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Energiekonzerne Die Zukunft der vier Strom-Mächte

Einigkeit war mal: Nach den Wahlen hat jeder der großen Energiekonzerne in Deutschland völlig unterschiedliche Interessen.

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Atomkraftwerk Biblis (RWE) Quelle: REUTERS

Es ging einmal die Mär vom Energiekonsens durch die deutschen Landen. Der setzte voraus, dass sich Stromerzeuger und Politik an einen Tisch setzen und Dinge beschließen, die für alle schmerzhaft sind. Die einen wollten Atomstrom für 4 Cent die Kilowattstunde erzeugen und sie für 22 Cent an den Haushaltskunden verkaufen - die anderen wollten die Gefahren der Kernenergie zumindest zeitlich begrenzen. Das nannte sich gleich zweimal Energiekonsens - einmal 2001, als die Laufzeitbegrenzungen für damals noch 18 deutsche Atommeiler beschlossen wurden (das längst stillgelegte AKW Stade an der Elbe, schräg gegenüber dem Hamburger Nobelvorort Blankenese, gehörte noch dazu). 2010, im vergangenen Herbst, wurde das Rad unter der schwarz-gelben Regierung in die andere Richtung gedreht. Diesmal waren Laufzeitverlängerungen an der Reihe. Energiekonzerne und Bundesregierung einigten sich ein weiteres Mal, nur ganz anders.

Energiekonzerne driften auseinander

Die große Konsens-Schaukel geht mal zurück, mal vor. Auf ihr müssen aber Protagonisten sitzen, die sich in ihren jeweiligen Interessen zumindest untereinander schon vorher einig sind. Die Regerungskoalition zum Beispiel muss sich über Stop, Moratorien oder Laufzeitverlängerungen jeweils einig sein. Und auch die Energieindustrie muss einen Block bilden, der mit klarem Profil den Interessen der Politiker entgegentritt.

Das ist seit Sonntag anders. Die vier großen Energieversorger, einst in Einigkeit fest, zersplittern sich in ihren Zielen und Interessen. Die Versorger E.On und RWE zum Beispiel haben öffentlich kundgetan, gegen das dreimonatige Moratorium der Kanzlerin, in dem sieben Kernkraftwerke zunächst stillstehen, erst einmal zu klagen. Das wird zur Zeit in den Rechtsabteilungen der Versorger geprüft. Bis zum 18. April müssten diese Klagen in den jeweiligen Umweltministerien der Länder und im Kanzleramt eingehen, damit sie noch rechtliche Wirkung erzielen. E.On-Chef Johannes Teyssen dagegen, hat bereits die Wirksamkeit solcher Klagen relativiert. Gegen eine solche Anweisung sei auch das Aktienrecht nicht instrumentalisierbar, sagte er dem Sinne nach. Aktionärsinteressen werden vom Management beider Versorger ins Feld geführt, die durch eine plötzlichen Stopp der Gewinnmaschinen AKW nicht ausgetrocknet werden dürften. Das Atomgesetz vom Herbst 2010 stünde dagegen.

E.On hat die weichste Formulierung einer Klageandrohung bisher formuliert, es werde geprüft. RWE dagegen hat bisher am entschlossensten eine Klage gegen das Moratorium angekündigt. Dabei müsste gerade RWE vorsichtig sein, denn an die 20 Prozent seiner Aktionäre sind Kommunen, deren Landräte und Oberbürgermeister zur Zeit nicht mehr so sicher sind, ob sie einen klaren Atomkurs - RWE betreibt zum Beispiel die Meiler Biblis A und B - als RWE-Aktionäre unterstützen sollten. Ist das Moratorium der Kanzlerin in ihrem Interesse, dann wäre der maßgebliche und bestimmende Aktionär auf der Seite der Atomskeptiker. Das Argument "Aktionärsinteresse" wäre beim Versuch, den Stopp der sieben ältesten deutschen Kernkraftwerke aufzuhalten, nur ein stumpfes Schwert.

Der Dritte im Bunde, die baden-württembergische EnBW, ist von den schwäbischen und badischen Kommunen beherrscht. Dem Land gehören 90 Prozent des Versorgers, und das Land ist in der Mehrheit grün-rot, der Ministerpräsident bald ein grüner Kernkraftwerksgegner. Auch diejenigen Kommunen, die in Baden-Württemberg CDU-dominiert bleiben, werden sich nicht auf die Hinterbeine stellen, um die zwei Kernreaktoren, die unter das Moratorium fallen, so schnell wie möglich wieder in Gang zu bringen. Zu hart war die Strafe der Wähler. So ist das Aktionärsinteresse von EnBW ziemlich klar - es würde allem Anschein nach dann nicht mehr reichen für Neckarwestheim I und Philippsburg I ein Moratorium zu erwirken, sondern sie ganz und für immer abzuschalten.

Bleibt noch Vattenfall - der Versorger, der gegenüber den anderen drei so ziemlich anders aussieht. Vattenfall ist ein schwedischer Staatskonzern, der in Deutschland vor allem auch wegen der Kernkraft investiert hat. Die Meiler Krümmel und Brunsbüttel gehören zu Vattenfall und damit zwei Kernkraftwerke, die wegen technischer Mängel seit 2007 abgeschaltet sind. E.On wollte sich - vor der Japan-Katastrophe - aufgrund der angeblichen Unzuverlässigkeit des schwedischen Betreibers, die Betriebsführerschaft sichern. Hinter dieses Ziel, von E.On hinter den Kulissen mit Vehemenz vertreten, muss nun ein ganz großes Fragezeichen gesetzt werden. Denn was nützt eine Betriebsführerschaft auf dem Papier, wenn das Kernkraftwerk abgeschaltet bleibt?

Einig bei der Kohle

Eine gemeinsame Linie gibt es allerdings, wenn auch nur zwischen zweien der vier Strom-Mächte. Sie verläuft zwischen RWE und Vattenfall. Es sind die vielen Braunkohlekraftwerke der beiden Versorger und die Braunkohleförderung der beiden, der eine im rheinischen Revier, der andere in der Lausitz. Braunkohle ist nach den Atomkraftwerken der sicherste Lieferant von Grundlaststrom, also derjenigen Energie die gleichmäßig und rund um die Uhr vor allem große Industriekunden wie die Chemie- und Stahlindustrie versorgen kann. Durch den sich abzeichnenden Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland wird nun Braunkohlestrom wieder attraktiv, der wegen seiner hohen CO-2-Ausdünstungen bisher im Verruf war. EnBW und E.On verfügen über keine Braunkohlereviere. Sie müssten auf Steinkohle, Gas und Wasser setzen.

Einigkeit? Es ist eher Vielfalt, die zu Zwietracht führen könnte.

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