WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Energiewirtschaft Alarmstufe Rot in Frankreichs Stromnetz

Seite 2/3

proglio und lauvergeon

Die Expansion hinterließ tiefe Spuren in der Bilanz. Die Nettoverschuldung von EDF stieg 2009 von 24,5 auf 42,5 Milliarden Euro. Für Investitionen in Frankreich ist kaum noch etwas übrig. Dies gilt umso mehr, als der erste Druckwasser-Reaktor EPR auf französischem Boden, der im normannischen Flamanville entsteht, später fertig und deutlich teurer wird. Zudem setzt EDF für die Expansion Geld ein, das eigentlich für den Abriss der alten Atomanlagen bestimmt sind, die von 2017 an vom Netz gehen sollen.

Der Rechnungshof kritisierte wiederholt das „intransparente Rechnungswerk“ und die nur „embryonalen Rückstellungen der EDF“ für den Rückbau. 2003 wurde die Laufzeit der bestehenden Atomkraftwerke per Federstrich um 10 auf 40 Jahre verlängert, was die Rückstellungen zeitlich streckt und die Gewinne schönt. Jetzt gestand Paris der EDF sogar fünf weitere Jahre bis 2016 für die Bildung der nötigen Rückstellungen zu.

Auch die Endlagerung der Atomabfälle ist nicht geregelt. Es gibt einen Erprobungsstollen im Lehm-Ton-Gestein unter dem lothringischen Dorf Bure. Einstweilen wird der Atommüll in der Wiederaufarbeitungsanlage von La Hague zwischengelagert oder nach Russland verschifft, wo er offen herumliegt. Die Bewertungsagenturen Standard & Poor’s und Moody’s haben das EDF-Rating wegen der ungewissen Kosten für Abriss und Endlagerung, aber auch wegen der explodierenden Kosten für Bau und Sicherheit neuer Anlagen kürzlich gesenkt.

Doch Probleme dieser Art sind für EDF von untergeordneter Bedeutung. Jahrzehntelang wurde der Konzern mit staatlichen Subventionen in Milliardenhöhe und durch Abschottung des französischen Strommarktes gepäppelt. Die EDF entwickelte sich zu einer Art Staat im Staate. Die Regierung, der weitaus größte Teil der Opposition sowie die Gewerkschaften handeln energiepolitisch fast im Gleichklang. Der Staatskonzern ist das Bollwerk der mächtigen Gewerkschaft CGT, die lange Zeit den Kommunisten nahestand.

Nun will EDF von der weltweiten Renaissance der Atomkraft profitieren. Nach Angaben der World Nuclear Association, der Unternehmen der Atomindustrie und ihrer Zulieferer angehören, wollen in den kommenden 20 Jahren insgesamt 60 Staaten weltweit bis zu 450 Atomkraftwerke bauen.

Chefs unter Druck

Geht es nach Sarkozy, soll Frankreichs Nuklearbranche den größten Teil dieses Kuchens bekommen: Neben EDF sind dies der Energiekonzern GDF Suez, an dem Paris mit knapp 36 Prozent beteiligt ist, der zu mehr als 90 Prozent staatliche Nuklear-Riese Areva sowie der private Mineralölkonzern Total, der in die Atomkraft einsteigen will. Doch die Unternehmen gelten spätestens seit dem Scheitern in Abu Dhabi mehrheitlich als angeschlagen. Es gibt Gerüchte um die Ablösung von Areva-Chefin Lauvergeon, die wegen der Kosten- und Fristüberschreitung beim Bau eines Druckwasserreaktors in Finnland unter Druck steht.

Umgekehrt musste EDF-Chef Proglio Kritik an seiner hohen Entlohnung einstecken. Hinzu kam handfester Streit. Lauvergeon stoppte zeitweise die Lieferung von Kernbrennstäben an EDF und weigerte sich, ausgebranntes Uran zurückzunehmen, weil man sich nicht über den Preis einigen konnte. Premierminister François Fillon wies die Streithähne schließlich in die Schranken.

Der frühere EDF-Chef François Roussely soll nun bis Mitte April Vorschläge erarbeiten, um die Schlagkraft der französischen Atom- und Stromwirtschaft zu erhöhen. Denn neben den Koreanern lauern Konkurrenten wie Westinghouse, General Electric, Hitachi, Mitsubishi und der Siemens-Konzern, der ein Bündnis mit der russischen Rosatom plant.

In dieser Gemengelage fordert EDF-Lenker Proglio, der die Kräfte bündeln soll, für sich die Führungsrolle. Areva soll zum Zulieferer degradiert werden. Es ist bereits durchgesickert, dass sich Proglio mit dieser Idee in Paris durchsetzen wird. GDF Suez erhielt von Premier Fillon schon eine Abfuhr. Das Unternehmen hatte mit Atommanagerin Lauvergeon, nachdem Sarkozy Siemens bei Areva herausgedrängt hatte, eine enge Allianz geplant.

Doch daraus wird wohl nichts. Das Begehren von GDF Suez, im Rhône-Tal einen Reaktor zu bauen, wurde von der Regierung abgelehnt. GDF Suez betreibt bereits Atomkraftwerke in Belgien und braucht ein Referenzprojekt für geplante Anlagen in Chile, Brasilien, Jordanien und Großbritannien.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%