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Energieversorger CEZ Tschechisches Profitwunder - dank Atomkraft

Der tschechische Starmanager Martin Roman hat den Staatskonzern CEZ zur Geldmaschine gemacht. Jetzt will der Stromriese expandieren – gerne auch in Deutschland.

Atomkraft ohne Demo: Der Quelle: AP

Freitagmorgen, kurz vor zehn Uhr. Über der Stahltür zum Reaktorraum leuchtet das rote Lämpchen. Besuchern ist der Zutritt zum Herz von Tschechiens störanfälligem Atomkraftwerk Temelin streng untersagt. In der Leitzentrale zeigen digitale Schalttafeln an: Beide Druckwasserreaktoren produzieren jeweils knapp 1000 Megawatt – ein Zehntel der deutschen Atomstromproduktion.

Das Kraftwerk Temelin spaltet auf vollen Touren – und pumpt so viel Energie in die Überlandleitungen, dass nicht nur in tschechischen Haushalten, sondern auch in Deutschland, Österreich und der Slowakei die Lampen leuchten. Dank des Billigstrom-Exports aus dem südböhmischen Kraftwerk unweit der bayrischen Grenze ist der Energiekonzern CEZ in den letzten Jahren zu Tschechiens größtem Unternehmen aufgestiegen.

Der Mann hinter diesem Aufstieg heißt Martin Roman. Der 40-Jährige steht seit mehr als sieben Jahren an der Spitze des Konzerns, der im vorigen Jahr so viel Umsatz machte wie kein tschechisches Unternehmen zuvor. Roman hat den Konzern mit 30 000 Mitarbeitern umgekrempelt und ihn in die Top Ten der europäischen Stromversorger gesteuert. Seitdem gilt er in Prag als Starmanager, der einen verknöcherten Staatskonzern wie CEZ in einen Goldesel verwandeln kann.

Roman könnte also zufrieden sein. Doch seine Expansionspläne geraten gerade ins Stocken. Ursprünglich hätte bis Ende des Jahres die Ausschreibung für den Bau zweier Reaktoren in Temelin starten sollen. Von 2020 an, so der bisherige Plan, soll die Leistung dort verdoppelt werden. Vorige Woche entschied der Vorstand, die Ausschreibungsfrist und damit auch den Baubeginn um zwei Jahre zu verschieben.

Deutschlands Lücke durch den Atomausstieg schließen

Hintergrund: Roman wollte mit der Temelin-Erweiterung die Lücke füllen, die Deutschlands Atomausstieg reißt. Doch der verzögert sich nun. Dennoch ist der CEZ-Chef davon überzeugt, dass an der Kernkraft bei steigendem Strombedarf kein Weg vorbeiführt: „Große Länder wie Deutschland können ihren Strom nicht ausschließlich aus erneuerbaren Energiequellen beziehen.“ Roman spekuliert darauf, dass die Bundesrepublik in den kommenden Jahren zu Europas größtem Nettoimporteur von Atomstrom wird. Und er baut vor: 2009 kauften die Tschechen den Energiehändler RPG. Seitdem firmiert die Münchner Tochter als CEZ Deutschland und vertreibt in der gesamten Republik Atomstrom aus Temelin. Ausgerechnet von Bayern aus, wo es regelmäßig wegen der Pannen im 50 Kilometer von der Landesgrenze entfernten Temelin-Kraftwerk Unruhe gibt, will Roman den deutschen Markt erobern.

Bereits heute ist Tschechien der nach Frankreich zweitstärkste Exporteur von Atomstrom in Europa. 2009 importierte Deutschland bereits tschechischen Strom in einem Umfang, der annähernd dem Energiebedarf von Berlin entspricht. Neben dem Atomstrom, der nach Bayern geliefert wurde, erschließen sich die Tschechen auch Teile des ostdeutschen Markts. 2009 übernahm Roman die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft in Sachsen. Seither versorgt CEZ große Teile Ostdeutschlands mit Braunkohle-Strom.

Roman ist mit 54 Tochtergesellschaften in 13 Ländern unterwegs. In Mittel- und Osteuropa steht derzeit kaum ein Energieversorger zum Verkauf, für den sich CEZ nicht interessiert. „Wir schauen uns alle interessanten Objekte an“, sagt der promovierte Jurist, der in einem kleinen Dorf im Norden des Landes aufwuchs. Auch den deutschen Markt habe er im Blick. Konkreter will er sich „zu laufenden Verhandlungen“ nicht äußern. Dabei raunt man in der Branche längst, dass CEZ mit regionalen Versorgern im Osten Deutschlands Gespräche führt.

Vor zehn Jahren wäre das alles noch undenkbar gewesen. CEZ galt als mausgrauer Staatskonzern voll mit ehemaligen Planwirtschaftlern, der sich marktwirtschaftlichen Veränderungen versperrt. Dann kam im April 2004 Roman auf den Chefsessel und beseitigte den Mief des Sozialismus. Bevor Ex-Premierminister Wladimir Spidla ihn an die CEZ-Spitze hievte, leitete der groß gewachsene Manager mit Kurzhaarfrisur die staatliche Skoda-Holding, den größten tschechischen Maschinenbauer. Spidla gab Roman lapidar folgenden Auftrag: „Sehen Sie zu, dass Sie Geld für unseren Haushalt verdienen.“

Also mistete er aus. Die Planer mit sozialistischer Vergangenheit ersetzte er durch Strategen mit MBA und Doktortitel. Roman überprüfte die Entscheidungsprozesse und halbierte die Zahl der Mitarbeiter. Und er marschierte mit CEZ ins Ausland: zunächst nach Rumänien, später nach Polen und Deutschland. Auch wenn der Staat immer noch knapp zwei Drittel der Aktien hält, die Wende zum Kapitalismus ist geschafft: 2009 stieg der Gewinn nach Steuern trotz Krise um zehn Prozent auf umgerechnet zwei Milliarden Euro.

Die Gewinnmarge vor Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) liegt bei 48 Prozent, also fast viermal höher als beim deutschen Stromriesen E.On. Kein langfristiger Kredit steht in der CEZ-Bilanz, allenfalls ein paar kurzfristige Überbrückungsfinanzierungen. Bei Investitionen kann der Staatskonzern auf Eigenmittel zurückgreifen. Und so hat Roman von den Milliardenerlösen der vergangenen Jahre mehr als 1,2 Milliarden Euro zurückgelegt, um seine Shoppingtour zu finanzieren.

Natürlich beschleunigte auch der Druck des Wettbewerbs die Rosskur des Staatskonzerns: Der tschechische Energiesektor gilt als weitgehend liberalisiert, deutsche Konkurrenten wie E.On und EnBW machen Druck auf CEZ. Trotzdem zieht Roman für sich eine positive Bilanz: „Ich hatte den persönlichen Ehrgeiz zu beweisen, dass ein staatlicher Konzern genauso effizient sein kann wie ein Privatunternehmen.“ Das hat erstaunlich gut geklappt.

CEZ setzt auf Atomkraft

Und so ist Roman in Tschechien zum Star geworden. Immer wieder wird er gefragt, was er im Leben noch erreichen will, wo er mit 40 Jahren schon der mächtigste Manager des Landes ist. „Die Zeitungen schreiben, dass ich Präsident werden möchte“, sagt er, „aber das stimmt nicht.“ Mit CEZ zu wachsen und die Zukäufe zu verdauen bereite ihm so viel Arbeit, dass keine Zeit für ferne Zukunftspläne bleibe. Auch einen Umzug nach Deutschland, wo es für jemanden wie ihn sicher einen attraktiven Job gäbe, schließt Roman momentan aus. Jede freie Minute verbringt der Manager, der seit dem Studium in St. Gallen und Heidelberg fließend Deutsch spricht, bei seiner Familie. „Ich will meine beiden Töchter aufwachsen sehen“, sagt er, „Golf spielen kann ich später noch.“

Offenbar bleibt Roman aber noch Zeit für die Pflege engster Kontakte mit Politikern. Im Sommer 2009 geriet er deshalb unter Beschuss. In der Prager Presse tauchten Fotos aus der Toskana auf, die Roman mit dem jüngst zurückgetretenen bürgerlichen Premierminister Mirek Topolanek und einem CEZ-Lobbyisten zeigten. Kurz zuvor soll der Energiemanager auf tschechische Abgeordnete Druck ausgeübt haben, EU-Klimaschutzpläne zu torpedieren. Der Konzern setzt zwar stark auf Atomstrom, betreibt aber noch eine Reihe stinkender Kohlekraftwerke und müsste im Emissionshandel kräftig zahlen.

Umso mehr setzt Roman auf Atomkraft, gegen alle Bedenken. In Deutschland, vor allem im nahe gelegenen Bayern, steht die geplante Erweiterung des Kraftwerks Temelin in der Kritik. Umweltschützer zählten mehr als 90 Pannen seit 2000, als der nach sowjetischen Plänen gebaute Meiler in Betrieb ging. Die Störfälle redet Roman klein: „In der Kernkraft sind die Vorschriften so streng, dass ein Werk selbst bei kleinsten Problemen abgeschaltet wird, bevor die Sicherheit beeinträchtigt wird.“ Die Defekte der vergangenen Jahre – von undichten Ölleitungen bis zum Austritt radioaktiven Wassers – seien Kinderkrankheiten gewesen.

Allein der Strom aus den bestehenden Reaktoren in Temelin könnte den Ausfall der beiden Reaktoren in Biblis und Neckarwestheim kompensieren, sofern sie in den kommenden Jahren wie geplant vom Netz gehen. Zwar will die Bundesregierung den kompletten Ausstieg in die Zukunft verschieben, doch eines Tages will Deutschland auch nach dem Willen von Kanzlerin Angela Merkel ganz auf Atomstrom verzichten. Und dann kommt die große Zeit von Martin Roman.

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