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Energieversorgung Wie Kleinanbieter den Energieriesen Kunden abjagen

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Kernkraftwerk: Reine Quelle: ASSOCIATED PRESS

Von Lüdenscheid nach Berlin – das Motto heißt: aufschließen zu den Großen. Enervie hat es nun vor allem auch auf die Übernahme von Regionalnetzen abgesehen, deren Konzession abläuft. Die Hagener bieten sich als Partner der Kommunen an. Keine Region ist den Enervie-Managern zu beschaulich – solange sich dort Haushaltskunden, Klein- und Mittelbetriebe befinden. So will der aufstrebende Versorger auch das Sauerland aufmischen und bricht damit in das Stammgeschäft der 40 Mal größeren RWE ein. Besonders groß ist das Ärgernis bei RWE-Managern, weil der Essener Konzern selber mit 19 Prozent an Enervie beteiligt ist – dort aber keine Stimmmehrheit hat. Die Kollision war perfekt, als sich beim Poker um Nuon RWE-Manager intern explizit gegen die Nuon-Übernahme aussprachen. Enervie ließ sich nicht einschüchtern.

Weitere Kampfgetümmel auf dem Energieschlachtfeld erzeugen marketingbegabte Newcomer im Geschäft mit der Energieeffizienz. Auf diesem Feld pirschen sich Unternehmen an Strom- und Gaskunden heran und bieten ihnen günstige technische Lösungen an, mit denen sie Energie sparen und so die Ausgaben für Strom und Gas begrenzen können. Das war nach alter Lesart in Monopolzeiten bis in die jüngste Zeit bei den großen Versorgern ein Tabuthema. Die Zeiten sind vorbei.

Neue Existenzgründungen in der Energiebranche

Vorreiter ist der frühere Medienzampano Georg Kofler (Premiere, heute Sky), der seine Anteile im Fernsehgeschäft verkaufte und nun mit seiner Kofler Energies zum Angriff auf die Etablierten bläst. Der 53-jährige Südtiroler erwirtschaftet mit seinem erst zwei Jahre alten Unternehmen, das seine Kunden das Energiesparen lehrt, durch intelligente technische Lösungen und günstigere Einkaufsmöglichkeiten bereits 200 Millionen Euro Umsatz. Im Jahr davor waren es 91 Millionen Euro. Koflers wichtigster Kunde ist der Frankfurter Flughafen mit seinem gigantischen Energiehunger. Großkonzerne wie E.On oder EnBW blitzten bei der Auftragsvergabe ab, weil Kofler sein Angebot schneller auf den Tisch legte.

Vor wenigen Tagen hat Kofler eine neue Geschäftsidee präsentiert. Er gründet einen Club, in dem jeder Privat- und Gewerbekunde Mitglied werden kann. Für diese Kunden will Kofler dann als Einkäufer bei den Großen auftreten und bessere Preise quasi per Handelsmacht herausschinden. 80 Prozent der Einsparung will er an das „Clubmitglied“ weitergeben, den Rest für sich behalten. „Wir verdienen nur, wenn der Kunde tatsächlich spart“, sagt Kofler und behauptet keck, dass sein Club bald „zum ADAC des deutschen Energiesparers werden wird“. Einen späteren Börsengang des „Energie-Sparclubs“ gar schließt Kofler nicht aus.

Nicht nur Tausendsassas vom Schlage Kofler treiben ihre Existenzgründungen in der Energiebranche voran. Auch ehemalige Geschäftsführer und leitende Manager aus der Stromwirtschaft hängen ihren Job an den Nagel, um sich in der Energiebranche selbstständig zu machen. So schied auch der Strommanager Reinhard Goethe aus dem Aachener Stadtwerkeverbund Trianel aus, um mit einer Geschäftsidee auf eigene Faust den Großen Konkurrenz zu machen. Mit seinem neu gegründeten Online-Dienst Hauspilot bietet er für jeden Stromkunden in seiner jeweiligen Stadt eine kostenlose, ausgeklügelte Tarifanalyse an und sorgt dann mit Einverständnis des Hauspilot-Nutzers für den Wechsel zum entsprechend günstigeren Anbieter.

Das Geschäftsmodell von Hauspilot basiert ebenfalls auf der Ersparnis von Energiekosten zulasten der großen Kraftwerksbetreiber, die ihre ganz eigenen Probleme haben – etwa die Zukunft der Atommeiler in Deutschland und die schwierigen Genehmigungsverfahren bei Kohlekraftwerken. Mögliche Öko- und Brennstäbesteuern erschweren zusätzlich das klassische Geschäft der etablierten Versorger mit der Stromproduktion. Den kleinen Stromern kann es nur recht sein.

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