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Energieversorgung Wie Kleinanbieter den Energieriesen Kunden abjagen

In Deutschland entsteht ein neuer Markt: Viele kleine Energieanbieter und Stadtwerke funken den Großen ins Geschäft mit dem Strom. Die Branche wandelt sich, und die Davids der Branche sind den Goliaths dicht auf den Fersen.

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Nordsee-Windpark: 50 Quelle: APN

Wie im Sturm wollen gleich drei deutsche Unternehmen die Irische See erobern. In dem rauen Seegebiet zwischen Großbritannien und Irland sollen ausgerechnet bayrische Ökostromträume hohe Wellen schlagen. Das Vorhaben, 13 Kilometer vor der Küste von Wales einen riesigen Windpark ins Meer zu setzen, klingt so abenteuerlich, expansiv und riskant zugleich, dass man kaum darauf kommt, es könne den Köpfen bajuwarisch-bodenständiger Kommunalversorger entstammen. Und doch ist es so.

Der knorrige Kurt Mühlhäuser, 66, Chef der Stadtwerke München (SWM), ist stolz darauf, „mit enormen Anstrengungen die Produktion von Ökostrom für München“ in die Wege zu leiten, und definiert das Ziel präzise: „Wir wollen bis 2015 so viel Ökostrom in eigenen Anlagen erzeugen, dass damit alle rund 800 000 Münchner Privathaushalte versorgt werden können.“ Das Ziel wird bald fast erreicht sein. 160 Windräder sollen in vier Jahren Wind und Sturmböen hoch oben im Nordseeausläufer einfangen und für 700 000 Münchner Stromverbraucher, das heißt für 90 Prozent der Stadthaushalte, Ökoenergie produzieren. Mit 30 Prozent sind die Stadtwerke München an dem zwei Milliarden Euro teuren Projekt beteiligt. Partner sind der Essener Energieriese RWE und Siemens.

Stadtwerke heizen den Wettbwerb an

Die Botschaft dieses fast schon dramatischen Investments: Große Investitionen in der Energiewirtschaft, früher ein Vorrecht global denkender Strategievorstände in den Großkonzernen, werden nun auch zur Chefsache bei den Kleinen, denen man sonst nur das turnusgemäße Ablesen von Haushaltszählern, das Organisieren von Kochkursen zur Kundengewinnung oder vielleicht den Bau eines kleinen Gaskraftwerks am Rande der Stadt zutraute. Stadtwerke-Chef Mühlhäuser sagt: „Wir wollen in der Champions League mitspielen.“

Die Davids der Branche sind den Goliaths dicht auf den Fersen, sie bieten sich als Kooperationspartner mit direktem Kontakt zum Verbraucher an. Sie werden den Wettbewerb anheizen, und das vor allem auf drei Gebieten:

bei der Produktion von Windstrom,bei der Übernahme von Netzen durch Kündigung von Netz-Konzessionsverträgen mit den Kommunen über die Nutzungsrechte für die Stromleitungen,auf dem Geschäftsfeld der Energieeffizienz.

Sehr viel konkreter als das noch in der Planung befindliche Projekt in der Irischen See ist der Windpark „Bard Offshore 1“, bei dem die Tübinger Stadtwerkegemeinschaft Südweststrom einsteigen will. Die Konstruktionsfirma Bard mit Sitz in Emden errichtet zurzeit 100 Kilometer von der ostfriesischen Küste in Wassertiefen bis zu 41 Meter Offshore-Windkraftanlagen mit einem Investitionsvolumen von einer Milliarde Euro. Hauptgesellschafter von Bard ist der Deutsch-Russe Arngolt Bekker. Der 74-Jährige machte zum Ende der Sowjetzeit im Energiesektor ein Riesenvermögen, das er nun zum Teil in der Nordsee für die Erzeugung erneuerbarer Energien ausgibt.

Grafik: Auslaufende Verträge im Energiemarkt

Hinter dem Partner Südweststrom Windpark stehen 50 kleine baden-württembergische Kommunen, die im milliardenschweren Windgeschäft ebenfalls kräftig mitmischen wollen und gigantische Projekte wie Offshore-Windmühlen nicht den Großen überlassen wollen. 70 Prozent hat sich die Südweststrom Windpark GmbH an „Bard Offshore 1“ gesichert, aber noch nicht endgültig übernommen. „Zurzeit prüfen unsere Berater, was dieses Paket wert ist“, sagt Südweststrom-Chefin Bettina Morlok zur WirtschaftsWoche. „In zwei Monaten wollen wir die Bewertung abgeschlossen haben.“

Die Kleinen rechnen mit – und wollen nicht allein den Großen das Feld überlassen. So ging gerade in der Nähe zum Bard-Projekt der Windpark Alpha Ventus unter Führung der Branchenplatzhirsche E.On und Vattenfall ans Netz. Ebenfalls mit im Boot sitzt der oldenburgische Regionalkonzern EWE, der sich längst aus den Niederungen kommunaler Versorger zum bundesdeutschen Energieunternehmen herausgearbeitet hat.

Auch Niederspannnetze sind begehrt

Doch es geht nicht nur um die Hoheit über Windmühlen. Auch die Niederspannnetze, die den Strom von den Kraftwerken manchmal von weither in die letzten Winkel der Kommunen und Städte transportieren, sind Objekt der Begierde geworden. Bisher waren es die großen Anbieter E.On, RWE und EnBW, die über Netzentgelte, Kundendaten und Lastprofile auf der letzten Meile zum Kunden wachten. Die Konzerne handelten für den Betrieb der Netze mit den Gemeinden Konzessionsverträge aus, die sich mit der trägen Gleichmäßigkeit eines Stromzählers von Jahrzehnt zu Jahrzehnt quasi automatisch verlängerten. Damit ist es nun vorbei. Die Kommunen wollen selber die Netze übernehmen und kündigen zu diesem Zweck die Konzessionsverträge.

Bundesweit laufen in den kommenden zwei Jahren rund 2000 Strom- und Gasnetz-Konzessionsverträge aus . Chance für viele von Ortsbürgermeistern gegründete Stadtwerke, in das Geschäft mit dem Strom einzusteigen und neben der Konzessionsabgabe auch noch eine ordentliche Dividende in das Stadtsäckel fließen zu lassen. Neue Verträge können die Kommunen aber mit kleinen, privaten Energieversorgungsunternehmen abschließen. „Die Bürger sind seit der Finanzkrise konzernkritischer geworden und vertrauen in Energiefragen zunehmend örtlichen oder kleineren Lösungen“, betont ein Vertreter der Kommunalwirtschaft.

So entwickelt sich inzwischen die ursprünglich kleine westfälische Stadtwerke-Gruppe Enervie – bisherige Heimatregionen sind die Städte Lüdenscheid und Hagen – zu einem Versorger mit bundesweiter Präsenz. Der Firmenname ist eine Kunstkombination aus Energie und dem französischen Wort für Leben („La Vie“). Enervie-Chef Ivo Grünhagen trumpft auf: „Wir wollen uns unter den 15 größten Energieversorgern in Deutschland etablieren.“ Als etwa der in Ostdeutschland und den Stadtstaaten Berlin und Hamburg agierende schwedische Energiekonzern Vattenfall den holländischen Kommunalversorger Nuon übernahm, durfte er die deutsche Nuon-Tochter aus kartellrechtlichen Gründen nicht behalten. Enervie bot darum und bekam den Zuschlag. Mit der Übernahme verdoppelte das Stadtwerk den Bestand seiner Kunden auf 600 000 und ist nun auf einen Schlag in vielen deutschen Großstädten aktiv.

Kernkraftwerk: Reine Quelle: ASSOCIATED PRESS

Von Lüdenscheid nach Berlin – das Motto heißt: aufschließen zu den Großen. Enervie hat es nun vor allem auch auf die Übernahme von Regionalnetzen abgesehen, deren Konzession abläuft. Die Hagener bieten sich als Partner der Kommunen an. Keine Region ist den Enervie-Managern zu beschaulich – solange sich dort Haushaltskunden, Klein- und Mittelbetriebe befinden. So will der aufstrebende Versorger auch das Sauerland aufmischen und bricht damit in das Stammgeschäft der 40 Mal größeren RWE ein. Besonders groß ist das Ärgernis bei RWE-Managern, weil der Essener Konzern selber mit 19 Prozent an Enervie beteiligt ist – dort aber keine Stimmmehrheit hat. Die Kollision war perfekt, als sich beim Poker um Nuon RWE-Manager intern explizit gegen die Nuon-Übernahme aussprachen. Enervie ließ sich nicht einschüchtern.

Weitere Kampfgetümmel auf dem Energieschlachtfeld erzeugen marketingbegabte Newcomer im Geschäft mit der Energieeffizienz. Auf diesem Feld pirschen sich Unternehmen an Strom- und Gaskunden heran und bieten ihnen günstige technische Lösungen an, mit denen sie Energie sparen und so die Ausgaben für Strom und Gas begrenzen können. Das war nach alter Lesart in Monopolzeiten bis in die jüngste Zeit bei den großen Versorgern ein Tabuthema. Die Zeiten sind vorbei.

Neue Existenzgründungen in der Energiebranche

Vorreiter ist der frühere Medienzampano Georg Kofler (Premiere, heute Sky), der seine Anteile im Fernsehgeschäft verkaufte und nun mit seiner Kofler Energies zum Angriff auf die Etablierten bläst. Der 53-jährige Südtiroler erwirtschaftet mit seinem erst zwei Jahre alten Unternehmen, das seine Kunden das Energiesparen lehrt, durch intelligente technische Lösungen und günstigere Einkaufsmöglichkeiten bereits 200 Millionen Euro Umsatz. Im Jahr davor waren es 91 Millionen Euro. Koflers wichtigster Kunde ist der Frankfurter Flughafen mit seinem gigantischen Energiehunger. Großkonzerne wie E.On oder EnBW blitzten bei der Auftragsvergabe ab, weil Kofler sein Angebot schneller auf den Tisch legte.

Vor wenigen Tagen hat Kofler eine neue Geschäftsidee präsentiert. Er gründet einen Club, in dem jeder Privat- und Gewerbekunde Mitglied werden kann. Für diese Kunden will Kofler dann als Einkäufer bei den Großen auftreten und bessere Preise quasi per Handelsmacht herausschinden. 80 Prozent der Einsparung will er an das „Clubmitglied“ weitergeben, den Rest für sich behalten. „Wir verdienen nur, wenn der Kunde tatsächlich spart“, sagt Kofler und behauptet keck, dass sein Club bald „zum ADAC des deutschen Energiesparers werden wird“. Einen späteren Börsengang des „Energie-Sparclubs“ gar schließt Kofler nicht aus.

Nicht nur Tausendsassas vom Schlage Kofler treiben ihre Existenzgründungen in der Energiebranche voran. Auch ehemalige Geschäftsführer und leitende Manager aus der Stromwirtschaft hängen ihren Job an den Nagel, um sich in der Energiebranche selbstständig zu machen. So schied auch der Strommanager Reinhard Goethe aus dem Aachener Stadtwerkeverbund Trianel aus, um mit einer Geschäftsidee auf eigene Faust den Großen Konkurrenz zu machen. Mit seinem neu gegründeten Online-Dienst Hauspilot bietet er für jeden Stromkunden in seiner jeweiligen Stadt eine kostenlose, ausgeklügelte Tarifanalyse an und sorgt dann mit Einverständnis des Hauspilot-Nutzers für den Wechsel zum entsprechend günstigeren Anbieter.

Das Geschäftsmodell von Hauspilot basiert ebenfalls auf der Ersparnis von Energiekosten zulasten der großen Kraftwerksbetreiber, die ihre ganz eigenen Probleme haben – etwa die Zukunft der Atommeiler in Deutschland und die schwierigen Genehmigungsverfahren bei Kohlekraftwerken. Mögliche Öko- und Brennstäbesteuern erschweren zusätzlich das klassische Geschäft der etablierten Versorger mit der Stromproduktion. Den kleinen Stromern kann es nur recht sein.

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