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Energieversorger CEZ Tschechisches Profitwunder - dank Atomkraft

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Also mistete er aus. Die Planer mit sozialistischer Vergangenheit ersetzte er durch Strategen mit MBA und Doktortitel. Roman überprüfte die Entscheidungsprozesse und halbierte die Zahl der Mitarbeiter. Und er marschierte mit CEZ ins Ausland: zunächst nach Rumänien, später nach Polen und Deutschland. Auch wenn der Staat immer noch knapp zwei Drittel der Aktien hält, die Wende zum Kapitalismus ist geschafft: 2009 stieg der Gewinn nach Steuern trotz Krise um zehn Prozent auf umgerechnet zwei Milliarden Euro.

Die Gewinnmarge vor Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) liegt bei 48 Prozent, also fast viermal höher als beim deutschen Stromriesen E.On. Kein langfristiger Kredit steht in der CEZ-Bilanz, allenfalls ein paar kurzfristige Überbrückungsfinanzierungen. Bei Investitionen kann der Staatskonzern auf Eigenmittel zurückgreifen. Und so hat Roman von den Milliardenerlösen der vergangenen Jahre mehr als 1,2 Milliarden Euro zurückgelegt, um seine Shoppingtour zu finanzieren.

Natürlich beschleunigte auch der Druck des Wettbewerbs die Rosskur des Staatskonzerns: Der tschechische Energiesektor gilt als weitgehend liberalisiert, deutsche Konkurrenten wie E.On und EnBW machen Druck auf CEZ. Trotzdem zieht Roman für sich eine positive Bilanz: „Ich hatte den persönlichen Ehrgeiz zu beweisen, dass ein staatlicher Konzern genauso effizient sein kann wie ein Privatunternehmen.“ Das hat erstaunlich gut geklappt.

CEZ setzt auf Atomkraft

Und so ist Roman in Tschechien zum Star geworden. Immer wieder wird er gefragt, was er im Leben noch erreichen will, wo er mit 40 Jahren schon der mächtigste Manager des Landes ist. „Die Zeitungen schreiben, dass ich Präsident werden möchte“, sagt er, „aber das stimmt nicht.“ Mit CEZ zu wachsen und die Zukäufe zu verdauen bereite ihm so viel Arbeit, dass keine Zeit für ferne Zukunftspläne bleibe. Auch einen Umzug nach Deutschland, wo es für jemanden wie ihn sicher einen attraktiven Job gäbe, schließt Roman momentan aus. Jede freie Minute verbringt der Manager, der seit dem Studium in St. Gallen und Heidelberg fließend Deutsch spricht, bei seiner Familie. „Ich will meine beiden Töchter aufwachsen sehen“, sagt er, „Golf spielen kann ich später noch.“

Offenbar bleibt Roman aber noch Zeit für die Pflege engster Kontakte mit Politikern. Im Sommer 2009 geriet er deshalb unter Beschuss. In der Prager Presse tauchten Fotos aus der Toskana auf, die Roman mit dem jüngst zurückgetretenen bürgerlichen Premierminister Mirek Topolanek und einem CEZ-Lobbyisten zeigten. Kurz zuvor soll der Energiemanager auf tschechische Abgeordnete Druck ausgeübt haben, EU-Klimaschutzpläne zu torpedieren. Der Konzern setzt zwar stark auf Atomstrom, betreibt aber noch eine Reihe stinkender Kohlekraftwerke und müsste im Emissionshandel kräftig zahlen.

Umso mehr setzt Roman auf Atomkraft, gegen alle Bedenken. In Deutschland, vor allem im nahe gelegenen Bayern, steht die geplante Erweiterung des Kraftwerks Temelin in der Kritik. Umweltschützer zählten mehr als 90 Pannen seit 2000, als der nach sowjetischen Plänen gebaute Meiler in Betrieb ging. Die Störfälle redet Roman klein: „In der Kernkraft sind die Vorschriften so streng, dass ein Werk selbst bei kleinsten Problemen abgeschaltet wird, bevor die Sicherheit beeinträchtigt wird.“ Die Defekte der vergangenen Jahre – von undichten Ölleitungen bis zum Austritt radioaktiven Wassers – seien Kinderkrankheiten gewesen.

Allein der Strom aus den bestehenden Reaktoren in Temelin könnte den Ausfall der beiden Reaktoren in Biblis und Neckarwestheim kompensieren, sofern sie in den kommenden Jahren wie geplant vom Netz gehen. Zwar will die Bundesregierung den kompletten Ausstieg in die Zukunft verschieben, doch eines Tages will Deutschland auch nach dem Willen von Kanzlerin Angela Merkel ganz auf Atomstrom verzichten. Und dann kommt die große Zeit von Martin Roman.

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