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Energiewende Die Gewinner und Verlierer des Atomausstiegs

Welche Unternehmen einen vorzeitigen Ausstieg aus der Atomenergie gut verkraften oder sogar davon profitieren können und welche Konzerne zu den Verlierern gehören.

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ICE Zuege Quelle: AP

Ein Ausstieg aus der Kernenergie würde die Deutsche Bahn hart treffen: Der Konzern ist der größte Stromabnehmer des Landes – der Jahresverbrauch entspricht mit zwölf Terawattstunden in etwa dem der Millionenmetropole Berlin. Schon die Abschaltung der sieben ältesten Kernkraftwerke vergangene Woche spürt das Schienenunternehmen: Vom Atommeiler Neckarwestheim 1 bezog die Bahn einen Teil ihres Fahrstroms direkt – das Kraftwerk war das bisher einzige, das den für Großabnehmer üblichen 50-Hertz-Strom in die für den Bahnbetrieb nötige Frequenz von 16,7 Hertz umwandeln konnte. Deshalb hält die Bahn sogar einen Anteil von knapp einem Prozent an Neckarwestheim 1.

Bahn-Chef Rüdiger Grube muss die plötzliche Energiewende der Bundesregierung daher mit gemischten Gefühlen betrachten. „Fakt bleibt: Für eine Übergangszeit wird es ganz ohne Kernenergie nicht gehen, bis sie von erneuerbaren Energien abgelöst wird“, so die offizielle Sprachregelung. Zwar bleiben auch nach der Abschaltung von Neckarwestheim 1 keine Züge im Depot. Doch wenn die Deutsche Bahn mehr Strom im öffentlichen Netz zukaufen muss, bringt das die Wirtschaftlichkeitsrechnung des Konzerns durcheinander.

Steigende Stromrechnung

Zum einen ist Atomstrom deutlich billiger als etwa Strom aus erneuerbaren Energien. Verschiebt sich der Atomanteil bei der Bahn – bisher 22 Prozent – zugunsten regenerativer Quellen – bislang knapp 20 Prozent – oder der Kohle- und Gaskraftwerke, dürfte die Stromrechnung auf jeden Fall steigen. Hinzu kommt: Bisher umgeht die Bahn über Direktverträge mit den Versorgern teure Zwischenhändler. Das wird nach der Abschaltung von Neckarwestheim 1 nun schwieriger. Probleme gibt es auch beim neuen Kohlekraftwerk Datteln 4, das E.On betreiben will: Die Fertigstellung stockt wegen Planungsfehlern. Die Anlage im Westfälischen sollte von 2012 an per Direktvertrag etwa 20 Prozent des Bahn-Stroms liefern. Ob sie bis dahin in Betrieb geht, ist aber völlig offen.

Die Bahn-Manager suchen deshalb nach Mitteln gegen die Malaise, die ihnen die Energiewende beschert. Eine Alternative wäre der Bau weiterer Umrichterwerke in der Nachbarschaft der Versorger. Die würden dem Schienenriesen erlauben, normalen Strom direkt beim Erzeuger zu kaufen und ihn in Bahn-Strom umzuwandeln. Eine solche Anlage baut die Bahn gerade für 46 Millionen Euro am Atomkraftwerk Neckarwestheim 2. Fertig ist der Bau allerdings erst im Oktober 2012. Und wie lange Neckarwestheim 2 noch läuft, das wird jetzt erst neu entschieden.

Banken: Staatlicher Anker

Der Schriftzug mit Logo der Quelle: dapd

Ihr neuestes Energieprojekt hält die Commerzbank noch geheim. Sicher ist nur, dass es um die Finanzierung eines großen Offshore-Windparks geht. Dieser könnte ähnlich aussehen wie die Anlage in der Thornton Bank 30 Kilometer vor der Küste Belgiens. Dort errichtet der belgische Betreiber C-Power in den kommenden beiden Jahren für 1,3 Milliarden Euro 48 Windräder. Die Spargel in der Nordsee sollen 600 000 Personen mit Strom versorgen und 450 000 Tonnen CO2-Ausstoß vermeiden. Etwa 70 Prozent des Investitionsvolumens kommen von einem privaten Bankenkonsortium – darunter ist auch die Commerzbank – sowie von staatlichen Banken.

Die Finanzierung erneuerbarer Energien ist ein spannendes Wachstumsgeschäft für die Kreditbranche. Die Commerzbank startete damit schon 1986 – inzwischen hat sich das Geschäft zu einem globalen Markt entwickelt. Im Jahr 2010 vergaben die Frankfurter 900 Millionen Euro neue Kredite für alternative Energieprojekte und waren zum Jahresende mit insgesamt 3,1 Milliarden Euro engagiert. „Die politische Großwetterlage dürfte sich angesichts der in Deutschland vollzogenen Energiewende weiter in Richtung erneuerbare Energien verschieben“, sagt Jan-Philipp Gillmann, Leiter des Commerzbank-Bereichs Renewable Energies.

Club Deals

Doch das Geschäft ist gespalten. Erweisen sich Wind- und Solaranlagen an Land dank erprobter Technik und staatlich garantierter Einspeisevergütung als wahre Gelddruckmaschinen, sind Offshore-Windparks wie der vor Belgien riskante Pionierprojekte. Einen der Gründe nennt Commerzbanker Gillmann: Noch fehlen Erfahrungswerte über die Haltbarkeit der Fundamente 40 Meter unter Wasser und der Turbinen bei Sturm. Auch die Wartung bei schwerer See sei problematisch.

Die Betreiber sichern sich gegen solche Risiken ab, indem sie Zweckgesellschaften mit beschränkter Haftung gründen. Diese decken etwa zwei Drittel der Investitionssumme von üblicherweise rund einer Milliarde Euro über Kredite. Da einzelne Banken das nicht stemmen können, schließen sie sich zu sogenannten Club Deals zusammen. Allerdings fließt privates Geld meist nur dann, wenn staatliche Institute wie die Europäische Investitionsbank (EIB) oder die deutsche KfW mitmachen.

Das dürfte auch in naher Zukunft so bleiben. „Wir arbeiten unsere Großprojekte Schritt für Schritt ab, um aus Erfahrungen zu lernen, und gehen auch nach Fukushima ohne Eile vor“, sagt Commerzbanker Gillmann. „Wenn die Politik mehr Tempo will, müssen der Staat oder andere Investoren mehr Risiko übernehmen.“

Bosch: Grüner Gewinner

Franz fehrenbach Quelle: Deniz Saylan für WirtschaftsWoche

Kein deutscher Top-Manager hat sich nach der Atomkatastrophe in Japan so eindeutig gegen Kernenergie ausgesprochen wie Franz Fehrenbach. „Bestimmte Risiken dürfen wir einfach nicht mehr eingehen“, forderte der Bosch-Chef im „Handelsblatt“. Die Herausforderung bestehe jetzt darin, „Innovation und Wandel so zu gestalten, dass sie nachhaltige Entwicklungen ermöglichen“.

Der Mann hat gut reden. Selbst wenn bei einem vorzeitigen Atomausstieg die Stromrechnung von Bosch deutlich höher ausfallen würde als bisher, „trifft uns das auf der Kostenseite nur marginal“, sagt ein Insider: Gerade mal drei Prozent der Gesamtkosten entfallen auf Energie, bis 2020 soll dieser Block noch mal um ein Fünftel gesenkt werden. Höhere Stromkosten hierzulande wären auch kein Grund für eine Produktionsverlagerung ins Ausland. Ausschlaggebend für Standortentscheidungen sind andere Faktoren: „Produziert wird, wo das Know-how und die Nachfrage sind“, heißt es.

Intensive Forschung im Bereich Ressourcenschonung

Mit seinen Produkten ist Bosch ohnehin auf der Gewinnerseite. Kernkraftwerksbau oder -wartung gehörten noch nie zu den Geschäftsfeldern des Konzerns, umweltfreundliche oder schonende Produkte schon lange. „Ein großes Wachstumsfeld für die Zukunft ist der Schutz der Umwelt“, ließ Fehrenbach in den jüngsten Bosch-Geschäftsbericht schreiben. „Produkte, die zu mehr Energieeffizienz oder zu weniger Emissionen beitragen, werden in den kommenden Jahren bedeutende Wachstumstreiber sein.“

Quer durch die Sparten Kraftfahrzeugtechnik, Industrietechnik, Gebrauchsgüter und Gebäudetechnik entfällt schon heute ein Drittel des Gesamtumsatzes von gut 38 Milliarden Euro auf grüne Produkte und nachhaltige Technologien. Dazu gehören verbrauchssenkende Antriebskomponenten für Kraftfahrzeuge mit konventionellem und elektrischem Antrieb, aber auch Strom sparende Haushaltsgeräte, Wärmepumpen zur Senkung der Heizkosten sowie Komponenten für Windkrafträder oder schlüsselfertige Solarkraftwerke. Allein die 2009 produzierten Fotovoltaik- und Windkraft-Komponenten tragen dazu bei, den Strombedarf von zwei Millionen Haushalten zu decken.

Entsprechend konzentriert Bosch seine Kräfte: 33 000 der weltweit 275 000 Mitarbeiter forschen und entwickeln auf dem Feld Energieeffizienz und Ressourcenschonung. Knapp die Hälfte des Etats für Forschung und Entwicklung – 2009 gut 3,6 Milliarden Euro – entfiel auf diesen Bereich, fast jedes zweite der 3900 neuen Patente im Jahr 2009 ist grün. Um Autos leichter zu machen, entwickelten die Bosch-Tüftler zum Beispiel Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen wie der Rizinuspflanze. Gemeinsam mit BASF konstruiert Bosch neue Solarzellen, in denen ultradünne Folien statt Silizium stecken – das macht die Solarstromerzeugung wirtschaftlicher.

Wind- und Solarenergie: Vorsicht, Strohfeuer!

Der Offshore-Windpark «Alpha Quelle: dpa

Welch eine Woche! Conergy plus 60 Prozent, Solarworld plus 30, Nordex plus 20 Prozent. Der Öko-Dax mit zehn Unternehmen aus der Sparte der erneuerbaren Energien verzeichnete Rekordzuwächse. Eine Woche nach den ersten Fernsehbildern vom brennenden Atomkraftwerk Fukushima lag der Index 20 Prozent über dem Stand der Vorwoche. Je früher in Deutschland Atomkraftwerke abgeschaltet werden, so die Logik der Börsianer, desto schneller muss Ersatz her: von Solarstromern und Windjägern.

Doch der Börsenhype dürfte nur ein Strohfeuer gewesen sein. Zwar kann sich die Branche bei einem forcierten Atomausstieg in Deutschland über einen kräftigen Wachstumsimpuls freuen. Die fundamentalen Perspektiven hätten sich jedoch nicht so deutlich verbessert, wie viele Anleger offenbar glaubten, warnt die WestLB mit Blick auf den viertgrößten Windradhersteller Nordex und empfiehlt die Aktie sogar zum Verkauf.

Die Probleme der Branche lösen sich auch durch einen radikalen Wechsel in der Atompolitik nicht so rasch in Luft auf. Solarfirmen wie Q-Cells, Solarworld oder Conergy kämpfen unverändert gegen den Preisverfall bei Modulen, schwindende Margen, Billigkonkurrenz aus Fernost oder Kürzungen der Solarförderung. Ihre Technologien brauchen weiterhin hohe Subventionen oder höhere Strompreise.

Siemens Windparkanlagen haben weniger Leistung

Ähnlich ist die Lage in der Windenergiebranche. Windradbauer wie Nordex, Repower oder Enercon sehen sich chinesischen Wettbewerbern und Überkapazitäten gegenüber. Zudem verdüstern fehlende Stromleitungen, Terminverzögerungen und Finanzierungslücken besonders bei den Windfeldern in der Nord- und Ostsee die generellen Geschäftsaussichten. 

Grund zur Vorfreude bieten allenfalls Bestrebungen der Bundesregierung, den Anteil der erneuerbaren Energien schon bis 2020 von 17 auf bis zu 40 Prozent zu steigern. Zentraler Bestandteil dieser Pläne sind gigantische Offshore-Windparks. Vom Ausbau dieser Mega-Parks werden vor allem Offshore-Spezialisten wie Areva, Tochterunternehmen des gleichnamigen französischen Atomkonzerns, sowie der deutsch-indische Anbieter Repower profitieren. Beide sind in der Lage, die künftig benötigten Windmühlen im Leistungsbereich von mindestens fünf Megawatt zu bauen. Siemens hat diese nicht im Angebot. Die Münchner bezeichnen sich zwar gern als Weltmarktführer bei Offshore-Windkraftanlagen. Allerdings sind sie dies bisher eher in seichten und küstennahen Gewässern mit vergleichsweise kleinen Maschinen bis zu 3,6 Megawatt Leistung. Bei den Mega-Mühlen für raue See fehlt Siemens die Expertise – noch.

Maschinen und Anlagen: Jeder profitiert

Mitarbeiter des Pumpen- und Quelle: dpa

Eigentlich müssten beim Anlagenbauer Siempelkamp die Nerven blank liegen. Über 400 der rund 2600 Mitarbeiter des Unternehmens verdienen ihr Geld mit der Herstellung von Produkten wie dem bekannten Castor – einem Spezialbehälter für strahlendes Material – oder der weniger bekannten Carla, einer Anlage zur Verarbeitung von Abfällen aus Kernkraftwerken.

Doch von mieser Stimmung kann keine Rede sein – trotz der drohenden Abschaltung etlicher Atommeiler. „Wir sind auch im Rückbau von Kernkraftwerken tätig“, sagt Michael Szukala, Geschäftsführer des Bereichs Nukleartechnik. Rund 80 Mitarbeiter sind damit beschäftigt, Atomkraftwerke abzureißen oder den strahlenden Bauschutt sicher zu verpacken. Dieses Geschäft dürfte langfristig wachsen. Das Unternehmen profitiert zugleich vom Ausbau erneuerbarer Energien. Schon heute erwirtschaftet der Geschäftsbereich Gusstechnik ein Drittel des Umsatzes mit Aufträgen aus der Ökoenergie-Branche. Siempelkamp liefert etwa Rotornaben oder Achszapfen für Windanlagen. „Wir rechnen bei einer beschleunigten Abschaltung mit positiven Impulsen für unsere Gießerei aus dem Bereich der erneuerbaren Energien“, sagt Szukala. Auch die Nachfrage nach Biomasse-Kraftwerken von Siempelkamp könnte sich erhöhen.

Größeres Auftragsvolumen durch die neuen Stromerzeugungsanlagen

Optimismus herrscht trotz Atomausstiegsdiskussion fast überall im deutschen Maschinen- und Anlagenbau – auch bei KSB. Noch geht zwar etwa jede 20. Anlage des Pumpen- und Armaturenherstellers aus Frankenthal mit über 14 000 Mitarbeitern an Kernkraftbetreiber. Vorstandssprecher Wolfgang Schmitt sieht dennoch nicht schwarz: „Eine Neuausrichtung der Energieversorgung ist für die KSB nicht zwangsläufig ein Nachteil.“ Wenn weniger kerntechnische Anlagen gebaut würden, müsste die Lücke mit fossilen und mittelfristig auch mit erneuerbaren Energien geschlossen werden. „Für alle diese Systeme haben wir geeignete Produkte.“

Die Maschinen- und Anlagenbauer setzen schon seit Jahren auf die neuen Energien. Die jüngste Entwicklung registriert die Industrie darum mit Erleichterung. „Eine beschleunigte Abschaltung erfordert den Neubau von Stromerzeugungsanlagen, davon profitieren selbstverständlich auch die Anlagenbauer“, sagt Thorsten Herdan, als Geschäftsführer beim VDMA für Energie zuständig. Längere Laufzeiten hätten das Auftragsvolumen für die Instandhaltung der AKWs nur gestreckt, aber nicht vergrößert. „Der Umbau der Energieversorgung bietet dem deutschen Maschinen- und Anlagenbau dagegen hervorragende Perspektiven“, sagt Herdan.

Chemie: Schatten und Licht

Rudolf Staudigl, Quelle: dpa

Einerseits, andererseits – das Hin und Her ist typisch für die Meinungen in der Chemieindustrie über die Folgen eines beschleunigten Atomausstiegs. So wird weniger Atomstrom die Energierechnung der Unternehmen erhöhen. Gleichzeitig werden viele von ihnen vom zügigeren Ausbau der erneuerbaren Energien profitieren. Die Bemühungen der Bundesregierung, die Versorgung schneller auf erneuerbare Energien umzustellen, wirken für manche Chemieunternehmen wie ein kleines Konjunkturprogramm: „Chemie wird auch für Fotovoltaikanlagen und Windräder benötigt“, sagt Wolfgang Falter, Chemieexperte und Partner bei der Unternehmensberatung Alix Partners. „Selbst wenn die Energiepreise infolge des Ausstiegs steigen, erwarte ich insgesamt positive Effekte für die Chemieindustrie.“

Kaum eine Branche verbraucht so viel Energie wie die Chemieindustrie: Insgesamt 185 Millionen Megawattstunden, acht Prozent des gesamten Energiebedarfs in Deutschland, verursachen Bayer, BASF und Co. Im Schnitt machen die Stromkosten fünf Prozent der Produktionskosten aus. Bei einzelnen Prozessen, etwa der Herstellung von Chlor, steigt der Anteil sogar auf bis zu 50 Prozent.

Keine Sorgen

Das hat Folgen für die Unternehmen: „Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern, etwa den Beneluxstaaten, sind die Energiepreise in Deutschland sehr hoch, die Wettbewerbsfähigkeit leidet“, sagt Berater Falter. Wegen der hohen Kosten investieren denn auch viele Hersteller lieber im Ausland. Da künftig mehr Geld in Kraftwerke und Infrastruktur für erneuerbare Energien investiert werden muss, dürften die Energiepreise weiter steigen. Damit steigt die Gefahr, dass sich die Investitionen der Chemieunternehmen im Ausland künftig noch weiter verstärken.

Einige Hersteller profitieren jedoch vom Boom der erneuerbaren Energien. So produziert das Münchner Chemieunternehmen Wacker zum Beispiel Silizium für Solarzellen. Erst kürzlich hat Wacker-Chef Rudolf Staudigl angekündigt, weitere 130 Millionen Euro in die Siliziumproduktion in Deutschland zu stecken. Gleichzeitig baut er in den USA, wo die Energiepreise deutlich niedriger liegen, für 1,1 Milliarden Euro ein neues Werk auf. Über die Nachfrage muss sich Staudigl derzeit keine Sorgen machen. Die Probleme der japanischen Wettbewerber Shin-Etsu und Sumco, die unter den Folgen von Erdbeben und Tsunami leiden, dürften die Geschäftsaussichten sogar noch verbessern: Die Wacker-Aktie hat denn auch in den vergangenen Tagen kräftig zugelegt.

Je höher die Energiepreise, umso mehr steigt auch der Anreiz, Energie einzusparen. Davon profitiert etwa auch die BASF. Die Ludwigshafener, die einst das Styropor erfunden haben, sind einer der weltweit führenden Hersteller von Dämmstoffen.

Kabel: Lukrative Engpässe

Desertec Quelle: AP

Einer der wichtigsten Profiteure eines möglichen schnellen Atomausstiegs ist die Kabelindustrie. Schon heute gibt es große Lücken innerhalb der Hochspannungsnetze in Europa. So ist die Netzinfrastruktur noch gar nicht dafür ausgelegt, um im großen Stil Strom aus erneuerbaren Energien zu transportieren. Grund: Regenerativ erzeugter Strom muss, etwa im Falle von Offshore-Windparks in der Nordsee, über Fernleitungen aus dem Norden hin zu den Verbrauchern in den Ballungszentren in der Mitte Europas transportiert werden. Laut Analyse der Deutschen Energieagentur Dena fehlen bis zum Jahr 2020 allein in Deutschland 3600 Kilometer Hochspannungsleitungen; ihr Bau würde der Berechnung zufolge fast zehn Milliarden Euro kosten.

Sollte Deutschland die AKWs nun schneller abschalten und den Anteil erneuerbarer Energien hochfahren, würden noch größere Investitionen in neue Stromautobahnen nötig. Zudem schimmert am Horizont noch das Projekt Desertec, in dessen Rahmen bis 2050 im großen Stil Solar- und Windkraftanlagen in Nordafrika Strom erzeugen und nach Europa transportieren sollen, was ebenfalls zusätzliche Netzkapazitäten verlangt.

Ein neues Zeitalter für Energienetzwerke

Gute Aussichten für die Anbieter von Stromnetzen also. Derzeit beträgt das Marktvolumen geschätzt rund drei Milliarden Euro; 80 Prozent davon entfallen auf die ungefähr gleich starken Weltmarktführer ABB und Siemens. Laut Erwartung von Siemens ist in den kommenden Jahren ein Wachstum jenseits der Zehn-Prozent-Schwelle möglich. Bis 2020 könnte der Markt auf sechs bis neun Milliarden Euro anwachsen – so die Schätzung vor der Atomkatastrophe in Japan.

Wie sehr Siemens an die Zukunft jenes Geschäfts glaubt, hat der Konzern erst Anfang März bewiesen: Da übernahmen die Münchner das norwegische Unternehmen Bennex Group, einen Hersteller für tiefseetaugliche Kabelverbindungen zur Stromversorgung in Meerestiefen bis zu 3000 Metern. Zwar ist Bennex bisher spezialisiert auf die Verkabelung von Öl- und Gasförderanlagen in der Tiefsee. Dieses Know-how kann Siemens künftig auch bei der Unterwasser-Verbindung von europäischen Strom-Transporttrassen einsetzen – ein wichtiger Bestandteil von dezentralen Übertragungsnetzen im Zeitalter erneuerbarer Energien.

Siemens: Atomleichen im Keller

Das Modell einer Quelle: dpa

Eigentlich könnte Siemens-Chef Peter Löscher die Diskussion um den Atomausstieg ganz entspannt verfolgen. Sein Kernenergiegeschäft hat der Konzern schon im Jahr 2000 in ein 34-Prozent-Joint-Venture mit dem französischen Atomanlagenbauer Areva eingebracht. Das Geschäft rund um grüne Technologien läuft auf Hochtouren: Ob Gasturbinen, Solar-Kraftwerke oder Offshore-Windparks – in allen Zukunftsfeldern rangiert Siemens durch Löschers Vorpreschen auf vorderen Plätzen im Weltmarkt.

Eigentlich – denn die Münchner haben noch zwei Atomleichen im Keller. Die eine ist ein Joint Venture mit dem französischen AKW-Bauer Areva, aus dem sich Löscher gerade mühselig herauswindet. Die andere liegt im fernen Russland.

Vor einem Jahr unterschrieb Löscher nämlich eine Absichtserklärung mit dem russischen Konzern Atomstroiexport, um ein Gemeinschaftsunternehmen zum Bau schlüsselfertiger Kernkraftwerke zu gründen. Für Siemens schien Rosatom, die Muttergesellschaft von Atomstroiexport, der perfekte Partner: Der Staatskonzern hat Verträge für 33 Kernreaktoren in der Schublade, die die Kapazitäten bis 2020 auslasten, weitere 16 Anlagen sind bis 2030 in Indien geplant.

Siemens als technologischer Partner

Die Russen würden bei dem Deal die nukleare Schwer- und Drecksarbeit übernehmen: den Bau der Reaktoren, Lieferung und Entsorgung der Brennstäbe sowie deren Wiederaufarbeitung und Entsorgung. Siemens soll Leittechnik, Sicherheitssysteme und Turbinen beisteuern – Technik, die Löscher gern als grün verkauft. Nach Fukushima hat sich die Lage aber grundlegend verändert – eine Rückkehr ins Atomgeschäft würde kaum zum Greentec-Image von Siemens passen.

So lukrativ die Geschäfte mit den Russen auch werden könnten – in München wird derzeit über einen Ausstieg aus dem Atomdeal nachgedacht. „Wir diskutieren derzeit alle Optionen“, sagt ein Top-Manager, der ungenannt bleiben will. Noch ist nicht entschieden, ob die Atompläne mit den Russen ganz eingestampft oder wie geplant durchgezogen werden. Als Kompromisslösung gilt der Verzicht auf das geplante Joint Venture, an dem beide Unternehmen 50 Prozent halten sollten. Siemens wäre dann so etwas wie der „technologische Partner“, heißt es intern, eine Art Zulieferer mit Vorzugsrechten.

Auf politische Rückendeckung für das Gemeinschaftsunternehmen kann Siemens laut Unternehmenskreisen nicht rechnen, obwohl das für den Konzern wichtig wäre, um die Investitionen abzusichern. Auch die russischen Partner hätten ein Interesse an der Unterstützung aus Berlin – sie wollen mit dem Label „made in Germany“ Kunden akquirieren. Noch hoffen die Verantwortlichen bei Rosatom: „Wir gehen weiterhin davon aus, dass Siemens die Absichtserklärung voll und ganz umsetzt.“ Wenn die Katastrophe in Japan bewältigt sei, so das Kalkül, würden sich die Gemüter schon beruhigen.

Autoindustrie: Gefahr für Zulieferer

Der Vorstandsvorsitzende der Quelle: dpa

Bis vor wenigen Tagen hatte niemand in den Vorstandsetagen von VW, Daimler und BMW höhere Strompreise durch einen schnellen Atomausstieg auf der Agenda. Jetzt ist die Branche alarmiert: Angesichts der schweren Havarie im japanischen Kernkraftwerk Fukushima sei es zwar „verständlich, dass die Bundesregierung ihre bisherige Energiepolitik überdenkt“, sagt Matthias Wissmann, Chef des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Zu höheren Energiepreisen dürfe der neue Kurs aber nicht führen: „Die Strom- und Gaspreise in Deutschland gehören mit zu den höchsten in Europa.“ Das verzerre den internationalen Wettbewerb schon heute.

Nachhaltig geschadet hat das der deutschen Autoindustrie bisher nicht – die hohen Strompreise konnten durch energieeffiziente Produktionsverfahren ausgeglichen werden. Das werde auch so bleiben, glaubt Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen, zumal eine Energiekostenerhöhung überschaubare Auswirkungen hätte: Eine Strompreisverteuerung um zehn Prozent würde die Produktionskosten um durchschnittlich 190 Euro pro Auto steigern, hat Dudenhöffer ausgerechnet. Auf den Verbraucher abwälzen ließen sich die höheren Kosten zwar kaum, doch auch die Margen der Autobauer müssten nicht unbedingt leiden: „Höhere Strompreise würden die Hersteller zwingen, die Effizienz zu steigern“, argumentiert Dudenhöffer, „das könnte die Preiserhöhungen deutlich überkompensieren – die Abschaltung von Atomkraftwerken könnte also sogar Vorteile für die Autobauer haben.“

Gefahr für Zulieferer

Die Reaktion der Betroffenen geht in die gleiche Richtung – die Hersteller halten sich in der Atomdebatte bedeckt. „Grundsätzlich sind wir für eine ausgeglichene und stabile Energie-Politik, auf Bundes- sowie auch auf Länderebene“, heißt es vorsichtig bei Daimler. Entwarnung kommt aus Wolfsburg: „Volkswagen sieht keine Probleme wegen der beschlossenen Abschaltung der AKWs in Deutschland.“

Etwas anders schätzt Dudenhöffer die Lage für die Zulieferindustrie ein, die je nach Produktpalette extrem viel Strom verbrauche: „Es gibt Zulieferer, bei denen die Stromkosten ein Drittel der Gesamtkosten ausmachen.“ Bei solchen Unternehmen könnte der Druck zur Standortverlagerung ins Ausland zunehmen. Für die Stromfresser unter den Zulieferern ist das Problem aber nicht neu. Bei SGL Carbon aus Wiesbaden etwa, die mit BMW eine Karbonfaserfabrik baut, ist die Entscheidung, die Produktion in den USA anzusiedeln, schon vor der Wiederaufnahme der Atomausstiegsdebatte gefallen.

Stören könnte teurer Strom aber beim Absatz künftiger Elektroautos. Umweltschonend sind die nur, wenn sie mit Ökostrom fahren. Verteuert sich grüner Strom durch den schnellen Atomausstieg, wäre auch der Betrieb der Elektroautos kostspieliger – und sparsame Diesel- oder Benzinautos womöglich attraktiver.

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