeitern nur als stiller Eigentümer zur Verfügung zu stehen.

So berichtet Peter van Hüllen, Vorstandschef der Georgsmarienhütte, über Usancen im Verkehr mit seinem Gesellschafter: „Es kommt gelegentlich vor, dass Herr Großmann hier hereinkommt, wenn es sich am Weg der Reiseroute ergibt.“ Nur auf eine „Chinese Wall“ legt van Hüllen größten Wert. Das Stahlwerk bezieht seinen Strom von EnBW. Der Vertragsabschluss lag lange vor dem Amtsbeginn von Großmann bei RWE.

Von dieser Fürsorge ist auch Großmanns riesiges Stahlgusswerk, die GMH Friedrich-Wilhelms-Hütte in Mülheim an der Ruhr betroffen, das sich in Sichtweite des Essener RWE-Turms fast einen Kilometer lang an der ICE-Trasse vom Ruhrgebiet nach Hamburg entlang erstreckt. GMH-Chef van Hüllen sagt: „Wenn Herr Großmann in Mülheim ist, kommt er an der Friedrich-Wilhelms-Hütte vorbei, klingelt und läuft durch den Betrieb, wenn es sein Terminplan erlaubt. Gehen Sie ruhig mal davon aus, dass der Gesellschafter weiß, was in der Gruppe passiert.“

Das Wort „Treffen“ hat im Leben Großmanns eine magische Bedeutung. Der Intensivkommunikator liebt Orte, an denen man in angenehmer Weise ins Gespräch kommt. Das gilt nicht nur für sein eigenes Restaurant, sondern auch für seinen niederrheinischen Landsitz bei Kevelaer, 77 Kilometer westlich von Essen, wo der RWE-Chef offiziell wohnt. Solche Entfernungen sind für den Rennfahrer Großmann nur Hüpfer in einem Crescendo-Leben.

Dieses führte ihn zuletzt kurz nach Pfingsten über die Alpen: Beim Oldtimer-Rennen Mille Miglia startete Großmann in Brescia zusammen mit seinem Freund Dieter Ammer, Ex-Tchibo-Chef, am Steuer eines seiner Bentleys aus den Zwanzigerjahren. Wert des Fahrzeugs: 1,5 Millionen Euro. Drei Tage lang ging es über Ferrara und Rom in die Toskana und zurück. Dabei war auch Großmanns persönlicher Lieblingsmaler, der Großkünstler Markus Lüpertz. An der Hamburger Elbchaussee hängen auch Lüpertz-Werke. Die „Bentley-Boys“ halten zusammen. Nicht nur dort. Auch das Foyer der RWE-Zentrale in Essen wurde jüngst mit einer Lüpertz-Sonderausstellung bedacht.

Was gut ist für Hamburg, muss auch für Essen reichen.

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